Chapter 47

Der Wagen fuhr langsam die Einfahrt hoch. Keith warf Kevin von der Seite einen Blick zu, doch der sah nicht ihn an, sondern das Haus. Fast drei Monate war es her, dass er hier war. Und damals war noch alles in Ordnung...
Keith hielt vor der Tür, doch Kev blieb schweigend sitzen.
"Soll ich mit rein kommen?" fragte Keith leise.
Keith bedeutete Kevin viel, er war sein bester und langjährigster Freund, sein Bodyguard. Aber er konnte ihn nicht vor seinen eigenen Gefühlen beschützen... Kevin schüttelte langsam den Kopf.
"Nein, ich komm schon klar."
Er stieg aus, sie holten seine Taschen und Koffer aus dem Leihwagen und stapelten sie vor der Tür. Dann verabschiedete sich Keith, mit einem letzten, langen Blick, und fuhr davon.
Kevin seufzte und öffnete die Haustür. Die Luft drinnen war alt und abgestanden, seit Wochen war niemand hier gewesen. Er trug seine Sachen durch die Küche in den Wasch- und Trockenraum. Normalerweise machte er das nach einer Tour zuerst - eine große Waschaktion, damit alles wieder sauber war. Aber diesmal sah er antriebslos auf den Haufen Arbeit und wandte sich dann zum Gehen.
Langsam wanderte er durch das ganze Haus. Die Küche war wie immer, etwas angestaubt, aber alles an seinem Fleck. Doch ein Blick in die Garage bestätigte, dass der Stellplatz neben Kevins Wagen leer war.
Im Wohnzimmer sah es ganz anders aus als sonst. Leere Flecken an der Wand zeugten von den fehlenden Fotos von Kristins Familie und Freunden. Die Decke, die zum Kuscheln auf der Couch gelegen hatte, war fort, genau wie die Kissen. Ja, denn die hatte Kristin ausgesucht... Das gerahmte Bild von ihrer Hochzeit hing einsam, umringt von leeren Haken, an der Wand und verhöhnte Kevin stumm.
Er ging weiter, beachtete die Auswahl Schallplatten nicht, die an der Wand hing, zwei davon sogar Diamantene. Genauso wenig wie die Awards auf dem Kaminsims. Das bedeutete ihm alles nichts mehr...
Er stieg die Treppe hoch und kam zum Schlafzimmer, blieb an der Tür wie vom Donner gerührt stehen. Es sah aus wie immer... Wie konnte das sein, wo es sich so anders anfühlte?
Kevin nahm sich zusammen und ging in den Raum, sah sich um. Das Bett war gemacht, die Bilderrahmen standen noch an Ort und Stelle. Auf seiner Seite ein Bild von Kristin, für die Zeit wenn er zu Haus war und sie irgendwo im Land Dreharbeiten hatte. Auf ihrer Seite ein Bild von ihm... Klar hatte sie es stehen lassen, wozu brauchte sie es auch?
Kevin fixierte das Bett, in dem sie zusammen viele schöne Stunden verbracht, und sich allein nacheinander gesehnt hatten. Zumindest er hatte sich gesehnt... Er fühlte den inzwischen altbekannten Stich in seiner Brust und wandte sich ab.
Da war der begehbare Kleiderschrank. Er öffnete ihn und fand seine Hälfte unberührt, wenn auch nicht so voll wie sonst, schließlich hatte er viel auf die Europatour mitgehabt.
Kristins Hälfte leer. Ihre Sachen mit ihr aus seinem Leben verschwunden.
Eine grimmige Wut kochte in Kevin hoch, auf die Frau, die er von Beginn an geliebt hatte und die ihm diese Liebe einfach ins Gesicht schlug. Plötzlich hatte er das Bedürfnis, irgendwas zu zerstören. Wäre Kristin jetzt hier gewesen, Kevin hätte nicht dafür garantieren können, dass sie ohne Blessuren davonkam...
Mit ein paar Schritten war er auf seiner Seite des Bettes und griff nach ihrem Foto, um es mit aller Kraft gegen die Wand zu werfen. Putz platzte ab, Rahmen und Glas zersprangen laut. Aber das reichte Kevin nicht um sich abzureagieren, er lief um das Bett herum und nahm sein Konterfei, um es Kristins folgen zu lassen. Dann zog er die Tagesdecke vom Bett und zerriss sie, gefolgt von den Kissen, die er bearbeitete, bis die Federn aus ihnen stoben.
Erschöpft keuchend und schluchzend sank Kevin schließlich auf seiner Seite des Bettes zu Boden. Er barg das Gesicht in den Händen und schloss dieses Haus aus seinen Gedanken aus. Er konnte hier nicht bleiben, nicht hier wohnen und schlafen, nicht mal eine Nacht. Nicht mal im Gästezimmer... Er konnte es einfach nicht.
