Chapter 57
Kevin war zuerst mehr als froh, als sie Japan Richtung Korea verließen. Doch egal wohin er ging, die Schlagzeilen waren schon vor ihm da... Und es gab immer ein paar Leute, die wissen wollten ob es stimmte was in der Zeitung stand, selbst unter den Fans. Was es Kevin schwer machte, den Kontakt zu den Backstreet-Anhängern zu halten, obwohl die meisten ja vollkommen hinter ihm standen.
Das alte Gerücht, er könnte homosexuell sein, begann er wieder, wie früher, mit den Worten zu quittieren, dass er sehr zufrieden mit seiner Sexualität sei. Denn im Grunde war es doch egal, was er dazu sagte, sie würden ihm die Worte entweder im Mund herumdrehen oder zu Beschwichtigungen degradieren...
Manchmal fand er es sogar direkt schade, dass er nicht schwul war, denn dann hätte er ihnen entgegenschleudern können, dass er stolz auf seine Homosexualität sei. Als prominenter Hetero blieb ihm dagegen nichts anderes übrig als sich neutral zu geben, denn die Antwort 'ich stehe nur auf Frauen' hätte den Anschein erwecken können, er hätte etwas gegen Homosexualität, und dem war ganz und gar nicht so. Er würde nicht anfangen Menschen zu diskriminieren, nur um die Spekulationen um seine Person zu beenden.
Kevins Pech war es, dass im Augenblick nicht viel los war in der Welt der Reichen und Schönen. Sein kleiner 'Skandal' wurde rigoros breitgetreten, und die Zeitungen wurden nicht müde immer neue Mutmaßungen in die Welt zu setzen. Zudem tauchten Aussagen ungenannter 'Freunde' - von denen Kevin bezweifelte auch nur die Namen zu kennen - auf die behaupteten, seine Ehe sei eine Farce gewesen, und dass er und Kristin einander für ein Ehepaar doch viel zu selten gesehen hätten. Das war einer der wahren Kerne, um die sich die Gerüchte entsponnen.
Schließlich wurde sogar Paris Hilton befragt, die ihn zwar auch nicht wirklich kannte, die aber noch eine Rechnung mit ihm und Nick offen hatte. Mit einem unschuldigem Augenaufschlag meinte sie in einem Interview, Kevin wäre vielleicht eifersüchtig gewesen, als sie und Nick zusammen waren. Sie wolle ja nicht sagen, dass ihr Ex und sein Bandkollege was miteinander hätten, aber immerhin würden sie jetzt zusammen in Nicks Apartment wohnen...
Nick schrie das halbe Hotel zusammen, während Kevin in hilfloses Lachen ausbrach, als Johnny versuchte ihnen diese neue Entwicklung vorsichtig beizubringen. Nicht dass man das wirklich konnte... Es war gut, dass sich Paris in dem Moment nicht in der Nähe aufhielt, denn sonst hätte Nick diesmal vielleicht andere Gerüchte Realität werden lassen, die ihn und Paris betrafen.
An sich sah keiner der Jungs oder der Crew Paris' Interview als großes Problem an, denn nach der Tour würde Kevin heim nach Kentucky gehen, und dieses absurde Gerede sich in Luft auflösen. Trotzdem schwor Nick Paris bittere Rache, und man konnte davon ausgehen, dass mindestens zwei der übrigen vier Jungs sich daran beteiligen würden. Hinter verschlossenen Türen entstanden bereits Pläne und wurden wieder verworfen, die Bandbreite reichte von 'Paris vor der Presse lächerlich machen' bis hin zu 'Paris' Computer hacken'. Am besten durchführbar und damit am wahrscheinlichsten war allerdings der Vorschlag, einfach mal ein paar Wahrheiten über sie zu erzählen.
Aber Paris' kleine Aktion war noch nicht der Tiefpunkt der ganzen Geschichte...
Es war der Tag ihres Konzerts in Shanghai, zwei Wochen vor Ende der Tour. Wie seit Beginn der Gerüchte jeden Morgen, ließ Kevin sich die wichtigsten Zeitungen noch vor dem Frühstück aufs Zimmer bringen. Wenn er auch nichts zu dem Geschwätz sagte, so wollte er doch zumindest nicht dauernd ins offene Messer rennen, wie bei dem Radiointerview.
