Kapitel 7

Der nächste Morgen erwartete mich freundlicher. Ein Page des Hotels weckte mich mit sanfter Stimme und einem Tablett in der hand, von dem eine Mischung aus Kaffee und Brotgeruch strömte. Ich bedankte mich und gab ihm Trinkgeld.
Auf dem Tablett lag ein Brief von Takeo, ein Tagesplan mit den unterschiedlichsten Aufgaben, diese auch je mit einer Uhrzeit versehen.
Bis zu meinem ersten Termin hatte ich noch zwei Stunden Zeit.
Der Zettel erinnerte mich schlagartig an das Gespräch, welches ich am Abend zuvor belauscht hatte. Ich hatte immer noch keine Ahnung, worum es da gegangen war. Aber Isis irrte sich. Bis jetzt hatte mich jeder gemocht!

Gestärkt durch das reichhaltige Frühstück und eine aufmunternde Dusche ging ich in die Lobby um auf Isis zu warten, die auch heute wieder mein Training überwachen sollte. Sie erschien auch, engelsgleich schwebend, kurz vor der Verabredeten Zeit. Wieder musterte sie mich und zeigte mir an, in den Übungsraum zu gehen. Diesesmal jedoch hatte sie einen Mann bei sich, den ich nicht kannte.
„Das ist General Tai. Er wird übermorgen deine Prüfung leiten. Auch beim Training wird er von nun an auf dich achten.“
Ich verneigte mich vor dem General und begann mit dem Aufwärmen. Er beäugte mich misstrauisch und beobachtete jede meiner Bewegungen.
Immer auf der Hut, ja nichts Falsches zu tun, begann ich mich aufzuwärmen. Er sah mir erst nur Stumm zu, dann jedoch bremste er mich.
Entgegen meiner Meinung war er sehr Nett und berichtigte nur meine Atmung, die zu flach war, als das ich damit lange durchgehalten hätte. Und wirklich, es ging danach besser. Ich konzentrierte mich darauf und versuchte es so schnell wie möglich zu behalten.
„Du machst das gut, schöne, gleichmäßige Bewegungen, die mit sehr viel Power ausgeführt werden. Wirklich sehr gut, wie lange machst du das schon?“
Inmitten einer Bewegung hielt ich inne, um nicht Unhöflich zu wirken.
„Seit etwa fünf Monaten Herr.“
„Erst? Ich dacht du wärst schon über fünf Jahre im Training, so wie das schon Aussieht. Du scheinst sehr begabt zu sein. Beobachte fleißig und lerne schnell, ich werde dich beobachten. Wenn Du fleißig weitermachst, kannst du bald schon die zweite Prüfung ablegen, die erste, die Übermorgen stattfindet, wirst du ganz leicht schaffen. Wenn deine Nerven dir keinen Streich spielen! Hast du Angst vor Prüfungen?“
Nun saß ich in einer Falle. Lügen durfte ich nicht, aber ich wollte nicht als Schwächling dastehen und so Takeo irgendwie Schande machen. Wenn ich diese Herren überzeugen musste, musste ich Stark sein.
„Ein wenig,“ gab ich dann doch zu, „aber bis jetzt habe ich noch nie in einer Prüfung versagt!“
Er nickte mir zu und ich fuhr mit dem Aufwärmen fort.
„Du wärmst dich gründlich auf, das ist gut so. Nimm jetzt bitte die Wurfsterne und ziele auf die hintere Wand. Versuch bitte durch die Ringe zu schmeißen, ohne diese zu Berühren!“
Ich nahm meine Wurfsterne aus der Tasche und gewöhnte mich wieder an ihr Gewicht. Als sie mir wieder gut in der Hand lagen, begann ich damit, sie wurfbereit zu machen. Ich bewegte meinen Arm über meinem Kopf mehrmals hin und her, damit die Bewegungen wieder flüssiger wurden, und lies den Stern dann, an der höchsten Stelle, die mein Arm erreichte, frei und beobachtete seinen Flug. Er beschrieb einen perfekten Bogen, der allerdings etwas zu früh begann. Den ersten der Ringe passierte er fehlerfrei, doch an dem zweiten blieb er fast hängen, einen Millimeter tiefer hätte er nicht sein dürfen. Innerlich fluchte ich laut, doch äußerlich fragte ich demütig nach, ob ich es nochmals versuchen konnte.
General Tai lachte nur und erlaubte mir einen zweiten Versuch, der besser Gelang. Der Stern flog durch die Ringe und bohrte sich in die Wand dahinter.
Ich war begeistert, das ich alles noch Verstand und sah den General an. Auch er lächelte.
„Jetzt nimm bitte das Langschwert. Ich möchte mal sehen, wie du damit klarkommst!“
Ich holte es aus dem Heft und kam auf den General zu, der ebenfalls ein Schwert in der Hand hielt. Auch dieses war ein Samurai-Schwert, genauso wie meines traditionell aus mehrfach gefaltetem Stahl gefertigt und, ebenso wie meines, todbringend sollte es der Träger darauf anlegen.

Kapitel 8