Chapter 36

„Wright?“
„Johnny, ich bin es… Cat!“
„Wo seid ihr? Ich steh schon seit einer geschlagenen Stunde in der Lobby und warte auf euch?“
„Sorry, der Flieger hatte Verspätung, wir sind in etwa zehn Minuten da.“
„Das will ich hoffen. Brian gehen die Ideen aus, wie er Kevin auf seinem Zimmer hält.“
„Schon klar. Tut mir leid. Wir sind gleich da.“
Seufzend legte Cat auf und wandte sich an AJ, der gedankenverloren aus dem Fenster der Taxis sah, das sie vom Stockholmer Flughafen zu ihrem Hotel in der Innenstadt bringen sollte.
Schon seit ihrem Abflug in L.A. hatte AJ kaum noch ein Wort gesprochen und war immer wortkarger geworden.
Cat hatte keine Ahnung, wie viele Pläne und Verschwörungen sie in den letzten 48 Stunden mit Johnny und den anderen Jungs ausgeheckt hatte, um AJ und Kevin so lang wie möglich voneinander fern zu halten.
Zeitweise hatten sie überlegt die beiden in verschiedene Hotels zu stecken, doch das hätte nur zu unnötigen Fragen geführt und zusätzliche Probleme mit sich gebracht.
Immerhin konnte Cat mit AJ offen sprechen und war mit ihm übereingekommen, dass er sich so wenig wie möglich auf Hotelfluren, in Lobbys oder Bars blicken ließ.
Kevin hingegen sollte so uneingeschränkt wie möglich agieren können und seine &Mac226;Fluchtwege’ haben, denn er hatte das eindeutig schwerere Los gezogen.
„Miss…?“ Der Taxifahrer holte Cat aus ihren Gedanken, als er sie ansprach, und deutete auf eine Mädchentraube vor dem Hotel.
„Gibt es eine Tiefgarage?“ fragte sie mit Seitenblick auf AJ.
Wortlos umrundete der Fahrer das Hotel und fuhr in scheinbar wildem Zickzack durch die kleinen Seitenstrassen und Gassen Stockholms, ehe er durch eine Unterführung schließlich in die Tiefgarage des Hotels einbog.
Kurz darauf stand sie mit AJ und ihren Koffern im Lift des Hotels, ein flaues Gefühl im Magen und mit einem rasenden Puls.
Ehe der Fahrstuhl die Lobby erreichte, griff AJ nach Cats Hand und drückte sie leicht. Es schien ihm nicht anders zu gehen als ihr.
„Cat… na endlich!“ Ein sichtlich nervöser Johnny kam nur Augenblicke später auf die beiden zu gestürmt und umarmte beide kurz, bevor er schließlich eine Zimmerkarte aus der Hosentasche zauberte.
„Fünfter Stock. Ihr seid allein auf dem Flur. Wir sind eine Etage tiefer. Beeilt euch lieber.“
Cat musste nicht fragen, weshalb Johnny sie und AJ so schnell wie möglich von der Bildfläche haben wollte.
„Halbe Stunde?“ fragte sie stattdessen und warf einen Blick auf ihre Uhr.
Johnny nickte. „Du findest mich in der Bar.“
Ein leichtes Grinsen huschte über Cats Lippen. Sie wussten beide, dass ein persönliches Gespräch und die Diskussion über die nächsten Tage unumgänglich war, es würde nicht leicht werden, dennoch war Cat amüsiert, dass die ganze Geschichte auch einen gestandenen Mann wie Johnny aus der Bahn warf.

