Kapitel 26
Erst vor dem Tor zu Kevins Anwesen wurde mir bewusst was ich da gerade tat. Ich war fast sechs Monate weg gewesen, ohne Begründung, ohne den anderen zu sagen Wohin. Und doch hatte Kevin, zumindest er, was die anderen Taten wusste ich nicht, auf mich gewartet. Unwillkürlich lächelte ich und lies meinen wagen vor der Gegensprechanlage zum Stehen kommen. Sofort hörte ich ein Rauschen und Kristins Stimme.
Wer ist da?
Der Milchmann. Scherzte ich und wartete darauf dass sich das schwere Tor in Bewegung setzte. Was es auch Augenblicklich, und ohne Kommentar von Kristin, tat.
Im selben Moment öffnete sich die Haustür und Kevin trat heraus. Lächelnd stand er da und wartete auf mich. Innerlich dankte ich den Göttern für die Tatsache mich umgezogen zu haben, der heutige Abend würde so wie ich Kevin kannte, eh ein Abend der Fragen werden, mit oder ohne Kimono und Schlangenschwert.
Als ich ausstieg hielt mich auch nichts mehr von meinem großen Bruder fern, ich drückte ihn erstmal an mich, und er kam mir auf halbem Weg entgegen und schien mich gar nicht mehr loslassen zu wollen.
Hey kleiner. Sagte er und wuschelte mir erstmal durch die Haare. OH wie ich dass hasste.
Hey Kev, hi Kris. So hier bin ich. Als Kev mich wieder los lies nahm ich Kristin in die Arme, die schon damit begonnen hatte, mich eingehend zu mustern. Auch Kevin, nun nicht mehr durch meine Arme in der Bewegung eingeschränkt, begann damit immer an mir hoch und wieder runter zu sehen.
Nicky, wow, gut siehst du aus.
Ich lächelte und lies Kristin los, die sich direkt umdrehte und wartend in der Tür stand.
Auch Kevin, der Schuldbewusst zu seiner Frau sah, sprang die Stufen hinauf und sah mich erwartungsvoll an.
Im Flur zog ich, aufgrund der Gewohnheit, die Schuhe aus. Die Blicke der beiden waren interessant und ließen mich rot anlaufen.
Was machst du da?
Ich..... ich hatte nen Stein im Schuh. Schnell ging ich auf Socken zurück zur Tür und schüttelte den Schuh über der Fußmatte aus. Darauf hoffend das mein Grinsen sie auf andere Gedanken bringen würde, zog ich die Schuhe wieder an und ging hinter Kristin ins Wohnzimmer.
Hey ihr habt ja neue Möbel. Rief ich erstaunt und sah mich um.
Kevins Wohnungen hatten immer schon den Charme eines Herrenhauses gehabt, aber seit er fest mit Kristin zusammen war, hatte sich dieser Effekt noch verstärkt. In dem geräumigen Wohnzimmer stand eine Schrankwand in massivem Kirschholz. Die eigentlich erdrückende Dunkelheit des Holzes wurde durch eine beige gestrichene Wand und eine cremefarbende Sofaecke gemildert.
Auf den hellen Fliesen lag, direkt vor dem Kamin, ein weißer Teppich. Der Kamin selbst was wieder Dunkel gehalten, ich tippte auf Marmor und fand meine Vermutung bestätigt, als ich mit den Fingern darüber strich. Mein Blick wanderte weiter und blieb an der anderen Seite des Raumes hängen, in der ein großer Konzertflügel stand. Auf dem weisen Lack thronte eine Blumenvase mit Rosen.
Gefällt es dir? So wie du schaust hast du so was ja schon lange nicht mehr gesehen. Kristin grinste und knuffte mir freundschaftlich in die Seite. Ob sie wohl wusste dass sie Recht hatte? Seit knappen 6 Monaten hatte ich kein Klavier mehr gesehen, Blumenvasen gab es auch nicht so viele in Japan, und die Farbgebung Hell-Dunkel kannte dort auch keiner...
Komm setz dich erstmal, Verhungert siehst du zwar nicht aus, doch man kann bei dir ja nie Wissen.
Danke großer Bruder. Sagte ich und versuchte mal wieder meinen Hundeblick. Kevins Miene wurde weicher und verwandelte sich dann in ein Strahlendes Lachen. Gut so, alles hatte ich also doch nicht verlernt.
