Chapter 52

„Hier ist noch ein bisschen Eis für dich.“ Besorgt reichte Cat ihrem Freund einen Eisbeutel, den AJ, leise aufstöhnen und vorsichtig, auf sein gepeinigtes Gesicht legte.
„Hey Alex, bist du sicher, dass du keinen Arzt brauchst?“ Nick, der ihn und Cat nach dem Kampf nach Hause gefahren hatte, saß auf der Sofakante und begutachtete seinen Kumpel mit einer Mischung aus Mitleid und Sorge.
„Nein, es geht schon. Zwei Tage auf der Couch und eine umsorgende Krankenschwester, dann wird das schon wieder.“ Er zwinkerte seiner schwangeren Freundin zu. „Ein Arzt würde Kevin bloß um den Schlaf bringen.“
AJ verzog das Gesicht, als Cat ihm vorsichtig ein weiteres Kissen in den Rücken schob.
Nach einer behutsamen Dusche, um das optisch schlimmste abzuwaschen, hatte AJ es sich, so gut es ging, auf der Couch bequem gemacht und wartete auf seinen Sparring Partner, der ebenfalls nach Hause gefahren war um zu duschen, sich aber anschließend mit Essen zurückmelden wollte.
„Kevin muss ja nicht zwingend etwas davon erfahren.“ mahnte nun auch Cat „Aber ich würde mich schon wohler fühlen wenn ein Arzt wenigstens mal einen Blick auf dich werfen würde.“
„Cat…“ AJ griff nach ihrer Hand „Glaub mir, es geht mir gut. Es ist nichts schlimmes passiert, und in ein paar Tagen bin ich wieder fit. Ich hab meinem Körper schon ganz anderes angetan als das heute. Mach dir nicht so viele Sorgen.“
„Der Kampf war eine bescheuerte Idee von euch.“ schimpfte Cat und entzog AJ ihre Hand, um ein paar Gläser vom Tisch zu räumen und ihre Sorge hinter ihrer Geschäftigkeit zu verstecken.
Während sie in der Küche den Geschirrspüler einräumte und ein Zwiegespräch mit sich selbst führte, ob sie nun Mitleid mit AJ haben sollte oder nicht, hörte Cat es an der Tür klingeln und kurz darauf Nick durchs Haus laufen.
„Das wird vermutlich einer deiner zukünftigen Patenonkel sein." flüsterte Cat und strich sanft über ihren Bauch.

Tatsächlich saß Kevin neben AJ auf der Sofalehne, und sein Gesicht zierten große Sorgenfalten, als Cat das Wohnzimmer wieder betrat.
"AJ, ich glaube wirklich, du solltest zu einem Arzt gehen..." schloss sich Kevin unwissendlich der Mehrheit an. "Dein Auge sieht nicht gut aus..." Er tastete vorsichtig an AJ's Braue herum, ehe der sich dagegen wehren konnte. "Vielleicht sollte..."
"Vielleicht solltest du deine Finger davon lassen, das tut nämlich weh!" jammerte AJ lachend. "Warum will mich eigentlich jeder zum Arzt schleifen, mir fehlt doch nichts. Die paar Blutergüsse..."
"Wenn du erlaubst, würde ich mir gern deine Rippen ansehen." Kevin versuchte AJ's Shirt anzuheben, ohne auf seinen Widerstand, Widerspruch oder die Beschwichtigungen einzugehen.
"Hör mal, ich bin keine drei mehr!" protestierte Alex. "Nick, hilf mir doch!"
"Wer, ich?? Wessen Schuld war das noch mal, dass ich Geld an Howie verloren hab? Lass mich drüber nachdenken..." Nick ließ sich in den Sessel, AJ gegenüber, fallen und setzte sich in Denker-Pose, die sein hämisches Grinsen aber nicht verbarg.
"Caaaaaat!" rief AJ um Hilfe, während er zugleich versuchte Kevin fern und sein Shirt unten zu halten, was sich aber schwer gestaltete, da Kevin unbedingt den Schaden mit eigenen Augen sehen wollte. Hartnäckig zog er den Stoff aus AJ's Fingern und schob dessen Hände beiseite, doch ohne AJ in seinem malträtierten Zustand wehzutun war es für Kevin schwierig seinen Willen gegen Kraken-Boy durchzusetzen.
„Nach mir brauchst du schon mal gar nicht zu schreien… Das hast du dir alles selber zuzuschreiben. Es war schließlich deine Idee, mein Schatz.“ antwortete Cat emotionslos und nahm neben Nick auf der Sessellehne platz.
„Aber du hast das doch abgesegnet.“ erwiderte AJ trotzig und warf Kevin einen bösen Blick zu, in der Hoffnung dass dieser endlich von ihm ablassen würde.
„Das schon, aber auch nur weil ich wusste, dass ich dich eh nicht davon abhalten kann. Konnte ich ahnen, dass mein Kind noch vor der Geburt fast zur Halbwaise wird?“
Augenblicklich hielt Kevin inne - was AJ veranlasste seinen Shirtsaum hinunterzuzerren und zwischen seine Oberschenkel zu klemmen - und sah Cat mit dem Blick eines waidwunden Rehs an.
"Ich hab das doch alles nicht gewollt... Ich hätte ihm doch nie absichtlich weh..."
"Ja, das haben wir gesehen." unterbrach Nick, der das posieren aufgegeben hatte. "Lang genug hat es gedauert, bis du mal angefangen hast richtig hinzulangen... Ich weiß gar nicht was ihr habt, AJ sieht so doch viel besser aus."
Er schaffte es nicht den drei Kissen auszuweichen, die ihn daraufhin trafen.

