Chapter 50

„Hey Baby, was machst du?“ Cat kam, mit ihrer Daisy Duck Tasse in der Hand, aus der Küche geschlendert und musterte AJ, der seit Stunden nahezu pausenlos telefonierte und nebenbei seinen Laptop malträtierte.
„Ich versuche Kevin zu erreichen.“ antwortete AJ abwesend und klickte konzentriert immer wieder etwas auf seinem Laptop an.
„Aha?!“
„Ja… komm… setz dich zu mir, ich will dir was zeigen.“
Ohne aufzusehen klopfte AJ neben sich auf die Couch, und Cat folgte der Aufforderung.
Nur mäßig interessiert, ließ sie sich neben ihm nieder und warf einen Blick auf den Bildschirm vor sich.
Die Internetseite, die AJ aufgerufen hatte, zeigte ein kleines Sportstudio, etwas außerhalb von LA.
„Aha… und? Was soll mir das jetzt sagen? Ich denke nicht, dass du eine Mitgliedschaft beabsichtigst, oder?“ fragte Cat merklich gelangweilt und nippte an ihrem Tee.
„Das wird der Ort sein, an dem Kevin und ich in den Ring steigen.“ AJ grinste begeistert, während Cat ihren Tee fast über den Tisch spukte.
„Was?“ hustete sie.
„Q hat mich heute Mittag angerufen und gesagt, er hätte dort früher ab und zu geboxt, und ich solle den Inhaber mal anrufen und fragen ob da nicht was gehen würde, und der hat sofort &Mac226;Ja’ gesagt als ich Q erwähnte.“ Während Cat heimlich ein paar Teetropfen von der Tischplatte wischte, redete AJ euphorisch weiter. „Das ist der ideale Ort. Er ist abgelegen. Sieht nach nichts aus… Niemand wird uns dort vermuten oder finden. Weder Fans noch Paparazzi. Dort ist nicht viel Betrieb und was noch viel besser ist… Wir können schon in drei Tagen den Laden für ein paar Stunden für uns allein haben.“
Ehe Cat sich erneut verschlucken konnte, stellte sie ihre Teetasse vorsichtig auf dem Tisch ab.
„In drei Tagen schon? Ihr habt doch erst gestern über die Sache gesprochen. Warum so schnell?“
„Hey, du hast doch gestern gesagt, dass es vielleicht das Beste für uns beide ist wenn wir uns mal ordentlich die Köpfe einschlagen…“ AJ runzelte die Stirn und wunderte sich zum wiederholten Male, wie oft Schwangere doch ihre Meinungen änderten.
„Ja, das hab ich auch. Und ich stehe auch dazu… aber… aber…“ Cat fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so wohl, wie noch am Tag zuvor, bei dem Gedanken daran das Kevin und AJ sich mutwillig und mit Vorsatz prügeln wollten. „…das geht so schnell.“
„Je schneller desto besser für Kevin.“ argumentierte AJ und griff erneut zum Telefon, um Kevin zu erreichen.
„Aber… wollt ihr nicht wenigstens bis nach der Tour…? Ich meine, was ist wenn ihr euch ernsthaft verletzt und…“ Cat wurde jäh von AJ unterbrochen.
„Hey Kev, ich bin’s… ich hab den idealen Ort für uns gefunden…“

***

So was nannte man wohl 'Nacht und Nebel Aktion', obwohl es weder dunkel war noch nebelig. Im Gegenteil, die Januarsonne schien noch wärmend vom Himmel, als Nick den Wagen vor der Location zum Halten brachte. AJ hatte Recht, es war abgelegen und ruhig.
"Herzlich Willkommen zum Ort des Verbrechens, wo in etwa einer Stunde das Lebenslicht des weltberühmten AJ McLean ausgeblasen wird... Der Eintritt zu diesem Event kostet einen Dollar." scherzte Nick.
Kevin fand das nicht zum Lachen. Er wusste immer noch nicht, ob das eine gute Idee war. Auch Keith, mit dem er das durchgesprochen hatte, war mehr als skeptisch, was diesen Boxkampf anging.
"Ich werde hier nichts ausblasen." stellte Kevin klar und schlug die Autotür fester als nötig zu. Ein paar Sachen gab es immerhin, mit denen man Nick zurückärgern konnte.
"Hey, mein Wagen hat dir nichts getan!" ertönte es auch sogleich. Doch dann regte sich Nick wieder ab und kam um das Fahrzeug herum, um Kevin einen Arm um die Schultern zu legen. "Ich weiß, du wärst lieber ganz woanders. Aber sieh es mal so: Entweder es hilft dir, AJ zu vermöbeln, dann habt ihr beide was davon. Du Erleichterung und er ein weniger schlechtes Gewissen. Oder es hilft dir nicht, dann habt ihr es zumindest versucht und könnt euch nichts vorwerfen." Er schlug Kevin aufmunternd auf den Rücken und zog ihn mit sich Richtung Eingang.