Die Schlagzeile im Life-Teil von USA Today traf ihn, wie ein Schlag in die Magengrube. Er musste es drei Mal lesen, um wirklich zu verstehen was dort gedruckt stand.
Kevin Richardsons Frau schwanger?
Nein... Nein! Das konnte nicht wahr sein, es DURFTE nicht wahr sein!
Kevin hatte Mühe zu atmen, eine riesige Faust schien seinen Brustkorb zu umklammern.
Wenn Kristin jetzt schwanger war... so wie sie sich ihm gegenüber verhalten hatte... wenn es da wirklich ein Baby gab, würde sie ihm das niemals geben... Und das Sorgerecht als Vater zu bekommen, wäre...
Kevin hielt einen Moment inne und schüttelte den Kopf, um ihn freizubekommen. Er wusste doch noch gar nichts... Es war nur eine Schlagzeile... Wie die, dass er vielleicht schwul sei...
Schwer sank er in den nahen Sessel, eine Hand auf seiner Brust, wie um mit ihr das Jagen seines Herzens zu beruhigen. Dann nahm er die Zeitung wieder auf, die zu Boden gefallen war.
Kevin Richardsons Frau schwanger? stand da immer noch.
Kevin zwang sich dazu weiter zu lesen.
Los Angeles Gerüchten zufolge soll Kristin Kay Richardson, zukünftige Exfrau von Kevin Richardson, dem Backstreet Boy, schwanger sein. Allerdings nicht von ihrem Mann, sondern von seinem Bandkollegen Alexander James McLean, mit dem Kristin, wie Freunde des Paares berichteten, ein Verhältnis hatte. Angeblich ist die Schwangere bereits im fünften Monat.
Ob die Liaison mit McLean der Grund für die Trennung des Paares ist, bleibt weiter ungewiss, Richardson äußerte sich bislang nicht dazu. Eine Mitarbeiterin der Backstreet Boys bestätigte jedoch, "Ja, McLean wird Vater."
Aus der fünfjährigen Ehe der Richardsons gibt es keine Kinder. Vom ältesten Backstreet Boy heißt es, er sei homosexuell und hätte nur aus PR-Gründen geheiratet. Andere Quellen lassen den Schluss zu, dass er zeugungsunfähig sei.
Möglicherweise erklärt der Umstand der Schwangerschaft auch die Blessuren, mit denen McLean vor einigen Wochen gesichtet wurde. Vielleicht die Strafe eines Ehemanns, dem ein Kuckuckskind untergeschoben werden sollte?
Kevin ließ den Kopf nach hinten sinken. Fünfter Monat?
Gesetzt dem Fall, dass es der Wahrheit entsprach was da stand...
Er schloss die Augen und rechnete zurück. Das Konzert in LA, nach dem Kristin AJ dazu gebracht hatte mit ihr zu schlafen, war am 25. August gewesen. Das passte mit dem fünften Monat überein, also konnte AJ der Vater sein, ebenso gut wie er selber. Wenn es denn wahr war, dass Kristin schwanger war... Er musste sie fragen, anders ging es wohl nicht.
Er warf einen Blick auf die Uhr und überlegte, wie spät es wohl zuhause in den USA sein mochte. Zu LA betrug der Zeitunterschied sechzehn Stunden, zu New York dreizehn, also würde er Kristin, die wer weiß wo dazwischen war, wohl nicht wecken, wenn er jetzt anrief.
Eigentlich wollte er das gar nicht tun... Beim letzten Telefonat war sie nicht eben nett zu ihm gewesen. Aber wenn die Chance bestand, dass sein Kind in ihrem Bauch heranwuchs, wollte er das zumindest wissen... Schweren Herzens und mit einem unguten Gefühl im Magen wählte er ihre Nummer.
"Hallo?" ertönte kurz darauf eine ihm wohlbekannte Stimme. Kristins Schwester Tina... Einen Moment kämpfte er mit sich, mit der inneren Stimme die ihm riet wieder aufzulegen.
"Hallo Tina, hier ist Kevin." brachte er schließlich dennoch heraus.
