Chapter 28

Panisch suchten Cats Augen immer wieder das Zimmer ab, doch AJ war nirgends zu sehen.
Als sie schließlich ein leises wimmern und einen leichten Windzug vernahm, war sie mit wenigen Schritten auf dem Balkon der sich an das Zimmer anschloss.
Direkt neben der Tür hockte AJ auf dem Boden. Die Beine angezogen und die Arme darum geschlungen.
„Ich bin Abschaum. Sie werden mich hassen.“ Wisperte er ohne aufzusehen.
Kommentarlos ließ Cat sich neben ihm auf den Boden sinken und schloss ihn fest in die Arme. Augenblicklich brach es aus AJ heraus und er begann zu weinen wie ein kleiner Junge.
Cat versuchte gar nicht erst ihn zu beruhigen. Stattdessen hielt sie ihn einfach nur fest und wiegte ihn sacht hin und her.

***

Cat wusste nicht wie viel Zeit sie mit AJ auf dem Balkon verbracht hatte als er sich endlich beruhigt hatte.
Damit niemand auf die Idee kam die Zimmertür doch noch einzutreten hatte sie Marcus vorsorglich eine kurze SMS geschrieben dass alles in Ordnung sei und er den Flur räumen solle.
Sie wusste dass sie sich blind auf ihn verlassen konnte und er vor der Tür auf sie warten würde um die beiden ungesehen in Cats Zimmer zu begleiten.
„Warum tust Du das für mich? Warum lässt Du mich nicht einfach hier sitzen und sterben?“ flüsterte AJ schließlich leise und zog die Nase hoch.
Cat gab ihm einen sanften Kuss aufs Haar „Weil Du lange hier sitzen müsstest um zu sterben. Es ist nicht einmal kalt genug um zu erfrieren. Außerdem willst Du das gar nicht.“ Ihre Stimme hatte einen Mütterlichen Unterton angenommen.
„Doch, im Moment will ich nichts mehr als das. Ich habe sie alle enttäuscht.“
„Ja, das hast Du. Aber sie wissen das Du es nicht getan hast nur um ihnen Weh zu tun. Sie wissen das es einen triftigen Grund haben wird.“
„Ja und wenn sie den kennen werden sie mich hassen.“
„Hey Alex, Du wolltest niemandem wehtun.“
„Ich hab es aber getan.“
Cat seufzte und löste sich langsam von AJ um ihn anzusehen.
„Hör mir mal zu. Das was Du getan hast ist mit nichts zu entschuldigen. Es war Dumm was Du getan hast und das weißt Du auch. Tatsache ist das Du es nicht Rückgängig machen kannst und irgendwann werden sie es erfahren, ja… aber bis dahin, machen sie sich einfach nur Sorgen um Dich. Sie Lieben Dich, Alex. Sie haben Angst um Dich. Es geht nicht darum das sie sich von Dir hintergangen und betrogen fühlen. Es geht nicht um sie. Es geht einzig und allein um Dich. Sie wollen nicht noch einmal dabei zusehen wie Du Dich kaputt machst.“
AJ’s wässrige Augen sahen einen Moment unschlüssig zwischen Cats Grünen hin und her.
„Du hast es ihnen gesagt oder?“
„Was habe ich ihnen gesagt?“
„Du hast ihnen gesagt was mit Dir los ist.“
Cat holte tief Luft bevor sie schließlich nickte „Ja, ich habe es ihnen gesagt.“
„Du… du hast Deinen Job für mich aufs Spiel gesetzt?“
Cat lachte auf „Ist ja nicht so dass es das erste Mal wäre... Aber mach Dir darum keine Gedanken. Viel wichtiger ist es erst einmal Dich wieder auf die Beine zu kriegen.“
Entschlossen stand Cat auf und zog AJ zu sich hoch.
Er konnte ihrem besorgten Blick nicht standhalten und sah auf seine Blutenden Knöchel, die er sich geholt hatte als er dem Spiegel im Badezimmer den Gar ausgemacht hatte.
„Hör auf Dich selbst zu verachten. Wir kriegen das wieder hin.“ Flüsterte Cat leise und strich AJ sanft über die Wange. „Wir werden jetzt rüber gehen in mein Zimmer und Dich erstmal verarzten. Anschließend nimmst Du eine heiße Dusche und versuchst zu schlafen. Ich werde mich um das hier kümmern, ok?“
Sie bekam weder eine Antwort, noch sah er zu ihr auf.
