Chapter 56

„Ich kann es einfach nicht glauben. So etwas hinter ein Mikrophon zu lassen ist unverantwortlich. Was haben sie gedacht was Kevin antwortet, huh? Ist das hier Sitte andere Menschen in ihr Unglück zu stürzen und zuzugucken wie sie zerbrechen?“ Bereits seit einigen Minuten wetterte Cat ununterbrochen, während sie vor dem Hinterausgang des Radio Senders kleine Kreise zog.
Anfangs hatte Marcus noch versucht ihr zu folgen, doch mittlerweile schickte er im Minutentakt nur noch Stoßgebete gen Himmel dass sie sich möglichst bald beruhigte. Wenn AJ sie so aufgebracht sah würde das nur noch mehr ärger geben. Wenn Cat und dem Baby noch irgendetwas zustieß… Marcus mochte nicht einmal daran denken und setzte zum Wiederholten male an um sie zu beruhigen.
„Cat, beruhige dich. So aufgebracht wie der Programmchef war, war diese Frage nicht beabsichtigt und…“
„Es ist mir Scheißegal wer sich diese Fragen ausgedacht hat und wer nicht. Es kann nicht sein das so etwas Live on Air geschieht, weißt du was das für Kevin bedeutet…?“
„Ich kann…“
„Ich schwöre wenn ich diesen Kerl in die Finger kriege werde ich ihn in der Luft zerreißen und…“ Cat unterbrach sich selbst als die Tür des Einganges aufging und die Jungs nebst Bodyguards das Studio verließen und auf sie zutraten.
AJ ging schweigend, mit gesenktem Kopf neben Kevin her, während Brian, mit hochrotem Kopf, permanent leise auf Howie einredete und Nick wütend sein Handy malträtierte.
Als sie jedoch in den bereits wartenden Van stiegen herrschte für einige Minuten eisiges Schweigen. Niemand wusste so recht was er sagen sollte.
Jeder hing seinen Gedanken nach und starrte aus dem Fenster. Nur Cat’s Blick huschte immer wieder von einem zum anderen. Das Baby in ihrem Bauch beschwerte sich mit einem leicht stechenden Schmerz über die Aufregung, doch Cat war bemüht niemanden etwas spüren zu lassen und fixierte schließlich Kevin, in der Hoffnung seine Gedanken und Gefühle lesen zu können.
Er spürte natürlich ihren Blick, aber er weigerte sich eine ganze Weile erfolgreich zu ihr aufzusehen. Eine ganze Weile, aber sie war hartnäckig und er einfach nur müde, also gab er sich als der Klügere und schließlich nach. Er hob den Kopf und zugleich die Hand, um ihr schwach zuzuwinken.
"Hallo Babygirl. Hat mein Hinterkopf schon ein Loch vom Hinsehen?"
„Noch nicht ganz, aber ich arbeite daran.“ Erwiderte Cat schlagfertig und ignorierte einen kurzen Seitenblick von AJ, der nach der scheinbar unendlichen stille im Auto, überrascht aufsah als Kevin seine Freundin ansprach.
„Geht’s dir gut?“ fragte sie leise, obwohl sie wusste das diese Frage mehr als überflüssig war und legte sich eine Hand auf ihren mittlerweile sichtbaren Babybauch der erneut unangenehm auf sich aufmerksam machte.
"Ich weiß nicht... Ich will im Moment gar nicht drüber nachdenken, wie es mir geht... Stell dir vor es kommt dabei raus, dass es mir gut geht, dann machen sich all diese reizenden Menschen ganz umsonst Sorgen um mich. Das kann ich ihnen nicht antun." meinte Kevin mit einem gefakten Lächeln, von dem er wusste, Cat würde es ihm nicht abnehmen.