"Oh..." machte sie überrascht. "Mit dir hab ich jetzt am allerwenigsten gerechnet. Eigentlich wollte ich schon gar nicht mehr ans Telefon gehen, ständig rufen irgendwelche Leute bei mir an und erwarten Stellungnahmen. Ich geb dir dafür nicht die... Doch, eigentlich gebe ich dir sehr wohl die Schuld dafür. Könntest du ihnen nicht endlich sagen was Sache ist, damit sich das Ganze wieder beruhigt?"
Irgendwie war es Kevin danach zu lachen. Als ob ein Interview irgendwas an den Spekulationen ändern oder sie verkürzen könnte.
"Das ist Kristins Handy, ist sie in der Nähe?" fragte er, statt Tina über den Lauf der Dinge, wie es lief wenn man in der Öffentlichkeit stand, aufzuklären.
"Das ist mein Handy, Kristy hat es mir geschenkt. Und sie ist nicht in der Nähe, sondern in New York. Was willst du von ihr?"
Kevin seufzte unhörbar. Tina, mit der er früher sehr gut ausgekommen war, klang gereizt und etwas feindselig. Aber das gehörte wohl dazu, sie war schließlich Kristins ältere Schwester und wollte Kristin vor dem bösen Wolf beschützen, den er wohl inzwischen in ihrer Familie darstellte. Ob die wussten, was Kristin getan hatte, um sich von ihm zu trennen?
"Tina, hör zu, ich will keinen Telefonterror oder so was machen. Es ist so, wir sind immer noch auf Tour, im Augenblick in Asien, und ich hab grade die Zeitung von gestern gelesen, in der steht, dass Kristin schwanger sei. Ich rufe an, weil ich sie fragen wollte, wie es ihr mit dem ganzen Rummel geht, und... ob da vielleicht was dran ist..."
Tina lachte. "Dir geht der Arsch auf Grundeis, weil du vielleicht für ein Kind zahlen sollst das nicht deins ist, was?"
Kevin schloss die Augen und zählte stumm bis drei, um die Kontrolle über sich nicht zu verlieren.
"Ich würde von Herzen gern für jedes Kind zahlen, das Kristin bekommt, egal wer der Vater ist, wenn ich dafür nur weiß, dass es tatsächlich existiert. Tina, sag mir bitte, IST Kristin schwanger?"
Am anderen Ende blieb es eine Weile still.
"Nein, ist sie nicht." antwortete Tina schließlich, in einem ganz anderen Tonfall. "Tut mir leid, Kev, ich weiß wie sehr du dir Kinder gewünscht hast."
Erst als Kevin jetzt die Luft ausstieß merkte er, dass er sie angehalten hatte.
"Ja, das hab ich, aber in der gegenwärtigen Situation... Es ist besser so, denke ich. Danke, Tina."
"Ich wünsche dir viel Glück, Kevin." erwiderte sie. "Ich denke, du kannst es brauchen."
Das konnte er sicher...
Als Kevin das Telefonat beendet hatte, nahm er die Zeitung und ging damit rüber zu AJ und Cat, um ihnen zu sagen, dass Kristin nicht schwanger war und dass sie nicht erschrecken sollten, wenn sie es lasen oder darauf angesprochen wurden. Cat konnte den Stress nicht brauchen.
Erst vor ihrer Zimmertür ging Kevin auf, dass die Aussage "Ja, McLean wird Vater." tatsächlich stimmte, nur der Name der Schwangeren war ein anderer. Und Cat war wirklich im fünften Monat...
So machte man Schlagzeilen...
Der Zeitungsartikel schockte alle. Zum Glück sprach sich zumindest schnell herum, dass er nicht wahr war. Auch unter den Fans, denen das immer wieder gesteckt wurde, von jedem Backstreet-Crewmitglied das zwischendurch Fankontakt hatte. Einmal mehr zeigte sich, dass sie eine große Familie waren, in der im Moment jeder versuchte Kevin irgendwie zu entlasten.
Trotzdem war er am Abend fertig... Er wusste am Ende nicht, wie er es bewerkstelligt hatte diesen Tag hinter sich zu bringen. Er wusste nur, dass er irgend etwas Alkoholisches brauchte, denn sonst wäre an Schlaf nicht einmal zu denken.
So landete er, nachdem er es geschafft hatte sowohl Keith abzuschütteln als auch AJ, der ihn immer noch ständig im Blick hatte um einen erneuten Absturz Kevins zu verhindern, in der Hotelbar. Auf seine Order hin, stand kurze Zeit später ein Glas mit einer bräunlichen Flüssigkeit vor ihm, die einen scharfen aber angenehmen Geruch verströmte.
