KAPITEL 19:

Schnellen Schrittes rannte ich auf mein Zimmer, schlug die Tür hinter mir zu und warf mich aufs Bett. Ich konnte die Tränen nicht mehr aufhalten. Hemmungslos weinte ich ins Kissen, erstickte fast an meinem eigenen Schluchzen, an den Sturzbächen von Tränen. So viel Schmerz hatte ich noch nie in meinem Leben empfunden. Mein ganzer Körper war taub, und doch hatte ich noch nicht genug. Verzweiflung, Trauer, Angst, Wut, Einsamkeit, alles entlud sich durcheinander und riss mein Herz entzwei. Ich schnappte mir den Schuh, der neben meinem Bett stand und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Der dumpfe Aufschlag wurde gefolgt von einem erneuten Heulkrampf. Paris bekam bei der Lautstärke natürlich alles mit. Sofort öffnete sich die Tür und sie stürzte herein. Sie nahm mich in den Arm, während ich immer noch nicht aufhören konnte, hysterisch zu weinen und mir selbst weh tun wollte. "Shhh, London, hör auf, ganz ruhig." Sie redete beruhigend auf mich ein und schaffte es, mich soweit zu trösten, dass ich zitternd auf dem Bett saß und zwar noch weinte, jedoch um einiges gefaßter als vorher. "Kleines, warum tust du dir das an?" fragte sie leise. "Sieh doch, wie du leidest. Du machst dich kaputt. Dich und Nick. Und warum das? Für nichts." "Es ist besser so." schluchzte ich. "Ach ja? Was ist daran besser? Für deinen Traum, ja? London, ist es das wert?" "Ich habe schon schlimmeres durchgestanden." Paris lachte ungläubig. "Ja klar. Es gibt nicht schlimmeres, als die Liebe deines Lebens zu verlieren. Du bist eine Heuchlerin, London. Du hattest Angst, Nick zu verlieren. Und jetzt bist du es, die ihn verlässt. Nur wegen deinem bescheuerten Traum! Er liebt dich verdammt nochmal! Warum machst du alles kaputt, London?" Ich sagte eine Weile gar nichts. "Geh bitte Paris." Zischte ich dann durch geschlossene Zähne. Sie rührte sich nicht, sah mich nur mitleidig an. "RAUS!" schrie ich. Paris zuckte zusammen und ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Ganz ruhig sagte sie: "Er liebt dich, London." Sie schloß die Türe, und ich war alleine. Wieder alleine.
Irgendwann schlief ich ein, als ich zu erschöpft war, um zu weinen. Die Leere kehrte zurück, aber dieses Mal war sie schlimmer. Und ich wusste, dass sie auch länger bleiben würde.
Paris und ich redeten nicht mehr darüber. Wir sprachen kaum etwas am nächsten Morgen. Mir war klar, dass sie nicht auf mich sauer war. Sonder eher darauf, dass sie mich nicht daran hindern konnte, den ihrer Meinung nach größten Fehler meines Lebens zu machen. Früh beluden wir unser Auto. Océane und Étienne wurden im Laufe des Tages zurück erwartet. Ich war ganz froh, dass ich mich nicht wegen ihnen um mein Aussehen kümmern musste. Meine Augen waren rot und aufgequollen vom Weinen, meine Haare zerzaust und meine Kleidung zerknittert. Es war mir egal. Einer nach dem anderen von den Jungs kam aus dem Haus, um uns zu verabschieden. Am Ende waren es vier. Ich hatte auch nicht erwartet, dass Nick kommen würde. Ich konnte es ihm wahrlich nicht vorwerfen. Es war komisch, sie zu sehen. Waren sie wütend? Hassten sie mich? Wahrscheinlich beides. Zumindest zeigten sie es nicht. Als ersten umarmte ich Alex, da ich Paris und ihm ihre Zeit lassen