Kapitel 1

Der Mann stellte sich als Takeo Otori vor. Er sprach mit mir den ganzen Abend und wir trafen uns noch oft in der folgenden Woche. Über sich sprach er nicht viel, aber ich interessierte ihn sehr. Alles was ich ihm erzählte, meine Sorgen und Ängste, etwas über meine Freunde und zuletzt sogar die Scheidung meiner Eltern, er hörte einfach zu. Er war der stille Zuhörer, den ich gebraucht hatte.
Unsere Verbindung wuchs. Er war immer da, wenn es mir mal schlecht ging, er war da, als meine Eltern sich um meinen Bruder stritten, und er kümmerte sich um mich. Und eines Abends, sagte er etwas über sich.
„Ich komme aus Japan, wie du sicher schon mitbekommen hast! Dort bin ich ein so genannter Lord!“ er sprach das letzte Wort mit sehr viel Betonung aus.
„Was machst du denn da?“ wollte ich Wissen, wir waren nun so vertraut miteinander, das wir uns duzten.
„Ich bilde, unter Anderem, junge Kämpfer aus. In Schwertkampf, Nahkampf und Messertechnik. Ich habe mich schon oft gefragt, ob du es auch lernen willst?“
„Darf ich das denn? Ich habe gelesen dass es da strenge Vorschriften gegenüber den Bewerbern gibt.“
Er strahlte. „Du darfst es lernen, der Lehrmeister darf sich seine Schüler aussuchen. Wenn du es nun möchtest, können wir anfangen.“
Ich nickte begeistert, hatte mich doch diese Kampfkunst schon immer interessiert. Dass es nicht so wie in den Videospielen ablief, lernte ich schnell. Die erste Stunde verbrachte ich mehr auf meinem Hintern als auf meinen Füßen. Aber wann immer ich die Geduld zu verlieren begann, war Takeo da, hielt mein Temperament im Zaun und beruhigte mich.
Ehe ich mich versah, begann er mein Temperament zu formen und in die richtige Bahn zu lenken. Ich lernte nicht nur den Umgang mit den Schwertern und den Messern, nein ich lernte meinen Körper neu kennen. Es dauerte nicht lange, bis ich anfing zu Begreifen, was er da mit mir tat. Er erfand mich neu!
Ich lernte sehr viel in dieser Zeit, den ersten drei Wochen, und war zum ersten Mal in der Lage es zu behalten. Meine Nervosität verschwand und meine Gelassenheit wuchs. Ich ging nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit in den Medien über meine Familie in die Luft.
Takeo überwacht mich und lehrte mich vieles. Mit der japanischen Sprache fingen wir spät an. Erst sprach er mir einige Sätze vor, dann musste ich sie nachsprechen. Das hatte noch nichts mit Vokabeln zu tun, sondern nur mit der richtigen Aussprache. Er wollte mir Gelegenheit geben, es sich anzuhören.
Dann die ersten Vokabeln, aber immer noch ging alles leicht. Bis ich begriff, das er mir nicht alles besser erklärte wie alle meine anderen Lehrer, sondern das ich einfach konzentrierter war. Ich begriff es schneller!
Die japanisch Stunden waren erfolgreich. Nach nur fünf Wochen nahm er mich zu einer Tanzaufführung mit, wo nur japanisches Publikum war. Es waren originale, japanische Tänze, die wir sahen. Ich habe heute nur noch eine Erinnerung an leuchtend bunte Kimonos und den unverwechselbaren klang von Shamisen (eine art Gitarre) und den lauten Trommeln, die von den Geishas im stehen geschlagen wurden.
Und ich verstand, worum es ging! Nicht das ich den Gesang verstanden hätte, er war zu schnell, zu sehr „genuschelt“, aber ich verstand die Leute um mich herum. Das gab den weiteren andrang zum durchhalten.

Kapitel 2