Chapter 39
Mann, was für ein Tag... AJ ließ sich gegen die Fahrstuhlwand sinken und rieb sich mit beiden Händen die schmerzende Stirn.
Zuerst Kevins langerwarteter Ausraster, dann Cats Zusammenbruch und die Nachricht, dass sie schwanger war, das war einfach etwas viel auf einmal, selbst für einen krisengeprüften Popstar. Wie gut, dass der Tag jetzt, kurz nach drei Uhr in der Früh, endlich vorbei war und er ein paar Stunden Schlaf kriegen konnte, die brauchte er dringend. Denn die Gefahr, in alte Gewohnheiten zurückzufallen und sich etwas alkoholisches zu besorgen, stieg jetzt von Minute zu Minute.
AJ lehnte den Kopf an die kühle Holzverkleidung und schloss die Augen. Er dachte an Cat, die Frau die er über alles liebte, und an das kleine Leben, das in ihr heranwuchs, und ein sanftes Lächeln erhellte sein Gesicht. Das war viel besser als Alkohol, das war reines Endorphin.
Er lächelte immer noch, als sich die Fahrstuhltüren im siebten Stock öffneten und er den Weg zu seinem Zimmer einschlug. Doch nach zwei Schritten war es damit vorbei. Jemand lag vor ihm auf dem Hotelflur, und dieser Jemand war Kevin...
AJ rannte zu ihm und fiel neben ihm auf die Knie. Was immer vorher geschehen war, war zwar nicht vergessen, aber jetzt vollkommen unwichtig... Das da vor ihm war sein Bruder, und er sah verdammt schlecht aus... AJ tastete nach seinem Puls. Kevin atmete viel zu flach...
"Kev? Komm schon, wach auf, Alter!" AJ tätschelte Kevins Wange, doch ohne Erfolg. Erst jetzt stieg ihm der Geruch von Alkohol in die Nase, den Kevin verströmte.
"Verdammt! Das hast du nicht getan! Wem willst du was beweisen, huh?" Mit einem Ruck drehte AJ Kevin auf den Rücken und gab ihm eine wohlplatzierte Ohrfeige, um den vermeintlich Schlafenden zu wecken. Doch Kevin reagierte nicht...
"VERDAMMT! WACH AUF!" AJ rüttelte an ihm, aber der einzige Erfolg war, dass Kevins Kopf haltlos hin und her rollte.
AJ starrte hilflos in sein bleiches Gesicht, auf dem ein Schweißfilm glänzte. Die Sachen, die Kevin trug, waren ebenfalls schweißnass.
AJ keuchte auf, als ihm klar wurde, was mit Kevin los war. Er kannte ihn jetzt so viele Jahre, hatte so manches Mal richtig mit Kevin gefeiert... So heftig, dass sie nicht mehr grade laufen, geschweige denn sprechen konnten, gegen geschlossene Glastüren liefen und die Hilfe ihrer Bodyguards brauchten, um in ihre Betten zu finden. Aber niemals, NIEMALS hatte Kevin so viel getrunken, dass er das Bewusstsein verlor...
Das Summen sich öffnender Fahrstuhltüren ließ AJ herumfahren. Sein Bodyguard Marcus, der ihn natürlich den ganzen Tag begleitet und vorhin nur noch den Van geparkt hatte, trat aus der Kabine und blieb wie versteinert stehen, als er seinen Schützling, über eine reglose Gestalt gebeugt, auf dem Boden sitzen sah.
"Was ist hier los?" verlangte er zu wissen.
"Ich weiß nicht... Ich hab Kev hier so gefunden. Ich glaube, er hat eine Alkoholvergiftung... Wir brauchen einen Krankenwagen..." berichtete AJ mit kleiner Stimme.
AJ's' Bodyguard zückte sofort sein Handy und wählte die deutsche Notrufnummer.
Während er energisch auf die Dame am anderen Ende einredete und erklärte, dass sie einen Rettungswagen ins Vier Jahreszeiten brauchten, legte er seine große braune Hand beruhigend auf AJ's' Schulter. Den Jungs blieb heute scheinbar nichts erspart und Alex traf es doppelt hart, musste er sich doch als Verursacher des Ganzen betrachten... Marcus behielt ihn im Auge, aus Sorge AJ könnte vielleicht etwas dummes tun, wie in seinem Zimmer verschwinden um wieder zu trinken. Doch AJ blieb bei Kevin und kümmerte sich um ihn, drehte ihn auf die Seite, wie im Erste-Hilfe-Kurs gelernt, und redete mit ihm.
