28. Kapitel

Er hatte sein Arm fest um meine Schultern geschlungen, ich kuschelte mich eng an seinen Körper und das Fell hatten wir bis unter die Nasenspitze hochgezogen. Nichts und niemand konnte uns mehr etwas anhaben! Ich war endlich wieder da, wo ich hin gehörte. In seinen Armen!
Erst jetzt konnte ich die winterlichte Fahrt wirklich genießen. Zuvor hatte ein dunkler Schatten auf meiner Seele geruht, aber der war nun verschwunden und einem angenehmen Prickeln gewichen. Ich wollte überschäumen vor Freude, mein wiedergewonnenes Glück laut hinaus schreien, einfach nur die ganze Welt umarmen!

„Sag mal, was ist eigentlich mit Nick?“ fragte ich nach einiger Zeit und drängte mich noch ein Stück näher an ihn heran. Am liebsten wäre ich in ihn hineingekrochen.
„Wie meinst du das? Was soll mit ihm sein?“
„Na, habt ihr euch auch wieder versöhnt? Ich meine, zwischen euch herrschte ja die letzten Tage auch nicht gerade die beste Stimmung. Aber nachdem ihr das hier zusammen organisiert habt, gehe ich davon aus, dass auch zwischen euch beiden wieder alles in Ordnung ist! Oder?“
„Ja, das stimmt! Wir haben uns gestern Abend noch zusammengesetzt und geredet und die Sache aus der Welt geschafft!“
„Ach, so einfach?“ hackte ich erstaunt nach.
„Naja!“ meinte er gedehnt. “So einfach war’s nicht, aber wir sind ja zwei erwachsene Menschen und...!“
„Pff!“ pustete ich los. „Das ich nicht lache! Nick und du, erwachsene Menschen! Haha, der war gut!“
„Hey, nicht gleich wieder frech werden!“ tadelte Brian spielerisch und stimmte dann in mein Kichern mit ein. „Wenn ich ehrlich sein soll... also... wir haben uns um dich geprügelt! Ich hab gewonnen!“
„Du bist so blöd!“ entgegnete ich lachend und versetzte ihm einen kräftigen Stoß in die Rippen. „Dann sagst du’s mir eben nicht! Hauptsache ist sowie so, dass ihr euch wieder vertragt! Wie, das vonstatten ging, ist mir eigentlich egal!“
„Eben. Und wir Männer regeln das schon unter uns!“
„Ich bin sehr froh, dass zwischen Nick und dir wieder alles beim Alten ist. Die Freundschaft zu Nick und Claudi ist mir unglaublich wichtig! Die beiden zu verlieren fände ich fast so schlimm wie dich zu verlieren!“ gestand ich kleinlaut. „Ich finde nämlich, dass wir ein super Team sind! Zumindest die meiste Zeit!“
„Ja, das stimmt. Wir haben großes Glück solche Freunde zu haben! Es passt einfach so gut zusammen. Deine beste Freundin mit meinem besten Freund, eine bessere Kombination gibt es doch gar nicht!“
„Hm, wir sind schon so ein Glückkleeblatt!“ stimmte ich kichernd zu. „Wo sind die überhaupt?“
Während der Fahrt war ich so abgelenkt gewesen, dass ich nicht bemerkte, wie sich der Schlitten vor uns immer mehr aus dem Staub gemacht hatte. Der Weg war kurvig, oft konnte man nur bis zur nächsten Straßenbiegung sehen und irgendwann verloren wir sie aus den Augen.
„Die haben den Düsenantrieb eingeschaltete!“ witzelte Brian.
„Haben wir auch so was? Oder sitzen wir in der altmodischen Variante?“
„Na ja, ein Bondschlitten ist es nicht gerade, aber für seine Zwecke doch völlig ausreichend. Schließlich sollte es ja eine Spazierfahrt werden und keine wilde Verfolgungsjagd! Außerdem ist es bestimmt nicht mehr weit! Wir müssten gleich da sein!“
„Da sein? Wo da sein?“ fragte ich erstaunt und sah ihn verdutzt an.