Wir gingen in den Garten, wo schon ein wunderbar gedeckter Tisch auf uns zu warten schien. Direkt daneben war der Grill aufgebaut, auf dem schon ein paar Würstchen und Stakes lagen. Fast schon unbeholfen setzte ich mich in einen der Stühle und versuchte mich zu entspannen. Doch ein Blick auf den Tisch ließ dass nicht zu. Dort lag, für Amerika nichts ungewöhnliches, Besteck..... Wie zur Hölle hielt man dass noch mal? Gott sei dank waren Kev und Kris in einer Unterhaltung vertieft und bekamen meine kleinen Probleme nicht mit. Als meine Finger über das Metall glitten erinnerte ich mich jedoch schnell wieder und war bereit mich dieser Herausforderung zu stellen. So schwer konnte es doch gar nicht sein!
Kevin wurde plötzlich auf mich aufmerksam, als ich Gabel und Messer anhob.
"Nick... Alles okay bei dir?"
"Jep, alles okay Kev." oh man, wenn ich es nicht schaffen würde mit Messer und Gabel zu Essen müsste ich mehr erklären als mir lieb ist. Dann hätte ich auch gleich im Kimono erscheinen können. Nervös nesselte ich an meinem Hemd herum.
"Ich frag mich nur grade, warum du nicht wie sonst das Messer in der falschen Hand hast." meinte Kevin mit leicht gerunzelter Stirn. "Warum bist du denn so nervös?"
"Angst vor deiner Fragerei die sicherlich gleich losgehen wird?" Ich hatte es ernst gemeint, aber Kristin schien es von der komischen Seite zu sehen. Sie lachte und fuhr mir durch die Haare.
Kevin lehnte sich zurück und kreuzte die Arme vor der Brust. "Ich denke, es ist auch verständlich, dass ich ein paar klitzekleine Fragen an dich habe, nachdem du monatelang verschwindest und niemand weiß wo du abgeblieben bist. Oder bist du da anderer Ansicht?" Er zog dabei die Mundwinkel leicht nach oben, aber trotzdem meinte er das ziemlich ernst..
Ich lies mein Lächeln verschwinden und versuchte den Tiger in mir zu verdrängen dessen Kommentare von "Scheiß drauf, geh einfach" und "Warum hast du auch dein Schwert nicht dabei" bis hin zu "Bring ihn um, als Otori darfst du das" reichten.
Kevin immer noch Fixierend begann ich leise zu sprechen.
"Kev, ich verstehe dass du dir Sorgen gemacht hast und ich kann es auch verstehen wenn du Sauer auf mich bist, aber bitte sieh ein dass ich kein Kind mehr bin. Klar, dass ich sechs Monate nichts habe von mir hören lassen war egoistisch von mir und bestimmt nicht die feine englische art, aber ich habe es gebraucht.
Kevin beugte sich vor und stützte die Arme auf dem Tisch ab, um möglichst dicht an mich heranzukommen. "Ich sehe sehr wohl ein, dass du kein Kind mehr bist, Nick. Aber du bist wie ein Bruder für mich - zugegeben wie ein kleiner Bruder, und ich werde mir immer Sorgen machen, ob du vielleicht in Schwierigkeiten gerätst - und ich denke, als Bruder hättest du mir einen großen Teil dieser Sorgen nehmen können, indem du mir einfach VORHER sagst, dass du für unbestimmte Zeit in ein anderes Land verschwindest, und ich es nicht erst erfahre nachdem ich deinen Anrufbeantworter vollgequatscht und in sämtlichen Krankenhäusern und Polizeiwachen der Stadt nachgefragt habe, ob du vielleicht verunglückt bist." Fragend zog Kevin eine Braue hoch. "Und? Denkst du jetzt, dass mein Ärger gerechtfertigt ist?"
"Ich habe nie bestritten dass du einen Grund hast auf mich wütend zu sein Kevin, ich habe eben noch gesagt dass ich es verstehen kann. Und es tut mir leid, ehrlich. Aber ich kann es nicht Rückgängig machen." Ich lies mich zurück in den Stuhl sinken und schloss für einen Moment die Augen. Ich war Müde von dem langen Flug, von den Gedanken über meine Katzen, was ich noch zu tun hatte.
Aber ich konnte meinen Bruder sehr gut verstehen.
"Ich kann nur hoffen dass du mir das glaubst." schloss ich und wartete auf dass Donnerwetter, das zweifelsohne noch nicht vorrüber war.
Kevin antwortete lange Zeit nicht. Erst als ich den Kopf hob und ihn ansah, schüttelte er seinen leicht und seufzte leise.