Mühsam und unter Tränen stand Kevin auf und ging wieder hinunter, ohne nach rechts und links zu sehen. Doch dann fiel sein Blick auf ihr Hochzeitsfoto im Wohnzimmer...
Mit zitternden Fingern nahm Kevin es von der Wand und sah Kristin an, die glücklich in die Kamera lächelte. Sie war so wunderschön... Seine Finger glitten streichelnd über das Glas, gefangen in der Erinnerung dieses Tages. Doch die Gegenwart holte ihn schnell wieder ein.
Er nahm das Bild vorsichtig in beide Hände und schlug es mit aller Kraft auf die Rückenlehne eines nahen Stuhls. Glas spritzte in alle Richtungen davon. Kevin schob Splitter beiseite und zog das Bild aus dem zerstörten Rahmen, ohne zu bemerken, dass er sich schnitt. Sein Cell Phone, das er hier unten auf dem Tisch liegengelassen hatte, klingelte ununterbrochen, doch er beachtete es nicht. Systematisch riss er das Foto in kleine Schnipsel und ließ es dann fallen.
Der zweite aggressive Schub flaute ab und ließ Kevin mit einem leeren Gefühl zurück. Benommen bemerkte er das läutende Telefon und dass inzwischen auch an der Tür jemand Sturm klingelte.
Okay... vielleicht sollte er besser drangehen und die Tür öffnen, sonst wären innerhalb der nächsten Stunde ein halbes Dutzend Leute da, wenn nicht noch mehr...
Er nahm das Telefonat entgegen, doch bevor er etwas sagen konnte, erklang Nicks Stimme.
"Kevin? Du machst jetzt sofort diese Tür auf, oder ich schwöre dir, ich trete sie ein."
"Nein, schon in Ordnung, ich komme..." murmelte Kevin halbherzig, bereits auf dem Weg zur Tür.
Er ließ Nick rein, der seinen Freund von oben bis unten musterte und dann die Tür hinter sich zuzog.
"Was zur Hölle hast du gemacht?!" Nick fing Kevins Hand ein, an der warmes Blut heruntertropfte, und besah sich den Schaden. Über zwei Finger zog sich ein Schnitt, nicht sehr tief, aber es war genug Blut, dass es Nick einen Augenblick schlecht wurde.
Leise fluchend zog er Kevin mit sich ins Bad und hielt seine Hand unter kaltes Wasser, um sie dann vorsichtig trocken zu tupfen.
"Wo hast du Verbandszeug?" wollte Nick wissen.
Kevin deutete nur stumm auf den Schrank unter dem Waschbecken.
Nick verbrachte eine Weile damit, Kevin auf den Wannenrand zu setzen, zu verarzten und dabei Verwünschungen auszustoßen, dann nahm er Kevin das vergessene Cell Phone aus der herabhängenden Hand und steckte es ein.
Kevin ließ alles wortlos über sich ergehen, mit einem herzzerreißend traurigen Ausdruck in den Augen, der Nick neu war. Sah ganz so aus, als hätte Kevins Trauer um das Ende seiner Ehe einen neuen Abschnitt erreicht...
Nick biss sich auf die Unterlippe und fragte sich, was er jetzt tun sollte. Er konnte ihn so nicht allein lassen, auf gar keinen Fall. Erst recht nicht, wenn Kevin jetzt vielleicht wieder anfing darüber nachzudenken, dass alle ohne ihn besser dran wären... Nichts auf der Welt konnte Nick dazu bringen, seinen großen Bruder damit allein zu lassen.
"Ich war grad in der Gegend." fing er an, um Kevin abzulenken. "Und da dachte ich, ich ruf mal an und lade mich selbst auf einen Kaffee ein."
Das war glatt gelogen, denn Nick war hier weil er sich, wie sie alle, Gedanken gemacht hatte, was Kevin Weihnachten machte. Kev hatte sich nicht entscheiden können, ob er seine Mutter über die Feiertage besuchte. Wie er sich zur Zeit sowieso zu nichts entscheiden konnte... Und da Nick im Moment wenig Familienanschluss hatte, wäre es eine Möglichkeit gewesen, dass sie zumindest ein paar Tage zusammen verbracht und Party gemacht hätten. Es hätte Kevin wenigstens auf andere Gedanken gebracht...
Als Nick hier vor dem Haus ankam, hatte er dann das Krachen gehört und Angst um Kevin bekommen, und das nicht zu unrecht, wie es schien.
"Du hast doch Kaffee da?"
Bei Kevin klickte die gute Erziehung ein, worauf Nick gebaut hatte. Er blinzelte langsam, als würde er grade erwachen, und überlegte.
"Keine Ahnung, ich müsste nachsehen..."
"Dann lass uns das machen." Nick stand auf und zog Kevin hoch.
