Kapitel 17
An den Tagen danach hatte sich bei mir Routine eingespielt. Die vielen und nie enden wollenden Trainingsstunden absolvierte ich mit Gelassenheit und unendlicher Ausdauer. Der General hatte nichts an mir Auszusetzen und auch Takeo blieb entspannt. An dem Morgen meiner zweiten Prüfung kam Isis zu mir.
Nach den Aufgaben kommst du bitte hinauf in mein Zimmer, ich möchte etwas herausfinden. Sagte sie knapp und ließ mich dann alleine mein Aufwärmprogramm durchziehen.
Ich war sehr Nervös, da von meinem Abschneiden hier nun alles abhing. Takeo und ich hatten ja gesagt dass ich die zweite Prüfung mit Bravour bestehen müsste um sein Adoptivsohn zu werden. Hart gearbeitet hatte ich, jetzt zählte nur noch dass Wohlwollen der Juri.
Ausgerechnet Arai nahm mich zur Seite und sprach mir Mut zu, erinnerte mich an das Training und übergab mich dann einem älteren Mann, der mich beurteilen sollte.
Vor ihm verneigte ich mich tief, was er mit einem Lächeln zur Kenntnis nahm. Dann schloss sich die Tür des Übungsraumes und meine zweite Prüfung begann.
Hast du dass Aufwärmen beendet? fragte dieser Mann ich knapp und sah mir in die Augen. Ich erwiderte seinen Blick, entschlossen aber nicht Hochnäsig hielt ich ihm stand und Bejahte die Frage, die er mir gestellt hatte.
Geh bitte auf die Matten dort drüben und Knie dich hin. Wir werden nun deine Reflexe ein wenig Testen!
Äußerlich völlig entspannt ließ ich mich auf die Matten sinken und schloss für einen Augenblick die Augen. Diesen Augenblick gedachte der Mann zu nutzen, doch ich hörte die Klinge, die auf mich niedersauste. Mich zur Seite werfend zog ich Jato aus der Scheide und blockierte seinen hieb mit meiner Klinge, die zornig erbebte.
Der Mann nickte mir zu und steckte sein Schwert wieder weg. Sehr gut sagte er schlicht und entfernte sich wieder.
Seine Schritte hallten auf dem glatten Boden wieder, doch sie veränderten sich! Sie wurden nach einiger Zeit fester, als würde sich der Körper anspannen. Schneller als ich reagieren konnte, flogen zwei Sai auf mich zu. Diese Kurzdolche mit drei Klingen hatte ich bisher im Unterricht bei dem General nur ein einziges Mal benutzen dürfen. Jato flog in meine Hand und wehrte die Messer ab, schlug diese zur Seite. Laut scheppernd landeten sie einige Meter entfernt auf dem Boden. Meine Atmung, von dieser Attacke beschleunigt, beruhigte sich wieder und der Mann drehte sich um.
Du bist auf der Hut, versuche die Sai nun nicht Wegzuschlagen, sondern nur Auszuweichen.
Es dauerte einige Zeit, bis die Schritte sich wieder spürbar veränderten. Die Anspannung in der Halle war nun fühlbar, die Luft schien zu vibrieren, als die Sai wieder auf mich zurasten.
Mit einer Rolle brachte ich mich seitwärts aus dem Gefahrenbereich, keine Sekunde zu früh, denn der Stoff meines Kimonos riss an den Armen. Das klare Reißen lies den Mann verwundert aufsehen. Wieder sah er mich an und drehte sich weg. Ohne Vorwarnung kamen die nächsten Geschoße auf mich zu. Diesmal waren es Wurfsterne die, für mich wahrnehmbar, die Luft zum erzittern brachten. Wieder wich ich aus, wobei einer der Sterne mein Gesicht leicht streifte.
Blut sickerte aus meiner Wange, aber ich spürte keinen Schmerz. Wichtig war nur der Mann, der immer neue Waffen auf mich abfeuerte. Ärgerlich wischte ich mir das Blut von der Wange, damit ich nicht behindert werden konnte. Der Mann lächelte, dann machte er weiter.
Nach zwei Stunden kam ich aus der Halle und lief direkt in Takeos wartende Arme. Außer dem Kratzer an der Wange hatte ich auch noch einen Striemen an dem rechten Arm und einen tiefen Kratzer an der Stirn. Körperlich war ich so erschöpft, dass ich fast in seine Arme sank. Diese Blöße wollte ich mir allerdings nicht geben und deutete ihm an, dass ich nur schnell in mein Zimmer wollte. Isis verstand den Wink und machte mir den weg frei, wobei sie Takeo kunstvoll in ein Gespräch verwickelte.
Erleichtert ließ ich mich in mein Bett fallen und schloss die Augen. Die Schnitte brannten scheußlich und mein Kopf schmerzte von dem ständigen angespannten Horchen. Für eine kurze Zeit versank meine Welt in grauer Watte, bis Isis mir plötzlich die Haare aus dem Gesicht strich. Ich hatte noch nicht einmal mitbekommen, wie sie mein Zimmer betreten hatte.