„Schatz, bist du dir wirklich sicher, dass du dir das angucken möchtest? Ich bin dir nicht böse wenn du doch wieder nach hause fährst. Ich verspreche auch, dich sofort anzurufen wenn es vorbei ist…“ Seit einiger Zeit schon versuchte AJ Cat davon zu überzeugen, sich den Kampf doch nicht anzuschauen. Er sorgte sich, was bei Cat nur zu noch mehr Frust führte. Sie fühlte sich wieder auf Tour zurück versetzt. Erst hatte Marcus ihr einen Stuhl durch die halbe Halle hinterher getragen, dann hatte Brian ihr Leighanne auf den Hals gehetzt, um sie davon zu überzeugen, dass die Aufregung vielleicht nicht gut fürs Baby war, und jetzt redete auch noch AJ auf sie ein, dass sie doch lieber zu Hause auf dem Sofa auf ihn warten solle, doch Cat dachte überhaupt nicht daran.
Wenn ihr Freund sich schon mit Gewalt den Schädel spalten lassen wollte, dann wollte sie wenigstens dabei sein, um ihm hinterher ein 'siehst du, ich hab es doch gewusst, dass das passiert' an den Kopf zu werfen.
„Ja Honey, ich bin mir sicher dass ich hier bleiben und mir das ansehen will.“ stöhnte sie genervt und versuchte nebenbei Marcus mit Blicken zu töten, ehe er den Stuhl, den er in der Hand hielt, zu ihr hinüber tragen konnte.
„Aber ich will nicht, dass du dich aufregst…“ AJ gab nicht auf.
„Ich werde mich nicht aufregen. Ich habe euch gesagt, dass es wohl das Beste für euch beide ist, und ich habe dir versprochen dir anschließend die Hand zu halten, während dich andere wieder zusammenflicken. Und ich stehe zu meinem Wort, wenn du mich allerdings weiter nervst, braucht Kevin gar nicht erst in den Ring steigen, dann hab ich dich nämlich vorher schon umgeboxt.“
Kevin und Nick kamen rechtzeitig hinzu, um diesen Satz mitzukriegen.
"Cat, Liebes, wenn du Lust hast deine Aggressionen auszuleben, ich leihe dir gerne meine Handschuhe." Bereitwillig hielt Kevin sie ihr hin, doch Cat funkelte ihn nur kurz an.
"Die brauch ich dazu nicht, danke. Können wir jetzt anfangen, ehe Marcus irgendwo eine Couch für mich auftreibt?"
Kevin musste über dieses Bild lächeln, vor allem weil Marcus grade samt Stuhl hinter Cat auftauchte und ihn ihr - scheinbar unauffällig - so hinstellte, dass sie sich direkt setzen konnte. Natürlich durfte das obligatorische Kissen nicht fehlen.
"Hey Nick... Kev... Und? Bereit mir eins zu verpassen?" begrüßte AJ die Neuankömmlinge, als wäre nichts gewesen. Sie umarmten einander kurz.
"Wer will eigentlich noch alles zusehen?" erkundigte sich Kevin. "Ich hab mich schon gewundert, dass Baylee nicht auch hier ist. Reporter sind aber nicht eingeladen, oder?" Kevin sah sich in der Halle um, in der es sich Brian, Leighanne, Howie, Leigh und Q bequem gemacht hatten.
"Wir haben Sicherheitsstufe orange, außer uns Anwesenden weiß nur der Sporthallenbesitzer was heute hier läuft." klärte AJ ihn auf. "Wir haben sogar Gerüchte gestreut, dass wir alle heute Abend im Spiders Club seien. Wenn alles gut geht, können wir da nachher noch hin."
"Du meinst, wenn Kevin dir nichts Sichtbares verpasst. Nachher heißt es noch, du wärst in eine Kneipenschlägerei geraten." Nick grinste.
"Bevor ihr weiter sprecht... Lasst uns anfangen, sonst verliere ich den Mut und gehe wieder." Kevin seufzte und starrte auf seine Boxhandschuhe. Er boxte bereits seit fünf Jahren und das würde AJ heute zweifellos zu spüren kriegen.
Während AJ und Kevin gemeinsam in den Ring stiegen und sich auf das Kommende vorbereiteten, machte sich in Cats Magen immer mehr ein ungutes Gefühl breit.
