Chapter 27

Es lief nicht gut für AJ. Gar nicht gut...
Wie immer war die Flasche vom Bühnenrand verschwunden, die er speziell 'präpariert' hatte, dabei hätte er doch so dringend einen Schluck gebraucht. Erst recht wo Kevin ihn seit zwei Tagen irgendwie ständig im Visier hatte, und wenn nicht er, dann waren Brian oder Howie in der Nähe und sahen ihn besorgt an.
AJ störte das nicht weiter, aber es nervte ihn, dass er so nicht immer etwas trinken konnte wenn er wollte. Wenn er es brauchte... Und heute früh war dann auch noch plötzlich Marcus aufgetaucht und hatte sein Zimmer durchwühlt, wobei er ständig etwas von 'kleinem Chef helfen' gemurmelt hatte.
Er hatte sie gefunden, die Flasche unter der Tüte, im Mülleimer im Bad, genauso wie die hinter der Schublade des Nachttischs und den Flachmann in AJ's Jeans, die er grade trug... Verstecke, die Cat nicht aufgefallen waren bisher. Mistkerl...
Danach hatte Marcus ihn zum Frühstück geschickt, und als AJ sich später davonstehlen wollte, um was neues zu trinken aufzutreiben, lief Cat ihm über den Weg und hakte ihn unter, um ihn direkt mit in die Lobby zu nehmen und zu warten, dass die anderen auch fertig wurden.
So hatte AJ also das letzte vor dem Frühstück gehabt, hatte abgewartet, dass er an die Flaschen kommen konnte, die im Bus deponiert waren, was spätestens in der Halle der Fall sein sollte. Aber dann kam es anders... Genau im falschen Moment kam Kevin vorbei und blieb keine zwei Meter von ihm entfernt stehen. Also blieb die eine Flasche unterm Sitz, wo sie war.
Die Letzte hatte er in seiner Tasche, im Kofferraum des Busses. Ein denkbar blöder Platz wie er merkte, jedoch nicht zu ändern. An der Halle angekommen holte er die Tasche und brachte sie rein, stellte die Flasche neben der Bühne ab, um beim Soundcheck davon zu trinken.
Fünf Minuten später war sie verschwunden, dafür stand dort jetzt eine Flasche Wasser, die äußerlich genauso aussah wie AJ's präparierte Flasche, aber die nicht den selben Inhalt hatte. Seine letzte Rückzugsmöglichkeit war spurlos verschwunden...
Etwa eine halbe Stunde vor dem Konzert begann AJ sich richtig unwohl zu fühlen. Nervös ging er auf und ab, rieb seine schwitzigen Handflächen an seiner Hose trocken.
"Hey, AJ, was ist los? Das Konzert beginnt erst um acht, warum bist du schon jetzt nervös?" erkundigte sich Brian irritiert. "Geht's dir nicht gut?"
"Doch, alles klar, ich muss nur mal..." AJ machte eine vage Handbewegung und ging in die Sanitärräume.
Dort angekommen nahm er die Sonnenbrille ab, ließ er sich Wasser in die Handflächen laufen und spritzte es sich ins Gesicht. Dann schaute er in den Spiegel, sah in seine blutunterlaufenen Augen. An seinen langen Wimpern hingen ein paar Wassertröpfchen, was ihn in der Kombination aussehen ließ als hätte er geweint.
Wo bekam er was zu trinken her? Keiner aus der Crew würde ihm was geben, soviel war klar. Blieb nur Cat. Sie musste das doch verstehen...
Entschlossen setzte er die Sonnenbrille auf und machte sich auf den Weg zu ihr.
Er fand sie in ihrem 'Büro' hinter der Bühne, das in diesem Fall nicht mehr war als ein Schreibtisch der durch zwei Trennwände von der gröbsten Hektik abgeschirmt wurde. Sie beugte sich grade über ihren Laptop und kaute auf ihrer Unterlippe, als versuchte sie ein Problem zu lösen.
AJ sah sich um, ob sie Zuhörer hatten. "Cat, kann ich... Ich muss dich kurz sprechen..."