„Hey“, Cat legte ihm einen Finger unters Kinn und zwang ihn mit sanfter Gewalt sie anzuschauen „Okay?“
Er konnte in ihren Augen lesen dass sie meinte was sie sagte und nickte schließlich.

Vorsichtig nahmen sie beide den Weg bis zur Tür. Cat ließ AJ’s Hand nicht eine Sekunde los. Auch nicht als sie vorsichtig die Tür öffnete und wie nicht anders erwartet nur noch Marcus vor der Tür fand.
Er lehnte an der Wand und warf ihr einen besorgten Blick zu.
„Alles in Ordnung, Chef?“
Cat nickte stumm und zog AJ hinaus auf den Flur. AJ konnte auch Marcus nicht in die Augen schauen. Auch wenn dieser von Anfang an bescheid wusste.
Wortlos schritten die Drei über den langen Flur bis zu Cats Zimmer. Dort angekommen setzte sie AJ aufs Bett und wandte sich leise an Marcus, der Unschlüssig in der Tür stand.
„Tu mir einen Gefallen. Kümmere Dich darum dass die Sache mit seinem Zimmer diskret erledigt wird. Wir reden morgen früh. Halt mir nur so lange wie möglich Kevin vom Hals, ja? Kannst Du das für mich tun?“
„Natürlich Chef.“ Marcus nickte und wandte sich bereits wieder zum gehen, als er ihr noch einmal einen intensiven Blick zuwarf.
„Ist hier auch wirklich alles in Ordnung?“
Cat nickte bestimmt und fuhr Marcus mit einer freundschaftlichen Geste beruhigend über den Arm.
„Mach Dir keine Sorgen. Es ist alles Ok.“
„Wenn was ist…“
“Ich weiß. Danke.“
Leise schloss sie die Tür hinter Marcus.

Für einen Moment schloss Cat die Augen und atmete tief durch, ehe sie sich AJ zuwandte der wie ein Häufchen Elend auf der Bettkante saß und sich nicht traute sie anzusehen.
Entschlossen suchte Cat schließlich in einer ihrer Taschen nach dem Erste Hilfe Koffer den sie sich zu beginn der Tour zugelegt hatte und ihr schon treue Dienste erwiesen hatte.
AJ und sie wechselten nicht ein Wort während sie vorsichtig seine Hände säuberte und versorgte. Erst als sie fertig war und den Verbandkasten bereits wieder in ihrem Koffer verstaut hatte durchbrach sie die Stille.
„Du solltest heiß Duschen gehen und anschließend versuchen zu schlafen. Der Tag morgen wird lang werden.“
AJ nickte stumm, machte jedoch keinerlei Anstalten aufzustehen.
Cat seufzte, setzte sich neben ihn auf die Bettkante und nahm seine Hand in ihre.
„Hör mal Goldkehlchen, was passiert ist lässt sich nicht ändern. Trotzdem müssen wir versuchen wenigstens die Zeit bis zum Break zu überbrücken. Eine Woche… Vier Gigs… Dann haben wir fast Zwei Wochen Zeit um alles zu klären…“ Cat umfasste AJ’s Kinn und zwang ihn sie anzusehen „Du darfst mich jetzt nicht im Stich lassen Alex. Ich habe mich die letzten Zehn Tage fast Umgebracht damit wir es bis hierher schaffen. Lass mich jetzt bitte nicht allein. Ich bitte Dich inständig… Halte wenigstens noch diese eine Woche durch. Mir zuliebe.“
Ihre Stimme war Flehend und ihr Blick zum Steine erweichen. AJ schluckte trocken und nickte schließlich stumm.
Cat sah ihm traurig nach als er aufstand und ins Badezimmer ging.
Sie wartete noch einen Moment bis sie das Rauschen des Wassers hörte, dann stand sie auf und nahm die Keycard von AJ’s Zimmer an sich um ein paar seiner Sachen zu holen, damit er wenigstens etwas frisches zum Anziehen hatte.
In Gedanken öffnete sie die Tür und zuckte augenblicklich zusammen.
„Nick?“
„Hi…erm… Cat.“ Er lief Knallrot an und fühlte sich irgendwie ertappt.
Unsicher, noch immer mit der Türklinke in der Hand, mustere Cat ihr Gegenüber.
„Was gibt’s?“ fragte sie leise.
„Ich… ich hab gedacht…“ Nick hielt unsicher ein paar Kleidungsstücke in seiner Hand hoch. „Es sind zwar nicht seine, aber ich habe gedacht er braucht vielleicht etwas zum Anziehen.“
Ein leises Lächeln stahl sich auf Cats Lippen als sie die Sachen an sich nahm.
