Chapter 45

Kevin saß reglos auf der Couch in dem Aufenthaltsraum, den sie mit den Zimmern gebucht hatten. Er hatte den Kopf nach hinten gelegt, auf die Rückenlehne, und die Augen geschlossen. Himmel, war er müde... Eigentlich hatte er auf sein Zimmer gehen wollen, aber er war hier gelandet. Das passierte ihm die letzte Zeit öfter, dass er irgendwo stand und nicht mehr wusste wie er dahin gekommen war oder was er da wollte. Zeichen seines fortschreitenden Alters. Oder seiner Ziellosigkeit...
Kevin merkte, dass er langsam eindöste. Er hasste es, in Gesellschaft einzunicken, aber er konnte jetzt herzlich wenig dagegen tun. Seine Glieder fühlten sich bleischwer an und seine Augen hatten sich schon vor zehn Minuten geweigert offen zu bleiben. Also nahm er es in Kauf, dass Nick, der fasziniert in Betrachtung des Aquariums in der Ecke versunken war, irgendwann auf ihn aufmerksam werden würde.
Die Tür ging auf und weckte ihn ein klein wenig, jedoch nicht genug um die Augen aufzuschlagen. Schritte näherten sich.
"Lass ihn schlafen, er scheint sich seit Tagen nicht grade viel im Bett aufgehalten zu haben." erklang leise Nicks Stimme.
"Den Eindruck hab ich auch." stimmte Howie genauso leise zu. "Was mich aber wundert ist, dass du dich beherrschen kannst und ihm weder Pommes in den Mund steckst, noch Bonbons ins Gesicht klebst, noch ihn anmalst, wie du das bei mir immer machst."
"Das hat gute Gründe. Erstens hat er beim Schlafen nicht den Mund auf wie du, zweitens wird er schneller wach als du, drittens ist er stärker als ich. Und davon mal ab ist er mit Kristin so arm dran, dass er eine Schonfrist bei mir hat."
"Gut zu wissen, dass du darauf Rücksicht nimmst, Nicky. Vielleicht komme ich auch mal in den Genuss verschont zu werden."
Nick lachte leise. "Armer Sweeeeet D., ich bin sooo gemein zu dir."
Ein gequetschtes Schnaufen und Rascheln erklang, sichere Zeichen dafür, dass Nick Howie knuddelte, ohne dass der sich wirklich wehren konnte. Gekrönt wurde das Ganze von einem Schmatzlaut.
"Buaah... Wann bist du endlich alt genug um dir das abzugewöhnen, Nick?"
"Nie, ich hab dich doch lieb." Nick kicherte wie ein Verrückter.
"Hmpf..." machte Howie. "Kommst du gleich mit, was essen?" wollte er dann wissen.
"Kommt drauf an. Ich hab Lust auf nen Burger. Und wir sollten Kev mitnehmen. Er kann ein bisschen Junkfood gebrauchen, weißt du?" Nicks Stimme wurde zu einem Flüstern. "Hast du ihn gestern Backstage gesehen, beim Umziehen? Man kann inzwischen wirklich seine Rippen zählen... Ich mach mir echt Sorgen..."
Kevin hatte genug gehört was er nicht hören wollte und regte sich leise, um dann zu seufzen und - wie verschlafen - die Augen aufzuschlagen. Er blinzelte mehrmals und drehte den Kopf auf der Lehne. Eine geschickte schauspielerische Vorführung um den Beiden, die ihn so unschuldig anlächelten als hätten sie nicht eben noch über ihn gesprochen, vorzumachen er hätte es nicht mitbekommen.
"Hey..." sagte er mit belegt klingender Stimme. Er räusperte sich. "Wie spät ist es, hab ich lang geschlafen?"
"Nein..." meinte Howie.
Und Kevin wusste, Howie dachte 'nicht lange genug'. Er zwang seine bleischweren Knochen von der Couch.
"Wohin willst du? Wir hatten überlegt gleich Essen zu gehen, magst du mitkommen?" fragte Nick.
Kevin winkte ab. "Nein, danke, aber ich glaube, ich lege mich lieber noch ein bisschen aufs Ohr."