Ganz in Gedanken drehte er das Glas in den Händen und beobachtete die Bewegung der Eiswürfel, als sich jemand auf dem Barhocker neben ihm niederließ. Er sah auf, erwartete halb ein Mikrofon unter seiner Nase vorzufinden, doch er lag falsch. Neben ihm saß eine attraktive Frau, die ihn unverwandt ansah.
Kevin stellte das Glas ab und erwiderte ihren Blick. Sie sah nicht aus wie ein Fan, eher wie eine Geschäftsfrau. Doch er vermutete, dass sie einer war. Zumindest trug sie genau den silbernen Achtelnoten-Anhänger, den er vor Jahren immer getragen hatte. Sie war elegant gekleidet und nicht von hier, ihr Aussehen war entschieden europäisch und nicht chinesisch.
"Und? Hilft es?" fragte sie, und deutete auf sein Glas.
"Warum wollen Sie das wissen?" fragte er müde. "Ich kann es Ihnen vielleicht nach dem fünften Glas sagen. Das hier ist erst das Erste."
"Lieber wäre mir, wenn es das Letzte wäre." meinte sie. "Ob Sie mir erlauben würden, Ihnen ein Glas Wasser auszugeben?"
Kevin musterte sie erneut. "Hat eine schöne, intelligente Frau wie Sie mitten in der Nacht ernsthaft nichts besseres vor, als einen Verzweiflungstrinker zu bekehren?"
"Oh, ich könnte mir durchaus langweiligeres vorstellen. Gestern etwa saß ich um diese Zeit über einem Haufen Akten. Aber Samstagnacht habe ich mich völlig gehen lassen, da hab ich ein dreistündiges Bad genommen, um dann mit einem Glas Rotwein ins Bett zu gehen. Heute dachte ich, ich versuch mal was neues und spreche Stars in Bars an."
Kevin nickte langsam. "Das klingt nach einem schön langweiligen neuen Hobby."
Sie schmunzelte und zog die linke Braue hoch. "Hobby vielleicht. Ob langweilig... hm, das muss ich noch rausfinden."
Der Barkeeper kam vorbei und stellte ihr ein Glas Wasser hin, das sie sofort gegen Kevins Glas tauschte. Amüsiert sah er zu, wie sie einen Schluck von seinem Hochprozentigen nahm und dann das Gesicht verzog.
"Naja, ich muss mir doch ein bisschen Mut antrinken, immerhin sitzt hier ein Weltstar vor mir." verteidigte sie sich mit einem kleinen Lächeln. Auf ihr Winken hin nahm der Barmann das Glas weg und stellte ihr ebenfalls Wasser hin.
Kevin schüttelte innerlich den Kopf. Jetzt war er grade AJ's fürsorglichem 'Du trinkst mir nicht'-Gehabe entkommen, da tauchte aus dem Nichts eine Fremde auf und machte genau da weiter, wo AJ aufgehört hatte... Zugegeben, eine schöne Frau, mit ansprechenden Kurven. Leider saß sie, so konnte Kevin von ihren langen Beinen nur die bloßen Knie bewundern, und das nur sehr kurz, damit es nicht auffiel. Aber ihr Humor gefiel ihm, er brachte ihre Augen zum Funkeln.
"Ich glaube, ich sollte meinen Bodyguard feuern und Sie einstellen, wo Sie doch so gut auf mich aufpassen." meinte er wie nebenbei.
"Ich weiß nicht, ob Sie sich mich auf Dauer leisten können." erwiderte sie mit einem verführerischen Lächeln. "Ich stelle hohe Anforderungen an meinen Boss."
Kevin lachte leise. Er mochte ihre Art zu flirten. Es lenkte ihn ab, und mehr noch, es machte ihn an.
"Ich kanns ja mal versuchen..." Er nahm sich eine Papierserviette und borgte sich vom Barkeeper einen Kugelschreiber. Dann schrieb er oben auf die Serviette 'Vertrag'.
"Darf ich Ihren Namen erfahren, schöne Frau, um die Vertragsbedingungen auszuarbeiten?"
