Kapitel 11
Der nächste Morgen präsentierte sich in einem Farbenspiel aus rot, Orange und purem Gold.
Ich verbrachte ihn auf der Dachterrasse des Hotels und ging dann hinunter um zu frühstücken.
Ich begrüßte die Kellner, die mir das Frühstück bereitstellten, auf Japanisch und erntete verwunderte Blicke. Aber auch lächelnde Gesichter, später Applaudierte sogar ein Mann, der beobachtete, wie ich mich entschuldigte, da mir die Kaffeetasse umgefallen war. Ich hatte gute Laune, da ich heute frei hatte. Ich wollte noch ein wenig Trainieren und dann einen Stadtbummel machen. Dazu hatte ich ja sonst nie die Gelegenheit!
Außerdem sollten die Sengakuji-Tempel in der nähe des Hotel sein. Die Anlage wollte ich mir ansehen. Ich beendete mein Frühstück, meldete mich bei Takeo und Isis ab und ging los. Erst an der Tokio-Bay entlang, dann ein wenig landeinwärts. Schon stand ich vor dem Tempel.
Mir verschlug es den Atem.
In dem gleißenden Sonnenlicht präsentierte der Tempel sich blendend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das strahlende Weis der Mauer blendete mich, ließ mich nach oben sehen.
Über dem relativ schlichten Holzeingang prangten die weisen Schriftzeichen und hießen die Besucher willkommen. Von der Strasse konnte man, durch einige Zaunlatten neben der Türe, in den Tempelgarten sehen. Der eigentliche Eingang war eine doppelstöckige Pagode, dessen Spitzdach auch Weis gestrichen war. Alles wirkte so unsagbar Friedlich. Ich konnte die Bäume im Garten erkennen, und das leise Rauschen eines Springbrunnens hören, während ich den unverwechselbaren Geruch von Räucherstäbchen wahrnahm.
Bedächtig stieg ich die wenigen Stufen zum Eingang hinauf und verneigte mich. Ich klatschte dreimal in die Hände, um den Göttern mein Kommen anzuzeigen und trat dann, unter den verwunderten Blicken mehrer Japanerinnen, in den Tempel ein. Dort zog ich erstmal, bei einem Mönch der in der Türe kniete, meine Schuhe aus.
Dann erst ging ich in den Garten der Anlage. Mönche kamen mir entgegen, ich begrüßte sie mit einer leichten Verbeugung und im höflichen Japanisch. Sie begannen ein kleines Gespräch mit mir und beglückwünschten mich zu meiner Aussprache, sie sei fast Perfekt.
Ich ging in den Haupttempel, der in der Mitte des Gartens lag. Dort kaufte ich ein paar Reiskuchen und legte sie, nach nochmaligem in-die-Hände-klatschen, als Opfergaben an den Schrein.
Ich betete für beistand bei meinen Prüfungen und um die Fähigkeit Lord Arai zu beeindrucken. Ich war so versunken, dass ich nicht bemerkte wie sich jemand neben mich setzte. Wie in Tempeln üblich sprach ich meine Wünsche Laut aus, um keine Geheimnisse vor den Göttern zu haben.
Als ich mich erhob bemerkte ich den leuchtenden Kimono neben mir nicht, genauso wenig wie das Langschwert zu seinen Füßen. Ich verließ, mit einer letzten Verneigung, den Tempel und ging ins Hotel zurück, um zu Trainieren.
Ohne zu Wissen, das mein Gebet belauscht wurde, das meine Wünsche nicht mehr Geheim waren und das Lord Arai mein Zuhörer gewesen war.
Arai sah Nick nach, als dieser den Tempel wieder verlies. Leise Zweifel machten sich in ihm breit, als er die Opfergaben ausbreitete und den Göttern seine Anwesenheit mitteilte. Er hatte diesen Jungen beobachtet, seit er aus dem Hotel gegangen war und hatte kein Anzeichen gefunden, die er sonst bei allen Ausländern fand. Keine Verachtung der Traditionen, die ihm so Wichtig waren. Er hatte doch schon so viel an diese Leute verloren, er würde es nicht dulden, seine Werte zu verlieren.
Er verneigte sich vor dem Schrein und fing an zu beten. Er sprach zu einem besonderen Engel. Zu seiner Aikyo.
Zu seiner Frau, die so vernarrt in den amerikanischen Kontinent gewesen war.
Sie waren auf ihrer Hochzeitsreise gewesen, mit der kleinen Kawairáshii. Der Tochter seiner verstorbenen Frau. Für ihn war es immer sein Kind gewesen, auch wenn er nicht der Vater war.
Sie hatten Eis gegessen und es sich in einem Cafe gemütlich gemacht. Da war der Unfall geschehen. Ein Autofahrer fuhr in das Cafe, schleuderte Tische und Stühle beiseite und alles, was ihm sonst noch im Wege stand. In der allgemeinen Panik hatte Arai nur seine Frau und seine Tochter gesucht. Allerdings ohne erfolg.
Er fand sie beide, jedoch beide tot. Kawii, so der Spitzname der Kleinen, hatte es sogar bis zu ihrer Mutter geschafft, bevor sie gestorben war. Verzweifelt hatte er sich anschließend an die Botschafter gewand, damit seine Familie in der Tempelanlage beerdigt werden konnten, aber sie hatten ihm nicht zugehört. Hatten es gar nicht für nötig gehalten, ihm zu erklären, warum es nicht ging oder ob sie, schlicht und ergreifend, nicht an den Nöten eines Japaners interessiert waren. Er war alleine nach Hause zurückgekommen.
Seit dieser Zeit war der Hass auf jeden Amerikaner tief in seiner Seele. Hatte sich bis in sein Herz gefressen, in das er niemanden wieder hineinlassen wollte. Diese Gottlosen hatten es verhindert, dass seine Familie zu den Göttern kam, diese Uralten Götter, die ihm und seiner Frau so wichtig gewesen waren.
Arai hatte nun schon öfter daran gedacht, das Takeo diesen Jungen nur anschleppte, um ihm eins Auszuwischen. Aber das passte nicht ins Bild dieses Lords, Takeo war immer für ihn da gewesen. Aber warum denn sonst ein Amerikaner?
Er Stand auf, verabschiedete sich von den Göttern und schlenderte zurück zum Eingang.
Für Arai stand nun fest, dass er diesen Jungen im Augen behalten würde. Er hatte es nie an Respekt fehlen lassen, auch bei seinen Beleidigungen war er respektvoll geblieben. Er musste nun sehen, wie es sich entwickelte. Zu leicht würde er es ihm nicht machen, ein Amerikaner musste ihn schon überzeugen können. Aber er würde ihn nicht mehr beleidigen, das hatte er eigentlich nicht nötig.
Zurück im Hotel ging er direkt zu dem Zimmer des Jungen und klopfte an. Er wollte sich wenigstens entschuldigen.