Chapter 38

Kevin starrte aus dem Fenster des Van, während Hamburg draußen vorüberzog. Er war auf dem Weg in die Klinik, er musste wissen wie es Cat ging.
Schuldbewusst biss er die Zähne zusammen. Es war sein Fehler... Er war ausgeflippt, wegen einer Nichtigkeit, weil AJ seinen Arm um Brian gelegt und der die Geste erwidert hatte. Etwas, das sie seit Jahren taten... Plötzlich hatte es eine andere Bedeutung gehabt, völlig wiedersinnig und irrational. Was hatte er sich dabei nur gedacht...
Sein Entsetzen, als Cat lautlos in Marcus' Arme sank, war so groß gewesen, dass es ihn wieder zu sich gebracht hatte. Aber zu spät, zu spät für Cat... Er würde sich nie verzeihen, wenn sie irgendwelchen Schaden davontrug. Niemals.
Wenige Minuten später war Kevin in der Klinik und auf dem Weg zu Cat, in der Hand einen Strauß weißer Rosen. Tief atmete er durch, dann drückte er ihre Zimmertür auf, darauf gefasst AJ bei ihr zu sehen. Zu seiner Überraschung war der aber nicht da.
Leise trat er zum Bett, auf dem Cat mit geschlossenen Augen lag. Sie sah zart und zerbrechlich aus, das Gesicht im Vergleich zum dunklen Haar schrecklich bleich. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Das war auch seine Schuld...
Kevin sah sich unbehaglich nach einer Vase für die Rosen um, dabei fiel sein Blick auf etwas schwarz-weißes, das auf dem Nachttisch lag. Wie gebannt ging er darauf zu, hob es behutsam auf und hätte fast die Rosen fallen gelassen vor Schreck. Es war ein Ultraschallbild... Das konnte nur eins bedeuten... Kevin wurde es eiskalt, als ihm klar wurde, dass sie nicht nur Cats Leben gefährdeten, sondern auch das ihres Kindes. Ihres und wahrscheinlich Alex' Kindes...
"Gott... Es tut mir leid, Cat... So leid..."
Neben ihm flatterten Cats Lider, dann öffnete sie benommen die Augen.
"Mmmh... Kevin, du hier? Oh, sind die für mich?" Sie deutete auf die Rosen.
Kevin ließ erschreckt das Ultraschallfoto fallen. "Ja... ja, sind sie... Cat, ich..." Er verstummte, weil er nicht wusste was er sagen sollte. Sie erwartete ein Baby... Kevin räusperte sich, er hatte den Eindruck, dass sich ein schweres Gewicht auf seine Brust legte. "Ich... sollte wohl... gratulieren."
Cat schnaufte müde. „Sieht so aus, ja…“ Sie musterte Kevin einen Augenblick. Sein Gesicht spiegelte eine Mischung aus Besorgnis und Überraschung wieder. „Tut mir leid, wenn ich euch erschreckt habe. Aber der Stress er letzten Tage war wohl… etwas zuviel, fürchte ich. Tut mir leid.“
"Nein, uns muss es leid tun, allen voran mir. Ich bin ausgetickt und hab keine Rücksicht auf irgendwas genommen... Es tut mir leid, Cat. Mehr als ich sagen kann." Er legte Cat die Rosen in den Arm und stand da, ohne zu wissen, was er nun mit den leeren Händen anfangen sollte. Nervös vergrub er sie in den Hosentaschen.
„Du musst dich nicht entschuldigen, ich… es konnte ja niemand ahnen, dass… Es konnte ja niemand ahnen, dass ich… schwanger bin.“ nuschelte sie leise in die Blumen in ihrem Arm.
"Vielleicht nicht, aber dass du total erschöpft bist hätte ich realisieren müssen... Es hätte dich nicht so stressen dürfen, diese Sache mit... AJ und mir... Wir sind... Nein, ICH bin schuld, dass du hier liegst... Ich bin so verdammt egoistisch und blind gewesen, ich hab nicht mal gemerkt... Ent... entschuldige mich, ich muss kurz..."
