Chapter 53

Einen Tag später wurde im Hause McLean eine fröhliche Silvesterparty gefeiert. Howie und Leigh waren gekommen, genau wie Nick und Kevin, die es immer noch miteinander in einer Art brüderlicher WG aushielten.
Nick war zur Zeit, von kurzfristigen Flirtereien abgesehen, solo, um Kev nicht zu sehr damit zu belasten, beziehungsähnliche Strukturen Tag und Nacht vor der Nase haben zu müssen. Zugleich wusste Kevin genau, dass und warum Nick das tat, und erwies sich dankbar, indem er so wenig streitlustig wie nie zuvor in seiner Freundschaft mit Nick war.
Er verbrachte stattdessen viel Zeit damit, hinter Nick aufzuräumen. Das brauchte Kevin auch. Schon immer hatte er, wenn er Sorgen oder Ängste gewälzt hatte, aufgeräumt und geputzt, dabei konnte man entweder zugleich Ordnung in seine Gedanken bringen oder sie schweifen lassen, je nachdem was man nötig hatte. Und Kevin hatte grade eine Menge von beidem nötig...
Er hatte die Besuche bei Dr. Livingston eingestellt, ihm aber zuvor sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass seine neuartige Therapie der größte Bockmist war, den Kevin sich vorstellen konnte. Unterstrichen hatte er das mit einem hübschen Handyfoto von Alex' Veilchen.
Kevin fühlte sich immer noch schuldig, seinen Freund so zugerichtet zu haben, obwohl dessen Blutergüsse sich heller färbten und AJ fröhlich den Spott, den er von allen Seiten erntete, zurückgab. Tatsächlich schien das Ganze Alex bei weitem mehr geholfen zu haben als Kevin...
Bei dieser geselligen Silvesterrunde heute, fühlte Kevin sich fehl am Platz. Aber er hatte nicht absagen können. Und dazu, wie an den Weihnachtstagen mit Nick, einfach in einen Club zu gehen und Vergangenheit und Zukunft zugunsten des Hier und Jetzt zu vergessen, fehlte ihm die Motivation.
So kam es, dass er mit Cat und Leighanne das dreckige Geschirr in die Küche brachte und sich erbot den Geschirrspüler einzuräumen, während die Frauen mit frischen Gläsern und Knabbereien zurück ins Wohnzimmer gingen.
Kevin ließ sich Zeit, das Gerät zu befüllen. Mit halbem Ohr lauschte er auf das Lachen und Scherzen, die Anekdoten, die – schon viele Male erzählt – noch immer ankamen.
Ein Gefühl von Einsamkeit schwappte über ihn weg, wie so oft in den letzten Monaten. Ein Schmerz, tief in seinem Innern, der nicht nachlassen wollte, und erst recht nicht über Nacht verschwinden.
Kevin schloss die Spülmaschine und wusch sich die Hände. Doch statt dann zurück zu den anderen zu gehen, löschte er das Licht und trat hinaus auf die stille Terrasse.
Langsam atmete er die salzig schmeckende Brise, die vom Pazifik heraufwehte. Das Licht des Mondes, der ab und zu durch die Wolken lugte, spiegelte sich im Wasser.
Wenn Kevin sich vorstellte allein auf der Welt zu sein, nur in Gesellschaft des Meeres und des Mondes, konnte er fast vergessen was an ihm nagte...
Leider nur fast... Halt suchend stützte er die Hände auf das Geländer. Der Wind trug seinen Seufzer davon, in Richtung der weit entfernten Rocky Mountains.
Es war für die Backstreet Boys ein tolles Jahr gewesen, das heute endete. Das Album gelungen und mehr denn je ihre Musik, die Tour ein Erfolg, die Fans enthusiastisch, unterstützend und liebenswert wie immer. Asien stand noch aus, doch es schien als würden sie dort noch sehnsüchtiger erwartet als in Europa. Australien war ein weiterer neuer Kontinent, den sie für sich erobern wollten.
Für die Jungs privat dagegen, war es ein gemischtes Jahr...