„Danke.“
Nick nickte unsicher.
„Alles in Ordnung?“ fragte Cat vorsichtig und lauschte auf die noch immer rauschende Dusche.
Nick zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„Ich denke schon…“
Für einen Moment legte sich angespannte ruhe über die beiden. Noch wusste niemand wie es weiter gehen würde und doch konnte jeder von ihnen ahnen das die nächsten tage sehr anstrengend werden würden.
„Ist bei euch auch… alles… in Ordnung?“ Nicks Unsicherheit war nun auch in seiner Stimme zu hören.
Cat warf einen kurzen Blick auf die Badezimmertür.
„Es wird alles wieder gut werden.“ Antwortete sie leise „Ganz bestimmt.“ Mit einer Beruhigenden Geste fuhr sie Nick sanft über den Arm, als Marcus hinter Nick erschien.
„He Cat… Nick…“
Nick zuckte zusammen und fuhr erschrocken herum als er Marcus Stimme vernahm, den er nicht hatte kommen hören.
„Ich.. äh… werd dann mal wieder gehen.“
Cat konnte Nick nur noch besorgt hinterher schauen. So plötzlich wie er vor ihr aufgetaucht war, war er auch schon wieder verschwunden.
„Alles in Ordnung mit ihm?“ Auch Marcus sah Nick hinterher, bis er in seinem Zimmer verschwunden war, bevor er wieder auf seinen kleinen Chef hinunter sah.
Cat zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„Ich glaube nicht, aber das wird wieder. Ich werde mich morgen um ihn kümmern… und was kann ich für Dich tun?“
Sie ließ Marcus mit einer Handbewegung in ihr Zimmer eintreten und warf AJ’s Zimmerkarte, die nun überflüssig geworden war, auf den kleinen Nachttisch.
„Ich wollte Dir nur bescheid sagen das die Sache mit seinem Zimmer geregelt ist. Sie werden morgen früh jemanden Schicken der sich den Schaden anschaut und die Rechnung ans Büro faxt.“
„Okay.“
„Du solltest aber vielleicht morgen mal mit dem Hotelmanager sprechen. Er ist wohl ziemlich aufgebracht weil er aus dem Bett geholt worden ist.“
Cat seufzte und nahm auf dem Bett platz.
„Ja, werde ich machen.“
„Ist sonst alles in Ordnung hier?“ Marcus schien sichtlich besorgt um seinen Schützling und seinen kleinen Boss.
Cat nickte müde und strich Gedankenverloren über die Sachen von Nick, die neben ihr auf dem Bett lagen.
„Ich werde gleich in sein Zimmer gehen und zusehen dass ich den Rest seiner Sachen zusammen suchen kann, bevor die Putzkolonne kommt. Soll ich die Sachen dann mit zu mir nehmen oder sie noch vorbei bringen?“
„Bring das was Du retten kannst ruhig her. Ich denke mit Schlaf hat es sich für den Rest der Nacht erledigt.“
„Du solltest aber versuchen wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu finden. Kevin und Johnny sind nicht gerade erfreut über die Geschehnisse…“
Cat lachte freudlos. „Wer ist denn gleich bei Johnny Petzen gegangen?“
„Willst Du raten?“
Cat schüttelte den Kopf „Nein danke. Ich freu mich auch so schon auf die Gespräche mit Kevin!“
„Dann sei vorsichtig wem Du die Tür öffnest. Ich hab vorhin die beiden aus Johnnys Zimmer kommen sehen.“
Cat seufzte, als sie ein Geräusch aus dem Bad vernahmen. AJ war scheinbar fertig mit Duschen.
Auch Marcus blickte auf die Tür des Badezimmers.
„Ok, Chef, ich werde euch wieder allein lassen. Wenn etwas ist… ich bin in der Nähe.“
„Danke Marcus.“
Sie brachte ihn zur Tür und schenkte ihm einen dankbaren Blick, bevor sie die Tür leise schloss und sich wieder auf AJ konzentrierte der just in diesem Moment aus dem Bad trat. Nur ein Handtuch um die Hüften.
„Ich glaube ich habe ein Problem.“ Nuschelte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Cat lächelte matt als sie auf das weiße Handtuch des Hotels blickte.
