Chapter 34
Drei Tage waren vergangen, seit Kevin nach Hause gekommen war. Drei Tage, in denen er gegrübelt, geweint und wieder gegrübelt hatte.
Sicher, es war keine zu einhundert Prozent perfekte Ehe gewesen wo gab es die schon und ihm war einiges eingefallen, was Kristin an ihm stören mochte. Aber ihre harschen Worte, das sie ihn nicht mehr liebte, die wurden durch nichts erklärt. Wenn sie sich neu verliebt hätte, sicher, aber einfach so ihre Ehe wegzuwerfen?
Kevin begriff in diesen Tagen vor allem eine schmerzliche Tatsache. Er liebte Kristin, liebte sie noch immer, trotz allem was geschehen war. Die einzige mögliche Lösung seines Problems bestand darin, mit Kris zu sprechen und sie zu bitten, es sich anders zu überlegen. Kevin war in den letzten langen Nächten klar geworden, dass er ihr das Fremdgehen mit AJ vergeben konnte, weil er sie so sehr liebte. Er wollte ihrer Ehe noch eine Chance geben, wollte versuchen die Gefühle wieder in Kristin wachzurufen, die am Anfang ihrer Beziehung so klar und intensiv gewesen waren. Er glaubte nach wie vor fest daran, dass das Schicksal sie zusammengeführt hatte, weil sie füreinander bestimmt waren. Sein Herz konnte nicht so sehr irren... Also rief er sie an.
Das Herz klopfte ihm bis zum Hals vor Angst, dass sie nicht rangehen könnte. Er konnte nicht abschätzen, wie sie reagieren würde, ob sie überhaupt mit ihm sprechen wollte. Und er hatte auch Angst, wieder von ihr verletzt zu werden. Was, wenn sie einen Mann kennen gelernt und sich verliebt hatte...
Plötzlich meldete sich ihre melodiöse Stimme am anderen Ende der Leitung und Kevin zuckte vor Schreck zusammen.
"Hallo?"
"Ja... Hallo... Ich, also Kevin, bin's..." Kevin räusperte sich, weil seine Stimme eigentümlich rau war.
"Ah ja. Kann ich was für dich tun?" Sie klang so kühl und geschäftsmäßig, dass es Kevin eiskalt überlief.
"Ich... Kristin, ich wollte mit dir über uns reden..."
"Über uns?" Sie schien überrascht. "Was gibt es da noch zu reden?"
"Was gibt es da NICHT zu reden? Du schläfst mit... mit AJ... und erzählst mir, es hätte jeder sein können, Hauptsache unsere Ehe wäre beendet. Ich liebe dich, Kristin, und ich glaube, dass du mich auch noch liebst. ...irgendwie."
"Kevin...", meinte sie gönnerhaft, "ich weiß wirklich nicht, wieso du meinst mich besser zu kennen als ich selbst. Schau mal... Ich bin nicht, was du dir erhofft hast. Mir liegt wirklich was an dir, du warst immer ein guter Freund. Zwischendurch war es Liebe, ja stimmt, aber meine Gefühle wurden langsam ganz andere. Es tut mir leid, dass ich das nicht früher erkannt habe, und dass ich zu feige war es dir ins Gesicht zu sagen. Alle Entschuldigungen, die ich machen könnte, würden dir doch nicht weiterhelfen..."
"Aber... aber was war denn, wenn wir miteinander Sex hatten? Die Schreie, das Stöhnen, die Leidenschaft... Das kann doch nicht alles ver...
"Kevin..." unterbrach sie ihn ungeduldig. "Ich begehre dich nicht mehr... Sicher, auch ohne das war es schön, mit dir im Bett. Aber ich sehne mich nicht nach dir, wenn wir getrennt sind, ich denke nicht an dich... Ich habe keine Lust auf eine Ehe auf Vernunftbasis, also lass uns bitte die Konsequenzen ziehen und dann mit unseren Leben fortfahren."
"Wenn du nur zu mir zurückkommen könntest, nur für eine Weile... Ich glaube fest daran, dass doch noch etwas zwischen uns ist..." Verzweifelt stellte Kevin fest, dass er sie sogar auf Knien anflehen würde, damit sie zu ihm zurückkam. "Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen!"