***

Kevin beobachtete halb gelangweilt, halb amüsiert Brian, der ihm seit einer halben Stunde ohne Unterbrechung von Baylee erzählte. Klar, der Kleine war süß und &Mac226;Onkel Kevin’ war in ihn verschossen, wie sie alle, aber inzwischen erzählte Brian das alles zum zweiten Mal… Und das nur, weil AJ heute kam, wie Kevin wusste, und Brian zusehen sollte, dass sie sich nicht begegneten.
Kevin seufzte innerlich. Als würde er ihm begegnen wollen… Das würde er noch früh genug tun, spätestens beim Soundcheck in ein paar Stunden.
Heute Abend war der Tourauftakt der Europatournee, hier in Stockholm, wo sie auch geplant hatten seinen Geburtstag zu feiern, der in fünf Tagen anstand. Er hatte absolut keine Lust mehr auf eine Party, ganz zu schweigen davon, sie mit AJ zu feiern. Vielleicht sollte er einfach nicht dort auftauchen… Und zum Soundcheck wollte er auch nicht…
Kevin seufzte erneut. Seine Geburtstagsparty konnte er absagen, aber nicht die Tour. Das konnte er den Fans nicht antun, sie hatten viel zu lange auf die Backstreet Boys gewartet. Sie waren der Grund, warum er hier war. Es war doch trotz allem schön, wieder auf der Bühne zu stehen, oder? Ihre Gesichter zu sehen. Die Erwartung und Freude.
Das Problem war, dass Kevin nicht wusste, ob er on stage noch lächeln konnte. Ob er es überhaupt noch konnte. Oder ob es von nun an immer so war, dass das Verziehen seiner Mundwinkel sich falsch anfühlte und er dabei innerlich nur Leere spürte.

Kurz nach drei holte ein Nightliner mit der Aufschrift &Mac226;Beat the Street’ Howie, Brian und Kevin am Hotel ab. Nick und AJ sollten in einem zweiten nachkommen. Für vier Uhr war der Soundcheck angesetzt, dem zwischen fünfzehn und zwanzig Fans zuschauen sollten. Um halb acht war der geplante Konzertbeginn.
Kevin setzte sich Backstage in eine ruhige Ecke ab, bis es Zeit war die Bühne zu betreten. Sie hielten AJ und ihn gezielt auseinander, das wusste er. Wahrscheinlich blieb AJ in seinem Hotelzimmer und hatte eine eigene Garderobe Backstage, damit sie sich nicht allein über den Weg liefen. Ob Cat und Johnny wohl ernsthaft glaubten, sie würden es schaffen, dass Alex und er sich nur auf der Bühne sahen?
Keine halbe Stunde später holte Brian Kevin zum Soundcheck. Scheinbar war Brian, als Teil der Familie, als sein Babysitter engagiert worden. Blieb nur die Frage, wie lange er diesen Job aushielt…
Auf der Bühne stand das Klavier bereit, die Fans warteten gespannt, und mit Kevin betraten drei weitere Backstreet Boys die Bretter, die ihre Welt bedeuteten. Sie begrüßten die Fans, zwischen denen indessen die Frage aufkam, wo wohl AJ steckte. Doch darauf antwortete keiner von ihnen. Die Jungs knüpften kurz Kontakt zu den Fans, dann setzte sich Kevin auf den Klavierhocker und prüfte nach, ob es nachgestimmt werden musste.
Genau diesen Moment hatten sie sich ausgesucht, um AJ auf die Bühne zu lotsen. Er kam langsam hinter der Showtreppe hervor, ohne den Blick von Kevin zu wenden, der ihn gleich entdeckt hatte. Über das Klavier hinweg blickten sie sich an. Es war das erste Mal, dass sie sich seit AJ’s Geständnis wieder sahen. Seine Nase schien keinen bleibenden Schaden genommen zu haben, sie war noch genauso breit und lang wie zuvor.
AJ’s Blick verriet seine Vorsicht, als er sich seinem Mikrophon näherte.
Kevin begann die ersten Töne von Incomplete, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Einen Moment fragte er sich, was die Fans wohl über diesen langen Blick denken mochten. Aber dann wurde die Musik wichtiger als das, wichtiger als AJ’s und Kristins Verrat und wichtiger als er selbst. Es ging hier nur um das, Musik, und nichts anderes. Deswegen war er hier.
Die Musik hatte ihn noch nie enttäuscht.