wollte. Dann kam Howie. So weit, so gut. Blieben Nicks beste Freunde. "Brian." Flüsterte ich nur und umarmte ihn. Tränen stiegen mir in die Augen. "Es ist schon gut, London. Wenn du glaubst, dass du das Richtige tust, dann tu es." "Danke. Du wirst mir fehlen Bri." "Du mir auch. Aber ich melde mich bestimmt." Kevin war am schlimmsten. Von allen, mal abgesehen von Nick, hatte ich zu ihm die engste Bindung gehabt. "Komm her Kleines." Er zog mich in eine Umarmung und hielt mich fest. Ich schluchzte. "Machs gut. Und vergiss mich nicht." Er strich mir über die Haare. "Niemals. Ich werde dich von Zeit zu Zeit anrufen und nach dir sehen, wenn du das willst." Ich nickte. Er sah mich ernst an, und sagte: "Verfolge deinen Traum immer gerade heraus, und gib nicht auf, selbst wenn andere nicht verstehen, warum du etwas tust, okay?" Wieder konnte ich nur nicken. Ich konnte nur im entferntesten erahnen, wie viel es ihm abverlangte, das zu sagen, wo ich gerade seinem kleinen Bruder das Herz gebrochen hatte. Und meines gleich mit. "Ich glaube, da will dich noch jemand sehen." Meinte er dann und deutete mit dem Kopf in Richtung Tür. Ich folgte seinem Blick. Nick lehnte an der Tür. Er sah noch um einiges schlechter aus als ich. Die Jungs verzogen sich und auch Paris zog es vor, sich aus dem Staub zu machen. Ich sah Nick an. Schritt für Schritt kam er auf mich zu. Er räusperte sich. Auch er hatte viel geweint in der letzten Nacht. "Es ist wohl an der Zeit, dir Lebewohl zu sagen." Ich nickte stumm. Mein Körper schien von meiner eigenen Kälte eingefroren. Plötzlich umarmte ich ihn einfach und drückte mich an ihn. Tränen flossen frei, ich konnte sie nicht aufhalten. "Nick." Schluchzte ich. "Sag nichts." Unterbrach er mich. Er löste sich von mir, hielt mich aber nah an ihm. Seine Augen waren tränengefüllt, aber er hielt sie zurück. "Egal wie es ausgeht, ich werde dich immer lieben. Du wirst die beste Anwältin werden, okay? Ich werde stolz auf dich sein. Versprich mir das, London." "Versprochen." Ich wischte meine Tränen aus dem Gesicht. Ich legte meine rechte Hand auf sein Herz. "Ich bin nicht weg. Ich bin genau hier, Nick. Vergiss niemals, wer du bist. Und vergiss niemals, dass ich dich liebe." Eine einzige Träne rann über seine Wange. Er nahm seinen Ring von der Hand und hielt ihn mir hin. "Behalte ihn. Die Form des Rings ist unendlich, wie meine Liebe zu dir." Jetzt musste ich noch mehr weinen. Ich öffnete die Kette um meinen Hals und Nick fädelte den Ring darauf. Dann legte ich sie wieder um. Ich sah ihm in die Augen. Die Augen, die ich so sehr liebte, und die ich vor mir sah, jedes Mal, wenn ich meine Augen schloss. Mit einer schnellen Bewegung presste ich meine Lippen auf seine und küsste ihn voller Verzweiflung. Nick nahm mein Gesicht in seine Hände und erwiderte den Kuss. Dann, ein letzter Blick und ich drehte mich um. Ich ging aus seinem Leben. Mit jedem Schritt schrie mein Herz mehr nach ihm. Ich sah nicht zurück. Ich wusste, wenn ich es tat, wäre ich nicht mehr in der Lage, zu gehen. Tränen überströmten mein Gesicht und verschleierten meine Sicht. Ich öffnete die Tür des Autos und setzte mich. Ohne ein Wort fuhr Paris los. In eine Zukunft ohne Nick. In eine Zukunft mit meinem Traum.

Epilog