„Nick hat Dir ein paar Sachen vorbei gebracht.“ Cat ging hinüber zum Bett und nahm die Sachen an sich. „Er dachte Du könntest sie vielleicht gebrauchen…“
Als sie sich umdrehte, um AJ die Sachen zu reichen, stand er bereits unmittelbar hinter ihr. „Marcus ist gerade drüben um Deine restlichen Sachen zu holen…“ erklärte sie leise. „Bis er sie bringt wird dies hier wohl erstmal seinen Zweck erfüllen.“
AJ’s Augen wanderten unruhig durch Cats Gesicht.
„Danke.“ Seine Stimme klang belegt.
„Bedank Dich bei Nick… und Marcus.“
Eine kurze Pause entstand in der Cat und AJ einen langen, intensiven Blick austauschten.
„Werd…“ AJ räusperte sich deutlich „Werd ich machen… Ich… ich geh mich dann mal anziehen…“

***

Kevin war hin und her gerissen. Er wusste nicht, sollte er sich Luft machen oder sachlich bleiben, den Moralapostel spielen oder AJ Hilfe anbieten... Er hatte keine Ahnung, aber er musste so oder so mit Cat sprechen. Besser noch mit AJ...
Einen Augenblick stand er unentschlossen vor Cats Zimmertür, doch dann riss er sich zusammen und mahnte sich ruhig zu bleiben. Auf sein Klopfen hin öffnete Cat die Tür einen Spalt breit.
"Hallo Cat. Ich weiß, es ist spät... Aber ich muss mit euch reden."
Cat musterte Kevin argwöhnisch, während sie AJ im Bad rumoren hörte. Nicht sicher ob sie AJ in dieser Nacht noch ein Gespräch über die Geschehnisse zumuten wollte.
„Kann das nicht bis morgen warten?“
"Cat, warum hast du uns nichts gesagt? Wenn wir gewusst hätten, was mit ihm los ist, statt nur herumzuraten, hätten wir vielleicht helfen können."
Cat schnaufte vernehmlich und trat vor die Tür. AJ musste nicht unbedingt noch mit einem Gespräch belastet werden. Die nächste Zeit würde für ihn schon schwer genug werden.
„Was hättet ihr denn schon helfen können, Kevin? Ihr habt keine Ahnung wie es wirklich ist so einer Sucht zu verfallen. Glaub nicht dass ich erfreut war als ich ihn in Vegas in der so ziemlich letzten Adresse gefunden habe. Was meinst Du wie peinlich mir das ganze vor Billy war, der mir auch noch helfen musste Alex aufs Zimmer zu schleifen. Glaub mir. Ihr hättet nichts ausrichten können.“
"Immerhin hätten wir helfen können, ihn seitdem von Alkohol fernzuhalten. Das hast du doch getan, oder zumindest versucht, nicht? Und wir hätten auf der Bühne bescheid gewusst und ihm vielleicht irgendwie durch die Shows helfen können, und wenn schon nicht das, dann hätte ich ihn wenigstens heute Abend nicht so angeblafft..." Kevin fuhr sich durch die raspelkurzen Haare. Es war seine Schuld, dieser Zusammenbruch vor ein paar Stunden. Er hatte Alex in die Ecke gedrängt, um seinen Verdacht zu bestätigen, und damit seinen Freund in Gefahr gebracht. Das war nicht zu entschuldigen. Wenn er gewusst hätte, was ablief, hätte er anders reagiert und es wäre vielleicht nicht dazu gekommen.
„Natürlich habe ich versucht ihn die letzten Tage vom Alkohol fernzuhalten und glaub mir, auch ich, die nun selber weiß wie es ist, war manches Mal völlig überfordert damit. Ich glaube das ist auch der Grund weshalb ich alles auf einer Karte gesetzt habe. Ich weiß nicht was ich noch mit euch hätte tun sollen. Ich habe versucht mich auf sein Problem zu konzentrieren. Ich weiß das es falsch war und es meine Aufgabe gewesen wäre euch gleich bescheid zu sagen, aber hätte ich mich auch noch mit euch deswegen auseinander setzen müssen… ich glaube dann hätte ich längst meine Kündigung eingereicht… Wobei sich das ja nun vermutlich eh erledigt hat.“ Cat hatte ihre letzten Worte nur noch gemurmelt und verlegen zu Boden gesehen.
Zwischen Kevins Augenbrauen erschienen zwei steile Falten. Entschlossen legte er einen Finger unter Cats Kinn, hob es an und zwang sie ihn anzusehen.
"Wie zur Hölle kommst du denn auf diese Idee? Warum sollte irgendjemand dich kündigen wollen?"