"Versprich mir nur, dass du nächstes Mal mir, oder einem der Jungs, oder meinetwegen sogar deinem Anrufbeantworter oder deinem myspace sagst, dass du nicht zu erreichen bist, und nicht entführt, gekillt und verscharrt wurdest. Mir reicht wirklich ein 'Macht euch keine Sorgen,
ich hab nur eine Weile genug von allem und will allein sein.'. Ich möchte ja nur nicht wieder alle verrückt machen und Albträume haben, in denen du ertrunken in deinem Pool schwimmst. Deal?"
"Es tut mir leid Kev." In meinen Augen schwammen Tränen die ich nicht am Überlaufen hindern konnte und ich kam mir elend vor.
"Hey... Lass das, sonst muss ich gleich mitmachen..." Kevin zog mich an sich und hielt mich einen Moment fest, bis der Tränenstrom wieder versiegte.
Erleichtert drückte ich mich an ihn und weigerte mich los zu lassen, auch als ich spürte dass sein Hemd schon durchnässt war und sich ein Geruch bemerkbar machte der anzeigte dass die Steaks auf dem Grill fertig zum Verzehr waren. Aber Kristin schaffte es uns zu lösen.
"Hey ihr beiden..." Sie strich mir beruhigend über den Rücken. "Jetzt ist Nicky ja wieder da, gesund und munter, wenn auch viel zu dünn für meinen Geschmack, und er wird das bestimmt nicht wieder machen, stimmts Nick?"
Ich nickte und musste lächeln. Diese Frau war unglaublich. Auch Kevin lächelte und drückte mich leicht von sich weg um mir in die Augen zu sehen.
"Ist versprochen," sagte ich und versuchte ein grinsen.
"Guuuuuuuuut..." unterband Kristin jeden weiteren Gefühlsausbruch.
"Dann, mein Lieber, werden wir jetzt essen, und wehe du langst nicht ordentlich zu." Sie zwickte mich sanft in die Rippen und schüttelte dabei den Kopf. "Weiß denn niemand in Japan, wie man dich ordentlich ernährt? Ich fühle KNOCHEN mein Lieber..."
Kevin lachte über meinen Gesichtsausdruck. Im Gedanken damit beschäftigt heraus zu finden was oder wer mich verraten hatte sah ich Kristin hinter her als sie zum grill ging und den ersten Teller mit Fleisch belud um ihn mir dann direkt vor die Nase zu stellen. Kevin lachte immer noch und ich wurde nervös. Was konnte ich sagen ohne dass ich mich verriet und gleichzeitig herausfinden wie viel die beiden wussten?
"Wie kommts du denn nun auf Japan Kris?"
Kris drehte sich verdutzt zu mir um. "Na, du warst doch in Japan, oder etwa nicht? Kev sagte, du hast, während ihr telefoniert habt, mit jemandem japanisch geredet." Kevin nickte zu ihren Worten. "Ich erkenne die Sprache, wenn ich sie höre. Wir waren inzwischen schließlich oft genug auf Tour dort."
"Ach das.." werte ich ab und nahm mir ein Würstchen vom Teller. "Ich und Japanisch? No way. Mir zu Kompliziert. Da standen ein Paar neben mir, der eine brüllte auf einmal los und ich hab kein Wort verstanden. Deswegen war ich auch so erstaunt, dass du noch am Handy warst.
Aha ich merkte das Kevin mir nicht glaubte, doch zu meinem Erstaunen hackte er nicht weiter nach.
Der Abend war schnell vorbei. Nach dem, wirklich wunderbarem, Essen hatte Kevin mir erklärt was in den Letzten Monaten geschehen war. Auch Fotos von Baylee hatte er mir gezeigt und ich konnte es kaum erwarten ihn zu sehen, es war lange her seit ich so etwas kleines Mal in der Hand gehabt hatte.
Ich Parkte den Wagen in der Einfahrt und schloss die Tür auf. Was ich zuerst bemerkte war der intensive Geruch nach Farbe, frischer Farbe, von der ich nicht Wusste was gestrichen worden war. Ich zog die Schuhe aus und betrat, äußerst vorsichtig, die Eingangshalle. Was ich dort sah verschlug mir die Sprache.
Die gegenüberliegende Wand war in einem, sehr stechendem, Rot gestrichen worden. Und darauf prangte, durch zwei Leuchten an den Wänden hervorgehoben, das Schwarz glänzende Wappen der Otori. Vor lauter staunen übersah ich Denahi, der in der Küche stand und zu mir herüber sah.
Gefällt es ihnen Lord Otori?
Eine Antwort bekam er nicht, brauchte er nicht. Er hatte etwas geschafft was ich schon seit 5 Jahren nicht mehr bewusst erlebt hatte. Was ich für unmöglich gehalten hatte.
Ich war Zuhause!