Howie steckte seine ganze Liebe und Energie in seine Lupus Foundation, diese Arbeit machte ihn glücklich. Und solang es Leigh und seine Familie gab, konnte ihn nichts umhauen.
Dasselbe war es mit Brian. So missmutig er sein konnte, wenn er von Frau und Kind getrennt war, so sehr blühte er auf wenn sie bei ihm waren. Die Vaterschaft tat ihm gut, und kein Kind wurde von seinen Eltern mehr geliebt als der kleine Baylee.
Bei Nick sah das dagegen ganz anders aus. Seine Familie war ein Trümmerhaufen, seit der Scheidung seiner Eltern. Einige seiner Geschwister hatte er seit fast einem Jahr nicht gesehen, - für Kevin und dessen Brüder wäre das unvorstellbar - und Nick vermisste sie sehr, ebenso wie Eltern, zu denen er gehen konnte. Bei Bob war das zwar der Fall, aber gegenüber Jane empfand Nick eine große Bitterkeit. Er liebte sie, wie konnte man auch die eigene Mutter nicht lieben... Aber er war auch tief enttäuscht von ihr und wurde das noch immer, wenn sie miteinander zu tun hatten. Und dennoch... Trotz dieser familiären Probleme schaffte Nick es, die Verbitterung außer acht zu lassen und einfach zu leben, fröhlich und unbeschwert zu sein. Etwas das Kevin weit weniger leicht fiel.
Und Alex? Tja, AJ... Er hatte einen großen Fehler gemacht und sich selbst dafür bestraft. Dieses Jahr musste, nach dem in dem seine Grandma gestorben war, das schwerste für ihn gewesen sein... Aber jetzt war es vorbei, und er hatte Liebe gefunden, wurde bald Vater. Man konnte wohl sagen, dass es für AJ zugleich auch das beste Jahr gewesen war. Kevin hoffte für ihn, dass das nächste noch besser werden würde.
Und er konnte nur hoffen, dass sein nächstes auch besser wurde... Dieses hatte so vielversprechend begonnen, er und Kristin hatten über Kinder geredet und eine Weile schien die Vaterschaft zum Greifen nah. Dann hatten sie es für eine kleine Weile aufgeschoben, wegen der Tour.
Das Nächste, was Kevin von Kristin zu dem Thema hörte, war vor dreieinhalb Monaten. Dass er Kinder wollte und sie nicht, dass sie ihn nicht mehr liebte und frei sein wollte. Seine Welt brach mit einem Schlag zusammen und er stand vor einem Scherbenhaufen, an dem man nichts mehr kitten konnte. Alles was er noch hatte, waren seine Familie, die immer für ihn da war, und seine Freunde, die zu ihm standen, auf ihn aufpassten und ihn beschäftigten, weil er sonst den ganzen Tag irgendwo saß und grübelte. Seine Zukunft hatte sich dagegen in Luft aufgelöst...
Kevin blickte auf zum Mond. Wie damals, als sein Vater gestorben war, hatte er auch diesmal geglaubt die Welt müsse stillstehen. Seine tat es... Es waren andere, die dafür sorgten dass er weiter machte. Innerlich jedoch stand er still und versuchte zu begreifen, was sein Fehler gewesen war. Warum Gott es zugelassen hatte, dass er wieder einen... den Menschen verlor, an dem er am meisten hing. Aber Gott antwortete ebenso wenig wie damals, und erneut fragte sich Kevin, ob er vielleicht gar nicht existierte. Der Friede, den er nach Jerald Richardsons Tod mit seinem Schöpfer geschlossen hatte, war erneut ins Wanken geraten...
Kevin schloss die Augen, spürte nur noch den leichten, kalten Wind im Gesicht.
Soviel Schönheit, soviel Vollkommenheit, die existierte... Warum? War diese Welt eine Laune der Natur? Kein göttlicher Wille, kein bewusster Akt dahinter, kein Schicksal, und sie trudelten auf gut Glück durchs Universum, innerhalb genau definierter Grenzen, ihre Ausrottung genauso festgelegt wie das Ende der Sonne? Leben ohne tieferen Sinn, vor den Weiten des Kosmos?