„Was gibt’s denn?“ Cat sah kaum von ihrem Laptop auf, der Gerade drohte abzustürzen, weil er völlig überlastet war.
„Cat, ich…“ AJ hielt den Atem an. „Hast Du was für mich?“
„Wie? Hast Du was für mich? Was hab ich für Dich?“ Cat warf AJ einen fragenden Blick zu.
„Naja…“ Mit zitternden Fingern fuhr er sich durch die Haare.
Cats Augen weiteten sich.
„Vergiss es Alex. Von mir wohl als letztes.“
„Aber Cat, ich kann so nicht auf die Bühne.“
„Oh doch McLean. Du kannst. Das wird Dich nämlich schön von dem Ablenken was Du gerade willst. Und nach dem Gig wirst Du Dich großartig fühlen. Ich glaub ich spinne…“ Cat tippte sich an die Stirn und warf AJ einen vorwurfsvollen Blick zu.
Sie wusste dass sie sich in einer guten Position befand. Wenn er zu ihr kam um nach Alkohol zu fragen, war klar dass er keine andere Möglichkeit mehr sah.
Das hieß für Cat das niemand anderes ihm etwas geben würde, er sich nicht traute zu fragen und auch nichts Erreichbares fand. Das war gut. Sehr gut sogar. Denn das hieß dass Marcus und sie die letzten Tage und Wochen ganze Arbeit geleistet hatten ohne dass jemand etwas mitbekommen hatte.

AJ starrte Cat an, die sich wieder von ihm abgewandt hatte und weiterarbeitete als sei er gar nicht da.
Das konnte sie doch nicht machen...
Und trotzdem hatte sie es getan, und es war klar, er würde von ihr nichts kriegen.
Fassungslos wandte er sich von ihr ab. Dieses herzlose Stück... Aber er brauchte es doch, dringend... AJ begann zu schwitzen und nahm einen Schluck Wasser. Dann fing er erneut an, ruhelos hin und her zu laufen.
Noch nie war die Zeit so dahin gekrochen wie an diesem Abend. Als es endlich losging, bebten AJ's Hände und seine Knie zitterten. Nur ein Schluck, und er wäre ruhiger, hätte die Kontrolle, aber die hatte er nicht. Also betrat er die Bühne, durch die leuchtende Treppe, und war voll auf Entzug.
Zuerst schien alles gut zu gehen. Bei 'The Call' war er wie immer, fand er, und die Jungs schienen nichts von seinen Problemen mitzubekommen. Er drehte mehr auf als sonst, flirtete mit den Mädels vor der Bühne, und die sprangen begeistert drauf an. Dann folgte Beautiful Woman und auch das klappte reibungslos.
AJ bekam Oberwasser und einen Adrenalinschub, der ihn den Alkohol tatsächlich für eine Weile vergessen ließ. Er machte mit und interagierte wieder mit den Jungs, statt ein Programm abzuspulen, und die bemerkten das und waren sofort ebenfalls freier und gelöster, ließen sich von seiner Energie mitreißen. Jetzt lief das Konzert im Zeitraffer, ein Song nach dem anderen wurde gespielt und AJ sang sich das Herz aus dem Leib für ihre Fans.
Doch dann kam 'I’ll never break your heart' und alles brach zusammen.
AJ begann den Song zu performen, während die anderen die wirklich einfachste Choreographie dazu aufführten. Es sah trotzdem gut aus, weil sie weiße Jacketts und Hüte trugen dabei.
AJ bemerkte ein Kratzen in seiner Kehle, als sein erster Part sich dem Ende näherte, doch er ignorierte es und räusperte sich, als Brian dran war, wozu er sein Mikro weit von sich hielt.
Dann kam sein zweiter Part, und wie immer ging er dazu fast auf die Knie, um voller Inbrunst zu singen. In dem Moment gaben seine zittrigen Knie unter ihm nach und er landete wenig graziös auf dem Hosenboden, das Mikrophon fiel samt Ständer um und schlug mit einem schrillen Missklang auf dem Boden auf.