Komm mit, sagte sie leise und wartete an der Tür auf mich. Was ich dir zeigen möchte wird dir Gefallen.
Mit zitternden Knien taumelte ich ihr hinterher. In ihrem Zimmer wies sie mich an, mich auf den Boden zu setzten. Sie lächelte mir zu und zündete einige Kerzen an.
Was wird dass? fragte ich leise um sie nicht zu stören.
Ein Otori Krieger hat einen Tiergeist, der ihm zugeteilt wird. Dieser wird ihn für immer Begleiten, ihn beschützen und Leiten. Heute möchte ich nur sehen, welches Tier es bei dir sein wird. Auch deshalb, weil ich mir einen Namen für dich einfallen lassen muss.
In dieser Zeit hatte sie mit einigen Kerzen einen Kreis um mich gebildet, wo sie sich nun ebenfalls hineinkniete.
Du wirst gleich einige Tiere sehen, zu einem wirst du dich hingezogen fühlen, ich möchte aber nicht dass du auf es zugehst. Sag mir nur welches.
Ich nickte, als Zeichen das ich verstanden hatte und versuchte mich zu beruhigen. Isis hielt mir ihre Hände hin, die ich auch ohne zu zögern ergriff.
Vor meinen Augen tauchte ein grauer Nebel auf, Tiere glitten schemenhaft an mir vorbei. Erst eine Schlange, sie erhob sich und zischte mich an, aber nicht wütend sondern als ob sie mich beruhigen wollte. Dann ein Einhorn, stolz schritt es an mir vorbei. Ich hörte einen Adler schreien, der über mir seine Kreise zog. Dann wieder Stille, ein Wal tauchte in diesem Nebel auf und war genauso schnell verschwunden, wie er Aufgetaucht war.
Mit einem Mal richteten sich meine Nackenhaare auf, ich spürte einen Blick der auf meinem Rücken lag und fuhr herum.
Ein schneeweißer Tiger, mit silbernen Streifen sah mich an und kam langsam auf mich zu. Ich Wusste sofort dass er es war, auf den ich gewartet hatte. Weit entfernt hörte ich Isis Stimme, die Überrascht aufkeuchte, dann sprang der Tiger, mit einem gewaltigem Satz, in mich hinein.
Schmerz raste durch meinen Körper, meine Muskeln zuckten Unkontrollierbar und ich schrie.
Panik machte sich in mir breit als ich nicht mehr Atmen konnte und ich fiel aus der Trance in die Isis mich gelegt hatte. Ein brennender Schmerz durchzog mich immer noch und wie in hohem Fieber verkrampften sich alle Muskeln an den Armen und Beinen.
Ich hörte Isis, wie sie nach Takeo schrie, spürte wie sich mich berührte, konnte aber den Schmerz nicht ausblenden. Als ich dass Gesicht von Takeo sah, und seine Hände an meinen Nacken spürte die meinen Kopf hielten, wurde mir schwarz vor Augen.
Als ich Erwachte fühlte sich mein ganzer Körper taub an, meine Beine und Arme konnte ich nicht bewegen, noch nicht einmal meinen Kopf zur Seite neigen. Dafür spürte ich allerdings auch keine Schmerzen mehr und mein Blick war wieder klar. Verwundert versuchte ich meinen Kopf zu drehen, was mir nach einiger Anstrengung auch Gelang. Ich blickte direkt in Takeos Gesicht, das mich besorgt Musterte.
Sanft strichen seine Hände über meine Stirn und strichen meine Haare zur Seite.
Wie geht es dir? fragte er leise und sah mich an. Seine Augen verrieten seine Erleichterung, mit mir Sprechen zu können.
Ganz gut, nur Bewegen kann ich mich nicht. Was ist überhaupt passiert? Warum........ was sollte dieser Schmerz?
Isis wollte deinen Tiergeist sehen, dass es so ein mächtiges Wesen sein würde hat sie nicht vermutet.
Wo ist Isis? fragte ich, da mir aufgefallen war, dass sie fehlte.
Sie bereitet etwas vor. Mehr war er nicht bereit zu sagen. Stattdessen lächelte er und zog Jato neben mich.
Schlaf nun noch was, du wirst deine Kraft später noch brauchen.
Takeo, was habe ich denn nun für ein Tier? wenigstens dass wollte ich Wissen.
Es scheint so dass du einen weisen Tiger zugeteilt bekommen hast. Du kannst dich glücklich schätzen, es ist ein sehr machtvoller Gefährte.
Und die Prüfung? Mir war erst gerade eingefallen, was von diesem Ergebnis abhängig gewesen war.
Sagen wir mal so, wenn du immer noch willst, steht deiner Adoption nichts mehr im Wege, bestmögliche Punktzahl!