Chapter 59

Sie waren endlich in Australien. Gestern Abend hatte das letzte Konzert stattgefunden, die Fans waren begeistert mitgegangen und jeder hatte seinen Spaß gehabt.
Nun ja, fast jeder...
Kevin hob sein Gesicht in den Wind und schloss die Augen. Es war mehr als eine einfache Brise, wild peitschte sie ihm die Haare ins Gesicht. Trotzdem war sie angenehm, denn sie fegte seinen Kopf leer, bis keine bedrückenden Gedanken mehr übrig waren.
Kevin öffnete die Augen wieder und genoss die spektakuläre Aussicht. Während im Westen die Sonne hinter dem Horizont verschwand und das Wasser orange färbte, türmten sich, in weiter Ferne, Sturmwolken über dem Meer auf. Bedrohlich schoben sie sich zusammen, häuften sich mal an und fielen dann wieder auseinander, wie schiefergraue Steinbrocken, die an einander keinen Halt fanden, weil ihre Oberflächen zu hart und glatt waren. Ein Gefühl, das auch Kevin viel zu gut kannte.
Er schaute auf den silbrig glänzenden Gegenstand auf seiner Handfläche hinunter. Von oben gesehen war es ein perfekter Kreis, das Symbol für die Ewigkeit...
Ohne nachzudenken, streifte Kevin den Ring auf seinen Finger und hielt ihn dort fest, den Blick wieder in die Ferne gerichtet.
Die Felsformation, die 'Zwölf Apostel' genannt, erbebte unter der schweren Brandung, die der nahende Sturm gegen die Küste drückte. Die Wellen krochen immer höher auf den Strand hinauf, auf den Fuß der Klippe zu. Doch Kevin konnte das von seinem Platz, an dem Geländer des Aussichtspunktes, oben auf der Klippe, nicht sehen. Er spürte es nur, weil der Fels unter ihm leicht vibrierte. Das an- und abschwellende Rauschen der Wellen lockte ihn, flüsterte ihm zu näher zu kommen und sich das Spektakel anzuschauen.
Kevin folgte dem Ruf und stieg über das Geländer hinweg, um langsam zum Klippenrand vorzugehen. Der Pflanzenbewuchs unter seinen Füßen war spärlich, nur harthalmiges Gras spross hier und da aus dem felsigen Grund. Kleine Steine rollten unter seinen Füßen weg und hüpften über die Kante, an der er schließlich stehen blieb.
Kevin hatte nie Angst vor der Höhe gehabt... Er warf einen Blick in die Tiefe, wo die Gischt unter ihm brodelte.

Nachdenklich sah Cat aus dem Autofenster, in das farbenfrohe Spektakel des Sonnenuntergangs.
„Meinst du, Kevin geht’s ein wenig besser nachdem mein Bauch nun wohl der meistfotografierte in ganz Amerika ist? ... zumindest im Moment?“
„Ich denke, im Vergleich zu vor zwei Wochen geht’s langsam mit ihm bergauf. Die Antidepressiva seines Docs scheinen ihm zu helfen… und dein Bauch ist nicht nur der meist fotografierte derzeit, sondern auch eindeutig der erotischste der ganzen Welt.“ lachte AJ leise auf und beugte sich zu Cat hinüber auf die Beifahrerseite, um ihr einen Kuss auf die nackte Haut ihres Halses zu hauchen.
Cat kicherte, als die Gänsehaut ihren Rücken hinauf krabbelte. „Dafür, dass du fast die Scheidung eingereicht hast, als ich samt Bauch zur Presse marschiert bin…“
„Ich hätte halt gern vorher gewusst, dass du die ersten Fotos meines Stammhalters bereits vor seiner Geburt meistbietend verscherbelst…“
„Ich verscherble doch nicht unser Kind… Ich wollte lediglich von Kevin ablenken.“
“Das hast du ja auch geschafft… aber die letzten Gebote für die ersten Babyfotos liegen schon jetzt im sechsstelligen Bereich.“
„Wird alles fürs College angelegt.“ lachte Cat leise.
„Mein Sohn geht nicht aufs College… mein Kind wird ein Rockstar. So wie sein Vater. Liegt ihm schließlich im Blut.“ Nun lachte auch AJ.
„Hey Daddy... wer sagt eigentlich, dass es ein Junge wird und nicht ein kleines Prinzesschen?“
„Ist so ein Gefühl.“
Cat hob die Augenbrauen und warf AJ einen kurzen Blick zu, ehe sie schließlich die Wagentür öffnete und aus dem Auto stieg.
Für einen Augenblick schloss sie die Augen und genoss das Gefühl von Freiheit, das ihr seit ihrem ersten offiziellen Auftritt an AJ’s Seite, vor gut anderthalb Wochen, abhanden gekommen war.
Seit der Presse bekannt war, dass sie die &Mac226;Neue’ und dann auch noch schwanger war, rissen sich die Paparazzi um möglichst gelungene Schnappschüsse ihres Bauches, den sie nur zu gern in die Kameraobjektive hielt. Insbesondere solange Kevin in der Nähe war. Die letzte Zeit war er kaum mehr als ein Schatten seiner selbst gewesen, und Cat und AJ taten alles dafür, um möglichst oft und möglichst öffentlich zu turteln und sich um Babygrundausstattungen zu kümmern.