„Ach komm Kevin, ich habe mich während dieser ganzen Tour wohl schon über so ziemlich jede Regel hinweg gesetzt die es gibt. Machen wir uns doch nichts vor. Ich hab mit AJ geschlafen, euch verheimlicht das ich Alkoholikerin bin, seinen Rückfall vertuscht… Ich bin für euch und eure Sicherheit verantwortlich und das einzige was ich getan habe war wohl alles das zu tun was ich eigentlich nicht tun wollte und Joe damals als Bedingung gestellt hatte. Du magst das vielleicht jetzt gerade aus der ganzen Situation als noch nicht so belastend empfinden… aber ich weiß nicht ob Johnny das genauso sieht. Wer weiß was in den nächsten Monaten noch alles geschieht die wir noch gemeinsam unterwegs sind. Wie soll Johnny sich auf mich verlassen können das ich ihm den Rücken frei halte, wenn ich nichts Besseres zu tun habe als euch zu belügen, huh?“
Kevin verschränkte die Arme vor der Brust.
"Wann hast du uns denn bitte belogen? Du hast nie behauptet, du seihst keine Alkoholikerin. Und was Alex und du in einem Bett machen ist ganz allein eure Sache. Und was das Rücken freihalten angeht... So wie ich das sehe, hast du Johnny den Rücken verdammt gut freigehalten. Er hat sich niemals beklagt, dass du unprofessionell wärst oder irgendwas vermasselt hättest. Im Gegenteil, er singt bei Joe Lobeshymnen auf dich. Als ich vorhin mit ihm sprach, war auch keine Rede von Rauswurf. Er meinte nur, das würde erklären warum du in den letzten Tagen so erschöpft warst." Er zuckte mit den Schultern. "Es wäre etwas anderes, wenn DU rückfällig würdest auf dieser Tour. Dann würden wir nämlich alles tun, um den Tourstress von dir fernzuhalten und mit dir Hilfe suchen, bis du soweit bist wieder zu uns zu stoßen. Du musst nicht alles allein machen, Cat, es ist eine große Familie um dich rum, die dich auffangen und dir helfen kann... Du musst auch nicht für unsere Sicherheit sorgen, dass machen unsere Bodyguards für uns. Wie ich das sehe, hat Marcus sogar dich inzwischen unter seine Fittiche genommen... Sein Blick war nicht von schlechten Eltern, als er mir vorhin vor AJ's Tür erklärte, ich sollte Land gewinnen und 'seinen kleinen Chef und Bone' in Ruhe lassen..." Kevin schmunzelte.
Auch auf Cats Gesicht stahl sich ein leises Lächeln und sie sah verlegen zu Boden, als sich ihre Nackenhaare aufstellten. Sie musste sich nicht umdrehen um zu wissen das AJ hinter ihr stand.
„Ja, ich hatte ihn darum gebeten. Er hat mir viel geholfen in den letzten Tagen. Ohne ihn hätte Alex mich wohl in den Wahnsinn getrieben…“
„… oder in den Rückfall.“ Beendete AJ’s raue Stimme Cats Satz heiser. „Hey Kevin!“
"Alex..." Einen kurzen Moment war Kevin unschlüssig, was er tun sollte. Doch dann folgte er seinem Bauchgefühl und trat auf seinen Freund zu, um ihn in die Arme zu schließen.
"Es tut mir echt leid, was heute Abend passiert ist."
AJ lachte rau. "Hey, ICH hab mein Zimmer zerlegt, und nicht du." Aber er lehnte sich erleichtert in die warmherzige Umarmung, von der er so verdammt gut wusste, dass er sie nicht verdiente. Er brauchte sie... Er wollte sie genießen, solange sein Freund sie ihm gewährte.
"Wollen wir hier auf dem Flur rührselig werden, oder gehen wir lieber dafür rein?" scherzte Kevin, als AJ sich von ihm löste. Seine Augen wirkten tatsächlich verdächtig feucht.
Cat winkte sie hinein, und wenig später hatten sie sich über Couch und Sessel um einen kleinen Tisch verteilt.
Kevin sah sich AJ an. Er trug eindeutig Nicks Sachen, vom Stil her genauso zu erkennen wie von der Größe. AJ hatte es gern weit und bequem, aber das hier war noch weiter und länger. AJ's Hände waren verschrammt und zerschnitten, sein Gesicht bleich, die Augen rotgerändert und geschwollen.
"Wie geht's dir, Alter?" fragte Kevin leise.
"Beschissen..." antwortete AJ genauso gedämpft. "Aber ich muss da durch, ich kann euch nicht hängen lassen."