"Okay, tu das, aber vergiss nicht was zu essen wenn du wach wirst, okay?" Howie guckte ein bisschen wie seine eigene Mutter, wenn sie die Jungs zu sehen bekam und ihnen allen attestierte, sie hätten zu wenig Speck auf den Rippen.
"Ich werde dran denken." versprach Kevin halbherzig und machte sich auf in sein Zimmer.
Sobald er die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte er sich dagegen und presste die Stirn an das kühle Holz. Seufzend schloss er die Augen. Er war so müde... Matt stieß er sich von der Tür ab und sah hinüber zum Bett. Er verbrachte ja viele Stunden in diesem und ähnlichen Hotelbetten, doch der Schlaf blieb aus. Kevin gestand sich ein, dass er gar nicht schlafen wollte... Er mochte nicht schweißgebadet hochschrecken und wieder eine Nacht mit grübeln und fluchen verbringen. Er wollte Kristin nicht wieder vor sich sehen...
Er seufzte nochmals tief und ging zur Couch, um sich schwer darauf sinken zu lassen. Er hatte Kopfweh, seine Augen brannten, aber trotzdem fand er einfach keine Ruhe, ob er nun schlief oder nicht. Was also machte es für einen Unterschied?
Er legte sich auf die Seite und zog die Beine an, verschränkte die Arme vor der Brust und schloss die müden Augen, um sie zumindest etwas auszuruhen.
Im nächsten Moment klang es, als klopfe jemand ganz leise an die Tür.
Kevin zog, ohne die Augen aufzuschlagen, die Brauen zusammen. Hatte er sich das grade eingebildet?
Es klopfte wieder, genauso leise, also wohl nicht.
Kevin stand auf und ging steif zur Tür, setzte einen Fuß dahinter – man konnte ja nie wissen, selbst wenn diese Etage für sie abgesperrt worden war – und öffnete einen kleinen Spalt.
Nichts...
Sein Blick wanderte immer tiefer, bis ein großes Paar blauer Augen seine grünen traf. Verblüfft sah Kevin auf seinen kleinen, dreijährigen Großneffen herunter.
"Was machst du denn hier, Kumpel?" wollte er leise wissen.
Baylee stützte sich an der Tür ab und drückte AJ-Monkey in den Spalt. "Rein." erklärte er, als wäre es das Natürlichste von der Welt, dass er allein über den Gang spazierte.
Kevin warf einen Blick rüber zum Zimmer der Littrells, wo jetzt blitzschnell die Tür geschlossen wurde. Was zur Hölle ging hier vor?
Kevin öffnete für Baylee die Tür und hob ihn hoch. Der kleine Junge schlang sofort die Arme um Kevins Hals und drückte seinen Onkel, dann hielt er ihm sein Stofftier entgegen.
"AJ-Monkey hat Hunger, du auch? Ich will Burger und Pommes. Und duuuuu kommst mit."
Okay, jetzt steckte Kevin in einem Dilemma, aus dem er nicht ohne himmlischen Beistand wieder herauskam... In diese hoffnungsvollen Kinderaugen sehen und Nein sagen? Wie denn??
Er seufzte und setzte Baylee auf die Couch, um davor in die Hocke zu gehen.
"Also gut, aber dann wartest du jetzt brav hier, während ich mich nebenan schnell umziehe. Deal?" Er hielt dem Kleinen seine Hand hin.
"Deal!" Baylee schlug ein.
Natürlich war das Ganze ein Komplott. Aber Kevin hatte dafür keine Beweise. Er konnte schlecht den Jungen ausquetschen, wer ihn angestiftet hatte seinen übellaunigen Onkel zum Essen einzuladen. Und Brian, Leigh, AJ und Cat taten unheimlich überrascht, als er mit Baylee vor der Tür seiner Eltern erschien. Außerdem konnte Kev seinen finsteren Gesichtsausdruck spätestens dann nicht mehr beibehalten, als Brian zu Baylee meinte, Onkel Kevin sähe aus wie Oscar aus der Sesamstraße... Baylees helles Lachen trieb ihm ein Lächeln aufs Gesicht, gegen das er nicht die Kraft hatte anzugehen.