Das Meer schien zu kochen. Weiß brodelten die Schaumkronen auf dem aufgewühlten Wasser... Fasziniert sah Kevin hinunter in die Gischt, die über Felsen und Kliffabbrüche schwappte. Es war ein einzigartiges Schauspiel, er konnte deutlich die Kraft der Natur fühlen, die die Klippe wie eine Trommel beben ließ.
Eine erneute Windböe erfasste Kevin und zerrte an ihm, als versuchte sie ihn zurückzudrängen, fort vom Klippenrand. Er sah auf und stellte fest, dass der Sturm näher kam, er zog landeinwärts, direkt auf Kevin zu. Es war ein unglaubliches Bild, die übereinander rollenden Wolken fingen jetzt die Strahlen der Abendsonne ein. Das bleierne Grau und unheilvolle Ocker bekam goldene und orangerote Ränder, die hauchzart und durchscheinend erschienen.
Einen Augenblick lang bereute Kevin, dass er seine Videokamera nicht dabei hatte, doch dann verwarf er den Gedanken wieder. Es war egal, das würde sowieso niemals jemand zu sehen kriegen. Dieser Moment, dieser Ort, gehörte jetzt ihm. Jetzt und für alle Zeit, und er hätte keine bessere Kulisse für das haben können, was er jetzt vorhatte.

„Weißt du eigentlich, dass ich dich unglaublich liebe?“ fragte AJ sanft in die Ruhe hinein, die ihn und Cat eingefangen hatte, und legte sacht von hinten die Arme auf den Babybauch seiner Freundin.
Die seufzte leise. „Mittlerweile weiß ich das, ja.“
„Was heißt hier mittlerweile?“
„Naja… Liebe auf den ersten Blick sieht wohl anders aus als bei uns.“
„Das mag sein… aber deutlicher als das hier…“, AJ strich sanft über den deutlich gewölbten Bauch, „kann Liebe wohl kaum sein.“
Cat kicherte leise. „Hey, dieses Kind ist ja wohl aus allem anderen als Liebe entstanden. Es war die pure Gier die uns getrieben hat.“
Nun lachte auch AJ. „Ok, da magst du recht haben… aber dafür werden wir den Wurm wohl umso mehr lieben, wenn er erstmal auf der Welt ist.“
„Hat uns ja auch reichlich Nerven gekostet.“ seufzte Cat und kuschelte sich ein wenig enger in AJ’s Arme.
„Naja, ich glaube wir haben dich wohl mehr Nerven gekostet, als der kleine Brüllwürfel in deinem Bauch.“
„Das stimmt allerdings… Wenn ich ehrlich bin weiß ich nicht, warum ich mir euer Gehabe so lange habe gefallen lassen.“
„Weil deine Predigt, die du uns in Manila gehalten hast, wohl kaum so formvollendet und so deutlich rüber gekommen wäre, wenn dir nicht so endgültig der Kragen geplatzt wäre.“
„Aber mittlerweile haben alle verstanden, dass ich schwanger bin und nicht krank. Selbst Brian versucht nicht mehr mir irgendwelche Stühle hinterher zu tragen. Und Marcus hat mir die letzten Tage auch kein Kissen mehr auf die Equipment Boxen gelegt, damit ich während eures Gigs auch bequem sitzen kann.“
„Du hast ja die letzten Male aus Protest auch den ganzen Abend gestanden oder dir selbst einen Stuhl geholt.“
„Tja mein Schatz… man sollte sich halt nicht mit schwangeren Ex-Tourmanagerinnen anlegen.“ Cat grinste und drehte ihren Kopf so, dass sie AJ in die Augen blicken konnte.
„Wieso &Mac226;Ex’?“
„Naja… die Tour ist vorbei. Morgen geht’s nach Hause… Kevin kann endlich in Ruhe seine Wunden lecken, Brian sein Album fertig stellen, und ich… bin dann einfach nur noch die schwangere Frau an der Seite von Backstreet Boy AJ McLean.“ Der wehmütige Unterton in Cats Stimme entging AJ nicht, und er zog sie noch ein wenig enger an sich, während sein Blick sich in der Ferne verlor.
„Du bist nicht nur &Mac226;die schwangere Frau an meiner Seite’… Du bist die Frau die ich liebe, die Mutter meines Kindes, und somit die bedeutendste Frau der Welt… zumindest für mich…“ Ein sanfter Kuss kribbelte an Cats Schläfe.