***

„Hey Cat, lass mich das doch machen, ich habe doch eh nichts zu tun.“ bat Leighanne und nahm Cat den Staubsauger aus der Hand.
„Und was mache ich solange?“ fragte Cat gespielt empört und grinste schief. Wohl wissend, dass Brian und Leighanne sich nicht ohne Grund bereits einen Tag vor Silvester bei ihnen eingenistet hatten.
Cat vermutete, dass der noch immer ziemlich lädierte AJ Leighanne darum gebeten hatte Cat bei den Vorbereitungen für die Silvesterfeier zu helfen, die sie im kleinen Kreis gemeinsam feiern wollten.
Noch immer machte er sich ständig Sorgen, dass Cat sich übernehmen könnte.
Seufzend ließ sie sich auf die Couch fallen und beobachtete Leighanne dabei wie sie Baylees Spielzeug aufräumte, das seit dem Vortag überall herumflog.
„Weißt du Leigh, ich glaube während dieser Schwangerschaft werde ich mich nicht mehr daran gewöhnen, dass alle immer nur darum besorgt sind, dass es mir und dem Baby gut geht und es uns an nichts fehlt."
Leighanne lachte leise. „Glaub mir Kleines, das wird auch nach der Geburt nicht besser.“
„Mach mir Hoffnungen…“
„Ja, ich weiß, aber Baylee und ich haben es ja auch überstanden. Zum Schluss der Schwangerschaft war ich sogar ganz dankbar, dass mir die Stühle hinterher getragen wurden. Glaub mir, was deine Schwangerschaft angeht, hast du das Schlimmste noch vor dir.“
Cat verzog das Gesicht.
„Guck nicht so.“ grinste Leighanne „Alex wird alles tun, damit es dir gut geht. Wenn er könnte, würde er glatt das Kind für dich austragen.“
„Ich weiß.“ Cat seufzte erneut.
„Er liebt dich, Caitlin. Nichts kostet ihn nachts mehr Schlaf als deine Gesundheit… außer vielleicht…“ Leighanne verstummte.
„Außer was…?“
„Naja…“ Langsam nahm Leighanne ein Feuerwehrauto vom Boden und warf es halbherzig in eine kleine Spielzeugkiste. „Außer vielleicht die Sache mit Kristin.“
Cat nickte verstehend. „Denkst du, die Beiden werden irgendwann darüber hinweg kommen?“
„Du meinst Kev und Alex? Alex vielleicht. Er hat mit dir und dem Baby genug zu tun. Ihr werdet bald eine Familie sein… Was Kev betrifft… ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Kris hat ihn um all das gebracht, was er sich je gewünscht hat. Seine Liebe, seinen Glauben, seine Familie… Er wird viel Zeit brauchen.“
„Die würden wir alle brauchen, wenn wir an seiner Stelle wären.“ antwortete Cat nachdenklich und legte ihre Hände ganz bewusst auf den kleinen Bauch.
„Meinst du das Baby wird etwas für Kev ändern?“
„Ich weiß nicht.“ erwiderte Leighanne wahrheitsgemäß. „Letztlich gibt Kevin Alex keine Schuld mehr an dem was geschehen ist und daran das seine Ehe scheiterte. Dennoch denke ich, dass es hart wird. Alex war derjenige der… du weißt schon… und dann bekommt ausgerechnet er ein Baby. Außerplanmäßig. Das Baby, das sich Kev so sehnlichst wünscht.“ Leighanne zog die Augenbrauen hoch und warf Cat einen langen Blick zu.
„Alex wird ihn bitten Pate zu werden.“
„Hmm…“ Leighanne nickte abwesend.
Cat stand langsam auf und ging hinüber ins Esszimmer.
Um sich wenigstens irgendwie zu beschäftigen, nahm sie eine frische Tischdecke aus dem kleinen Eckschränkchen und begann damit den Tisch für die späteren Gäste herzurichten.