Na prima, jetzt hatte er es geschafft sich wie ein Staubkorn im All zu fühlen... Diese Grübeleien waren wirklich nicht gut für ihn.
Das Öffnen und Schließen der Schiebetür ließ Kevin aufhorchen, doch er öffnete die Augen noch nicht. Er erkannte die Schritte, dann spürte er die Erschütterung, als sich jemand neben ihm auf das Geländer stemmte.
"Hi Nick." Kevin öffnete die Augen und sah hinaus auf den Ozean.
"Kev? Schöne Aussicht hier."
Nick baumelte ein wenig mit den Beinen und ließ den Blick über die mondlichtgekrönten Wellen schweifen. Wie immer, wenn er das Meer sah, spielte ein leichtes Lächeln um seine Lippen. Kevin brauchte nicht hinzuschauen, um das zu wissen. Nick und der Ozean, das war eine besondere Beziehung, die selten darauf Rücksicht nahm, das Nick ab und zu Kleidung trug. Wenn er das Wasser sah, war er glücklich, und wenn es ihn rief, gab es kein Halten.
Nick atmete tief die nach Salz und Tang duftende Brise ein und stieß sie langsam wieder aus. "Was machst du hier so allein?" wollte er dann wissen. Er wandte seinem Freund das Gesicht zu.
"Um ehrlich zu sein, ich dachte grade über den Sinn unseres Daseins nach." erwiderte Kevin gelassen.
Nick kratzte sich am Kopf. "Das ist wirklich ein gewichtiges Thema... Und zu welchem Schluss bist du gekommen?"
Kevin seufzte. "Zu dem, dass ich zuviel nachdenke."
"Womit du unzweifelhaft recht hast." Nick nickte.
"Und was machst du hier draußen?" fragte Kevin, obwohl ihm die Antwort eigentlich klar war.
"Du bist nicht wiedergekommen, da wollte ich mal nach dir sehen." Nick sprang vom Geländer und stellte sich neben Kevin. Wortlos reichte er ihm die mitgebrachte Bierflasche, und Kevin nahm einen Schluck.
Eine Weile standen sie im einträchtigen Schweigen, den Blick weiter auf das, sich ständig verändernde und doch immer gleich bleibende, Meer gerichtet. In Nicks Gesellschaft schaffte Kevin es besser abzuschalten, einfach an nichts zu denken.
"Was wünschst du dir für das neue Jahr? Willst du dir was vornehmen?" fragte Nick schließlich in die behagliche Stille hinein und nahm seine Flasche wieder an sich.
"Ich hab keine Ahnung, was ich mir wünsche." gestand Kevin. "Außer vielleicht, dass Kristy zurück kommt und mich wieder liebt, wir von vorn anfangen können... Aber das wird nicht passieren, ist also sinnlos. Und was ich mir vornehme... Vielleicht aufzuhören meine Freunde damit zu belasten, sich ständig um mich sorgen und kümmern zu müssen."
"Was wir aber sehr gern für unseren alten Kevin tun." Lächelnd stieß Nick ihn mit der Schulter an. Doch dann wurde er wieder ernst. "Du hast soviel für mich, für uns alle, getan, da ist es doch nur gerecht, wenn wir mal die Gelegenheit haben es dir zurückzugeben." Er reichte Kevin die Flasche.
Kevin wusste darauf nichts zu erwidern. Klar hatte er ihnen immer geholfen, das war doch selbstverständlich, schließlich waren sie seine Freunde, seine kleinen Brüder. Aber wenn er das jetzt laut aussprach, würde Nick seine Worte um hundertachtzig Grad herumdrehen und ihm antworten, dass er ihr großer Bruder war, für den sie alles tun würden, und dass das ebenfalls selbstverständlich wäre... Also schwieg er und nahm, leicht verlegen, noch einen Schluck von Nicks Bier.
"Weißt du, was du dringend brauchst?" wollte Nick wissen.
"Sags mir." meinte Kevin, halb in Erwartung, Nick würde jetzt was von schönen jungen Frauen und heißem Sex erzählen. Doch weit gefehlt...
"Du brauchst ein neues Ziel, Kev."