***

„Meinst Du wirklich, dass es eine gute Idee war die Tour fortzusetzen?“ fragte Marcus an Cat gewandt. Die beiden standen am Bühnenaufgang und beobachteten das Spektakel, das sich vor ihnen bot.
Cat zuckte mit den Schultern „Ich habe keine Ahnung. Sie sind beide erwachsen und haben es beide so gewollt.“
„Meinst Du, sie schlagen sich irgendwann die Köpfe ein?“
„Hoffentlich!“
„Was?“ Marcus verschluckte sich fast an seinem Sandwich, in das er gerade herzhaft hinein gebissen hatte, und blickte auf seinen kleinen Chef hinunter.
„Naja, wenn es ihnen dann besser gehen würde, würde ich anschließend auch freiwillig die Wunden verarzten.“
„Aber auf Tour wäre das wohl eine denkbar schlechte Situation.“
„Mag sein, aber jetzt mal im Ernst. Alex ist sauer auf sich selbst, Kevin ist zutiefst verletzt von seinem besten Freund UND seiner Frau“, Cat seufzte „Auch wenn sie sich beide aus freien Stücken dazu entschlossen haben diese Tour durchzuziehen, so wird eine Konfrontation auf Dauer nicht zu verhindern sein. Sollen sie sich doch beide den Frust rausprügeln… wenn es hilft?! Ich jedenfalls hätte dann wohl für den Rest der Tour ein besseres Gefühl in der Magengegend. Dann sind die Fronten zwischen den beiden wenigstens geklärt.“
„Aber dass von Alex nicht viel übrig bleiben würde, wenn Kevin sich seinen Frust rausprügelt, das weißt du, oder?“
„Sicher, aber letztendlich hat er es ja auch nicht besser verdient.“
Marcus warf einen überraschten Blick auf Cat, die ihm unbeeindruckt standhielt.
„Was denn? Hey, er hat mit der Frau seines besten Freundes geschlafen… Was erwartest Du? Mitleid? Für das was er getan hat, gehört er an den Pranger gestellt. Das ist immerhin ein Verstoß gegen eins der Zehn Gebote, es wundert mich, dass Brian ihn dafür noch nicht angeklagt hat.“
„Meinst du nicht, dass du jetzt ein bisschen hart zu ihm bist? Ich meine, immerhin seid ihr… also… habt ihr… Ich meine…“ Marcus räusperte sich und kratzte sich nach Worten suchend am Hinterkopf.
„Du meinst, weil ich mit ihm schlafe, muss ich zu ihm halten? Vergiss es! Das was Alex getan hat, egal aus welchen Beweggründen, ist absolut unverzeihlich und was das angeht stehe ich voll hinter Kevin. Auch wenn der das noch nicht versteht. Das Einzige, was mich Alex nicht in die Wüste schicken lässt, ist, dass ich weiß wie es in ihm aussieht und wie schlecht es ihm wirklich geht. Und ich denke, Kevin weiß das auch… zumindest ansatzweise. Sonst wäre das Ganze bis hierher niemals so glimpflich ausgegangen. Dann hätte er Alex schon in Montreal umgeboxt… und die blutige Nase war nun wirklich noch sehr freundschaftlich.“
„Hmm…“ Marcus dachte über Cats Worte nach. Ihre Worte klangen logisch, dennoch tat er sich schwer das Ganze wirklich zu überblicken und zu verstehen. Zu viel war in den letzten Wochen passiert, seit Cat ihn um Hilfe gebeten und ihm die Geschichte von AJ und Kristin erzählt hatte. Er fragte sich, ob er in den letzten Wochen eigentlich objektiv genug geblieben war. Oder ob die langjährige Freundschaft zwischen ihm und AJ dazu geführt hatte, dass er bei dem Anblick der damals mehr als verzweifelten Cat, sich unbewusst auf ihre Seite geschlagen und nie wirklich über Kevins Situation nachgedacht hatte.
„Was meinst Du, wie lange die beiden so durchhalten?“ fragte er schließlich und blickte wieder rüber auf die Bühne, auf der Kevin mit geschlossenen Augen das Klavier bearbeitete, während AJ’s Blick sichtlich nervös immer wieder ihn und Cat suchte.
„Wenn wir es nicht schaffen, sie so viel und so lange wie möglich voneinander fern zu halten wie wir nur können… maximal ein paar Tage.“
„Du machst mir Hoffnung, Boss.“
„Soll ich Lügen? Sei realistisch.“
Marcus seufzte. „Ich weiß ja, dass Du recht hast, aber gibt es denn wirklich nichts was wir tun können?“
Cat lachte kurz auf. „Was willst Du in der Situation tun? Soll ich mit Kevin schlafen, damit die beiden wieder quitt sind?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg Cat die letzten Stufen auf die Bühne hinauf, um sich bei den Fans zu bedanken und die Jungs von der Bühne zu schieben.
Bis zum Konzertbeginn hatten sie noch ein paar Stunden, die ihnen allen wie Tage vorkommen würden…

Chapter 37