Chapter 35

„Ich geh Einkaufen, braucht ihr noch etwas?“ fragte Denise und warf einen Blick ins Wohnzimmer, in dem Cat und AJ auf der Couch saßen.
Während AJ sich schon seid einiger willkürlich durchs Fernsehprogramm zappte, versuchte Cat sich auf ihren Laptop und ihre Arbeit zu konzentrieren, was ihr jedoch nicht so recht gelingen wollte.
„Bringst Du mir bitte Zigaretten mit, Mum?“
„Alex, Du rauchst zuviel!“
„Ich weiß, aber ich bin Gott sei Dank nicht mehr im Bereich Deines Einflusses.“ AJ grinste seine Mutter über die Schulter hinweg an.
„Was ist mit Dir Cat? Brauchst Du noch etwas?“
„Ja… ein Therapeut wäre nicht schlecht.“ Cat seufzte und schüttelte an Denise gewandt den Kopf. In zwei Tagen sollte ihr Flieger nach Europa gehen, wo der zweite Teil der Tour starten sollte. Doch noch immer war keine Entscheidung gefallen, ob Kevin und AJ sich noch einmal auf eine Bühne stellen würden. Mehrfach hatte Cat erfolglos versucht Kevin zu erreichen, doch auch sie war bereits an seiner Mum gescheitert.
Verzweifelt ließ sie sich nach hinten fallen, nachdem die Haustüre hinter Denise ins Schloss gefallen war und starrte auf AJ’s Hinterkopf, der vor dem kleinen Wohnzimmertisch auf dem Boden saß.
AJ spürte den Blick nach einer Weile und drehte sich halb zu ihr um.
„Was denn? Kann ich was für dich tun, Honey?“
„Ja, sag mir was aus eurer Tour wird…“ erwiderte sie trocken.
AJ wurde blass und schluckte.
„Langsam wird die Zeit knapp…“ Cat sah ihn beschwörend an.
AJ starrte auf seine Fingerspitzen.
„Ich weiß… Aber ich weiß einfach nicht, was ich machen soll… Wenn ich sage, dass ich es mache, und Kevin ablehnt mit mir da oben zu stehen, dann…“ hilflos zuckte er mit den Schultern.
Cat seufzte tief auf. „Wenn du drauf wartest was Kevin dazu meint, dann muss ich dich erinnern, dass seine Mum mir seit vier Tagen sagt, er sei in die Berge gegangen. Was auch immer das heißt…“
AJ nickte. Er wusste, dass Kevin versuchte zu sich zu kommen, und wo ging das besser als dort, wo man aufgewachsen war. Zumindest wenn man ein so ideales Zuhause hatte wie Kevin.
Cat schnaufte, als sein Kommentar ausblieb.
„Ich sollte Johnny vorschlagen, euch beide an einen Ort zu locken, einzusperren und erst wieder raus zu lassen, wenn ihr wieder miteinander redet…“
Das Telefonklingeln unterband AJ’s Antwort. Cat ging ran und hob überrascht die Augenbrauen.
„Wenn man vom Teufel spricht… Hallo Johnny, wie geht’s?“
Johnny seufzte, wie Cat vorhin. „Frag nicht… Wie ist das, haben wir eine Tour, oder haben wir keine Tour?“
Cat rieb sich mit der freien Hand über die Augen. „Frag mich was, das ich weiß…“
„Ich habe vorhin mit Kevin gesprochen.“
„Du hast WAS? Wie hast du denn das geschafft? Ich bin nicht an Mama Richardson vorbeigekommen…“
„Ich auch nicht, Kevin hat MICH angerufen. Ich schätze, er hat lange genug die Einsamkeit gesucht und nimmt seine Verantwortung noch immer ernst. Cat… er will auf Tour gehen.“
Cat schluckte, wartete einen Moment und fragte dann noch mal nach. „Er will was…??“
„Ja, du hast richtig verstanden. Ich war auch leicht verwundert.“
„Leicht verwundert? Oh, komm schon, Johnny, du warst doch genauso baff wie ich…“
„Ja, könnte man so sagen. Wie ist das nun, haben wir eine Tour, oder…“
Cat warf einen langen Blick auf AJ, der sie fragend ansah.
„Ich ruf Dich gleich zurück.“ Mit Verzicht auf eine Antwort legte Cat auf, ohne AJ einen Moment aus den Augen zu lassen.
„Was ist?“ Umständlich drehte AJ sich um, um Cat anzusehen.
„Das war Johnny!“
„Und?“
Cat holte tief Luft. „Kevin will auf Tour gehen!“
„Er will wa….?“ AJ blieb die Luft weg.
„Ja, so was in der Art habe ich auch gerade gedacht. Jetzt liegt es in Deiner Hand, Alex!“
Angespannt lehnte Cat sich nach vorn und stützte sich auf die Knie.
Sie wusste, das nichts was sie jetzt sagte AJ in irgendeiner Art und Weise helfen würde, deshalb entschloss sie sich ihm Zeit zu geben. Zumindest soviel um die Nachricht, das Kevin tatsächlich bereit war mit ihm wieder auf einer Bühne zu stehen, zu verarbeiten. Mehr konnte sie ihm nicht mehr gewähren. Die Zeit lief ihnen davon…

