Chapter 43
Kevin blickte, durch die getönte Scheibe, dem Bus nach, in dem Cat, AJ und Nick saßen. Dann sah er wieder zu den Fans hinüber, die nach ihm riefen.
Sie waren großartig. Seit der Pressekonferenz hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, dass er und Kris sich getrennt hatten, aber von den Fans kam kein Mitleid. Wahrscheinlich wussten sie, dass er das nicht ertragen hätte. Stattdessen schenkten sie ihm Sympathie und ihre Unterstützung, ohne nachzufragen wie es zur Trennung gekommen war. Sie wollten nur wissen wie es ihm ging, und guckten dabei genauso besorgt drein wie die Jungs, wenn die fragten. Wahrscheinlich, weil er so fertig aussah... Die dunklen Ringe unter seinen Augen wollten einfach nicht verschwinden - wie auch, wenn er sich entweder schlaflos herumwälzte oder aus bösen Träumen hoch schreckte. Zum Essen musste er sich noch immer zwingen, inzwischen achtete auch jeder aus der Crew darauf, dass er seinen Teller nicht unberührt stehen ließ. Was ihn einerseits rührte und andererseits nervte... Aber, so führte er sich vor Augen, Cat erging es da noch viel 'schlimmer', woran er nicht ganz unschuldig war.
Eigentlich kam er ganz gut klar. Wären da nicht die langen Nächte und diese Träume...
Kevin versenkte die Hände tief in den Taschen und sah wieder zu den Fans hin.
"Na, nun mach schon, geh zu ihnen, du willst es doch." erklang die Stimme seines Cousins hinter ihm. "Und bis Howie kommt..." Demonstrativ sah Brian zum Backstageeingang der Halle.
Er hatte Recht, Kevin konnte die Zeit genauso gut nutzen. Also wandte er sich zur offenen Tür und wurde mit frenetischem Jubel begrüßt, als die Fans ihn entdeckten.
Keith, der zwischen Eingang und Bus patroullierte, kam alarmiert heran.
"Wo willst du hin?"
Seit Kevins Zusammenbruch, von dem Keith sich Vorwürfe machte ihn nicht kommen gesehen zu haben - schließlich war er sein bester und langjährigster Freund -, benahm er sich nicht mehr wie sein Bodyguard, sondern wie ein zu groß geratenes, überbesorgtes Kindermädchen.
"Ich geh zu den Fans." erklärte Kevin und war bereits unterwegs, so dass Keith nichts anderes übrig blieb als ihm zu folgen.
"Hey, Kevin!"
"Kevin!"
"Gute Show!"
Kevin lächelte und schüttete Hände. Die hauptsächlich weiblichen Fans strahlten ihn an, fragten wie es ihm ginge, lächelten verständnisvoll wenn er 'I'm fine.' sagte und reckten sich ihm entgegen, um ihn kurz zu drücken. Obwohl es an die hundert waren, verhielten sie sich ruhig und gesittet.
Kevin signierte ihre Plakate, auf denen sie ihm Mut zusprachen, und dankte ihnen für ihre Unterstützung. Dann hielt er plötzlich inne, als er auf einem las 'Keep Kevins Pride Alive!'.
Die Buchstaben KKPA hatte er seit gestern Nachmittag hier und da in Posts bei Live Daily gelesen, ohne zu wissen was sie bedeuteten. Scheinbar hatte jemand 'KTBPA - Keep The Backstreet Pride Alive' auf ihn umgemünzt und das Kürzel verbreitete sich wie ein Flächenbrand.
"Darf ich das behalten?" fragte Kevin die junge Frau.
Sie stutzte kurz, nickte dann begeistert und Kevin nahm das Plakat an sich.
"Kev, Howie und Drew kommen." mahnte Keith in diesem Moment zum Aufbruch.
"Okay..." Kevin drückte der verdutzten jungen Frau einen kleinen Kuss auf die Wange, schüttelte noch ein paar Hände und trat dann von der Absperrung zurück. Auf halbem Weg zum Bus drehte er sich nochmals zu den Fans um und verbeugte sich galant, um ihnen zu danken.
Die Sprechchöre folgten ihm bis in den Bus.
Seufzend ließ sich Kevin im hinteren Bereich auf die Couch sinken, wo schon Brian und Howie saßen. Sofort nahm sein Cousin ihm das Plakat ab und warf neugierig einen Blick darauf. Er begann zu grinsen.
"Du scheinst schon beliebter als ich zu sein. Entweder muss ich eine Charmoffensive starten oder noch ein Kind zeugen, um das wieder aufzuholen."
Howie lachte und auch auf Kevins Gesicht zeigte sich ein belustigtes Schmunzeln.
"Was hast du denn mit dem Plakat vor?"
"Ich finde es gut, wir sollten es an den Bus hängen." meinte Howie.
"Ja, daran dachte ich auch, ich werde Gustav nachher bitten das zu machen." Kevin nahm es wieder an sich und rollte es sorgsam zusammen.
"Mach das, es weiß inzwischen sowieso jeder Fan, mit welchem Nummernschild wir unterwegs sind." stimmte auch Brian zu.