„Ist ’ne Überraschung!“ meinte er schelmisch grinsend.
„Noch eine Überraschung? Aber ich dachte das hier, die Schlittenfahrt, wäre die Überraschung!“ erwiderte ich völlig perplex.
„Das war doch nur der Anfang! Wenn schon denn schon!“
„Und sind Nick und Claudi dann auch DA?“ erkundigte ich mich in der Hoffnung ein bisschen mehr aus ihm herauskitzeln zu können. „Sind die deswegen so schnell davon gebraust?“
„Ich glaube nicht, dass sie absichtlich geflüchtete sind. Wahrscheinlich haben sie einfach nur das schneller Pferd erwischt und nicht so einen lahmen Ackergaul wie wir. Und ja, sie werden auch DA sein.“ meinte er bedeutungsvoll. Ihm bereitete es sichtlich Spaß, mich auf die Folter zu spannen.
„Hm. Und die willst mir nicht wirklich nicht verraten, was das für eine Überraschung ist?“
„Nein, will ich nicht, sonst wäre es ja keine Überraschung mehr, du Nervensäge! Aber es dauert nicht mehr lange!“ versicherte er zuversichtlich und sollte recht behalten.
Nach wenigen Meter zog der Schlitten um eine scharfe rechts Kurve, der Kutscher drosselte unter lautem Zurufen das Tempo des Pferdes, damit wir nicht aus der Biegung geschleudert wurden.
Vor uns tauchte ein altes Holzhaus auf, das über und über mit weißem Pulverschnee bedeckt war. Aus seinem Kamin kräuselte ein dünner Rauchfaden und vor dem Gebäude stand der zweite Schlitten und Claudi und Nick schäkerte daneben herum. Als sie uns kommen hörten, hielten sie in ihrem Spiel inne und winkten uns Freude strahlend zu.
„Wo sind wir?“ fragte ich an Brian gewandt während ich zurückwinkte.
„Ich dachte mir, wir könnten eine kleine Stärkung vertragen. Hast du Lust auf Glühwein und Kuchen?“ sagte er, anstatt einer Antwort auf meine Frage und ich nickte zustimmend.
„Das ist eine gute Idee, ich bin schon ganz durchgefroren!“
„Na, dann komm!“ meinte er und half mir aus dem Schlitten.
„Und? Und? Und?!“ rief Claudi und hüpfte auf geregt von einem Bein auf das andere, während wir ausstiegen. „Wie ist es gelaufen?“
Nick stand kopfschüttelnd neben seiner hibbeligen Frau und grinste still in sich hinein.
Ich sah zuerst meine Cousine und dann Brian an. Statt einer Antwort zog ich ihn zu mir und küsste ihn innig. Neben mir vernahm ich einen Jubelschrei. „Ah, Gott sei Dank!“ Claudi freute sich wie eine Schneekönigin für uns und klatsche begeistert in die Hände. „Oh, Nick sie haben sich versöhnt! Jetzt ist wieder alles perfekt!“
Strahlend löste ich mich von meinem Liebsten und meinte an Claudi gewandt: „Und Nick lebt wie ich sehe auch noch! Du hast ihm also nicht wie geplant den Hals umgedreht!“
Nick sah bei meinen Worten verstört aus der Wäsche.
„Halsumdrehen? Was hab ich getan?“ rief er entsetzt, hob unschuldig die Hände und sah Claudi fragend an. „Ich hab nichts angestellt!“
„Ach, nichts! Alles Quatsch!“ wehrte sie lachend ab und küsste ihn stürmisch.
„Du hat völlig recht.“ bestätigte ich. „Jetzt ist wirklich wieder alles perfekt!“
Seufzend fielen wir uns in die Arme, überwältigt von den Glücksgefühlen, die uns alle durchströmten und die so gut taten nach den Tagen voller Angst und Ungewissheit. Wir herzten einander voller Liebe und Zuversicht, bis Nick befand, das es genug der Gefühlsduselei war und er jetzt seinen wohlverdienten Glühwein wollte.