"Um uns geht es gar nicht... Denkst du denn, dass du es schaffst? Es ist doch verdammt stressig unterwegs zu sein. Wir können die Tour unterbrechen, das weißt du. Du könntest wieder in Therapie gehen und wir können dafür sorgen, dass wir viel weniger Termine haben wenn du wiederkommst. Wir gehen es einfach zu schnell und zu verbissen an, diese Tour sollte doch uns allen Spaß machen..."
AJ schüttelte entschieden den Kopf. "Mein Rückfall kommt nicht durch den Tourstress, Kev. Das Business hat diesmal überhaupt nichts damit zu tun."
"Aber was ist es dann, Bruder?" Kevin sah ihn besorgt an.
AJ schüttelte traurig den Kopf. "Ich kann es dir nicht sagen. Du würdest mich hassen, wenn du es erfährst. Ihr alle würdet mich hassen. Es geht nicht, verstehst du? Ich hasse mich selbst schon genug dafür." AJ stützte den Kopf in die Hände. Wenn sie es herausfanden... und das würden sie irgendwann... wäre es das Ende der Backstreet Boys.
Kevin war verwirrt. Er sah, dass AJ unter seinem Geheimnis litt, und er wollte sich nicht helfen lassen.
"Hast du es denn wenigstens irgendjemandem gesagt? Wenn du es in dir verschließt, kommst du vielleicht nie vom Alkohol weg."
"Ich hab es jemandem gesagt." AJ sah auf, vermied es aber Cat anzusehen. Die Jungs sollten nicht bei ihr nach seinem Geheimnis bohren.
"Sollen wir einen Counselour für dich besorgen?" wollte Kevin wissen.
"Nein, ich würde nicht mit ihm reden... Ich gehe weiter zu den AA-Treffen, jetzt öfter als sonst. Ich hab Cat vorhin versprochen, dass ich bis zu unserer Pause in einer Woche durchhalte. Ich denke, die Tour hält mich vielleicht aufrecht, Kev."
Kevin nickte leicht. AJ, vor ihnen allen anderen, brauchte die Bühne. "Okay. Wir werden für dich da sein, Boner. Wir werden dir ständig auf der Pelle hängen und zusehen dich nicht an Alk ranzulassen, darauf kannst du wetten. Und, bitte, hör auf mit diesem Selbsthass, bevor das noch mehr anrichtet. Was immer du getan hast, es kann nicht so schlimm gewesen sein, dass es rechtfertigt, dass du dich selbst zum Teufel jagst."
AJ sah Kevin stumm an. Wenn er wüsste...
Cat, die das Gespräch zwischen den beiden Männern stumm verfolgt hatte schluckte trocken und nippte nervös an ihrem Wasser aus der Minibar.
Stumm schickte sie bereits seid einigen Minuten Gebete gen Himmel das niemals der Wahre Grund für AJ’s Rückfall heraus kam. Abgründe würden sich auftun und sie wollte, weiß Gott, nicht in der Nähe sein wenn das Geschah.
Als es an der Zimmertür klopfte zuckte sie unwillkürlich zusammen und warf einen raschen Blick auf AJ.
„Ich geh schon.“ Schnell stand sie auf und durchquerte das Zimmer.
Entgegen ihrer anfänglichen Angst dass nun auch noch Johnny vor der Tür stand, war es Marcus der ihr AJ’s sichtlich angeschlagene Reisetasche entgegen hielt.
„Hey Boss, das ist alles was ich retten konnte. Der Rest ist…“ Marcus verstummte, als er Kevin und AJ erblickte.
„Komm ruhig rein. Bislang ist noch niemand zu Schaden gekommen.“ Grinste Cat müde.
Das Gespräch zwischen Kevin und AJ hatte sie ein wenig zuversichtlicher werden lassen, das sie wenigstens die nächsten Tage bis zum Break überstehen würden.
„Kevin, AJ…“ Marcus nickte den beiden zu als er ein wenig weiter in das Zimmer eintrat und die Tasche vor dem Bett abstellte.
Kevin fing an zu grinsen. "Boss? Diesmal nicht 'kleiner Chef'? Hörst du das, Bone, ich glaube unser Oberbodyguard steht inzwischen auf der Gehaltsliste von jemand anderem. Wann hat Cat dich abgeworben, Marcus?"
Cat lachte und legte einen Arm um Marcus.
„Ich habe niemanden Abgeworben. Der ist mir zugelaufen und er wird mich hoffentlich beschützen wenn Johnny vor dieser Tür steht.“
Marcus sah auf seinen kleinen Chef hinunter und grinste matt.