Sofort kämpfte AJ sich wieder hoch und schnappte sich sein Mikro, doch als er es an die Lippen hob und wieder mit dem Gesang einsetzte, hörte er seine Stimme auf dem Knopf in seinem Ohr nicht. Das Mikro war tot.
AJ warf einen schnellen Blick zu den Jungs hinüber, zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf. Sie erwiderten die Geste, dann setzte Kevin mit seinem klaren Bariton an seiner Stelle ein.
Während die Jungs weiter sangen und ihre kleine Choreographie aufführten, die sich selber schon fast parodierte, lief AJ nach hinten um zu sehen, ob die Techniker bereits dabei waren ihm ein Ersatz Mikro zu besorgen. Er bekam sofort eins und gesellte sich wieder zu den Jungs, um mitzutanzen während Kevin statt seiner sang, aber irgendwie kam er nicht wieder in die Choreographie rein.
Das machte nicht viel, da sie mit dem nächsten Refrain endete und AJ's Intermezzo einsetzte, in dem er allein sang und nach dem er heute seine kleine Ansprache halten sollte. Nur... ließen ihn nach seinen Knien jetzt plötzlich seine Stimmbänder im Stich... Die ersten Tönen klangen noch normal, doch dann wurde seine Stimme rau und kratzig, und er bekam einen unstillbaren Hustenreiz.
Die Jungs drehten sich besorgt zu ihm um, als seine Stimme erst brach und dann ganz weg blieb. AJ begann zu husten und schien gar nicht mehr aufhören zu können. Er nahm einen Schluck Wasser, doch auch das nützte nichts.
Brian lief schließlich zu ihm nach vorn und machte einen Scherz über Raucher, klopfte AJ auf den Rücken und schickte ihn mit leisen Worten nach hinten, um die Ansprache stellvertretend für AJ zu halten und ihn beim Publikum zu entschuldigen.
"Scheiße..." AJ eilte von der Bühne, um sich Backstage erst mal auszuhusten, wieder zu Atem zu kommen und die Tränen wegzuwischen, die es ihm in die Augen getrieben hatte.
Als die ersten Takte von 'Just want you to know' ertönten, ging er zurück und versuchte wieder normal mitzumachen, aber vom Adrenalin war nichts mehr übrig. Er fühlte sich einfach nur zittrig und ausgelaugt.
Das Publikum sah plötzlich irgendwie anders aus, aggressiv und bedrohlich.
Nur ein Schluck, und es wäre alles besser, ging es AJ durch den Kopf. Aber er hatte keinen Schluck und das Konzert war noch lange nicht zu Ende...
Von jetzt an ging es bergab. Seine Stimme war angegriffen, und er schaffte es nicht die Töne so lang wie sonst zu halten, weil sonst der Hustenreiz hinten in der Kehle wiederkehrte. Außerdem war er nervös und fahrig, seine Hände schwitzten und er musste sie dauernd an seiner Hose oder dem Handtuch abwischen.
Das schlimmste aber war, dass sein Timing und seine Konzentration weg waren und er beides nicht wieder fand. Beim Refrain wurde er mitgezogen, aber als er bei 'Crawling back to you' seine Zeilen zu singen hatte, waren ihm die ersten Worte aus dem Kopf verschwunden und er setzte zu spät ein.
Das fiel vielleicht noch keinem wirklich auf, doch bei 'Drowning' ging es ähnlich weiter und AJ sah aus dem Augenwinkel, dass die Jungs ihn irritiert anblickten.
Dann sprach Howie zum Publikum, und AJ versuchte in der Zwischenzeit mit Wasser und einer Atemübung zu retten was zu retten war. 'Quit playin' games' und die Vorstellung der Band überstand er ganz gut und er glaubte schon es im Griff zu haben, als Kevin ihn fragte ob alles okay sei. Er bejahte. Aber dann vermasselte er seine lumpigen paar Zeilen in 'Weird World' indem er den Ton nicht traf und erntete verwirrte Blicke aus dem Publikum. Das tat weh... Am liebsten hätte alles stehen und liegen gelassen und wäre von der Bühne gerannt, hätte sich irgendwo mit einer Flasche Jack Daniels und seinen trüben Gedanken eingeschlossen und wäre nie wieder hervorgekommen. Aber das ging nicht, er musste sich zu den Jungs ans Klavier setzen und 'Incomplete' singen.