"Ich geb ja zu, dass ich es verdiene, dass du mir den Kopf von den Schultern haust... Aber das ist doch kein Grund sich so die Kante zu geben. Du musst mir nicht unbedingt nacheifern, hörst du? Ich bin bestimmt kein gutes Vorbild, selbst wenn es darum geht sich sein Leben zu zerstören..."
AJ hielt inne. Genauer betrachtet, hatte er das schon für Kevin erledigt. Es war seine Schuld, dass Kevin hier lag... Wütend, auf sich selbst und auf den Mann vor ihm, nahm er Kevins Hand, die sich in seiner schlaff und eiskalt anfühlte.
"Ich lasse das nicht zu, verdammt. Es ist genug Schaden entstanden, jetzt ist Schluss damit! Und wenn ich dich auf Schritt und Tritt verfolgen muss, wie Cat und Marcus das bei mir gemacht haben, um dich vom Alkohol fernzuhalten!"
Er wandte sich zu seinem Bodyguard um. "Geht das schon länger so? Hast du mitbekommen, dass Kevin häufiger trinkt, seit..."
Marcus klappte das Handy zu und schüttelte den Kopf. "Ich kann höchstens Keith danach fragen, ich hab mich mehr darum gekümmert, dass ihr euch nicht über den Weg lauft." Er sah sich suchend um. "Was macht er überhaupt hier? Seine Suite ist zwei Stockwerke tiefer."
AJ wurde blass. "Möglicherweise wollte er mir endlich den lang fälligen Denkzettel verpassen..."
Marcus zog zweifelnd die Brauen hoch. "Heute? Nach Cats Zusammenbruch und seinem Besuch bei ihr in der Klinik? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen."
AJ's' Kopf zuckte hoch. "Er war in der Klinik? Wann? Ich hab ihn nicht..." Ihm dämmerte etwas. "Er kam durch den Haupteingang rein, als wir unbedingt eine Zeitschrift für Cat kaufen sollten, obwohl wir hierher unterwegs waren um ein paar Sachen für sie zu holen, stimmts?"
"Ja, ich hatte keine Ahnung was ihr zwei macht, wenn ihr aufeinander trefft, und es erschien mir besser das zu vermeiden." Der Bodyguard zuckte entschuldigend mit den Schultern.
"Schon okay, wahrscheinlich war es besser so. Aber du hast Recht, dann ist es unwahrscheinlich, dass er mich schlagen wollte... denke ich..."
AJ sah nachdenklich auf seinen Freund herunter. Sollte Kev etwa auf dem Weg zu ihm gewesen sein, um mit ihm zu reden? Das wäre zu schön um wahr zu sein...
Wenig später kamen die Sanitäter und scheuchten AJ beiseite. Sie überprüften Kevins Vitalfunktionen, befanden sie als nicht so gut, wie AJ zu verstehen glaubte, und hoben ihn auf ihre Trage.
Alex ließ es sich nicht nehmen, mit zur Klinik zu fahren. Er wollte Kev nicht allein lassen...
Marcus, der insgeheim seine Nachtruhe abgeschrieben hatte, folgte im Van und traf seinen nervös hin und her patrouillierenden Schützling in demselben Warteraum, in dem sie heute schon auf Nachricht von Cat gewartet hatten. Das machte das Warten diesmal aber nicht erträglicher...
Endlich kam ein Arzt und schüttelte AJ, der ihm entgegenging, die Hand. "Mr. McLean, wenn ich mich nicht irre."
"Der bin ich. Wie geht es ihm?"
"Mr. Richardson geht es gar nicht mal so schlecht, wenn man die Promillezahl in seinem Blut bedenkt. Wir haben ihn sicherheitshalber intubiert, damit nichts in seine Lungen gelangt, sollte er sich erbrechen. Außerdem hängt er an einem Dialysegerät, um sein Blut zu entgiften. Ansonsten haben wir ihm etwas für seinen Kreislauf gegeben, der aber nicht sehr instabil war. Ihr Freund ist schon recht hart im Nehmen, ich denke in ein paar Stunden wird er aufwachen und gewaltiges Kopfweh haben, aber ansonsten sollte er wohlauf sein."
AJ atmete erleichtert auf. "Danke, Doktor."
Der Arzt merkte, was für ein Stein ihm vom Herzen gefallen war, und lächelte. "Sie können gerne zu ihm gehen und ihm Gesellschaft leisten. Erschrecken Sie nur nicht über die Apparate, es sieht furchterregender aus als es ist." Damit ging er.
