Chapter 55

Völlig verschwitzt mühte sich Kevin weiter an den Geräten, obwohl seine überanstrengten Muskeln längst protestierten. Trotzdem hörte er nicht auf, denn es war seine Art sich vom Denken abzuhalten.
Seit diesem Zeitungsartikel spekulierte die gesamte Yellow Press darüber, dass die Backstreet Boys am Ende waren. Es hieß, er und AJ würden sich nur noch anfeinden und bei jeder Gelegenheit aufeinander losgehen. Was ja vor ein paar Wochen auch noch der Wahrheit entsprochen hätte. Nur dass AJ heute eher so mit ihm umging, als wäre Kevin ein rohes Ei mit einem Sprung.
Kevin sehnte sich danach, dass die Tour endlich zu Ende war. Es verlangte ihn danach zu Hause in Kentucky unterzutauchen, unerreichbar für die Reporter, die draußen auf ihn lauerten. Es war einfach zu viel, er wollte seine Ruhe haben.
Aber bevor er die haben konnte, standen noch drei weitere Wochen an, in denen er mitfühlende Blicke der Fans ertragen und Mikrophonen ausweichen musste.
Nur noch drei Wochen...

Als er, später an diesem Tag, mit den Jungs ein Promotion-Interview gab, war Kevin einsilbig und ließ die Anderen für sich antworten. Sie hatten es inzwischen drauf den Mann zu decken, der früher ihr Wortführer in Interviews gewesen war. Besonders Nick, der keine Zurückhaltung kannte, und Brian, der immer schnell mit einen Spruch dabei war, funkten den Interviewern dazwischen, wenn die eine Frage direkt an Kevin richten wollten. Sie machten einen Sport daraus, in dem auch AJ ab und zu punkten konnte.
Das Ganze fand live in einem Radiosender statt, und wenn Kevin zu Beginn nicht wie die Anderen 'Hi' gesagt hätte, wäre vielleicht der Verdacht laut geworden, sie hätten ihn zu dem Interview gar nicht mitgebracht. Aber er war anwesend, körperlich und ab und zu sogar geistig.
Die meiste Zeit verbrachte er damit, die Menschen hinter der Glasscheibe zu beobachten, die Leute in der Technik, die an den Regelpulten saßen. Cat stand mit Keith und Marcus hinter denen, und wann immer sich ihre Blicke trafen, lächelte sie ihm ermunternd zu. 'Nur noch zehn Minuten.' bedeutete sie ihm mit den Händen, und Kevin seufzte innerlich, um sich dann wieder dem Geschehen zuzuwenden.
"Wer hatte die Idee zum Video 'Just Want You To Know'?" wollte die nett lächelnde Moderatorin wissen. Sie sprach sehr gutes Englisch, war recht hübsch und bei ihrem Anblick musste man sich wundern, warum sie beim Radio und nicht beim Fernsehen arbeitete. Trotzdem entlockte ihre Frage bei den Jungs nur ein verbindliches Lächeln, schließlich hatten sie das schon gefühlte fünftausend Mal erzählt.
So antwortete Howie auch freundlich mal wieder dasselbe, und nur jemand der ihn kannte hätte sagen können, dass er den Satz gar nicht mehr formulieren musste, weil er ihn im Grunde auswendig beherrschte. Da war er Profi.
"Ich habe eine viel bessere Frage, Makoto, aber du hast sie aus unverständlichen Gründen nicht haben wollen..." fuhr der Co-Moderator Mitchiro Kasaki feixend fort und stellte sie auch gleich. "Kevin, ich weiß, dass der Fakeband-Name 'Sphyncter' deine Idee war. Wie bist du darauf gekommen?"
Das war eine harmlose Frage, wie die vorher schon tausendmal gestellt, und so blieben die Anderen still, um Kevin selbst Auskunft geben zu lassen.
Sein Blick glitt zum Moderator, er öffnete bereits den Mund um höflich zu antworten. Doch dabei sah er es hinterhältig in den schwarzen Augen seines Gegenübers aufblitzen.
"Nun ja, es ist eines dieser Worte, das wohl jeder Erwachsene kennt, aber das keiner, aufgrund seiner anatomischen Lage, in den Mund nimmt. Ich fand es witzig." erklärte er vorsichtig. Misstrauisch, weil der Mann ihn mit den Augen fixierte statt auf seinem Block nach der nächsten Frage zu sehen.
"Ist es wahr, dass du dieses Wort so interessant findest, weil du es selbst gern von hinten magst? Es gehen Gerüchte, dass deine Frau deswegen die Scheidung will. Oder stimmt es, dass du zeugungsunfähig bist und deine Ehe daran zerbrach?"
Kevin brauchte von Null auf hundertachtzig etwa anderthalb Sekunden. Das Blut, das aus seinem Gesicht gewichen war, hatte nicht genug Zeit um wieder hineinzusteigen, bevor er nach vorn hechtete und, über Howie hinweg der nicht wusste wie ihm geschah, nach dem unglückseligen Radiomenschen griff. Der machte einen Satz rückwärts, bis sein Kopfhörer ihn stoppte...
Doch er hatte das Glück, dass ein Pult zwischen ihm und den Backstreet Boys stand, und dass drei der vier ihren Bandältesten mit allem was sie hatten festhielten, um ein Unglück zu vermeiden.
Die Techniker, draußen vor der Scheibe, reagierten so schnell sie konnten und Musik flutete das Studio, ein Zeichen dass die Live-Sendung unterbrochen worden war.