Kevin sah ihn scharf an, als er sich an das Instrument setzte, doch er sagte nichts. Dafür beugte sich Nick zu ihm rüber.
"Hey Jay, was ist los?" fragte er, die Hand überm Mikro damit die Fans nichts mitbekamen.
"Ich weiß nicht, heut ist wohl nicht mein Tag." erwiderte AJ rau und mit einem hilflosen Lächeln.
Kevin begann zu spielen und sie verstummten, doch in AJ's Kopf hallten die Worte, die er grade gesagt hatte, wieder. Nicht sein Tag... Wenns das nur wäre, aber wahrscheinlich war es nicht mal sein Leben...
Es kam wie es kommen musste, er verpasste seinen Einsatz, obwohl er direkt neben dem Klavier saß. Kevins konzentrierter Blick wandte sich daraufhin von den Tasten ab und blieb an ihm haften, intensiv und wütend, während seine Finger blind weiterspielten, die Melodie in eine Schleife fließen ließen und AJ eine zweite Chance gaben an der richtigen Stelle einzusetzen. Diesmal schaffte AJ das auch.
Als sie nach dem letzten Song die Bühne verließen, griff Kevin ihn am Arm.
"Was war heut mit dir los, AJ? So schlecht warst du nicht mal in deinen schlimmsten Zeiten!"
AJ riss sich los und ließ ihn wortlos stehen. Er hatte Kevin nichts zu sagen, genauso wenig wie Nick oder wem auch immer. In ihm war eine Menge Wut und Frustration angestaut, und er wusste nicht wohin damit. Er wusste nur eins, er brauchte etwas zu trinken. Viel zu trinken. Und wenn Cat ihn nicht trinken lassen wollte, musste er Tricks anwenden.
Auf dem Rückweg ins Hotel spürte AJ ständig die Blicke der anderen auf sich. Es versuchte sie zu ignorieren, ebenso wie die Tatsache, dass seine vier Freunde miteinander tuschelten und über irgendwas zu diskutieren schienen, das mit ihm zusammenhing.
AJ wollte nur eins, Alkohol. Aber als er zu dem Platz ging, unter dem seine Flasche versteckt war, folgten ihm sechs Augenpaare, vier von seinen Bandkollegen und zusätzlich die von Cat und Marcus, der nach wie vor 'seinen kleinen Chef' zu unterstützen schien.
Also nicht...
AJ ließ sich auf den Sessel sinken und glaubte die Flasche unter sich zu spüren, wie sie heiße Wellen des Verlangens durch Metall und Stoff zu ihm schickte.
Nein, hier ging es nicht. Sie ließen ihn nicht. Mistkerle, allesamt... Aber er würde sie austricksen, oh ja...
AJ schob sich seine Sonnenbrille auf die Nase und stand auf, um nach vorn zu Cat zu gehen. Ohne zu fragen, ob es ihr recht sei, ließ er sich auf den Platz neben ihr fallen.
Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an, und zum ersten Mal fiel AJ auf, wie müde und abgespannt sie aussah. In einer anderen Situation, in einer anderen Zeit, hätte ihn das vielleicht milde gestimmt. Aber so gab es ihm nur die Hoffnung, dass sie leichter auszutricksen war.
"Ich wollte dir sagen, dass du Recht hattest. Okay, ich fühl mich vielleicht nicht großartig, aber schon ziemlich gut. Wollte ich dir nur sagen..."
Cats Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.
"Das ist gut. Hey, wir machen... Fortschritte..." Ihre Worte wurden von einem Gähnen unterbrochen.
"Ja, denke ich auch..." AJ sah zu, wie sie sich die Augen rieb. Zum Glück schienen ihr weder die Jungs, noch jemand aus der Crew, noch Johnny bisher erzählt zu haben, wie das Konzert für ihn wirklich gelaufen war. Vielleicht weil er und Cat die letzte Zeit soviel miteinander rum hingen.