Sie seufzte leise, schenkte ihm ein warmes und aufrichtiges Lächeln und nahm sich vor, im Hotel angekommen, endlich mal wieder ganz in Ruhe und unter Vier Augen mit Kevin zu sprechen. Seit sie wieder unterwegs waren, war sie kaum dazu gekommen. Viel zu sehr war sie mit sich selbst, dem Baby, AJ und der penetranten Crew beschäftigt gewesen… Ihre Teetasse lief schließlich nicht von allein jeden Abend bis an den Bühnenrand, wo ein Stuhl für Cat bereit stand sobald die Show begann, und wartete dort sehnlichst auf sie.

Kevin war schon halb auf dem Weg in sein Zimmer, der Kaffee mit AJ war vergessen, als Cat ihn in der Hotelhalle zurückhielt und Alex bedeutete allein hochzugehen.
"Kann ich mal unter vier Augen mit dir reden?" fragte sie leise.
Kevin unterdrückte ein tiefes Seufzen. Er wusste nur zu gut, wohin das führen konnte. Trotzdem konnte er Cat nicht entwischen, sie war stur, vielleicht sogar noch sturer als er selbst.
"Okay..." willigte er schließlich ein.“Aber nicht hier."
Cat nickte stumm und stieg neben Kevin in den Fahrstuhl.
In seinem Zimmer angekommen ließ er die Zimmerkarte achtlos auf seinen Nachttisch fallen, warf seine Jacke über den Sessel in einer Ecke und deutete Cat an sich zu setzen.
Während sie seiner Einladung folgte, nahm Kevin auf dem Bett ihr gegenüber Platz und musterte sie einen Augenblick ehe er sich auf seine Ellenbogen zurück lehnte und sie herausfordernd ansah.
„Also Kleines… was gibt’s?“
Cat seufzte „Ich möchte einfach nur wissen wie es dir geht Kev. Ich weiß dass es nicht einfach für dich ist. Nicht nur wegen der Situation an sich, sondern weil die Leute um dich rum dich wahnsinnig machen mit ihren besorgten Blicken. Frag mich…“ grinste Cat müde und deutete auf ihren runden Bauch „Ich weiß am besten wie du dich fühlst und wie anstrengend die alle sein können. Aber ich finde du schlägst dich wirklich tapfer und ich bin wahnsinnig stolz auf dich. Ich weiß wie hart dass im Moment alles ist.“
Kevin dachte einen Moment über Cats Worte nach. Wahrscheinlich litt er nicht halb so sehr wie sie unter der Aufmerksamkeit, die alle ihnen schenkten. Ihm trug man zumindest keine Stühle nach, und Keith hatte auch normalerweise nicht die Angewohnheit, ihm überall hin wie ein Schatten zu folgen. Klar wurde er genau dafür bezahlt, doch er kannte Kevin zu gut als das er ihn ständig zu beschützen versuchte. In Menschenmengen war das eine Sache, aber Kevin hätte jeden, der versuchte ihm auf die Toilette zu folgen, eines besseren belehrt. Freundschaft hin oder her.
Nein... Was Kevin, neben dem was Kristin ihm angetan hatte, so mitnahm war, dass er fürchtete die Leute könnten glauben, was in den Medien über ihn verbreitet wurde. Er hatte immer ein bisschen damit zu kämpfen gehabt, dass die Meinung anderer ihm wichtig war und dass er es schlecht vertragen konnte, wenn jemand schlecht über ihn dachte. Die eine Sache war dabei das Business, aber eine ganz andere war sein Privatleben. Das wollte er nie vor der Welt ausbreiten, und jetzt wurde ihm möglicherweise genau das zum Verhängnis. Was aber nicht hieß, dass er jetzt eher geneigt war über die Gründe zu reden, warum er und Kristin sich scheiden ließen... Es war ihre Sache, verdammt. Wenn sie glauben wollten das uralte Gerücht, er sei schwul, träfe zu, warum nicht? Was ging das ihn an, er kannte die Wahrheit.
Doch tief in sich wusste Kevin, es war ihm nicht egal...
"Was soll ich dir sagen, Cat... Ja, es ist hart. Aber was soll ich dagegen tun? Ich kann es nur ertragen, solange es dauert."