***

Kevin legte seinen Lieblingspullover auf dem Bett zusammen. Seine Mutter stand, an den Türrahmen gelehnt, und schaute ihm beim Packen zu.
„Bist du sicher, dass du das Richtige tust?“ fragte sie leise. „Keiner würde dich zwingen. Niemand kann das von dir verlangen, nicht einmal die Fans.“
„Sie wissen von nichts, Mum, und so soll es auch bleiben. Wenn es nach dieser Tour die Backstreet Boys nicht mehr geben sollte, werde ich nicht das Ansehen der Gruppe mit so was belasten. Es ist mein Privatleben, keinen Yellowpress-Schmierer geht an was geschehen ist.“
Die seufzte leise. „Ich weiß, ich finde es ja auch gut, dass du es geheim halten willst. Die Scheidung wird genug Staub aufwirbeln, allein weil du berühmt bist. Aber trotzdem weiß ich nicht, ob es eine gute Idee ist… Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf Dauer gut geht. Ihr habt Termine bis Januar, selbst wenn ihr keine neuen mehr annehmt. Das bedeutet 4 Monate auf der Bühne, in Hotels, überall Alex über den Weg zu laufen und daran erinnert zu werden…“
Kevin legte den Pulli zur Reisetasche. Er wagte es nicht, Ann anzusehen. Er hatte keine Antwort für sie, er konnte sich nicht vorstellen mit Alex auf der Bühne zu stehen. Er wusste nur, er musste es tun. Die Fans warteten auf sie… teilweise schon seit mehr als 5 Jahren, da ihre letzte Tour sie nicht durch alle Länder geführt hatte.
„Ich hätte das nie von Alex gedacht…“ murmelte Ann.
Kevin hielt inne, seine Jeans in die Tasche zu stopfen, und sah nun doch auf.
„Es war nicht allein sein Verdienst, Mum…“ flüsterte er tonlos.
Ann sah ihren Sohn voller Sorge an. „Ich weiß, mein Schatz…“
Mit wenigen Schritten war die zierliche Frau an seiner Seite und zog ihn in ihre Arme.
„Wenn es doch nur irgendwelche Anzeichen gegeben hätte… Sie schien mir glücklich…“
Kevin legte seine Arme um die Frau, die zugleich so zerbrechlich und für sie beide stark war. Er fand Trost in dieser Umarmung, aber es blieb das nagende Gefühl von Schuld und Versagen in ihm. Er wusste, er würde es den Rest seines Lebens in sich tragen.
Er schloss die Augen und sah wieder die Bäume seiner Kindheit um sich, deren grüne Dächer sich weit über ihm erstreckten. Ganze vier Tage war er allein herumgewandert, hatte sein Lager aufgeschlagen wo es ihm gefiel und den vertrauten Stimmen des Waldes gelauscht. Er hatte sich der Wildnis noch nie so nah gefühlt, war nie so eins mit seinem indianischen Erbe, auch wenn dieser Anteil in seinem Blut nur klein war. Es hatte ihm ein Stück seiner Gelassenheit wiedergegeben, wenn er auch noch weit davon entfernt war ganz zu sein. Es gab Verpflichtungen, denen er nachgehen musste, Versprechen die er gegeben hatte und nicht brechen wollte. Sie warteten dort draußen auf die Backstreet Boys… Er würde dieses Vertrauen nicht enttäuschen. Und wenn es das letzte war, das er als Teil dieser Gruppe tat…
Und wenn er dafür auch AJ’s Anblick und die ständige Erinnerung ertragen musste. Kristin und Alex in ihrem Ehebett… wenige Stunden bevor er nach Hause kam und Kristin ihren warmen, weichen Körper an ihn schmiegte. Kevin hatte sich nicht über die frische Bettwäsche gewundert. Alles war so normal gewesen… Es gab keinerlei Spuren…
Nein, korrigierte er sich selbst. Alex hatte deutliche Spuren davongetragen... Kristin hatte ihn benutzt und fast zerbrochen. So wie sie auch ihn zerbrochen hatte, nur gingen bei ihm die Risse tiefer…
Kevin löste sich von seiner Mum, lächelte ein beruhigendes Lächeln, von dem er wusste, sie würde es ihm nicht abnehmen, und packte weiter seine Sachen.
Er war nicht mehr derselbe. Kristin hatte einen wichtigen Teil von ihm zerstört. Und er fürchtete, dass dieser Teil nie wieder ganz werden konnte.

Chapter 36