AJ legte den Arm um Cats Schultern und zog sie zu sich heran, damit sie den Kopf an seine Schulter lehnen konnte.
"Ruh dich doch ein bisschen aus, zumindest bis wir im Hotel sind. Du gehörst dringend ins Bett."
Cat fielen die Augen zu in der warmen Geborgenheit seiner Arme.
"Nein, ich kann nicht schlafen jetzt. Es gibt noch zu viel zu tun, es geht nicht." Sie öffnete die Augen wieder und sah dem Verkehr zu, der an ihnen vorbei durch die Stadt floss.
AJ wusste, was 'viel zu tun' hieß, nämlich ihn vom Alkohol abhalten.
"Mir geht es viel besser." meinte er, doch sie lachte nur traurig.
"Heute vielleicht und morgen willst du wieder was..."
Sie unterbrachen das Gespräch, weil AJ wusste, er kam so nicht weiter bei ihr. Doch als sie im Hotel ankamen, und Cat und er wenig später ihr Zimmer betraten, nahm er den Faden wieder auf.
"Du siehst wirklich müde aus. Geh doch schlafen, ich leg mich, wenn du willst, hier neben dich und schlafe auch, statt mit den Jungs noch in der Hotelbar abzuhängen."
Cat seufzte. "Nein, das geht nicht. Ich muss wieder runter, Johnny will bestimmt noch mit mir reden. Die letzten Worte haben wir etwa zur Hälfte des Konzerts gewechselt... Ich will mich nur kurz umziehen."
Sie streifte die Schuhe ab und legte den Kopf in den Nacken, um ihren Hals zu dehnen. Dann ließ sie sich aufs Bett sinken und zog sich das Shirt über den Kopf. Doch statt jetzt wieder aufzustehen und die Hose zu öffnen, seufzte sie erneut und ließ sich der Länge nach aufs Bett sinken.
"Wenn ich nur nicht so müde wäre..." murmelte sie, und wieder begannen ihre Augen zuzufallen. Sie hob eine Hand und rieb sich träge die Augen, dann blieb der Arm über ihrem Gesicht liegen und sie rührte sich nicht mehr.
Vorsichtig glitt AJ in einen Sessel und wartete eine Weile.
Cats Atemzüge wurden immer tiefer, und schließlich war er sicher, dass sie tief und fest schlief.
AJ stand entschlossen auf und ging zur Tür. Seine Flasche war dort und wartete auf ihn, er musste nur den Busfahrer beschwatzen ihn an Bord zu lassen, weil er was vergessen hatte.
Mit diesem Vorsatz machte sich AJ auf durch das Hotel zu schleichen, und dem Tourbus auf dem Parkplatz einen Besuch abzustatten.
Keine fünf Minuten später war er auf dem Rückweg, ein triumphierendes Grinsen auf den Lippen und eine verdächtig wirkende Beule in der Jacke.
Was er in seinem Jubel nicht merkte war, dass Kevin in dem Moment aus der Hotelbar trat, als er grade feixend im Fahrstuhl verschwand.
Kevin irritierte die plötzlich so gute Laune seines Freundes, und angesichts des Verdachtes, den er seit ein paar Tagen hatte, und den der Rest der Jungs teilte, beschloss er AJ, so schnell es ging, zu folgen. Da er ihn wohl kaum mit dem Fahrstuhl einholen konnte, jagte Kevin die Treppe hinauf.
Oben angekommen, sah Kevin sich keuchend um. Ja, da war er. AJ ging den Gang entlang zu seiner Zimmertür. In der Hand hielt er eine Flasche mit einer bräunlichen Flüssigkeit.
"Alex!"
AJ fuhr erschreckt herum. Dann wandelte sich seine besorgte Miene in ein Lächeln, als er Kevin erkannte, der auf ihn zukam.
"Hey Kev... Du hast mich erschreckt... Hör mal, das mit dem Konzert heute tut mir echt leid. Der Unfall mit dem Mikroständer und der Hustenanfall haben mich wohl völlig aus dem Konzept..."
"Was hast du da in der Flasche?" unterbrach Kevin ihn.
AJ stutzte und sah runter auf die Flasche in seiner Hand, als hätte er sie vergessen gehabt.