Wir betraten die bewirtschaftete Waldhütte, die im weitersten Sinne noch mit zur Ranch gehörte und hingen unsere Jacken und Mäntel an die Gardarobe in der Diele. Eine angenehme Wärme umfing uns und drang sofort in unsere gefrorenen Glieder. Ein feiner Duft von verbranntem Holz und gebackenem Schmalzgepäck lag in der Luft, dass einem das Wasser im Mund zusammen lief.
Claudia wollte gerade weiter durch eine niedrige Türe in die Stube gehen als Nick sie am Ärmel zog.
„Halt, mein Schatz! Ich hab gehört, wir müssen nach oben!“ erklärte er uns zog sich mit sich in Richtung eines schmalen Treppenaufgangs.
Ich sah Brian fragend an. Warum gingen wir nicht ganz normal in das Cafe, wie alle Wanderer und Wintersportler, die hier gastierten? Aber er nickte nur bestätigend und gab mir zu verstehen, dass ich Nick ruhig folgen sollte. Also drängten wir uns alle vier eine enge Wendeltreppe nach oben, vorbei an vergilbten Kupferstichen mit ländlichen Motiven, und einigen ausgestopften Jagdtrophäen, bis in einen ebenfalls niedrigen Gang, in dem ausrangierte Möbel und einiges anderes Gerümpel abgestellt war.
„Brian was machen wir hier?“ flüsterte ich gespannt.
„Das wirst du gleich sehen!“ meinte er und war gerade im Begriff, eine unscheinbare Türe zu öffnen.
Und mit einem Mal standen wir in einem riesigen Saal, der sich über die gesamte obere Etage der Hütte erstrecken musste und sich direkt unter dem Dach befand. Dicke Holzbalken stützenden das Gewölbe, bunte Faschingsgirlanden hingen hier und da in Fetzten herunter, die Stühle standen entweder ordentlich in hohen Stapeln an der Wand oder waren verkehrt herum auf den langen Tischen deponiert. Gleich neben der Türe befand sich ein kleiner Tresen, auf dem sich Speisekarten, Servietten und diverses Besteck stapelten. Vor den Fenstern hingen Rüschengardienen und Weihnachtsschmuck.
Wir waren in einem kleinen Festsaal gelandet, der an die hundert Gäste beherbergen konnte und der, seinem Zustand nach zu urteilen, momentan nicht genutzt wurde.
Ich lies meinen Blick durch den gesamten Raum schweifen und dann sah ich am anderen Ende des Saals, die kleine Bühne, auf der drei altbekannte Gestalten herumturnten. Kevin saß hinter einem vorsintflutlichen Klavier aus hellem Holz und grinste breit von einem Ohr zum anderen, Howie rangierte mit einigen Stühlen auf dem hölzernen Podest und A.J. sprang gerade polternd die Stufen hinunter als wir den Raum betraten.
„Was zum Teufel macht ihr denn hier?“ entfuhr es Claudia und sie blickte fassungslos von einem zum anderen.
„Ja, euch wird man wohl gar nicht los!“ tat ich überrascht kund und wusste nicht so recht was ich von dem Ganzen halten sollte. Verwirrt breitete ich die Arme aus. „Was ist hier los?“
„Hey, ein bisschen mehr Begeisterung, wenn ich bitten darf!“ rief A.J. lachend und winkte uns nach vorne, näher an die Bühne heran. „Schön, dass ihr endlich da seid!“
„Ja, wir dachten schon die Pferde haben sich verlaufen!“ krähte Howie aus dem Hintergrund.
„Brian und Vivi waren so langsam, wir sind ja schon seit einer Ewigkeit da!“ tönte Nick und sah Brian herausfordernd an.
„Na jetzt übertreib mal nicht!“ sagte Brian und begrüßte gleichzeitig A.J. mit Handschlag.
„Und alles klar?“
„Alles klar!“ bestätigte A.J. „Nur ihr habt noch gefehlt!“
„Gut, dann lasst uns anfangen sonst drehen unsere Frauen noch durch!“ meinte Nick grinsend und fügte hinzu: „Oder vielleicht auch ich.“
Claudi und ich warfen uns skeptische Blicke zu. Was kommt den jetzt! Was haben unsere Verrückten jetzt schon wieder vor.