Also waren sie eine halbe Stunde später in einem Restaurant. Und hier überraschte Baylee nicht nur seinen Onkel, sondern auch seine Eltern, indem er sich strikt weigerte sich in den Kinderstuhl zu setzen, und lieber auf Kevins Schoß essen wollte.
Es war etwas schwierig, aber funktionierte, da Kevin nach ein paar Bissen nicht weiter essen konnte. Er begann sein Mahl auf dem Teller herum zu schieben, wie immer, damit es nicht so auffiel wie wenig den Weg in seinen Magen gefunden hatte.
Aber da hatte er diesmal die Rechnung ohne Baylee gemacht...
"Du musst aufessen!" verlangte der plötzlich. "Ich hab Teller leer, du nicht."
Vier Erwachsene guckten mit großen Augen zwischen Baylee und Kevin hin und her.
Kevin schluckte. "Ich kann aber nicht mehr..." kam seine lahme Entschuldigung.
"Du musst essen, sonst wirst du krank." verkündete Baylee entschieden.
Kevin sah zu Leighanne auf, die rot anlief und auf ihrem Stuhl kleiner wurde. Langsam wurde ihm klar, was Baylee da von wem aufgeschnappt hatte. Scheinbar wurde immer mehr darüber debattiert, was und wie viel er aß und wie viel er schlief.
Kurz kochte Ärger in Kevin hoch, doch dann verlöschte das Gefühl und zurück blieb Resignation und Leere. Wenn es um einen anderen der Jungs gegangen wäre, AJ, Nick, um wen auch immer, hätte er selbst sich ja nicht anders verhalten... Und der Kleine hatte das mit angehört, dass sein Onkel krank werden würde weil er nicht aß, und begann deshalb eingreifen. Ein typischer Zug, man konnte nicht leugnen, dass es sich bei ihm um die Miniausgabe eines Backstreet Boys handelte.
Seufzend nahm Kevin die Gabel wieder auf und schob sich ein bisschen Gemüse in den Mund. Es schmeckte nach nichts, doch daran war nicht der Koch schuld.
Baylee beobachtete ihn kritisch, wie er die zweite Gabel zum Mund führte, und sie davor in der Luft stehen blieb. Der Widerwille gegen Essen war fast größer als Kevins Wunsch Baylee eine Freude zu machen.
Plötzlich heiterte sich Baylees Gesicht auf. "Ich helfe!" bestimmte er. Er spießte ein Stück Fleisch von Kevins Teller mit seiner eigenen kleinen Gabel auf und sah herausfordernd zu Kevin hoch.
"Flugzeug! Brrrrrrrrrr..." machte er das Motorengeräusch der Maschine nach, während er den Arm reckte, um Kevin die Ladung des Fliegers in den Mund zu schieben.
Kevin hatte nie eine Chance gegen den Charme dieses Kindes... Innerhalb einer Viertelstunde hatte Baylee es geschafft, dass Kevin seinen Teller leer hatte. Zum ersten Mal seit Wochen.
"Lecker." meinte Baylee zufrieden und kletterte von Kevins Schoß, um dann seinen Vater zu erklimmen.
Kevin sah einmal in die Runde, die Gesichter der anderen waren genauso zufrieden wie das von Baylee. Nur AJ grinste dabei auch noch...
"Was?" wollte Kevin von ihm wissen.
"Na das hättest du uns doch mal sagen können, dass du dazu das Flugzeug brauchst... Wir hätten dir da alle gern bei geholfen..."
Vor Kevins innerem Auge entstand das Bild der langen Catering-Tische, an denen Jungs und Crew verteilt waren und gemeinsam für ihn das Flugzeug machten.
"Du, untersteh dich!" knurrte Kevin seinen Freund an, der nur noch mehr vor sich hin grinste. Die Anderen drei begannen zu lachen.
Also schön, besser er aß seinen Teller ab jetzt immer leer, egal wie schwer es ihm fiel, sonst würde ihn das Flugzeugbrummen ab jetzt bei jeder Mahlzeit begleiten...

Kapitel 46