"Es macht keinen Sinn." Kälte schlich sich in Kristins Stimme. "Du wirst von meinem Anwalt hören. Wir haben ja den Ehevertrag, also wird so viel nicht zu klären sein. Selbstverständlich behältst du die Hunde, es waren von Beginn an deine, und die Pferde, ich kann mit ihnen im Moment sowieso nichts anfangen. Ich hole meine persönlichen Sachen aus den Häusern, wenn du in Europa tourst, damit wir uns nicht über den Weg laufen. Ich will keine hässliche Scheidung, ich will einfach nur die Freiheit zu tun was ich möchte, ohne auf dich Rücksicht zu nehmen. Ruf mich bitte nicht mehr hier an, sonst müsste ich mir eine andere Nummer zulegen."
Sie legte auf.
Kevin hatte das Gefühl nicht atmen zu können, als hätte sich ein schweres Gewicht auf seine Brust gelegt. Seine Knie gaben nach und das Telefon fiel ihm aus der steifen Hand, die es während des Gesprächs viel zu fest umklammert hatte. Über seine Wangen rannen stumme Tränen.
Er hatte sie verloren... endgültig verloren...
Irgendwie schaffte er es aufs Bett, wenn er auch nachher nicht mehr wusste wie, krümmte sich ganz klein zusammen und weinte.
So fand ihn wenig später seine Mutter, die sich wortlos zu ihm legte und die Arme um ihn schlang, um ihm die alten Wiegenlieder vorzusummen, die ihn als Kind immer beruhigt hatten. Er weinte sich in ihrer Umarmung in den Schlaf.
***
Cat, kommst Du? Wir wollen los. Denise Stimme hallte die Treppe hinauf.
In einer Minute. Cat warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Seit sie wieder zurück waren, fühlte sie sich ständig müde und abgespannt. Ihr Magen spielte ihr böse Streiche und sie befürchtete, dass die freien Tage bis zum Beginn der Europa Tour längst nicht ausreichen würden um sich zu erholen. Schon allein weil sie und Johnny täglich mehrfach miteinander telefonierten und noch immer keine Ahnung hatten, ob die Europa Tour überhaupt noch stattfinden würde.
Weder Kevin noch AJ hatten sich bislang dazu geäußert.
Fünf Tage waren seit den Ereignissen in Montreal vergangen und nachdem AJ sich erfolgreich in seinem Haus und dem kleinen Studio im Keller verschanzt hatte, hatten Denise und Cat ihn nun dazu genötigt mit ihnen zu einem kleinen Picknick zu gehen.
Kind, Du siehst nicht gut aus. bemerkte Denise beiläufig, als Cat die Treppe hinunter kam, und hob den Picknickkorb an.
Mach Dir keine Sorgen. Mir geht es gut.
Das sagst Du schon die ganzen letzten Tage, aber hast Du mal in den Spiegel geschaut? Gesund sieht anders aus.
Ohne eine Antwort abzuwarten ging Denise voraus zum Auto, während Cat das Gesicht verzog.
Hör nicht auf sie, Du siehst toll aus. murmelte AJ, gab Cat einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe und folgte seiner Mutter.
Ich würde besser aussehen, wenn ihr mir nicht so viel Kummer machen würdet. schnaufte Cat leise und schloss die Tür hinter sich.
Sie musste dringend mit AJ über die Ereignisse sprechen. Er konnte sich nicht für den Rest seines Lebens in seinem Studio einschließen. Außerdem musste eine Entscheidung wegen der Tour her
und das schnell.
Johnny hatte bereits versucht Kevin zu erreichen, doch seine Mutter hielt alles von ihm fern was sie für schlecht empfand.
Und sein Tourmanager gehörte definitiv dazu.
Cat hatte sich für den nächsten Tag vorgenommen Kevin anzurufen. In welche Kategorie sie bei seiner Mutter fallen würde, wusste sie nicht. Im Zweifelsfalle würde sie Keith, seinen Bodyguard und engen Freund, bitten nach Kentucky zu fliegen.