Ohne den Satz zu beenden, verließ Kevin den Raum und verschwand auf der Herrentoilette, wo er hoffte einen Moment Ruhe zu finden um sich zu sammeln. Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und wartete, dass sein Herz wieder normal schlug, statt sich anzufühlen, als wollte es aus seiner Brust hervorbrechen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er bereit war zurück zu Cat zu gehen.
Doch als er an ihrer Tür ankam, hatte sie bereits neuen Besuch. Einer der Ärzte, ein hochgewachsener Mann, der langsam ergraute, sprach mit ihr. Kevin blieb an der leicht geöffneten Tür stehen und hörte unfreiwillig zu, was gesprochen wurde.
"Ich muss Ihnen nicht sagen, Miss Carlton, dass Sie sich in diesem Punkt keine Freiheiten erlauben dürfen. Der Stress erhöht ihren Blutdruck und gefährdet damit massivst ihr Kind. Wenn Sie keine Fehlgeburt riskieren wollen, dann müssen Sie viel kürzer treten. Keinen Stress, keinen Streit und nicht wieder so was wie heute, sonst kann ich Ihnen prophezeien, dass Sie das Kind verlieren werden..."
Kevin wurde es abwechselnd heiß und kalt. Oh Gott, fast wäre er Mitschuld am Tod dieses Kindes gewesen... Er trat zurück und versteckte sich hinter der nächsten Tür, als der Arzt das Zimmer verließ. Erst dann ging er zu Cat zurück, die ihn schon erwartete.
„Hey Kev, alles okay bei Dir?“ Cat warf ihm einen besorgten Blick zu, als er mit den Händen in den Hosentaschen ein wenig blass und nervös vor ihr von einem Bein aufs andere trat.
Er nickte schlicht.
„Setz Dich doch.“ Cat deutete auf einen Stuhl in der Ecke.
Während Kevin sich den Stuhl ein wenig näher ans Bett heran rückte, hatte Cat das Bedürfnis ihm zu erklären, was sie selbst noch nicht ganz verstand.
„Kev, ich… ich möchte nicht, dass ihr euch Sorgen macht oder wegen mir Konzerte absagt. Ich werde wieder gesund… das alles war nur ein bisschen viel für mich. Die Ärzte sagen, ich kann übermorgen hier wieder raus, wenn ich mich benehme und weiterhin schone.“
Kevin war klar, dass sie ihm gegenüber kein Wort, von der Gefahr das Kind zu verlieren, wiederholen würde. Schon allein deswegen nicht, weil sie die Tour nicht stören wollte und viel zu verantwortungsbewusst war. Er rieb die feuchten Handflächen an seiner Jeans trocken. Ob sie es wohl AJ sagte? Wahrscheinlich auch nicht...
Aber... AJ war doch der Vater... Oder...? Cat hatte sich während der Tour auch mit diesem jungen Mann, ihrem Arbeitskollegen, getroffen...
Kevin räusperte sich. Er musste das jetzt wissen... Irgendwie hatte er das Gefühl, dass das letzte Stück, seiner ehemals heilen Welt, mit dieser Information stand oder fiel, er konnte nur nicht sagen was von beidem geschehen würde.
"Cat... Ich weiß, es geht mich absolut nichts an... und du wirst mir wahrscheinlich sagen, dass ich mich raus- und meine verdammte Klappe halten soll... Aber... Cat, ist Alex der Vater des Kindes?"
Vorsichtig sah er auf, in Cats Augen.
Einen Moment lang legte sich angespannte Stille über das Krankenzimmer, bis Cat schließlich langsam nickte.
„Ja.“ sagte sie leise und brach den Blickkontakt ab. „Es ist Alex’ Baby!"
Kevin schloss die Augen. Er spürte förmlich, wie etwas in ihm nachgab... Sein ganzer Hass auf AJ, seine Wut, lösten sich in Nichts auf.
AJ wurde Vater. Wie sehr Kevin sich wünschte, Vater zu werden... Und jetzt bekam sein Bruder, das Sorgenkind, selbst einen Sohn oder eine Tochter.
Ein paar Sekunden lang dauerte das Gefühl von Neid und Eifersucht an, dann wurde es durch Freude für Alex abgelöst, doch dann verging auch das und es blieb nur Leere übrig.