Kevin atmete tief die frische Seeluft ein und blickte hinaus, in den Sturm. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Das ferne Gewitter lud die Luft auf und übertrug seine Spannung auf Kevin.
Er hatte die Natur und ihre Kraft schon immer geliebt. Wie nichts anderes, schaffte sie es ihn mit Energie zu erfüllen. Am meisten wenn er am Himmel schwebte, über Berge und Täler hinweg flog.
Wieder fanden seine Finger seinen Ehering. Wie oft hatte er in den letzten Jahren damit gespielt, ihn, wenn ihm langweilig gewesen war, an seinem Finger herumgedreht. Erinnerungen, an seine Ehe, an die sexy Frau, die er geheiratet hatte, fluteten durch seinen Geist. Lachen im Wind, Tanzen im Regen... Er hatte sein Leben mit ihr geteilt und dann festgestellt, dass es ohne sie kein Leben war. Er vermisste sie viel zu lange und zu sehr, sehnte sich nach dem Klang ihrer Stimme, dem Gefühl ihres Körpers an seinem. Es war wirklich Zeit. Er konnte so nicht weitermachen, das war ihm seit zwei Wochen klar.
Er sah wieder hinab, zu den Wellenbergen und –tälern, die immer energischer gegen die Klippe donnerten. Er fühlte sich eins mit alldem. Mit dem Himmel, an dem die ersten Blitze zuckten, noch immer so weit weg, dass er die ganze Gewitterfront überblicken konnte. Mit der Sonne, die hinter der Landzunge ins Meer zu tauchen begann, und mit der Klippe, dem harten Fels auf dem er stand, der bröckelte und unter seinen Füßen zerfiel über tausende von Jahren, so wie Kevin seit Monaten jeden Tag mehr zerfiel.
Es wurde Zeit für den nächsten Schritt.

„Meinst du, Kevin wird eines Tages wieder ein ganz normales Leben führen? So wie vor alledem?“ fragte Cat leise und lehnte ihre Stirn an AJ’s Schulter.
„Ich habe keine Ahnung… aber ich denke er wird alles tun, um so etwas wie &Mac226;Normalität’ zu finden.“
“Ob er eines Tages auch so viel Glück haben wird wie wir?“ Cat hob den Kopf um AJ anzusehen, der sie bereits seit Minuten im Arm hielt und ihr sacht über den Rücken streichelte.
„Das wird er bestimmt. Er ist stark… und er hat seine Freunde und seine Familie. Die Zeit, jetzt nach der Tour, wird sicher nicht einfach, aber ich kenne ihn so viele Jahre… er hat nicht mal mich aufgegeben… naja, fast… aber letztlich hat er doch an mich geglaubt und sieh was aus mir geworden ist. Ich bin clean, habe eine wunderschöne Frau an meiner Seite, die ich vergöttere und die mir bald das schönste Geschenk der Welt machen wird. Und wenn ich das alles schon bekomme… hat Kevin es mehr als verdient. Eines Tages wird er auch eine kleine Familie haben... so wie Brian und so wie ich bald… und dann werden wir als alte Säcke auf einer Parkbank sitzen… jungen Dingern auf den Po starren und darüber sinnieren was für eine frigide Alte Kristin doch war, und wie blöd wir doch waren so viele Jahre mit ihr zu verschwenden.“
„Dein Wort in Gottes Gehörgang.“ seufzte Cat und gab AJ einen Kuss auf die warmen Lippen.