„Kev… Du weißt ich bin kein Freund davon dir kluge Ratschläge zu geben um mein Gewissen zu erleichtern und mir einzureden dass ich dir damit geholfen habe, aber ich möchte das du weißt das ich für dich da bin, falls du doch mal das Bedürfnis haben solltest zu reden. Und sei es nur über das Wetter. Alle sind wirklich bemüht damit es dir an nichts mangelt und damit die Tour dir so leicht fällt wie es in deiner Situation irgendwie möglich ist…“ Cat sah einen Moment lang aus dem Fenster ehe sie Kevin ein mitleidiges Lächeln schenkte „Wenn sie dir mit ihrer Fürsorge auf den Keks gehen sag bescheid. Dann werd ich mal ein Machtwort sprechen. Das hat bei mir selbst zwar nicht funktioniert, aber vielleicht hören sie ja wieder auf mich wenn es mal nicht um mich und das Baby geht.“
Kevin sah mit traurigem Gesicht auf Cats sanft gerundeten Bauch hinab. Er dachte dabei an Kristin und seinen Traum Vater zu werden.
"Wie geht es denn dir? Was macht das Kleine? Darf ich... darf ich mal anfassen? Nur wenn das für dich okay ist..." Er wurde immer leiser.
Ein leises Lächeln schlich sich auf Cats Lippen und sie stand auf um sich neben Kevin aufs Bett zu setzen. Vorsichtig nahm sie seine Hand und legte sie auf ihren Bauch.
Ein leises Seufzen entwich ihm und Cats Hand schloss sich ein wenig fester um die von Kevin, damit er nicht gleich wieder los ließ, während ein wenig tiefer in den Bauch atmete, in der Hoffnung dass das Baby reagieren und wenigstens ein klitzekleines bisschen auf sich aufmerksam machte.
Obwohl sie noch immer ein leicht schmerzendes ziehen im Bauch hatte ließ sie sich nichts anmerken und schmunzelte stattdessen über das leuchten in Kevins Augen.
Wie sehr hätte sie ihm dieses Glück doch selbst gewünscht…
Cats Bauch war noch nicht sehr groß, wenn auch nicht länger zu verstecken. Das Baby konnte nicht mehr als ein Winzling sein, aber im fünften Monat hatte es schon kleine Finger und Zehen, die es krümmte, und eine ganz durchscheinende Haut, unter der man alle Blutgefäße sah. Kevin hatte oft genug in Büchern nach Abbildungen gesehen um das genau zu wissen.
Es kam ganz plötzlich, ein kleines, flatterndes Gefühl unter seiner Handfläche. Vor Staunen blieb Kevin die Luft weg... Das war doch ein Wunder, oder? Ein neues kleines Leben...
"Cat... ich beneide dich..." flüsterte er ehrfürchtig. "Das ist so..." Weiter kam er nicht, ein Klos bildete sich in seinem Hals und drohte ihn zu ersticken. Hilflos begegnete er Cats Blick, die Augen voller Tränen.
Wie dicht war er davor gewesen, das jeden Tag spüren zu können? Wie ein Kind unter Kristins Herzen wuchs? Wäre alles anders gelaufen, wenn er irgendwas anders gemacht hätte? Hatte er Kristy vernachlässigt oder irgendwas falsch gemacht?
Er schüttelte entschuldigend den Kopf, als die ersten Tränen über seine Wangen liefen.
„Hey Honey…“ sanft nahm Cat Kevins Gesicht in ihre Hände und wischte mit dem Daumen vorsichtig die kullernden Tränen von den Wangen die kaum zu versiegen schienen. „Du wirst das irgendwann auch haben… ganz für dich allein. Auch wenn du im Moment vielleicht noch nicht daran glauben magst, aber ich weiß es und du wirst ein großartiger Daddy werden.“ Mit wenigen Handgriffen zauberte Cat ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und wischte vorsichtig die noch immer laufenden Tränen von Kevins Wange, ehe sie ihn sanft in ihre Arme zog und für lange Zeit festhielt.

Kapitel 57