Und Schuld...
Kevins Verhalten hatte dazu geführt, dass Cat hier lag, und er konnte sich nicht vergeben ein ungeborenes Kind gefährdet zu haben. Ein Baby, das noch so viel vor sich hatte. Kevin konnte es förmlich vor sich sehen, das kleine Geschöpf, mit Cats dunklem Haar und AJ's samtbraunen Augen mit den langen Wimpern.
Das veränderte alles, dieses Kind brauchte seinen Vater... Er konnte Alex nicht schlagen, er konnte nicht zusehen, wie sein Freund sich selbst zerfleischte vor Schuldgefühlen, denn Alex brauchte seine ganze Energie für dieses Kind. Er musste seine Sucht erneut überwinden, wenn er seiner kleinen Familie das Leben nicht zur Hölle machen wollte. Und Kevin musste einen Weg finden, mit seinen Aggressionen fertig zu werden, ohne AJ als Sandsack zu benutzen...
Kevin öffnete langsam die Augen und lächelte Cat matt zu. "Das ist gut... Er wird ein wundervoller Vater sein... Bitte entschuldige mich jetzt, ich habe Johnny versprochen sofort anzurufen, wenn ich dich gesehen habe."
Kevin küsste Cat sanft auf die Wange und wünschte ihr gute Besserung und ihr und ihrem Kind alles Gute, dann ging er.
Er konnte sich nicht erinnern, sich je in seinem Leben so allein gefühlt zu haben.

Cat blieb zurück. Lange Zeit sah sie besorgt auf die geschlossene Zimmertür, hinter der Kevin verschwunden war.
„Bitte, lass sie keine Dummheiten machen.“ betete sie gen Decke und hoffte, dass die anderen Jungs ein Auge auf die beiden Kampfhähne haben würden. Der Gedanke daran, dass Kevin und AJ sich weiter bekriegen würden und Cat nicht einschreiten konnte, lastete schwer auf ihr.
Doch sie war sich darüber bewusst, dass sie einen Gang zurückschalten musste. Zum Wohle ihres Kindes und zu ihrem eigenen Seelenheil. Entweder das, oder sie würde bald vor dem Nichts stehen. Der Arzt hatte es ihr mehr als verdeutlicht, was passieren konnte wenn sie sich nicht ausruhte.
Ein leises Seufzen entwich ihr und sie schloss erneut die Augen.
Dass AJ ein paar Minuten später kam, um ihr ein paar Sachen zu bringen, bemerkte Cat bereits nicht mehr.

Es war keine Lösung, was er hier tat. Das wusste er. Und die Ironie an der Sache war, dass er scheinbar genau das tat, was Alex seit jener verhängnisvollen Nacht machte, um seinen Schmerz zu vergessen und die Gedanken zum Schweigen zu bringen...
Kevin lächelte humorlos und schüttete nach. Ein bisschen ging daneben, weil er schon nicht mehr ganz nüchtern war. Na gut, vielleicht war er auch schon stockbetrunken... Das wollte er nicht so genau wissen.
Und noch immer drehten sich die Gedanken in seinem Kopf im Kreis, wie sich vorhin kurz alles um ihn gedreht hatte... Kevin trank das Glas aus und füllte es erneut.
Der Barkeeper unten hatte ihm nach dem zehnten geraten, dass er es lassen sollte, weil von Alkohol nichts besser würde. Das war das Schlimmste, wenn man sich in einer Bar betrank, über kurz oder lang fand sich jemand, der einem unbedingt seine Lebensweisheiten aufdrängen wollte. Als wollte man noch mehr hören, wegen dem man sich schuldig fühlen musste...
Kevin schüttelte langsam den Kopf und hob das Glas an die Lippen. Es war beruhigend kühl, der Wodka klar wie Wasser. Und so trank er ihn auch. Scharf floss die kühle Flüssigkeit durch seine Kehle und brannte in seinem Magen, doch die innere Kälte, die Kevin spürte, vertrieb das nicht. Obwohl er, seit er heraufgekommen war, schon eineinhalb Flasche geleert hatte...