Kevin schloss die Augen. Er sah alles noch immer deutlich vor sich, aber so spürte er den Wind jetzt intensiver.
Das Gewitter würde all seine Spuren verwischen, als wäre er niemals hier gewesen. Diese Klippe, so vergänglich sie war, wie man an den Abbrüchen sah, würde ihn weit überdauern. Auch alle Erinnerungen an ihn und sein klägliches Leben, seine Verluste. Die Welt drehte sich weiter, egal was passierte.
Kevin spürte überdeutlich den Ring, am Ringfinger seiner linken Hand. Er fühlte sich schwer an, wie aus Blei.
Langsam zog Kevin ihn ab und wog ihn in der Hand. Dann öffnete er die Augen und sah auf den silbrigen Kreis hinunter, auf das Zeichen der Ewigkeit. Er liebte Kristin und würde es immer tun, das wusste er. Der Schmerz in ihm war noch da, wenn auch gemindert durch die Medikamente. Es gab keine Zukunft ohne Schmerz. Aber ebenso wenig eine mit Kristin.
Kevins Blick wanderte hinaus, in die Weiten der hochschlagenden Wellen. Weiß von Gischt gekrönt, fielen sie übereinander, wie die warm angehauchten Wolken, oben am Himmel, aus denen ab und zu grellweiße Blitze zuckten.
Es war der richtige Ort dafür... Kevin spannte die Muskeln an und holte aus.
Dröhnend schlug der nächste Brecher gegen die Felsen, der plötzlich allein und verlassen dalag. Die untergehende Sonne färbte das Meer blutrot.

Schritte ließen Cat aufblicken. Als sie einen Schatten auf sich und AJ zukommen sah, löste sie sich aus seinen Armen und griff nach seiner Hand.
Langsam kam der Schatten näher und trat schließlich ins Licht, das aus dem Inneren des Wagens fiel.
Zögernd machte Cat einen Schritt auf ihn zu. „Alles in Ordnung?“
Die Gestalt vor ihr legte den Kopf schief und lächelte ein bisschen. "Ich denke schon. Und bei euch?"
Ein Lächeln spielte um Cats Lippen, und ihre warme, aufmunternde Hand legte sich auf seine Schulter. „Ich denke wir sollten gehen. Die anderen warten sicher schon auf uns.“
"Ja, und wenn wir hier noch lange herumstehen, werden wir nass." Kevin warf einen Blick zurück auf die Gewitterwolken, die sich ihnen entgegen schoben. Dann drehte er sich wieder zu Cat und AJ um. "Ich hab erledigt, was ich hier wollte. Lasst uns fahren."
In einvernehmlichem Schweigen stiegen die drei Freunde in den Wagen und ließen die Klippen und das heraufziehende Gewitter hinter sich. In den letzten Monaten hatten sie vor genügend Abgründen gestanden…
AJ warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und musterte Kevin für einen Augenblick. Das erste Mal seit Wochen hatte er das Gefühl, dass tatsächlich etwas von dem zurückgekehrt war, das sie alle längst verloren geglaubt hatten.
Kevin spürte AJ's Aufmerksamkeit auf sich und schaute ihn im Spiegel an. Grüne Augen trafen sich mit braunen, und Kevin konnte nicht anders als zu lächeln. Ob das je aufhörte, diese prüfenden, besorgten Blicke?
"Alexander James McLean, die Straße ist vorne und nicht hier hinten." erinnerte er ihn gutmütig.
Nur AJ's Grinsen antwortete ihm.
Kevin machte es sich auf dem Rücksitz gemütlich und streckte die langen Beine aus, so weit es ging. Noch immer hatte er das rhythmische Vibrieren der Klippe in den Knochen. Vielleicht wurde das ja ein neuer Song... Gedankenverloren rieb Kevin über die Stelle, an der sein Ehering zum letzten Mal gesessen hatte, und sah nach vorn, in seine Zukunft.

THE END

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