Irgendwie beschlich mich so eine leise Ahnung, als ich Kevin am Klavier sitzen sah.
„Was ist das hier überhaupt? Ist das jetzt die versprochene Überraschung?“ rief ich ungeduldig und voller Nervosität.
Kevin kam von der Tribüne geklettert und gesellte sich zu unserer Gruppe dazu.
„Das hier ist der Festsaal des Cafes, der vor allem für größere Feier, wie Geburtstag und Weihnachtsfeiern und so weiter genutzt wird. Ansonsten probt hier die Theatergruppe Cowboys & Kisses, hab ich mir sagen lassen. Aber wir haben ja heute anderes vor. Doch zuerst muss ich mal wissen: Darf man gratulieren, zum wieder gewonnenen Glück?“ fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
„Jahh!“ kreischten wir vier angesprochenen gleichzeitig los, sodass Kevin lachend zurück schreckte.
„Holla! Okay, okay das klingt nach Einstimmigkeit! Sehr schön!“ freute er sich mit uns und A.J. und Howie fielen in unsere Lachen mit ein.
Nachdem wie uns wieder beruhigt hatte, hatte Howie endlich die Güte uns aufzuklären.
„Ihr fragt euch sicher, was das hier soll, hab ich Recht?“
„Das kann man so sagen! Eigentlich hatte man mir einen Glühwein versprochen!“ stimmte ich immer noch kichernd zu.
„Wie kommt ihr überhaupt so schnell hierher. Ihr wart doch eben noch auf dem Hof!“ stellte Claudi eine berechtigte Zwischenfrage.
„Ähm, da gibt es seit einigen Jahre schon so große Blechkisten mit vier Rädern dran, ich glaube man nennt das Auto! Die haben mehr als eine Pferdestärke und sind deshalb schneller als so eine lahme Kutsche!“ erklärte und Kevin zwinkernd auf.
„Aber warum?“ fragte ich wieder. „Nur um mit uns einen Kaffeeklatsch zu machen?“
„Also ich finde, das alleine wäre schon Grund genug!“ mischte sich Howie ein. „Für ein ordentliches Stück Torte tut Mr. Dorough so einiges. Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund.“
„Sondern?“ bemühte sich Claudi weiter die Männer aus der Reserve zu locken.
„Am Besten ihr lasst und einfach machen!“ meinte Nick, schnappte sich seine Claudia und bugsierte sie an einen der vordersten Tische und drückte sei dort auf einen Stuhl.
Mich ereilte dasselbe Schicksal und Brian platzierte mich mit sanfter Gewalt neben meiner Cousine. „Ihr habt jetzt Sendepause!“ befahl er. „Und lasst euch einfach überraschen!“
Ich wiedersprach nicht, sah baff auf meinem zugewiesenen Stühlchen und sagte keinen Pieps mehr. Claudi neben mir brabbelte Unverständliches vor sich hin.
Die Jungs kletternden zurück auf die Bühne und scharten sich um das Klavier. Kevin nahm vor den schwarz-weißen Tasten Platz und sortierte einige lose Notenblätter, während es sich die anderen auf den bereitgestellten Barhockern gemütlich machten, die sie von der Barzeile von anderen Ende des Saals zweckentfremdet und auf die Bühne verfrachtet hatten.
Ich spürte wie der Kloß in meinem Hals plötzlich anwuchs und sich ein komisches Gefühl in meinen Magen breit machte.
Claudi stieß mir nervös ihren Ellenbogen in die Seite und wollte etwas sagen, bracht aber dann doch keinen Ton raus, so aufgeregt war sie. Ich verstand auch so, was sie mir andeuten wollte. Wir waren beide völlig überrumpelt von der Aktion der Jungs und ahnten beide was kommen würde. Alleine der Gedanke daran, brache mich aus der Fassung. Nicht das es das erste Mal gewesen wäre, aber die Umstände waren sonst andere.
„Ich würde noch gern etwas sagen bevor wir anfangen!“ meldete sich Brian zu Wort und wendete sich zu seinem „Zweifrau-Publikum“.