„Wenn ich die Wahl habe, beschütze ich Dich auch vor den beiden da drüben.“
Cat warf einen belustigten Blick auf AJ, der sich das erste Mal in dieser Nacht ebenfalls ein müdes Lächeln abringen konnte.
„Ich glaube vor denen musst Du mich nicht beschützen. Der eine tut mir nichts und der andere hat mich auch am Stück gelassen. Also keinen Grund zur Sorge.“
Sie klopfte Marcus freundschaftlich auf die Schulter und setzte sich neben AJ auf die kleine Couch.
„Geh Schlafen Marcus, Du siehst müde aus. Die Nacht war auch für Dich ziemlich lang. Ich werde einen der anderen Jungs morgen früh aus dem Bett holen und bitten Deine Schicht zu übernehmen.“
„Das musst Du nicht Chef, ich habe doch eh die Nachtschicht.“
Belustigt nahm Cat wahr das Marcus die ganze Situation ganz offensichtlich nicht geheuer war und er lieber das weite gesucht hätte.
„Dann tu mir wenigstens den Gefallen und Schlaf Dich morgen aus. Du hast die letzten Tage wirklich genug getan.“
Marcus nickte und verabschiedete sich mit ein paar knappen Worten an die Jungs.
Kaum das die Tür hinter ihm ins Schloss fiel legte sich Stille über das Zimmer und als AJ nach Cats Hand griff nahm sie diese wie selbstverständlich in die ihre.
Kevin, dem selten etwas entging, bemerkte natürlich diese Geste.
"Für euch zwei ist die Nacht genauso lang... Ich schlage vor, dass ich hier verschwinde, damit ihr beiden auch endlich Schlaf bekommt. Alles Weitere können wir ja genauso gut später klären." Er erhob sich und ging zur Tür, wo Cat ihn einholte um ihn hinauszulassen. Ihre Blicke trafen sich einen Moment.
"Danke für alles, was du für ihn tust." sagte Kevin so leise, dass AJ es nicht mitbekam. Dann schloss er selber die Tür hinter sich, Cat und AJ waren wieder allein.
„Kevin!“
Cat hielt den Atem an als sie Johnnys gedämpfte Stimme vor ihrer Tür vernahm.
„Hey Johnny, warum schläfst Du noch nicht? Es ist spät und….“
Erleichtert stellte sie fest dass Kevin ihren Boss abgefangen hatte und die Stimmen sich bereits wieder entfernten.
Langsam wandte sie sich wieder AJ zu, der bereits in seiner Reisetasche sichtete was alles seinem Gefühlsausbruch zum Opfer gefallen war.
Cat setzte sich daneben aufs Bett und legte die Hände in den Schoß, während sie einen Blick in AJ’s zerwühlte Tasche warf.
„Und? Ist viel kaputt gegangen?“
AJ zog seinen mp3-Player aus einer der Seitentaschen. Ein Riss zog sich quer über das Display.
"Nicht alles, aber das meiste." Er warf das Gerät in die Tasche zurück.
Bei seinem Kulturbeutel hatte er mehr Glück, Rasierschaum und Deo waren verbeult aber noch zu gebrauchen. AJ ließ alles drin und stopfte ihn zurück in die Tasche, dann stand er auf und rieb sich die Hände nervös an der Hose.
"Ich rufe dann mal die Rezeption an, ob sie irgendwo ein anderes Zimmer für mich haben."
Cat sah ihn an und legte den Kopf schief. "Sei nicht albern, du bleibst heute Nacht natürlich hier. Hier ist genug Platz für zwei." Sie klopfte auf die Matratze. "Und ich glaube sowieso nicht, dass sie dir noch mal ein Zimmer anvertrauen, nach dem was du mit dem letzten gemacht hast."
"Ja, vielleicht hätten wir behaupten sollen, ich wäre von einem Dämon besessen wie in 'Der Exorzist'." AJ setzte sich aufs Bett und ließ sich nach hinten fallen.
Cat spähte auf ihn herunter. "Aber da flog nur das Bett und die Besessene spuckte mit grünem Schleim um sich."
AJ lachte leise. "Dafür muss ich wohl noch üben."
Cat legte sich jetzt auch hin und gemeinsam starrten sie an die Decke.
"Cat?"
"Hm?"
"Du denkst, es kommt alles wieder in Ordnung?"
"Ich weiß nicht, AJ. Wir müssen dran arbeiten."
Eine Weile herrschte Stille.
"Cat?"
"Hm?"
"Ist es dein Ernst, das Bett mit mir zu teilen?"