„Ich schätze, die restliche Tour wird uns noch eine Menge Kraft kosten…“ stellte Cat fest, als Leighanne sich daran machte bereits Teller aus einem der Sideboards zu holen um zu helfen.
„Du solltest dir das alles nicht so zu Herzen nehmen.“ mahnte Leighanne, obwohl sie wusste, dass sie nicht anders reagieren würde als Cat. „Du musst ein wenig egoistischer werden. Wenn dir oder dem Baby etwas passiert auf dieser verfluchten Tour…“ Mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme stützte Leighanne sich auf dem Tisch ab. „Weißt du Cat… ich kenne diese Jungs schon ewig und ich liebe sie von ganzem Herzen, aber bei all dem was in den letzten Monaten passiert ist… AJ’s Rückfall, dein Zusammenbruch, Kev und Kristin… manches Mal habe ich mir wirklich gewünscht, dass die Jungs diese Tour nie gestartet hätten.“
Cat warf ihrer Freundin einen erstaunten Blick zu. Sie verstand was Leighanne ihr sagen wollte, dennoch war sie überrascht das ausgerechnet die loyalste Person im ganzen Team, diejenige, die immer hinter den Jungs und all dem was sie taten stand, meinte, die Tour hätte besser nie stattgefunden?! Cat war sprachlos.
„Versteh mich nicht falsch…“ unterbrach Leighanne Cats Gedanken. „Ich unterstütze was sie tun. Das habe ich immer, aber seit der Sache mit Kris habe ich immer öfter überlegt, was wohl wäre wenn die Jungs nicht auf Tour gegangen wären… Wäre Alex trotzdem irgendwann rückfällig geworden? Wäre die Sache mit Kris überhaupt passiert? Und wenn ja… wäre es für Kevin was anderes gewesen, wenn nicht grade Alex der Sündenbock gewesen wäre?“
„Auf jeden Fall wäre ich nicht schwanger geworden.“ warf Cat ein und nahm auf einem der Stühle am Esstisch platz.
„Vermutlich wärst du Alex nie begegnet.“
„Also hatte die Tour auch was Gutes.“
„Mal abgesehen von deinem Zusammenbruch, dem Ekeltypen in der Bar vor dem Nick und Alex dich gerettet haben, den ganzen Sorgen um Alex und seinen Rückfall, dem ganzen Stress und…“
„Ja, ist ja gut. Du hast Recht.“ unterbrach Cat. „Diese Tour hatte viel Negatives, und vielleicht wäre auch vieles anders gelaufen wenn sie nicht auf Tour gegangen wären, aber letztlich hätte Kristin sich ihren Weg so oder so gesucht… vielleicht nicht mit Alex, vielleicht mit einem Wildfremden, aber für Kevin wäre das Ergebnis wohl das gleiche geblieben.“
„Für Kevin schon, aber für Alex nicht.“ gab Leighanne zu bedenken.
Cat nickte.
„Alex wäre nicht Rückfällig geworden. Hätte dir kein Kind angedreht, hätte sich nicht die Nase von Kevin einschlagen lassen… und… hätte nicht fast einen seiner Brüder verloren…“ Nun setzte sich auch Leighanne, Cat gegenüber, auf einen der Stühle.
„Mag sein.“ pflichtete Cat müde bei. „Aber um etwas positives aus dem Ganzen zu ziehen, auch wenn es hart klingt… Kev weiß jetzt woran er ist. Das alles wäre früher oder später sowieso auf ihn zugekommen, so wie es aussieht, und mit AJ ist die ganze Sache bereinigt. Die Fronten sind geklärt… es kann nur besser werden. Auch wenn die Zeiten hart sind.“
Cat schenkte Leigh ein aufmunterndes Lächeln und einen Moment lang senkte sich Stille über den Raum.
„Wenns nicht so sehr seinem Glauben widersprechen würde, hätte Brian sie getötet...“
Cat nickte. „Ich weiß...“

Chapter 53