Zu Marcus’ Erleichterung nahm sie nun endlich auf einem der bereitgestellten Stühle Platz.
Er war in der Versuchung sie erneut zu fragen, ob er ihr noch irgendetwas Gutes tun konnte oder ob sie nicht doch lieber nach hause wolle. Doch er zwang sich selbst zur Ruhe und nahm stattdessen neben ihr Platz, um ihr im Zweifelsfalle einen tröstenden Arm anbieten zu können.
Was Cat schon gar nicht mehr wahrnahm war, dass auch die anderen Jungs sich in ihrer Nähe aufhielten und aufbauten um sie im Zweifelsfalle zu beruhigen. Noch schien das Ganze eher ein Scherz als wirklich Realität zu sein. Doch nach lachen war ihnen allen nicht mehr zumute, nachdem sie sahen wie AJ und Kevin sich ihre Boxhandschuhe festschnürten.
„Also gut Jungs, seid ihr soweit?“ fragte Q an Kevin und AJ gewandt und erntete ein leichtes Nicken beider Seiten.
„Gut, bringt euch nicht um, ihr müsst schließlich noch eine Welttournee beenden. Ansonsten wollen wir einen fairen Kampf sehen.“ Q grinste und trat vom Ring zurück.
Gespannt hielten alle Anwesenden den Atem an, während Kevin und AJ aufeinander zutraten.
Sie begrüßten einander, indem sie ihre Handschuhe leicht gegeneinander stießen, dann wichen sie zurück und begannen zu tänzeln.
Kevin fühlte sich dabei absolut nicht wohl in seiner Haut. Er trug die Sachen, die er immer zum Training mit Sparringspartner anhatte, dunkle Hose und weißes Muskelshirt, damit die Gürtellinie deutlich erkennbar war. AJ hatte mit ihm ausgemacht, dass es nicht, wie üblich, vier Runden von zwei Minuten Länge geben sollte, sondern es bis zur Aufgabe ging, also bis einer von beiden nicht weitermachen wollte, oder bis zum Knock Out. Falls irgendetwas schief ging, sollte Q den Kampf sofort abbrechen.
Aber gerecht war dieser Kampf absolut nicht, denn während Kevin mit seinen etwas über 80 Kilo ein Halbschwergewicht war, lag AJ mit seinen nicht ganz 70 Kilo als Weltergewicht um zwei Gewichtsklassen unter ihm... AJ war fast einen halben Kopf kleiner, und Kevin hatte noch nie jemanden geschlagen, der deutlich kleiner und leichter war als er. Es ging einfach gegen seine Prinzipien.
Die Folge war, dass beide eine Weile im Kreis umeinander tänzelten und halbherzig Schläge andeuteten, die gar nicht treffen sollten.
„Jungs, ihr ziert euch wie Mädchen.“ schimpfte Cat schließlich, zu ihrer eigenen Überraschung. „Entweder fangt ihr jetzt an, oder ihr lasst es. Ich kann euch auch gern auf die Sprünge helfen.“ Während Cat von ihrem Stuhl aufgestanden war, sahen die anderen Schaulustigen sie nur voll Unverständnis an.
„Cat…“ Marcus war der Einzige, der sich traute sie anzusprechen und ihr eine Hand auf die Schulter zu legen.
„Was?“ zischte sie. „Die beiden tänzeln hier rum, als wären wir beim Ballettkurs. Ich dachte sie sollten sich die Köpfe einschlagen, um ihren Frust und ihr schlechtes Gewissen loszuwerden. Wir warten seit Wochen darauf, dass es endlich geschieht, und jetzt tun sie als wäre nie was passiert und zieren sich, dem anderen endlich was auf die Nase zu geben.“ Während Marcus wieder Abstand von Cat nahm, wandte diese sich wieder dem Ring zu. „Also was ist jetzt? Soll ich eurem Frust auf die Sprünge helfen? Soll ich euch daran erinnern, weswegen ihr hier seid?“
Kevin und Alex hielten inne und starrten erst Cat und dann einander an. Cats Worte hallten noch im Raum wieder, wie um nachdrücklich zu versichern, dass sie es ernst meinte.
AJ schüttelte den Kopf und nahm den Mundschutz heraus. "Sie hat Recht, irgendwo müssen wir anfangen..." Er schob sich das Stück Plastik wieder zwischen die Zähne und holte aus, doch bevor sein Handschuh gegen Kevins prallte, der instinktiv blockte, bremste AJ den Schlag merklich ab.