Es gab tatsächlich Kaffee, wenig später saßen beide bei einer Tasse, und Nick redete ununterbrochen über die Tour, die Termine zu Weihnachten und die in Asien, um Kevin davon abzuhalten über seine Situation nachzudenken. Tatsächlich hörte Kevin ihm sogar zu, denn er sah ihm direkt in die Augen und ab und an zuckten sogar seine Mundwinkel nach oben. Das war kein richtiges Lächeln, aber immerhin ein Anfang.
Irgendwann jedoch ging Nick der Gesprächsstoff aus und er saß Kevin ratlos gegenüber. Er konnte in Kevins Blick genau den Moment erkennen, in dem er wieder in der Gegenwart landete. Seine Augen umschatteten sich und wurden traurig, dann wandten sie sich von Nick ab und schienen ins Leere zu blicken.
"Hey, Kev..." Nick legte seine Hand auf die seines Freundes, um ihn zu sich zurückzuholen. "Komm mit zu mir, ja? Da bist du nicht so allein. Du kannst später noch hier aufräumen."
Kevin sah Nick an, dass der gesehen hatte was im Wohnzimmer los war.
"Ich weiß gar nicht, ob ich hier überhaupt aufräumen will." sagte er leise.
"Wie meinst du das?" hakte Nick nach.
Kevin seufzte und schloss kurz die Augen. "Ich kann hier nicht bleiben... Alles ist voller Erinnerungen an Kristin, jeder Vorhang, jedes Möbel, jeder Raum... Ich hab das Gefühl, wenn ich hier bleibe, werde ich verrückt."
"Ein Grund mehr mit mir zu kommen. Ich hab Platz für dich in meinem Apartment."
Kevin schüttelte den Kopf. "Ich kann mich doch nicht einfach bei dir einquartieren."
"Und ob du das kannst! Ich hab den Platz, du hast bei mir deine Ruhe und Ablenkung, ich hab jemanden der mir ständig sagt was ich zu tun habe – was mir sonst tierisch abgeht, jetzt nach dem vorläufigen Tourende – und wir können uns innerhalb kürzester Zeit verdammt auf die Nerven gehen. Klingt das nicht verlockend?" wollte Nick grinsend wissen.
Kevins Mundwinkel zuckten kurz, er spielte kopfschüttelnd mit seiner Tasse.
Plötzlich wurde Nick todernst und drückte Kevins Hand, damit er ihn ansah.
"Lass mich dir helfen, Kev. Du hast so viel für mich getan, sei es nun als ich festgenommen wurde, oder bei der Sache mit meiner Ex... Du hast mir den Rücken gedeckt, du hast versucht eine solide Wand zwischen mir und der Presse zu sein, du hast dich sogar mit Paris angelegt, um mich, deinen kleinen Bruder, zu beschützen... Lass mich dir etwas davon zurückgeben, bitte..."
Kevin konnte Nick ansehen, dass es ihm verdammt ernst damit war. "Aber ich muss meine Wäsche machen..." wandte er halbherzig ein. Es widerstrebte ihm Nick zur Last zu fallen, denn das war er in seinem Zustand, und das wusste er nur zu gut.
"Das ist ja prima, stell dir vor, ich hab eine neue Waschmaschine." Nick lächelte strahlend, als hätte er grade Kevins schwierigstes Problem gelöst.
Wie konnte man diesem Lächeln widerstehen? Kevin lachte kurz auf und schüttelte schon wieder den Kopf, doch diesmal über sich selbst. "Du hast gewonnen, Baby, ich komme mit zu dir. Aber du hast es dir selbst zuzuschreiben wenn ich dir auf den Wecker gehe."
"Das wirst du, das ist sicher. Aber ich liebe dich trotzdem." Nick grinste und stand auf. "Lass uns deine Taschen holen und hier verschwinden."
"Yep." Kevin erhob sich und ging voran in den Wasch- und Trockenraum, jetzt froh darum, noch nicht mit der großen Wäsche begonnen zu haben.
Sie luden grade das Gepäck in Nicks Wagen, als der fragte: "Was wirst du jetzt mit dem Haus machen, Kev?"
Kevin sah zurück zum Gebäude. "Ich weiß nicht... Ich denke, ich werde es verkaufen, hier hält mich nichts. Vielleicht leiste ich mir stattdessen ein Apartment, jetzt wo ich allein bin."
Nick legte ihm den Arm um die Schultern. "Das bist du nicht. Du hast noch deine Hunde, deine Familie, deine Freunde... Kauf dir ein Apartment, aber stell sicher, dass die Tür immer offen steht, sonst rennen wir sie dir ein." Er schlug Kevin aufmunternd auf den Rücken. "Und jetzt steig ein, alter Mann, nächster Stopp ist die Hundepension. Ich wette, Kit und Jackson sehnen sich schon nach dir."

Kapitel 48