Hey Baby, alles klar? AJ holte Cat aus ihren Gedanken.
Was? Ja, alles OK. Sie grinste matt und nahm auf der Decke platz die AJ auf dem satten Grün des Parks ausgebreitet hatte.
Bist Du sicher? Du siehst ein bisschen blass aus. AJ beäugte seine Freundin kritisch und ließ sich neben ihr auf die Knie fallen.
Ja Softy, ich bin mir sicher. Cat lächelte gewinnen und gab AJ einen kurzen Kuss. Ich war nur in Gedanken.
Dann bist Du in den letzten Tagen aber verdammt oft in Gedanken, wenn Du dann so aussiehst. schimpfte Denise mütterlich und begann den Inhalt des Picknickkorbes auszupacken.
Hey, lasst die Knutscherei sein, sonst will ich auch mal.
AJ fuhr herum. Nick?
So hast Du mich zumindest meistens in den letzten 12 Jahren genannt. Schwungvoll ließ Nick sich neben Cat auf den Boden fallen und gab ihr zur Begrüßung einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange.
Was machst Du hier? AJ sah seinen Freund und Bandkollegen noch immer fragend an.
Nick lachte und breitete die Arme aus. Überraschung!
Das sehe ich
aber warum?
Denise und Cat begannen zu lachen.
Warum denn nicht? grinste Denise und stellte den Korb beiseite.
Ihr wusstet, dass er kommen würde?
Na, meinst Du, er hatte eine göttliche Eingebung wann und wo wir picknicken würden? Denise zwickte ihren Sohn lächelnd in den Oberarm.
"Göttliche Eingebung?" AJ schnaubte. "Nein, aber Nick riecht Essen schon auf fünf Kilometer Entfernung."
"Hey..." Nick schob schmollend die Unterlippe vor. "Ist doch gar nicht wahr."
"Oh doch." berichtigte AJ und legte sich ein Sandwich auf die Serviette, die auf seinem Bein lag.
Nicks Blick zuckte zu dem Sandwich, zu AJ's Gesicht, dann wieder zu dem Sandwich. Er schnappte es sich und leckte einmal quer darüber, dann legte er es zurück auf AJ's Oberschenkel.
"Guten Appetit."
AJ starrte ihn erbost an.
Cat und Denise warfen sich einen kurzen Blick zu und brachen kurz darauf in schallendes Gelächter aus.
Das haben sie schön früher gemacht. Wunder dich einfach nicht. lachte Denise und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Dann habt ihr bei ihrer Erziehung aber eindeutig was falsch gemacht, wenn sie so was noch heute machen.
AJ schob angewidert das Sandwich von seinem Schoss zurück auf die Decke.
Hat es auch einen Grund weshalb Du hier bist? Oder willst Du mir einfach nur keine zwei Frauen für mich alleine gönnen?
Nick warf Denise und Cat ein strahlendes Lächeln zu.
"Damit hat es auch zu tun, ja. Aber eigentlich wollte ich wissen, ob ich mir in einer Woche einen neuen Job suchen muss oder ob unsere Tour weitergeht. Du weißt schon, damit ich was sagen kann, wenn die Reporter mich fragen, ob wir arbeitslose Musiker sind." Nicks Lächeln verblasste bei seinen Worten, die keineswegs ironisch geklungen hatten, nicht.
AJ hingegen entglitten sämtliche Gesichtszüge. Er hatte so etwas geahnt und wusste, dass er um eine Antwort nicht herum kam. Aber wie sollte er über eine Europa Tour entscheiden, wenn er nicht in der Lage war Kevin eine Nachricht zu schicken? Nicht mal das konnte er. Wie sollte er dann mit ihm Tag für Tag, Abend für Abend, auf der Bühne stehen?
Nick neigte sich zu AJ herüber und legte ihm eine Hand auf den Arm.
"Ich weiß, es ist hart... Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie helfen. Aber du kannst dich nicht zu Hause verkriechen und hoffen es geht vorbei, denn das wird es nicht... Da draußen in Europa warten tausende Fans auf uns. Auf UNS. Wir können sie nicht enttäuschen, hörst du."