"Ach die? Das ist Eistee, ich hatte ihn im Bus vergessen und hatte Durst drauf."
"Und da gehst du zurück zum Bus, um dir warmen Eistee zu holen?" Kevin verschränkte die Arme vor der Brust.
"Das ist doch wohl meine Sache, welchen Eistee ich trinke." erwiderte AJ ungehalten.
"Sicher ist es das. Dann gib mir mal einen Schluck, ich hab grade eine trockene Kehle."
AJ erstarrte. Wenn er Kevin die Flasche gab, dann wusste der was los war... Er brachte ein wackeliges Lächeln zustande.
"Ach, aber doch nicht von diesem warmen Zeug... Komm mit rein, ich spendier dir eine Coke."
AJ zog seine Keycard aus der Tasche und zog sie durch den Schlitz. Dann drückte er die Tür auf.
"Ich will keine Coke, ich will wissen was du da in der Flasche hast, Alex."
Überrascht über den stählernen Ton in Kevins Stimme, sah AJ auf. Konnte es sein, dass sein Freund es schon wusste?
Das eisige Funkeln seiner grünen Augen gab die Antwort und löste bei AJ einen Kurzschluss aus. Er stieß Kevin zurück, hastete in sein Zimmer und schlug die Tür zu.
"ALEX!" Kevin hämmerte mit der Faust dagegen. Er konnte es einfach nicht fassen, AJ war rückfällig, seit wer weiß wie lange, und sie hatten es nicht bemerkt. Oder vielleicht hatten sie es auch nur nicht wahrhaben wollen... Seit wann ging das so? Seit Cat ihn zurückgewiesen hatte?
Kevin wusste besser als viele andere, dass Liebeskummer ein Grund war bis zur Besinnungslosigkeit zu trinken. Aber jetzt waren AJ und Cat doch wieder eng befreundet, es wurden in der Backstreet Family sogar Wetten abgeschlossen, wann die zwei ihre Verlobung bekannt geben würden. Musste das den Kreislauf von AJ's Sucht nicht durchbrechen?
"ALEX, MACH DIE TÜR AUF, WIR MÜSSEN MITEINANDER REDEN!"
AJ lehnte an der anderen Seite der Tür und spürte die Erschütterung von jedem von Kevins Schlägen. Kevin... Einer seiner besten Freunde, der ihm erst gesagt hatte, er sei für ihn gestorben, und ihm dann, als er sich zur Therapie entschied, die Hand reichte und ihm half es durchzustehen, ihn sogar in der Therapie besuchte. Was hatte er diesem Freund angetan? Er hatte sein Vertrauen missbraucht und seine Freundschaft verraten. Er war eine einzige Enttäuschung für alle die ihn kannten.
AJ starrte die Flasche an, die er noch immer umklammert hielt. War es das wert? Er wünschte sich, im Fahrstuhl nichts davon getrunken zu haben. Aber andererseits... was sollte es? Sie wussten es sowieso, und sie würden auch alles andere herauskriegen. Und dann würden alle ihn hassen, abgrundtief hassen. Er verdiente es, er war ein schlechter Mensch.
Tränen rannen über sein Gesicht, während er die Flasche öffnete und einen tiefen Zug nahm, hinter sich, auf der anderen Seite der Tür, seinem Freund zuhörte, der Verwünschungen ausstieß und an seine Vernunft appellierte.
Vernunft... Davon hatte er eindeutig zu wenig. Er nahm noch einen Schluck, aber seinen Selbsthass und seine Selbstverachtung konnte er damit nicht runterspülen. Zornige Tränen liefen über seine Wangen.
Er packte die Flasche fester und warf sie quer durchs Zimmer, wobei ihr Inhalt sich über die Möbel ergoss, als sie gegen die Wand schlug und dann zu Boden fiel. Bräunlicher Alkohol lief über den Teppich und verbreitete sein schweres Aroma im Raum. Oh, warum, warum nur...