"Ja, das sagte ich doch grade. Außerdem ist es nicht das erste Mal."
"Okay." Einer nach dem anderen fielen AJ's Schuhe auf den Boden, ihnen folgte die Jeans. Dann lag AJ wieder still.
"Cat?"
"Hm?"
"Wollen wir dann jetzt zu Bett gehen?"
"Können wir machen."
Cat stand auf und zog sich schnell um, während AJ das Bett in Ordnung brachte und sich frierend unter die Decke kuschelte. Wenig später löschte Cat das Licht und schlüpfte neben ihm ins Bett.
Beide schwiegen und starrten zur dunklen Zimmerdecke hinauf.
"Cat?"
"Hm?"
"Ich bin dir wirklich sehr dankbar... für alles... Tut mir leid, dass ich mich nach unserer gemeinsamen Nacht wie ein Schwachkopf aufgeführt habe..."
"Mir auch." stimmte Cat zu.
Einen Moment herrschte Stille.
"AJ?"
"Hm?"
"Tut mir wirklich leid, dass ich es nicht früher gesagt habe, aber..." Cat verstummte.
"Aber... was?" hakte AJ nach.
"Ich hab dich wirklich richtig gern."
Ein strahlendes Lächeln huschte über AJ's Gesicht.
"Cat?"
"AJ, jetzt halt den Mund und schlaf..."
Beide begannen zu lachen.
„Du treibst mich wirklich noch in den Wahnsinn.“ Kicherte Cat und rückte noch ein Stück näher an AJ heran.
„Ach, ICH treibe DICH in den Wahnsinn, huh?“ AJ setzte sich ein wenig auf. „Und wer fragt mich?“
„Hey…“ Cat richtete sich ebenfalls ein wenig auf. „Ich habe Dir wenigstens keine Schlaflosen Nächte bereitet.“
AJ’s linke Augenbraue schnellte in die Höhe.
„Ach Nein?“
„Nein!“
„Wer sagt das?“
„Ich!“
“Na, die Wette gewinne ich.“
Cat knipste das Licht auf dem Nachttisch wieder an.
„Wie jetzt?“
AJ musterte Cat einen Moment und strich ihr – entgegen seines Verstandes der ihm sagte dass er sich nur selbst wieder unglücklich machen würde – sanft über die Wange.
„Du hast keine Ahnung wie viele Schlaflose Nächte Du mir schon bereitet hast.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern „Und das nicht erst seid Chicago.“
Entgegen seiner Erwartung das Cat nun aufspringen und auf der Couch schlafen würde legte sie eine Hand über seine die noch immer auf ihrer Wange ruhte und drückte sie ein wenig fester an sich.
„Glaub mir Alex, an meinen letzten Schlaflosen Nächten war sicherlich auch nicht nur die Arbeit Schuld.“
AJ schwieg und sah Cat lange an. Seine Müdigkeit war längst verflogen. Ihre Augen wanderten Unruhig zwischen seinen hin und her.
„Scheiße AJ, nach den ganzen letzten Wochen… glaubst Du wirklich dass Du mir egal bist?“
"Oh Cat, was machen wir beide nur für Sachen..." flüsterte AJ schließlich rau. Er konnte den Blick nicht von ihren Augen abwenden, während seine Finger sich in ihr Haar schoben. Es war genauso seidig, wie er es in Erinnerung hatte...
Mit beinahe übermenschlicher Anstrengung beugte AJ sich über Cat und schaltete ihre Lampe wieder aus. Dann ließ er sich zurück in die Kissen fallen und zog Cat halb auf seine Brust. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, sein Arm lag unter ihr und würde innerhalb kürzester Zeit einschlafen, aber das war es ihm wert sie festzuhalten. AJ schloss die Augen und sog ihren süßen Duft ein, versuchte seine Gedanken auszuschalten.
"...AJ?"
"Cat, sei still und schlaf, oder ich schwöre dir, ich kann für nichts garantieren..."
Sie lachte leise und rieb ihr Gesicht an seiner Brust.
"Ich wollte nur 'Gute Nacht' sagen."
"Dann mach es doch."
Einen Moment war es still.
"AJ?"
"Hm?"
"Gute Nacht."
"Du willst es wohl wirklich wissen, was? Gute Nacht, Cat, schlaf gut und träum schön, und nun mach den Mund und die Augen zu, sonst falle ich wirklich über dich her."
Ihr ersticktes Lachen bewies, dass sie zumindest den Mund geschlossen hielt.

Kapitel 29