Verdammt, er hatte mit Kevins Frau geschlafen und sein Leben förmlich zerstört, sollte er ihm jetzt auch noch eine verpassen? Schließlich ging es darum, dass Kevin IHN verprügelte. Zu dumm, dass Kev einen Gegner, der kleiner und schmächtiger war - was zu sein im Vergleich zu Kevin normalerweise kein Problem darstellte... - nicht schlagen konnte. Diese Hemmschwelle musste doch irgendwie zu überwinden sein...
Sie tänzelten weiter um einander, tauschten kleine, schwache Puffe aus, und fühlten sich zunehmend unwohl dabei.
Cat stand mittlerweile mit verschränkten Armen vor dem Ring und sah dem &Mac226;Kampf’ mehr genervt als interessiert oder besorgt zu. Die beiden Männer im Ring wussten was sie wollten, doch keiner konnte sich wirklich dazu durchringen den ersten Schlag zu machen. Cat wusste sehr genau das Kevin Hemmungen hatte den kleineren und leichteren AJ zu schlagen, also musste eine Lösung her.
Um nicht den ganzen Tag ereignislos verstreichen zu lassen, schritt Cat erneut ein.
„Verdammt noch mal. Was wird denn das, wenn ihr fertig seid? Möchtet ihr vielleicht ein bisschen Watte haben., um euch zu bewerfen?“ Aufseufzend warf sie die Arme in die Luft, und augenblicklich richteten sich sämtliche Augenpaare wieder auf sie.
„Falls ihr es vergessen haben solltet. Ihr habt euch heute hier getroffen, um euch gegenseitig die Nasen blutig zu schlagen… Ihr wolltet was gegen euren Frust und die Depressionen tun… weil Kristin euer beider Leben aus sämtlichen Bahnen geworfen hat… Habt ihr das vergessen? Kevin, deine Frau hat dich betrogen… mit AJ, deinem besten Freund und Bruder. Wie viele Gründe brauchst du noch um endlich zuzuschlagen?“
Kevin atmete tief durch. Es war schon seltsam, aber da er AJ nicht mehr vorwarf, was mit ihm und Kris geschehen war, konnte er ihn auch nicht dafür schlagen. Er war schon immer harmoniesüchtig gewesen, er verzieh schnell wenn etwas war. Und, so ungewöhnlich es wahr, er hatte AJ den Seitensprung mit Kristin vergeben...
Die Theorie des Doktors kippte jetzt völlig, es war einfach eine blöde Idee.
Einen Fremden hätte Kevin verprügeln können, aber nicht AJ, der genauso Kristins Opfer gewesen war wie er selbst.
Kevin nahm den Mundschutz raus und machte Anstalten den Helm loszumachen. "Lass uns aufhören, Alter, wir machen uns nur etwas vor."
Doch AJ war nicht gewillt so schnell klein beizugeben. Er versetzte Kevin, jetzt wo der die Deckung unten hatte, einen Schlag auf die Schulter.
"Hey, ich bin noch nicht fertig mit dir!"
Kevin drehte sich zu ihm um und zog eine Braue hoch. "Ach nein?"
AJ schüttelte den Kopf und lockerte dann seine Nackenmuskeln, während er die Fäuste in den Boxhandschuhen gegeneinander schlug. "Komm schon! Weiter!"
Kevin seufzte. "AJ, das hat doch keinen Sinn. Wir sollten..."
Ein erneuter Treffer gegen Kevins Schulter ließ ihn verstummen. Doch Kevin wandte sich nur kopfschüttelnd ab und wollte den Ring grade verlassen, als AJ die Idee kam. Kevin brauchte das hier... Also würde er auf Teufel komm raus alles dransetzen, dass Kevin es auch bekam.
"Kristin hat einen verdammt schönen Hintern."
Kevin erstarrte mitten in der Bewegung. Das Zeichen für AJ fortzufahren.
"Man hat beim bloßen Anblick schon Lust ihn in beide Hände zu nehmen."
Langsam, ganz langsam, drehte Kevin sich zu AJ um, Unglaube in den weit geöffneten Augen. "Das ist jetzt nicht dein Ernst..." sagte er leise. Was versuchte AJ da? Ihn in Rage zu bringen? Verdammt sollte er sein, denn Kevins Herz schlug bereits schneller, als er das Bild vor Augen hatte, wie AJ's Finger Kristins Po umspannten.
AJ sah ihm direkt in die Augen. "Und diese kleinen Laute, die sie macht, wenn man an ihren Brustwarzen saugt..." flüsterte er so leise, dass nur Kevin ihn hören konnte.
Das war zuviel. Kevin schrie vor Wut auf und im nächsten Moment rammte er AJ, und schlug mit beiden Fäusten auf ihn ein.

Kapitel 51