Kevins Stimme verschwand in einem rötlichen Nebel. AJ stemmte sich hoch und warf den Tisch neben der Tür um, dass die Lampe herunterfiel und zerschellte. Er hörte nicht, wie Kevin draußen erschreckt verstummte. Er rannte zum Couchtisch, fegte Gläser und Aschenbecher mit dem Arm herunter und packte ihn, rammte damit den Fernseher, der begann Funken zu sprühen. Dann klaubte er den Aschenbecher vom Boden und warf ihn in den Spiegel, ließ sein eigenes Bild in tausend Scherben gehen.
Kevin stand vor der Tür und hörte mit wachsendem Entsetzen den Lärm in AJ's Zimmer. Der, und Kevins Rufe zuvor, hatten einen kleinen Auflauf verursacht. Brian war da, weil der Krach Baylee störte, Howie war heraufgekommen, um etwas aus seinem Zimmer zu holen, und besorgt stehen geblieben, und jetzt grade fand sich Marcus bei ihnen ein, um zu erfahren was los war.
Etwas rummste laut gegen die Tür und Kevin sprang zurück, doch im nächsten Moment presste er beide Hände gegen das Türblatt.
"ALEX, WAS TREIBST DU DA DRINNEN! HÖR AUF, WIR KÖNNEN DOCH ÜBER ALLES REDEN!"
"Er randaliert da drinnen, das hätte ich nie von ihm erwartet..." Howie schüttelte den Kopf.
"Mich wundert gar nichts. Er trinkt wieder, das ist nicht der Bone den wir kennen und lieben." wandte Kevin ein. "Ich hab Angst, dass er sich was antut, ob jetzt bewusst oder unbeabsichtigt."
"Willst du die Tür eintreten?" wollte Brian wissen.
"Wenn mir nichts anderes übrig bleibt..."
Marcus hatte genug gesehen, er rannte los um Hilfe zu holen.

„CAT… CAT, MACH SOFORT DIE TÜR AUF.“
Erschrocken schreckte Cat vom Bett hoch. Was war passiert? Sie sah sich irritiert um. Sie hatte doch gerade ihren Namen gehört.
Verdammt, sie musste eingeschlafen sein. Johnny würde sie für ihre Unpünktlichkeit auseinander nehmen.
„CAT!“ Erneut hämmerte Marcus gegen die Zimmertür. Cat zuckte erschrocken zusammen und sprang vom Bett auf.
Als sie die Tür öffnete stand Marcus schnaufend mit Panischem Gesichtsausdruck vor ihr und blickte auf sie hinunter.
„Marcus, was…“ Weiter kam sie nicht, als Marcus sie auch schon am Handgelenk packte und augenblicklich mit sich zog.
„Kevin hat raus gefunden das AJ wieder trinkt und sich mit ihm angelegt.“ Berichtete er atemlos. „AJ ist ausgeflippt und nimmt gerade sein Hotelzimmer auseinander, während Kevin kurz davor ist ihm die Tür einzutreten. Cat, Du bist die einzige die dieses Drama verhindern kann… Wenn Kevin raus findet das…“
Marcus musste nicht ausreden um Cat Flügel zu verleihen. Augenblicklich schoss sie an ihm vorbei ans andere Ende des Flures, Wo sie Kevin bereits gegen die Tür hämmern sah.
Als sie näher kam konnte sie ihn schreien hören.
„AJ, VERDAMMT. MACH DIE SCHEISS TÜR AUF!“
Cat legte noch einen Schritt zu als sie sah das Kevin bereits abstand von der Tür nahm. In letzter Sekunde stellte sie sich zwischen Kevin und AJ’s Zimmertür.
Irritiert sah er auf sie hinab.
„Was zum…“
Cat beachtete Kevin und die umherstehenden nicht als sie sich der Tür zuwandte. Sie konnte splitterndes Glas und lautes Gerumpel hören. Ihr Puls schoss in die Höhe als sie beide Hände auf die Tür legte, als ob sie damit auch AJ beruhigen konnte, der noch nicht einmal wusste das sie da war.
„ALEX…?!“
Statt einer Antwort flog irgendetwas Hartes gegen die Zimmertür und Cat zuckte erschrocken zurück.