AJ folgte dem Vorschlag und betrat wenig später leise Kevins Zimmer. Der gute Doktor hatte Recht gehabt, es sah nicht nett aus, Kevin an all diesen Geräten angeschlossen... Das Laufgeräusch des Dialyseapparates war unheimlich, und zusammen mit dem Piepsen des Herzmonitors übertönte es alles andere, so dass AJ Kevin nicht atmen hören konnte. Um ganz sicher zu gehen, legte er kurz die Hand auf Kevs Brust und spürte beruhigt, wie sie sich gleichmäßig hob und senkte.
"So, da wären wir beide also mal wieder." meinte AJ leise und zog sich einen Stuhl heran. "Unser letztes richtiges Gespräch ist schon eine ganze Weile her, was? Und es wird noch weiter warten müssen, denn ich hätte schon gern, dass du mich auch hörst und mir antworten kannst. Wir haben beide ganz schön Scheiße gebaut..."
Das waren AJ's letzten Worte für einen langen Zeitraum, in dem er einfach nur Kevins schlaffe Hand hielt, ab und zu von Marcus einen Kaffee hereingereicht bekam und hin und wieder ein wenig eindöste. Aber er war hellwach, als der Arzt hereinkam und ihn ein wenig beiseite scheuchte, um Kevins Vitalwerte zu prüfen und dann Anweisung zu erteilen die Dialyse zu beenden und ihn zu extubieren.
Als AJ auf die Uhr sah, stellte er fest, dass es bereits fast acht Uhr morgens und er seit mehr als 26 stressreichen Stunden auf den Beinen war. Um ihn herum verringerte sich die Geräuschkulisse allmählich, bis nur noch das Piepsen des Herzmonitors übrig blieb und AJ hörte genau hin Kevins gleichmäßiges Atmen.
Langsam wurde es wohl Zeit, Johnny und die Jungs anzurufen und ihnen zu sagen, wo Kevin steckte. Es sei denn, Marcus hatte das schon für ihn erledigt.
AJ stand auf und reckte sich, dass seine Gelenke knackten. Er fühlte sich unsagbar müde und erschöpft, und das nicht nur körperlich.
Grade als er überlegte, ob er ein bisschen zu Cat gehen und sich von ihr umarmen und trösten lassen sollte - natürlich ohne ein einziges Wort von Kevin zu erwähnen - stöhnte dieser leise.
Mit zwei Schritten war AJ am Bett und nahm Kevs Hand. Die warmen Finger zuckten leicht. Dann schlug Kevin langsam die Augen auf und presste sie mit einem Schmerzenslaut wieder zu.
"Tut mir echt leid, Kev. Ich weiß, wie weh das tun kann..." sagte AJ leise.
Kevin hustete leicht und leckte sich über die trockenen Lippen. "Bist du das, Alex?" fragte er. Seine Stimme klang noch rauer als die seines Freundes.
"Ja, ich bin hier. Ich weiß aber nicht, ob das okay ist..." AJ hielt gespannt die Luft an.
Kevins Finger schlossen sich um seine Hand. "Das ist es..." murmelte Kevin.
AJ atmete unhörbar auf und erwiderte erleichtert den Druck.
Einen Moment herrschte Stille. Dann blinzelte Kevin vorsichtig ins helle Licht und richtete die geröteten Augen auf AJ. "Krankenhaus?" riet er.
"Yep." stimmte AJ zu. "Ich hab dich im Hotel auf meiner Etage, auf dem Flur liegend, vorgefunden und hielt es für besser, einen Krankenwagen zu rufen. Du hattest eine Alkoholvergiftung, das hat der Arzt bestätigt."
"Ich erinnere mich nicht... Ich weiß nur, ich hab viel zu viel gehabt. Gott, mein Schädel..."
"Du weißt also nicht mehr, was du oben in meiner Etage wolltest?" hakte AJ nach. Klar, Kevin hatte einen Filmriss... Aber wenn es kein gutes Zeichen war, dass er immer noch mit leichtem Druck AJ's Finger umschloss, was dann?
Kevin hustete erneut und verzog vor Schmerz das Gesicht. "Ich hab keine Ahnung, wie ich da hochkam..." Er wandte den Kopf und blickte AJ direkt an. "Aber ich hatte vor mit dir zu reden... Alex, ich will nicht auch noch einen meiner besten Freunde verlieren... Wir müssen miteinander sprechen..." Kevin schloss erschöpft die Augen.