Kevin rieb nachdenklich über den hellen Streifen an seinem Finger, den der Ehering hinterlassen hatte. "Es ist Wahnsinn, wie die Fans uns unterstützen."
"Ja. AJ, Howie, Nick und ich haben das ja schon mitgemacht, und diesmal bist du dran." Brian lachte, weil seine Worte wie eine Drohung klangen.
"Wenn ich nur wüsste, wie ich ihnen dafür danken kann."
Wenn es dir nicht reicht ihnen die Thankyous zu widmen, dann schreib ihnen doch einen Song." schlug Howie vor.
"Genau, und wir nehmen ihn auf und sorgen dafür, dass er aufs nächste Album kommt. Oder als B-Seite auf die nächste Single. Oder... Dass er ganz zuuufällig im World Wide Web landet." Brian schaute, als trüge er einen Heiligenschein spazieren.
"Ahaaa..." Kevin lachte. "Na, wenn das so ist, gehe ich mal schnell schreiben."
***
Schweißbedeckte Körper bewegten sich im Einklang unter den weißen Laken. Leises Seufzen und Stöhnen drang an sein Ohr, als er sich näherte.
Er kannte die lustvollen Laute... Haltsuchend griff Kevin nach dem Bettpfosten und starrte auf das lange blonde Haar, das auf dem Kissen ausgebreitet lag.
Das Gesicht des Mannes konnte Kevin nicht sehen, aber er spürte mit träumerischer Sicherheit, dass er ihn nicht kannte.
Der Kopf der Frau bewegte sich bei jedem Stoß, den der Mann vollführte. Ihre Augen waren geschlossen, doch als Kevins nächster Atemzug als schmerzerfüllter Laut über seine Lippen drang, öffnete sie sie. Warmes, lustverschleiertes Haselnussbraun traf auf tief verletztes Grün.
Kristins Lippen verzogen sich langsam zu einem Lächeln. Sie begann zu kichern, zuerst verhalten, dann steigerte es sich zu einem befreiten Lachen.
Kevin floh vor dem Geräusch in die Dunkelheit, doch das Lachen verfolgte ihn.
Kevin fuhr hoch und stieß sich fast den Kopf an der Koje über ihm. Atemlos lauschte er, doch es blieb still, bis auf das Motorengeräusch des Busses. Kein Lachen.
Kev vergrub das Gesicht in den Händen. Das Shirt klebte feucht an ihm, genau wie die Boxer. Eine Nacht wie jede andere...
Er seufzte leise und schaltete das kleine Leselicht an, um auf die Uhr zu sehen. Es war erst vier Uhr früh, das hieß also, er hatte fast zwei Stunden Schlaf gehabt. Nicht genug, aber er wusste, er würde so schnell nicht wieder einschlafen. Also stand er auf und ging in die winzige Toilette, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht um die letzten Traumfetzen zu verjagen.
"Wie lange geht das schon so?" fragte plötzlich eine wohlbekannte Stimme hinter ihm.
Kevin drehte sich überrascht um. Hinter ihm, in der Tür, stand ein verschlafener Brian.
"Folgt ihr mir jetzt sogar schon aufs Klo?" versuchte Kev es mit einem Witz. Sein Lächeln geriet allerdings ziemlich kläglich.
Brian sah demonstrativ auf die Uhr. "Nicht die richtige Zeit für Witze. Also seit wann?"
Kevin seufzte und lehnte sich rückwärts an das kleine Waschbecken. Früher oder später hatte es so kommen müssen, dass sein Albtraum auch andere aufweckt. "Vom ersten Tag an, Bri... Ich hab vom ersten Tag an Albträume, inzwischen seit einem Monat. Erst kamen sie nur ab und zu, aber jetzt werden sie häufiger, und ich hab sie jede Nacht."
Brian rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. "Wir hätten es wissen müssen... Kev, du brauchst Hilfe, du verkraftest es nicht so einfach, indem du drüber hinweggehst."
Kevin schloss müde die Augen. "Es ist ja nun nicht grade so, als würde ich das tun... Ich dachte, mit euch zu reden hilft. Das tut es auch, aber die ständige Grübelei über meine Situation und diese Albträume machen mich fertig. Ich wünschte, ich wäre in der Lage drüber hinwegzugehen und es zu verdrängen, aber ich kann nicht."
Sorgenvoll sah Brian seinen Cousin an. "Ich will mir nicht mal vorstellen, wie das für dich ist... Wenn Leigh mir so was antäte, dann würde ich..." Er verstummte erschrocken.
Kevin öffnete die umschatteten Augen. "Ich hab darüber ernsthaft nachgedacht, Bri. Mehr als ein Mal."
Brian starrte ihn schockiert an.
Kevin löste sich vom Waschbecken und trat den kleinen Schritt auf Brian zu, der sie trennte, um ihm eine Hand auf die Schulter zu legen. "Ich bin noch hier wie du siehst. Und im Augenblick ist keine Klippe in Sicht, von der ich mich stürzen könnte... Wenn wir den Europa-Teil der Tour abgeschlossen haben, begebe ich mich freiwillig in psychiatrische Behandlung, das versprech ich. Aber jetzt brauch ich erst mal einen Kaffee, willst du auch einen?"