"Verdammt, lasst mich los!" fluchte Kevin und versuchte weiter Kasaki nachzujagen, der aus dem Raum flüchtete und dabei fast die Tür mitnahm. Marcus und Keith kamen AJ und Nick zu Hilfe, grade rechtzeitig als es Kevin gelang Brian abzuschütteln.
"Wow, schon okay Alter, komm beruhige dich." Keith griff sich seinen alten Freund und drängte ihn in eine Ecke, im Notfall durchaus bereit ihn in den Schwitzkasten zu nehmen.
"Was zum Teufel sollte das? Häh? Was?!" Nick baute sich vor der fast zwei Köpfe kleineren Moderatorin auf, bis sich Brian dazwischen schob und ihm die Hände auf die Schultern legte.
"Ruhig Nick, schau sie dir doch an, sie war davon genauso überrascht wie wir!"
Der Programmchef stürmte in diesem Moment herein, dicht gefolgt von Cat, die mitten in ihrem Donnerwetter war.
"... denken Sie sich eigentlich, wozu wir VORHER einen Fragenkatalog absegnen, wenn Ihr Moderator...!"
"Unser EX-Moderator!" unterbrach der Mann sie, und Marcus, der ebenso wenig gern sah wie AJ, dass Cat sich aufregte, nahm sie am Arm und mit nach draußen, um ihr Gelegenheit zu geben sich abzureagieren.
"Wir rufen Johnny an." erklärte er kurzerhand, und schon waren sie außer Sicht.
Die Musik wurde von Werbung abgelöst, während der Programmchef wortreich auf Howie einredete. An Kevin, der in der Ecke auf und ab tigerte, traute er sich nicht näher heran. Brian versuchte inzwischen die kleine Moderatorin zu beruhigen, die Nick so sehr angefahren hatte, dass ihr die Tränen gekommen waren.
AJ stand in dem Tohuwabohu und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, die Augen besorgt auf Kevin, der sich grade, unnatürlich bleich, kraftlos auf dem Boden nieder ließ.
Alex ging zu ihm hinüber, berührte kurz Keith am Arm, der wie eine lebende Mauer zwischen seinem Jugendfreund und den durchgedrehten Geschehnissen stand.
"Kev?" Alex ließ sich neben ihm nieder. "Alles okay? Du siehst nicht gut aus..."
Kevin schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf. "Mir ist schlecht..." murmelte er gepresst.
"Kopf zwischen die Knie und ruhig durchatmen." riet Keith, und Kevin beherzigte seine Worte. Seine leisen Atemzüge wurden vom Redeschwall des Programmchefs übertönt, der sich an Howie vorbei auf ihn zuschob, weil Kevin jetzt nicht mehr so groß und furchterregend wirkte.
"Es tut mir ja so leid, Mr. Richardson! Glauben Sie mir, es war niemals die Absicht dieses Senders diese geschmacklosen Gerüchte aufzunehmen und Sie auf diese gemeine Art damit zu konfrontieren! Im Namen meiner Mitarbeiter entschuldige ich mich vielmals und..."
Keith geriet ihm dazwischen, der den Mann einfach umdrehte und vor sich her zur Tür schob. "Ja, er hat das verstanden. Sie müssen aber auch verstehen, dass wir jetzt nicht mehr in der Lage sind das Interview fortzusetzen, und..." Mit einem letzten kurzen Blick auf Kevin, der wie ein Häufchen Elend am Boden saß, die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf darauf gelegt, verschwand er mit dem Mann nach draußen, auf der Suche nach Marcus. Er wollte Kevin nur noch so schnell es ging hier raus haben.
Inzwischen sammelten sich auch Nick, Howie und Brian um Kevin und bildeten unbewusst einen schützend Wall um ihn.
"Der soll sich bloß nicht einfallen lassen zu behaupten, Kev hätte ihm ein Auge blau geschlagen. Ich hab genau gesehen, dass er sich selbst die Tür vor den Kopf gehauen hat." grummelte Brian. "Er ist gelaufen, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter seiner Seele her."
Kevin hob den Kopf, lehnte ihn erschöpft gegen die Wand und atmete tief durch. "Jetzt hör aber auf mir zu schmeicheln, sonst werde ich noch ganz rot, B."
Nick schüttelte den Kopf, als könne er nicht fassen was passiert war. "Und das, wo ich den Mann nicht schlagen darf. Ich würde ihn mir jetzt so gern vorknöpfen..."
"Wieso darfst du nicht?" wollte Howie verwirrt wissen.
"Na, er ist doch bestimmt mehr als einen Kopf kleiner als ich, so wie alle hier. Bei so großem Größenunterschied hat man doch einen zu großen Vorteil, außerdem ist es unmoralisch."
"Nick, ich glaube du verwechselst grade Japaner mit Chinesen. Chinesen sind alle etwa meine Größe, aber Japaner werden ein gutes Stück größer." Howie lächelte nachsichtig, während Nicks Kopf hochschnellte.
AJ imitierte einen Quiz-falsche-Antwort-Ton. "Wääääk! Howie, es ist keine gute Idee Nick grade jetzt aufzuklären, glaub mir."
"Also wenn ihr jetzt mit Aufklärung anfangt, bin ich es, der rot wird." warf Brian ein.
"Ich hätte jetzt gern einen Whiskey..." meinte Kevin.
AJ, dem der verlorene Blick seines Freundes ein bisschen Angst machte, stand auf und zog ihn mit sich hoch. "Du kriegst aber keinen. Wie wärs mit Kaffee? Ich lad dich ein."
"Egal was, Hauptsache weit weg von hier." stimmte Kevin zu. Sollten sich das Management und die Anwälte um den Rest kümmern, er wollte nur noch raus...

Kapitel 56