AJ schaute besorgt auf ihn herab. "Und das werden wir, aber du musst dich jetzt erst mal erholen. Ich komme später nach dir sehen, und du schläfst erst mal deinen Rausch aus, okay?"
Kevin nickte müde. "Danke, dass du hier bist... Dabei hab ich mich wie ein Arsch benommen..."
"Ich doch auch, Kev. Wir sollten langsam damit aufhören und uns auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Außerdem hattest du Recht, ich hätte... also... es nie tun dürfen und... Kev, ich weiß, dass ich es nie wieder gutmachen kann..."
Kevin hatte die blutunterlaufenen Augen wieder geöffnet und sah ihn unverwandt an. Sein Blick schien sich tief in AJ's Seele zu bohren.
"Du hast doch gehört, was sie sagte. Wenn nicht dich, dann hätte sie jemand anderen dafür benutzt. Sie hat in Kauf genommen, dass du rückfällig wirst. Du hättest sterben können, Alex, jemandem betrunken vors Auto laufen oder dir im Suff etwas antun... Sie ist es, die das alles angerichtet hat. Sicher bist du nicht schuldlos, aber ich kenne Kristin. Sie bekommt immer was oder wen sie will..." Kevin seufzte. "Was geschehen ist, ist geschehen, und wir werden beide lernen müssen damit zu leben. Du hast jetzt eine Familie, um die du dich kümmern musst. Und ich..." Er verstummte.
"Du hast auch eine, Kev." erwiderte AJ. "Und wir brauchen dich. Also komm schnell wieder auf die Beine, sonst bricht uns ohne Cat und dich im Nullkommanichts der ganze Laden zusammen."
Ein schwaches Lächeln spielte um Kevins Lippen. "Na, das kann ich doch unmöglich zulassen..."
"Siehst du!" AJ grinste. "Aber jetzt schlaf dich erst mal aus, ich sehe später nach dir. Ich werde mal sehen, was unsere werdende Mutter macht. Ach ja... Keine Sorge, ich sage ihr nichts von deiner kleinen Eskapade. Wir wollen sie ja nicht aufregen." AJ wandte sich zum Gehen.
Siedendheiß fiel Kevin ein, was er am Tag zuvor gehört hatte. "Alex, warte! Ich muss dir noch was sagen, zu Cat und eurem Baby..." Er berichtete AJ kurz, was er durch Zufall von Cats Gespräch mit dem Arzt gehört hatte. Dass sie sich schonen musste, und dass der massive Tourstress absolutes Gift für das Kind war und eine Fehlgeburt hervorrufen konnte.
Als er fertig war, herrschte einen Moment Stille.
"Verdammt." murmelte AJ dann. "Was sollen wir denn jetzt machen, mitten in der Tour? Und sie fühlt sich so verantwortlich für alles..."
"Egal wie, wir müssen sie von Stress fernhalten. Gemeinsam können wir das schaffen, es müssen nur alle mithelfen und mehr Eigenverantwortung zeigen. Und den Rest werden Johnny und wir übernehmen müssen. Cat vielleicht noch den Papierkram, aber sonst..."
Die Freunde sahen sich nachdenklich an.
"Zusammen schaffen wir das schon." Ein optimistisches Lächeln stahl sich um AJ's Lippen.
"Zusammen schaffen wir alles." stimmte Kevin schmunzelnd zu.
"Ich werde mit den Jungs und Johnny telefonieren, wir können sofort anfangen alles in die Wege zu leiten. Und du schläfst jetzt, das ist ein Befehl." AJ zeigte drohend mit dem Finger auf Kevin.
Der lachte, verzog aber gleich darauf schmerzerfüllt das Gesicht. "Zu Befehl, Sir, ich würde im Augenblick auch nichts lieber tun..."
"Dann schlaf, Kevvey. Ich bin in der Nähe, wenn was ist. Ich schaue später wieder bei dir herein, okay?"
"Ja... danke Alex..."
Kevin blinzelte bereits müde, was AJ wieder zum Lächeln brachte. Leise verließ er den Raum und schloss nach einem letzten Blick auf seinen einschlafenden Freund die Tür hinter sich.
AJ war einfach nur froh, denn er hatte heute unverhofft etwas zurückbekommen, das er verloren geglaubt hatte. Eine ungeheure Last war ihm von der Seele genommen. Er würde nicht einfach werden, zu dem Vertrauensverhältnis zurückzukehren, das er und Kevin mal hatten, aber der erste Schritt war jetzt gemacht. Die Backstreet Boys waren noch lange nicht geschlagen.