„Oh mein Gott! Hast du Taschentücher dabei?“ murmelte ich vor mich hin.
„Leider nein!“ flüsterte Claudi kaum hörbar zurück. „Sind in meiner Jacketasche.“
„Baby,“ fing er lächelnd an und fixierte mich mit seinen blauen Augen. Ich versuchte seinem durchdringenden Blick stand- zuhalten und warf ihm ein verlegenes Lächeln zu.
„Eigentlich ist ja schon alles gesagt, aber gewisse Dinge kann man nicht oft genug wiederholen und darum will ich mich hier noch mal ganz offiziell bei dir entschuldigen, dich um Verzeihung bitten und dir sagen, das ich dich, mein Schatz, von ganzem Herzen lieben!“
Meine Lippen bebten vor Rührung und ich biss fest drauf, um die Tränen zurückzuhalten. Ich zog scharf die Luft ein und versuchte mich möglichst unter Kontrolle zu halten. Dieser Mann machte mich wahnsinnig. Er brauchte nur den Mund aufzumachen und schon war ich völlig hilflos und konnte meine Emotionen nicht mehr im Zaum halten.
„Um dir das zu beweisen, hab ich zusammen mit den Jungs ein bisschen was vorbereitet.“ meinte er mit einer ausladenden Geste in die Runde. „Ähm, Nick willst du auch noch was sagen, bevor wir anfangen?“
Dieser nickte stumm, schluckte seine Aufregung hinunter während Brian, der neben ihm saß, bestärkend die Schulter drückte. Sie schienen sich schlimmer zu fühlen als vor einer ihre Megakonzerte.
„Ja, ich hab auch noch was zu sagen.“ Er ließ sich einen Augenblick Zeit und überlegte sich seine Worte. „Hey Sweetheart, ich weiß ich hab nicht alles richtig gemacht in den letzten Tagen und hab dadurch viel Unruhe gestiftete. Aber du kannst mir vertrauen, immer! Ich liebe dich wie niemanden sonst und ich werde alles versuchen, um dir nie wieder weh zu tun!“
Sein Bein wackelte nervös auf der Fußstütze des Barhockers und der strich sich verlegen eine blonde Strähne aus der Stirn. „Aber ich glaube jetzt sollte wir mit dem fortfahren, was wir am Besten können!“
Ich konnte nicht sprechen, meine Kehle war wie ausgetrocknet und so versuchte ich lediglich mit einem Lächeln Brian klar zu machen wir überwältigt ich von seiner kleinen aber feinen Ansprache war. Neben mir schniefte Claudi leise vor sich hin und brachte auch so etwas wie ein Grinsen zustande.
„Wir haben da nämlich mal eben was zusammen geschustert, was unsere, bzw. was meine Gefühle für dich zum Ausdruck bringen soll!“ erklärte Brian und nickte dann Kevin aufmunternd zu.
Dieser legte die Hände auf die Tasten, nach einigen Sekunden folgen seine Finger sanft darüber und eine Reihe melodischer Akkorde ertönte hell und klar durch den großen Saal.
Ich brauchte nur einen kurzen Moment, bis mir bewusst wurde, woher ich die Melodie kannte. Es waren nur ein paar Töne gewesen, die sich damals vernommen hatte, aber sie hatte sich so in mein Herz gebrannt, dass ich sie sofort wieder erkannte. Es war das Lied, das Brian gespielt hatte, als ich heimlich auf der Treppe lauschte, während er sich ungestört im Musikzimmer glaubte und sich den Frust von der Seele spielte.
Sofort beschlich mich wieder dieses traurige Gefühl, das mich schon damals ereilt hatte. Plötzlich kam der ganze Schmerz wieder in mir hoch.
Nachdem Kevin das Intro beendet hatte, blickte er von der Tastatur auf und nickte Brian kaum merklich zu. Aber der hatte bereits die Augen geschlossen und lauschte dem Takt der Musik. Mit dem ersten Wort, das er zusingen begann öffnete er sie wieder und blickte strahlend in meine Augen. Seine sanfte Stimme erfüllte nicht nur den gesamten Raum, sondern besonders mein Herz.