Mit einem Knall stellte er das Glas ab. AJ wurde also Vater... Sein Alex, der magere Junge, der sich hinter Sonnenbrillen und Schirmmützen versteckte... Gott, wo war die Zeit geblieben.
Kevin rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Dann begann er zu kichern, als ihm die Streiche einfielen, die sie einander damals gespielt hatten. Und dann kamen ihm unvermittelt die Tränen. Was war nur geschehen seit jener Zeit, wo war ihre Unschuld geblieben. Würden sie nach dem, was Kristin gemacht hatte, je wieder zu einem so leichten Umgangston zurückfinden?
Die Tränenbahnen trockneten auf seinen erhitzten Wangen ohne sie zu kühlen.
Kevin schloss die Augen und dachte an Kristin. Gott, wie schön sie war, wie verführerisch... Dieser Po und diese langen Beine...
"My lova, my friiiend and buddy to the eeend…" flüsterte er vor sich hin. "Un' jetz'? Wassis raus geworn' aus 'n großn' Wortn'? Geliebte, Freundn... Kumpel..." Er schluckte den Rest aus dem Glas und schenkte es wieder voll. "'N Flittchn' das mit meim Bruda schläft... um mich lossusein..."
Kevin drehte sich zum Bett um, was nicht leicht war in seinem Zustand, obwohl er auf dem Drehstuhl vor dem Schreibtisch saß. "Lass' mich 'n Toasausbring'... Auffe Frau, die mit 'm bestn Freund ihres Manns pennt undann das Ehebett frischezieht..." Er griff nach dem Glas, doch er stieß mit der Hand dagegen und der Alkohol ergoss sich über das Holz.
Kevin gab ein genervtes Schnauben von sich und griff stattdessen nach der Flasche, um direkt aus ihr zu trinken. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Mund.
"Obsas wert wa?" sinnierte er dann. "Ich hoff', dassedir was gebotn' hat, Alex..." Das letzte Wort klang wie ein Seufzen. Einen Moment herrschte Stille, bis auf Kevins flaches Atmen. "Ich will mein' Bruda wieda..." flüsterte er dann undeutlich. Erneut strömten Tränen über seine Wangen. "...will mein' Lebn' zurück..."
Plötzlich meinte er Kristin lachen zu hören. Hämisch und schadenfroh.
"HALTSIE KLAPPE!" Er griff nach dem leeren Glas, bekam es erst nicht richtig zu fassen, doch schließlich hatte er es in der Hand und schmetterte es an die Wand über dem Bett. Ein Hagel aus Glasscherben ging darauf nieder.
Keuchend klammerte sich Kevin an der Schreibtischkante fest. Um ihn drehte sich alles und sein Magen begann zu revoltieren, ein saurer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus.
Er zwang sich, ruhig zu atmen. Er wollte sich nicht übergeben, das würde sein Kopf nicht aushalten. Der würde einfach von seinen Schultern fallen und im Raum herumkugeln, ganz sicher.
Es gelang Kevin, die Übelkeit und den Schwindel zurückzudrängen. Er richtete ich auf und griff nach der Flasche, die er nur schemenhaft wahrnahm, um den ekeligen Geschmack herunterzuspülen. Das Brennen des Alkohols in seinem Hals beruhigte ihn. Es war wie ein guter, alter Freund, der seine Schmerzen dämpfte. Er setzte die Flasche ab und blinzelte geblendet ins helle Licht der Deckenlampe.
"...chmussas mit Alex kläarn... Wia müssn' redn'... Chwill mein' Bruda wieda, wennichschn Kris verliea..."
Mit diesem festen Vorsatz zog sich Kevin am Schreibtisch auf die Füße hoch. Und wäre fast gefallen. Der ganze Raum drehte sich wie ein Kreisel um ihn, es wurde abwechselnd heller und dunkler, als wenn er durch einen Tunnel führe.
"Veadammt..." Er hielt sich an der Wand fest, obwohl die verdächtig vor- und zurückwankte. Stöhnend tastete sich Kevin an ihr entlang, um zur Tür zu kommen. Als er sie erreichte, seufzte er erleichtert und drückte sie auf, doch nach zwei Schritten hielt er schwankend und fluchend inne. Er stand im Bad...