„Marcus, besorg mir sofort einen Ersatzschlüssel. SCHNELL!“
Kevin legte die Hände auf Cats Schultern und drehte sie mit sanfter Gewalt zu sich herum. "Vergiss es, Carlton, ich lass dich nicht zu dem tobenden Irren reingehen! Er ist nicht er selbst, du hast keine Ahnung was er anrichten kann!"
"Ach Nein?" Cat stemmte die Hände in die Hüften.
"Nein!" Kevins Augen wurden schmal. "Er trinkt, verstehst du! Er hat einen Rückfall und du hast keine Ahnung worauf du dich einlässt, wenn du ihm jetzt gegenübertrittst!"
„Ich habe keine Ahnung worauf ich mich einlasse, aber Du, ja?“ Cat schnaufte.
"Zumindest habe ich ihn lange und oft genug im betrunkenen Zustand gesehen... Wenn auch noch nicht so..." besorgt sah Kevin zur Tür, hinter der es klang als risse jemand die Gardinen herunter.
Dann wandte er sich wieder Cat zu. "Du hast doch keine Ahnung wie ein Betrunkener sein kann! Du weißt nicht wie das ist!"
Cat schnaufte Verächtlich, während sie dankbar die Zimmerkarte entgegen nahm die Marcus ihr reichte.
„Ich weiß nicht wie das ist, huh?“ Sie lachte freudlos. „Hör mir mal zu Richardson“, sie tippte Kevin nachdrücklich mit dem Zeigefinger auf die Brust „Ich glaube ich habe mehr Ahnung von dem was AJ gerade durchmacht als ihr alle zusammen. Ich hab wahrscheinlich sogar mehr Ahnung davon als AJ selbst. ICH habe selber mehr als Drei Jahre gesoffen und ICH habe versucht mich mit dem Zeug umzubringen. ICH weiß wie er sich gerade fühlt. Wie er sich damals gefühlt hat und wie er sich die letzten Tage und Wochen gefühlt hat. Was meinst Du weshalb Alex und ich uns so gut verstehen, huh? Weshalb wir ständig zusammen in der Bar hocken? Abseits von all denjenigen die sich sinnlos betrinken? Was meinst Du wohin wir mitten in der Nacht ständig gemeinsam verschwinden, huh? Du hast keine Ahnung was wirklich los ist Kevin, also HÖR AUF hier den Boss zu spielen und lass EINMAL diejenigen Reden die wissen wovon sie sprechen!“
Ohne Kevin die Gelegenheit zu geben zu reagierten drehte Cat sich um, zog die Zimmerkarte durch und schob sich durch einen kleinen Spalt in der Tür.
Als sie die Tür in ihrem Rücken schloss, und den ersten Blick in das Zimmer warf, war Cat sich nicht mehr sicher ob es das richtige war was sie tat. Ihr Puls raste und ihre Augen nahmen innerhalb von Sekunden das totale Chaos wahr.
Nichts stand mehr so wie es einmal war. Sogar den Fernseher hatte er nicht verschont. Die Gardinen hingen auf halb acht und sämtliche Spiegel waren Zertrümmert. Die Matratze lag neben dem Bett und der Schreibtischstuhl hatte nur noch Drei Beine.
Doch was Cat viel mehr verängstigte war nicht der Anblick der sich ihr bot, sondern die plötzliche Ruhe die sich über das Zimmer gelegt hatte.
Vorsichtig drückte sie die Tür zum Badezimmer auf, das direkt zu ihrer Rechten war. Auch hier hatte AJ ganze Arbeit geleistet. Der Spiegel lag in tausend Scherben am Boden und der Duschvorhang hatte auch schon einmal bessere Tage gesehen.
Vorsichtig ging Cat weiter ins innere des Zimmers. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Immer darauf bedacht sich nicht zu verletzen.
Sie warf einen ängstlichen Blick in sämtliche Ecken, doch von AJ war keine Spur.
„Alex…?“
Sie erschrak sich als sie ihre eigene Stimme hörte. Obwohl sie leise gesprochen hatte, glaubte sie unnatürlich laut zu klingen.
Trotzdem erhielt sie keine antwort.

Chapter 28