Even a lover makes a mistake sometimes
Like any other
Fall out and lose his mind
And I'm sorry for the things I did
For your teardrops over words I said
Can you forgive me and open
your heart once again, oh yeah

Leise und voller Hingabe fügten sich Brians und Nicks Stimmen zum Refrain zusammen. Ein gedämpftes Summen der anderen begleitete die beiden. Ich nahm die Worte und ihre Bedeutung in mich auf und sie rührten mich zu Tränen. Sie erzählten von verzweifelter Liebe und menschlicher Schwäche, und der ewigwährenden Hoffnung trotz aller Widerstände widergeliebt zu werden.

It's true
I mean it
From the bottom of my heart
Yeah, it's true
Without you I would fall apart

Als Nick die zweite Strophe anstimmte, kamen die Worte voller Demut und gleichzeitig so leidenschaftlich über seine Lippen, dass man ihm jede Silbe glaubte. Sie kamen so tief aus seinem Herzen, dass sie wahr sein mussten.

Whatever happened
I know that I was wrong, oh yes
Can you believe me
Maybe your faith is gone
But I love you and I always will
So I wonder if you want me still
Can you forgive me and open
your heart once again, oh yeah

Ich konnte kaum meinen Blick von den Jungs auf der provisorischen Bühne losreißen, so eine Präsenz strahlten die fünf dort oben aus. Ich befand mich in einem Tunnel, der mich alles andere um mich herum vergessen ließ. Aber als ich schließlich doch mal einen kleinen Seitenblick auf meine Freundin warf, sah ich, dass auch sie mit tränenüberströmtem Gesicht völlig im Bann der Musik gefangen war.
Den zweiten Refrain bestritten sie alle gemeinsam, zeigten dabei die ganze Bandbreite ihres stimmlichen Könnens und füllten die bloßen Wörter mit Wärme und Gefühl. Nick war aufgestanden und bewegte sich wie in Trance über das Podium. Seine Bewegungen waren geschmeidig und passten sich exakt dem Rhythmus der Musik an.

It's true
I mean it
From the bottom of my heart
Yeah, it's true
Without you I would fall apart

Schließlich erhob sich auch Brian von seinem Barhocker und sang die Bridge, als wäre sie nur für mich bestimmt. Er machte mir noch mal in aller Deutlichkeit klar, dass er seine Worte ernst meinte, dass er alles für mich tun würde, wenn ich ihm nur eine zweite Chance geben würde, wozu ich natürlich mehr als bereit war. Ich war hingerissen von seinem Auftritt und könnte meine Freuden Tränen nicht stoppen und musste immer wieder mit dem Ärmel über meine Augen wischen, damit nicht alles vor meinem Blick verschwamm.

I'd do anything to make it up to you
So please understand
And open your heart once again

Auch die anderen hielt jetzt nichts mehr auf ihren Sitzen. Sie ließen sich mitreißen von ihrem eigenen Gesang, der sich zum Ende hin ekstatisch steigerte und immer wilder durcheinander ging und sich trotzdem harmonisch zusammenfügte. A.J. schob einige Variationen ein, und jagte mir mit seiner rauen Stimme eine Gänsehaut über den Rücken. Seine Stimmbänder spannten sich gewaltig, sodass seine Halsschlagader gefährlich hervortrat. Auch er legte sein ganzes Herzblut in die Interpretation des Songs.

It's true
I mean it
From the bottom of my heart
Yeah, it's true
Without you I would fall apart

[Backstreet Boys: It’s True]

Die letzten Klavierklänge verhallten, als Brian zu einem letzten It’s true ansetzte, es virtuos in die Länge zog und seine Stimme ausreizte bis an die Grenzen. Seine Augen waren geschlossen und die Hände zu Fäusten verkrampft als er den letzten Ton herauspresste. Dann war es plötzlich ganz still im Raum und nur noch Claudis und mein Schniefen waren zu hören.

Epilog