"'schuligun', falsche Tüa..." Taumelnd machte er kehrt, ein paar schnelle Schritte retteten ihn vor dem Fall, obwohl er echte Schwierigkeiten hatte seine Füße vom Boden loszubekommen. Er fixierte die nächste Tür. So schwer konnte es nicht sein, einmal quer durchs Zimmer zu kommen, das machte er doch jeden Tag. Also peilte er die Tür an und startete einen Zickzackkurs auf sie zu, erreichte sie auch zum Glück, allerdings völlig erschöpft.
Allein sein Wille trieb ihn jetzt noch vorwärts, als er die Tür öffnete und auf den Flur hinaus taumelte. Er wusste, AJ's Suite war zwei Etagen höher, am Ende des Ganges. Also wandte er sich Richtung Fahrstuhl und tastete sich, mit der Korridorwand als Stütze, darauf zu.
Das klappte soweit ganz gut, doch hätte jemand Kevin dabei beobachtet, hätte derjenige gemerkt, dass Kev mehr als nur einiges zu viel getrunken hatte. Kevin selbst war das jedoch nicht klar, er wunderte sich nur, warum das Licht flackerte in diesem teuren Hotel und der Gang so schlecht beleuchtet war. Dass er die Lampen an den Wänden kaum noch wahrnehmen konnte, so betrunken wie er war, merkte er nicht.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich vor ihm, als er mit der Hand auf den Rufknopf schlug. Er stolperte in die Kabine und versuchte den richtigen Knopf zum siebten Stock zu finden, doch irgendwie spielten die Dinger mit ihm verstecken. Zuerst tanzten sie herum, dann verschmolzen sie miteinander... Als Kevin die Geduld verlor, haute er mit der Faust dagegen und die Tür schloss sich. Er spürte nicht, dass er sich die Fingerknöchel aufgeschrammt hatte, der Alkohol hielt ihn in gnädiger Unempfindsamkeit.
Als der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte, tat das für Kevin die ganze Welt. Eine Welle Schwindelgefühl schwappte über ihn hinweg und beförderte ihn unsanft zu Boden. Zugleich kehrte die Übelkeit wieder und er musste sich zusammenreißen, sich nicht auf der Stelle zu übergeben. Doch das schlimmste war, dass sich die Türen öffneten und ihm den Flur des sechsten Stockwerks zeigten...
"Alex..." wimmerte Kevin zwischen zusammengebissenen Zähnen. Kalter Schweiß tropfte ihm aus dem Haar, sein Hemd klebte nass an ihm. Dann ging die Fahrt weiter und Kevin glaubte, er müsste sterben. Er begann zu würgen, aber das verschaffte ihm keine Erleichterung, denn sein Magen behielt seinen Inhalt für sich.
Kevin hatte das Gefühl, dass ihm sämtliche Kraft entzogen wurde und im Teppich versickerte. Als der Fahrstuhl hielt, war es ihm egal in welcher Etage er war, auf allen Vieren kroch er aus der Höllenmaschine. Aber danach ging es ihm nicht besser, ganz im Gegenteil. Er starrte angestrengt den Gang entlang und versuchte sich zu erinnern, wo er war und wohin er wollte. Irgendwo musste es doch Hilfe geben... Auf die Idee, laut zu rufen, kam er jedoch nicht. Die Sicht verschwamm vor seinen Augen, wurde immer dunkler.
Er krabbelte los, einfach geradeaus, in der Hoffnung irgendwo auf Hilfe zu treffen. Er kam nicht weit... Nach wenigen Metern knickten seine Arme ein und er landete hart mit dem Gesicht auf dem Teppich. Keuchend starrte er geradeaus, auf einen hellen Lichtschein, der immer weniger wurde. Er wusste nicht, dass das die Lampe neben Alex' Zimmertür war, und als sie schwarz wurde, war das im Grunde auch egal.
Bewusstlos und nur flach atmend lag Kevin auf dem Flur in der siebten Etage. Es war drei Uhr morgens und alles war still...

Kapitel 39