Eternal Love

Die Straße war leer. Was eigentlich um diese Uhrzeit, 4 Uhr nachts, nicht verwunderlich klingt. Aber New York schlief nicht. Nie. Meine Beine baumelten einige hundert Meter über einer der Hauptverkehrsstraßen. Hier saß ich, und dachte nach. Der Wind wehte durch meine feinen, schulterlangen blonden Haare. Der Regen tröpfelte auf mich, aber ich bemerkte ihn nicht. Es regnete schon seit einer Woche ununterbrochen. Ich zog den goldenen Ring von meinem Finger und drehte ihn so, dass die silberne Mondsichel die Gravierung beleuchtete. "In eternal Love". Wir hatten uns auf etwas simples geeinigt. Etwas, das unsere Liebe beschrieb. Diese drei Worte taten es mehr als perfekt. Das war mein Leben vor einem Monat gewesen. Perfekt. Aber er war von mir gegangen. Schneller als ich das Glück fassen konnte, wurde es mir wieder entrissen. Warum verlieren wir im Leben immer die Falschen? Ich hatte keine Antwort auf diese Frage. Auf so viele Fragen hatte ich keine Antwort. Warum? Warum er? Er war jung, erfolgreich, glücklich. WIR waren glücklich. Gewesen. Ich war nicht mehr glücklich. Mein Leben hatte den Sinn verloren, in dem Moment, als Gott sich seinen Engel zurück holte. Doch wer rechnete damit, dass ich, vernünftig, erfolgreich im Beruf und fröhlich, mein Leben nicht mehr leben wollte? Dass es mir nichts mehr bedeutete? Wer rechnete damit, dass ich nicht stark genug war, ohne ihn zu leben? Morgen würden sie es wissen. Morgen würde ich wieder glücklich sein. Glücklich an seiner Seite. In eternal Love. Für immer und ewig vereint. Mich hielt nichts auf.
Ich stieg auf die Brüstung des Hochhauses. Da stand ich, und obwohl die Stadt nie schlief, war ich doch alleine. Jetzt noch. Bald nicht mehr. Der Sinn meines Lebens war mir genommen worden, also musste ich ihn mir zurückholen.
"Tu es nicht." Ich drehte mich langsam um. ER war da. Mein Engel. Er sah genauso aus, wie früher. Wie in unserem Leben. Nur etwas blasser. Liebe und Wärme strahlten von ihm her. "Ich komme zu dir." Sagte ich. Berühren wollte ich ihn, konnte aber nicht. Etwas hielt mich davon ab. Ich war noch auf der Erde. Ich lebte noch. Noch. "Ich will nicht, dass du kommst. Es ist noch nicht an der Zeit." Erwiderte er. Das gleiche Funkeln in seinen Augen, das gleiche Lächeln, das seinen Mund immer umspielte. Die gleiche Schönheit, die immer von ihm ausging. "Mein Leben hat keinen Sinn mehr." "Das ist nicht wahr." "Du warst der Sinn in meinem Leben, aber du bist fort." "Ich bin nicht fort." Er kam näher. Mit ihm das Licht und die Liebe. Seine Hand berührte mein Herz. Die Kälte wich aus meinem Körper. "Ich bin hier." Der Satz brannte sich in mein Gehirn. Ich bin hier, in deinem Herzen. "Ich warte auf dich. Aber versuche nicht, mich zu finden. Statt dessen finde den neuen Sinn in deinem Leben." Damit verschwand er so lautlos, wie er gekommen war. Versteinert stand ich da, Regen benetzte mein Gesicht, durchnässte meine Kleidung. Suche mich nicht. Stück für Stück entfernte ich mich von dem Abgrund, der mich zu ihm bringen sollte. Gott hatte einen Engel wieder, einen zweiten würde er nicht bekommen. Nicht mich.

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