Sie nickte gnädig. "Sylvana Ricarda Terides." Sie buchstabierte, während Kevin einen weiteren Blick auf ihre Knie und verdeckten Oberschenkel warf.
"Zuerst zu den Bedingungen. Natürlich erwarte ich Loyalität und Respekt von meinen Bodyguards." meinte er dann.
Sylvana nickte. "Das ist selbstverständlich."
"Außerdem Gehorsam und Opferbereitschaft, und dass Sie mich mit 'großer Meister' anreden." Kevin schrieb eifrig.
Sylvana lachte hell auf. "Was auch immer... Aber das mit dem Gehorsam kannst du gleich wieder streichen, großer Meister."
"Na gut..." mit traurigem Gesicht strich er das Wort. "Und was sind deine Bedingungen?"
"Ich muss auf zehn Wochen Urlaub im Jahr bestehen, einmal monatlich eine Louis Vuitton Tasche als Zeichen deiner Zuneigung, außerdem brauche ich selbstverständlich angemessene Garderobe, wenn es um Preisverleihungen oder so etwas geht. Second Hand reicht, aber ich weigere mich Anzüge zu tragen."
Kevin schmunzelte und nickte. "Das klingt fair."
"Und, das wichtigste, du musst mir mindestens einmal am Tag sagen, dass ich der beste Bodyguard bin, den du jemals hattest."
Kevin lachte leise.
"Schreib, schreib, schreib!" forderte Sylvana und tippte auf die Serviette.
Kevin tat es, während Sylvana angestrengt überlegte.
"Ich denke, das war alles."
"Gut, dann..." Kevin schrieb das aktuelle Datum darunter und legte Sylvana die Serviette zur Ansicht vor.
Sie überflog sie und unterschrieb, dann tat Kevin es ihr nach. Zur Feier des gelungenen Vertragsabschlusses stießen sie mit ihren Wassergläsern an.
"Eigentlich stößt man ja mit Champagner auf einen Vertragsabschluss an." meinte Kevin und nahm noch einen Schluck.
"Oh, mir macht das gar nichts, ich mag keinen Champagner." Sylvana lächelte verschmitzt. "Und? Was ist dein erster Auftrag für mich? Als Bodyguard stehe ich 24 Stunden, sieben Tage die Woche, zu deiner vollen Verfügung..."
Ein erregender kleiner Schauer überlief Kevin bei diesen Worten. Volle Verfügung... Er war sich sicher, dass sie genau meinte was sie sagte. Doch zugleich nagte Schuldgefühl an ihm, immerhin war er ein...
Verheirateter Mann?
War er das wirklich? Früher hätte er sich damit herausgeredet und wäre mit dem Appetit, den er sich geholt hatte, zu Kristin nach Hause gegangen. Aber jetzt gab es keine Ehefrau mehr, die zu Hause wartete, es gab nicht mal einen Ort den er als Zuhause empfunden hätte, und moralisches Schuldgefühl war wohl fehl am Platz, nachdem Kristin mit AJ geschlafen hatte. Eigentlich konnte er tun und lassen was er wollte.
Seit vier Monaten hatte er keine Frau angefasst, hatte ständig Albträume, in denen er Kristin mit anderen Männern sah. Vielleicht war Sex genau das, was ihm fehlte... Ein bisschen ehrliche Zuneigung und Streicheleinheiten von einer Frau. Vielleicht würde er sich danach besser fühlen. Schlechter ging es ja wohl auch kaum.
Und Sylvana war überaus anziehend. Mit den funkelnden, dunkelblauen Augen und den schwarzen Haaren, die sie streng hochgesteckt hatte, was ihr aber wunderbar stand und ihren schlanken Hals zur Geltung brachte, war sie wirklich eine Schönheit, die Kevin unter anderen Umständen zu einem Date überredet hätte. Wusste sie über ihn bescheid? Dass sie ihn kannte, stand außer Frage. Vom ersten Moment an sah sie ihn an, als wäre er ein alter Freund. Aber trotzdem war sie eine Fremde für ihn, und er wusste nicht, ob es richtig war sie nah an sich heran zu lassen.
"Du könntest mich zu meinem Zimmer begleiten." hörte er sich sagen und wunderte sich ein bisschen darüber.
Sylvana nickte leicht. "Gern."