Fragend sah der Ältere den jungen Mann an.
"Ja, ich meins ernst. Du hattest doch immer klare Ziele vor Augen, oder nicht? Mit siebzehn hast du dich für die United States Air Force eintragen lassen und wolltest einer der Blue Angels werden. Mit neunzehn hast du dich entschieden, lieber Musik und Schauspielerei zu machen, weil dein Herz daran noch mehr hängt als am Fliegen. Als es darum ging ein Backstreet Boy zu werden, hast du nicht eine Sekunde gezögert, und härter an deinem – unserem – Traum gearbeitet als jeder andere von uns. Du hast dich öffentlich stark gemacht für den Umweltschutz, hast sogar dafür den Schritt vor den Senat gemacht. Dann war da dein Musikschul-Projekt. Was immer du, wann immer, getan hast, du bist immer deinem Herzen und deiner Überzeugung gefolgt und wolltest die Welt ein Stück besser machen. Mir fehlt dieser Teil von dir, Kev... Such dir ein neues Ziel..."
Kevin starrte seinen Freund nachdenklich an. Er hatte Recht, zweifellos. Da gab es nur ein klitzekleines Problem... Kevin wandte sich vom Meer ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer, zwang Nick so es ihm gleichzutun, um ihn weiter anschauen zu können.
"Mein nächstes Ziel waren Kinder..."
Nick zuckte mit den Schultern. "Da draußen gibt es eine Menge davon. Teils samt dazugehöriger Frauen übrigens, aber lassen wir die mal weg."
Kevin schüttelte den Kopf. "Was soll ich deiner Ansicht nach machen, mir welche adoptieren?"
Nick lächelte verschmitzt. "Stelle ich mir süß – verzeih das Wort – vor, du und eine Horde Adoptivkinder... Es wäre eine Möglichkeit, aber das meine ich eigentlich nicht. Ich weiß, dass du eigene willst... Aber denk mal drüber nach. Du liebst Kinder. Vielleicht findest du in dem Bereich eine neue Aufgabe, etwas das dein Herz begeistern kann. Ich will gar nicht, dass du dich jetzt zu irgendwas entscheidest. Ich möchte nur, dass du nachdenkst ob es etwas gibt, das dich ausfüllen kann. Etwas das dir Spaß macht, das dir hilft über das wegzukommen, was Kristin dir angetan hat. Etwas... lebendiges eben." Erneut zuckte Nick mit den Schultern.
"Du planst also meine Auferstehung von den Toten..." Kevin war ehrlich belustigt.
Nick dagegen verzog das Gesicht. "Nein... ja... Ach verdammt, du weißt was ich meine. Ich möchte den alten Kevin wiederhaben, der mir den Kopf abreißt wenn ich die Musik zu laut drehe, verstehst du? Du bist mir im Moment einfach zu zahm und... traurig..." Nick verstummte und sah seinen Freund bedrückt an.
"Ich kann es einfach nicht ertragen, dich so leiden zu sehen, Kev... Es bricht mir das Herz..." fügte er leise hinzu.
Kevin schlang einen Arm um Nicks Schultern und zog ihn an sich.
"Ich weiß..." murmelte er. "Ich weiß, Nick..."
Nick seufzte und zog seinen Freund in eine feste Umarmung.
Keiner der beiden bekam mit, wie drinnen von zehn an herunter gezählt wurde und alle, mit ein wenig gedrückter Stimmung, weil die zwei nicht dabei waren, einander ein frohes neues Jahr wünschten. Erst als kurz darauf die ersten Raketen über dem Pazifik aufstiegen und das Wasser in ein buntes Funkenmeer tauchten, lösten sie sich ein Stück voneinander, ohne sich ganz loszulassen.
"Frohes Neues Jahr, Kevvey-Kev." Nick sah seinen Freund ernsthaft an, in seinen Augen leuchteten Unterstützung und Liebe.
"Frohes Neues Jahr, Nicky. Und... ich werde es tun... Ich such mir ein Ziel, versprochen."
Das Lächeln, mit dem Nick ihn für seine Worte belohnte, strahlte heller als das Feuerwerk.

Kapitel 54