Sie stand auf und nahm seine Hand, als ob sie von seinen inneren Zweifeln wüsste. Der Blick ihrer blauen Augen war ruhig und sanft, als sie ihren Arm unter seinen schob und mit ihm die Bar verließ.
Kevin ließ sich von ihr zum Fahrstuhl führen. Die Tür öffnete sich sofort, und er gab Sylvana den Vortritt in die Kabine. Dabei bekam Kevin zum ersten Mal einen ausgiebigen Blick auf ihre wohlgerundete Kehrseite und die langen Beine... Verdammt, sie war wirklich wundervoll.
Kevin folgte ihr in den Fahrstuhl, und als die Türen zuglitten wurde er sich ganz deutlich der intimen Situation bewusst. Keine Zeugen... Mit ihr allein auf engem Raum... Irgendwie machte seine eigene Erregung ihn nervös, und ihr Parfum trug noch dazu bei.
"Was machst du eigentlich, wenn du nicht grade von Leuten als Bodyguard engagiert wirst?" fragte er leise, um sich abzulenken.
Sylvana schaute zu ihm auf. "Ich bin Anwältin und arbeite für eine internationale Bank."
"Wow... Nicht schlecht..." meinte Kevin beeindruckt.
Sylvana lachte. "Dachtest du, ich bin als euer Fan hier unterwegs? Nein, ich bin beruflich hier und verbinde es mit dem Angenehmen."
Kevin sah sie an, und nach einer Weile guckte sie wieder zu ihm hoch. "Keine Sorge. Egal was passiert: Keine Öffentlichkeit, keine Verpflichtungen. Du hast genug Probleme, das letzte was du brauchen kannst ist eine Schlagzeile, dass du mit Fans herummachst." Sie sah wieder auf die Anzeigetafel, die die steigende Etagenzahl zeigte. "Auch wenn das einem der dämlichsten Gerüchte, die ich je hörte, die Luft rauslassen würde..."
Kevin schaute sie weiter stumm an, sprachlos und überwältigt von dem, was sie ihm anbot. Dann streckte er langsam die Hand aus und löste die Spange, die ihr Haar in dem strengen Knoten festhielt. Seidig fiel es herab, wie ein glänzender schwarzer Wasserfall. Vorsichtig fasste Kevin hinein und ließ es durch seine Finger fließen.
Der Signalton, der anzeigte dass sie im richtigen Stock waren, hielt ihn ab mehr zu tun. Sylvana nahm seine Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen, als die Türen aufglitten.
"Rechts." flüsterte Kevin, als könnte ein lautes Geräusch den Zauber brechen, der sich über sie gelegt hatte.
Sie folgten dem Gang bis zu seiner Zimmertür, die er mit leicht bebenden Fingern öffnete. Es war unvermeidlich, die natürlichste Sache der Welt, als er Sylvana mit sich in den Raum zog und in seine Arme, um endlich den Mund auf ihren zu drücken und ihre vollen Lippen zu kosten.
Sie schmeckte nach Kirschpfefferminz... Ihre Zunge begrüßte seine und schmiegte sich sofort an sie, als hätte sie nur darauf gewartet. Sylvana schlang die Arme um ihn und schob die Finger in seinen Nacken, um mit seinem Haar zu spielen und es zwischen den Fingerspitzen zu fühlen, genau wie er es mit ihrem machte.
Eng zog er sie an sich, an seine feste Brust, um sie zu spüren. Er wollte sie, sein ganzer Körper schrie beinah nach ihr... Ohne den tiefen Kuss zu unterbrechen, hob Kevin sie auf seine Arme und trug sie durch die Suite zum Schlafzimmer, um sie dort sacht abzulegen und sich neben sie zu knien. Seine plötzlich untätigen Hände begannen ihren schlanken Körper zu erforschen und ihr Kostüm aufzuknöpfen, um durch die Bluse ihre Brüste zu streicheln. Weich und voll schmiegten sie sich in seine Handflächen.
Kevin seufzte leise, als Sylvanas Mund auf Wanderschaft ging und sein Gesicht mit Küssen bedeckte. Geschickt zog sie ihm das Shirt nach oben und zwischen zwei Küssen über den Kopf, um kurz innezuhalten und einen bewundernden Laut von sich zu geben.
"Du bist wunderschön..." flüsterte sie.
"Nicht so schön wie du." erwiderte er und meinte jedes Wort ernst. Ihr rabenschwarzes Haar hob sich deutlich von den weißen Laken und ihrer cremehellen Haut ab, ihre Lippen waren feucht und geschwollen und ihre Augen glänzten.
Kevin senkte den Kopf und begann sie wieder zu küssen, stahl die letzten Reste Kirschminze und ließ seinen Mund dann tiefer wandern, um an ihrer zarten Kehle zu knabbern. Dabei öffnete er nun auch ihre Bluse und schob den Stoff beiseite, um seinen Verdacht bestätigt zu finden sie trug keinen BH. Sacht rieben seine Finger über die samtige Haut und zauberten ihnen beiden eine Gänsehaut auf den Rücken. Instinktiv hob Sylvana die Beine an und schlang sie um Kevins Hüfte, rieb sich rhythmisch an ihm und ließ ihn aufstöhnen.
"Du bringst mich um den Verstand, Kristy..."
Beide erstarrten mitten in der Bewegung.
Sylvana fing sich als erste wieder und streichelte weiter Kevins Brust, doch dann hörte sie auf und sah Kevin an, der sich nicht bewegte und ins Leere blickte.
"Hey... Kev..." Sie nahm sein Gesicht zwischen die Hände und brachte ihn dazu, sie anzusehen. Sanft streichelte sie seine Wange.
"Es ist in Ordnung..." sagte sie leise.
Doch Kevin schüttelte leicht den Kopf. "Tut mir leid... Wirklich, Sylvy, es tut mir leid..."
Alles war wieder auf ihn eingestürzt, in diesem einen Moment, als er ihren Namen aussprach. Er konnte nicht... Langsam löste er sich von Sylvana und stand auf.
"Es tut mir so leid..." wiederholte er, und sie verstand. Der Zauber war gebrochen.
Langsam setzte sie sich auf und knöpfte ihre Bluse zu, brachte ihr Kostüm in Ordnung und schob ihren Rock nach unten, ohne den Blick von Kevin zu wenden. Doch er sah zu Boden und hatte die Arme um sich geschlungen, als würde er frieren.
"Soll ich dir ein bisschen Gesellschaft leisten?" fragte Sylvana, als sie vom Bett aufstand. Sie berührte seinen Arm und spürte voller Bedauern seine warme Haut unter den Fingerspitzen. Aber trotzdem wog ihr das, was Kevin verloren hatte, schwerer als das, was sie heute Nacht nicht bekommen würde.
Er schüttelte leicht den Kopf. "Nein, geh besser. Es tut mir leid, dass..."
Ihr Finger auf seinen Lippen ließ ihn verstummen.
"Es ist in Ordnung." sagte Sylvana. "Es ist wirklich nicht deine Schuld." Sie hob ihre Handtasche vom Boden auf und holte eine Visitenkarte heraus, um sie Kevin in die Hand zu schieben. "Egal wann, egal wo, du kannst mich immer anrufen und mit mir reden. Ich bin für dich da."
Kevin nickte. "Danke."
Sylvana stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen kleinen Kuss auf die Wange. "Wir sehen uns, Kev." versprach sie leise. Dann ging sie, und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
Kevin stand noch eine ganze Weile so da, das Gefühl eines Frauenkörpers auf der Haut und ihren Duft in der Nase, doch es war nicht Sylvanas. Dann drehte er sich um und ging hinaus auf den Balkon.
Die Nacht war kalt. Tausende Sterne standen am Himmel und funkelten um die Wette, doch Kevin sah das nicht. Er starrte nach unten, wo zwölf Stockwerke tiefer die Straßenlaternen eine leuchtende Kette in der Dunkelheit bildeten. Er fixierte den Asphalt auf dem Hotelvorplatz und fragte sich, wie es wäre jetzt zu springen.
Wäre es schnell vorbei?
Würde es danach immer noch so wehtun?
Würde er sich danach immer noch so schrecklich einsam fühlen?
Er stand lange da, auf der Suche nach Antworten, während das Asphaltgrau vor seinen Augen verschwamm und ihn aufsaugte, und sein Körper äußerlich ebenso kalt wurde wie innerlich.
Irgendwann ging er wieder hinein und legte sich ins Bett.
Am nächsten Morgen machte er sich nicht die Mühe aufzustehen.