Chapter 24

Das Erste, was AJ mitbekam, war ein furchtbarer Schmerz in seinem Schädel. Er pulsierte im selben Rhythmus wie die Trommel, die irgendwo geschlagen wurde. Verdammt, wenn das Nick an seinen Drums war, konnte er was erleben...
AJ versuchte die Augen zu öffnen, doch der erste halbe Millimeter brachte ihn von dieser Idee ab und er kniff sie wimmernd wieder zu. Es war gleißend hell... Viel, viel zu hell...
AJ hob einen bleischweren Arm und bedeckte seine Augen. Ganz still blieb er dann liegen, um zu sehen ob der Schmerz nachließ.
Die Trommel erklang weiter, und langsam wurde ihm klar, dass es gar keine Trommel war, sondern sein Herzschlag... Verdammtes Ding, konnte es nicht mal still sein?
Vorsichtig nahm AJ den Arm ein wenig herunter, um die Pein in seinem Kopf nicht noch mehr anzufachen, und blinzelte in seinem Schutz vorsichtig. Ja, das ging besser.
AJ versuchte herauszufinden, wo er war. Dieses Bettkopfteil kam ihm bekannt vor... Ebenso die Lampe. Wow, hatte er es echt zurück zum Hotel und sogar bis in sein Zimmer geschafft? Das war irgendwo im Bereich zwischen erstaunlich und unmöglich, denn er hatte... ja, wann eigentlich den Faden verloren? Ja richtig, sein Film riss in einer Bar, da hatte er noch etwa ein Drittel der bräunlichen Flüssigkeit in der Flasche vor sich gehabt und hatte sinniert, ob sie eher halb voll oder halb leer war.
AJ nahm langsam seinen Arm vom Gesicht und blinzelte in die Helligkeit. Allmählich ging es, und die Trommel wurde auch etwas leiser.
Doch dann schob sich ein dunkler Kopf in sein Sichtfeld.
"Sieh an, Sie leben ja noch, Mr. McLean..." AJ starrte atemlos hin. Das konnte nicht sein, er halluzinierte... Er presste die Augen zu, doch als er sie wieder aufriss, war die Erscheinung noch immer da...
AJ öffnete den Mund und wollte etwas sagen, doch es drang nur ein Krächzen heraus. Er räusperte sich und versuchte es erneut.
"Cat, was... was tust du... in meinem Zimmer?"
Cat hob eine Augenbraue und ließ sich neben AJ auf dem Bett nieder. Platzierte ungefragt einen nassen Waschlappen auf seiner Stirn und stellte ein Glas Wasser auf dem Nachttischen ab, in dem sich gerade eine Aspirin sprudelnd in ihre Bestandteile auflöste.
„Ich? In Deinem Zimmer?“ Cat konnte sich in etwa vorstellen was in AJ vorging, dennoch beschloss sie das sie keine andere Wahl hatte. Sie konnte ihn nicht mit Samthandschuhen anfassen.
„Ja, in meinem Zimmer. Was hast Du hier zu suchen? Ich kann mich nicht erinnern das…“ In AJ’s Kopf hämmerte es. Hatte er etwa Cat nachts getroffen und mitgenommen und wusste nichts mehr davon?
„Hör mal Freundchen, bevor Du Dir irgendwas einbildest… Billy und ich haben Dich letzte Nacht in der wohl letzten Adresse hier in Vegas gefunden. Volltrunken! Kannst Du mir mal erklären was das soll? Ich habe mich wegen Dir mit dem Barbesitzer und fast noch mit einem Taxifahrer angelegt, habe Kopf und Kragen riskiert um Dich ungesehen ins Hotel zu bekommen und setze gerade meinen Job aufs Spiel um Dir den Arsch zu retten und Du fragt mich was ich hier zu suchen habe?“
Mit den letzten Worten wurde Cat immer lauter. Sie hatte eine Scheiß Wut auf AJ… noch nicht einmal weil er wieder Rückfällig geworden war. Nein, sie hatte längst einen Plan wie sie das wieder hin kriegen würde. Mehr machte ihr ihre eigene Angst zu schaffen. Zu sehen wie schnell alle Mauern einstürzen konnten.
„Zu Deiner Information… Du bist in MEINEM Zimmer. Ich konnte Dich ja schlecht an Die Rezeption schleifen und mir eine Zweitkarte für Dein Zimmer geben lassen. Mal davon abgesehen hättest DU kaum Dein Einverständnis dazu geben können. Zweitens… Nachdem Du mich aus dem Bett ’geprügelt’ und mir in meinen Koffer gekotzt hast war ich trotzdem noch so nett und habe ein bisschen Telefoniert. Heute Nachmittag gibt es am anderen Ende der Stadt ein Meeting und Du wirst da mit mir hingehen. Ob es Dir passt oder nicht… und Drittens… nachdem Johnny mich vor einer halben Stunde zum Wiederholten male angerufen und mir völlig aufgelöst berichtet hat das Du nicht auf Deinem Zimmer bist und auch nicht gesehen wurdest, habe ich mir aus reiner Nettigkeit und nächstenliebe eine Haarsträubende Story aus den Fingern gesaugt und ihm erzählt das wir letzte Nacht gemeinsam unterwegs waren und uns ausgesprochen haben. Das es spät geworden ist und Du beim Video schauen eingeschlafen bist. Merk Dir das und wenn Du Johnny und den Jungs nachher begegnest, Verhalte Dich auch so.“
Cat funkelte AJ an, der noch immer nicht zu begreifen schien was eigentlich los war und stand auf um ins Bad zu gehen.
„Ach und nur damit Du bescheid weißt. Ich werde Dir die Nächsten Tage wie eine lästige Fliege am Arsch kleben, ob Dir das gefällt oder nicht ist mir Scheißegal. Ich lasse nicht zu das Du Dir und den Jungs das alles noch einmal antust. Sie haben genug mitgemacht. Es reicht!“
In AJ klickte irgendwie ein Schalter um. Wer zur Hölle war sie eigentlich, dass sie ihm Vorschriften machen konnte?! Er setzte sich auf, ohne weiter auf den dröhnenden Schmerz in seinem Kopf zu achten, und obwohl er ihm schwer fiel grade sitzen zu bleiben.
"Was zum Teufel glaubst du, wer du bist, meine Mutter?! Ich tue was ich will, ich saufe was und wann ich will, und wenn ich irgendwo bewusstlos liegen bleibe ist das meine Sache! Ich hab dich nicht gebeten mich einzusammeln und in dein Bett zu schleppen, das ist eh der letzte Ort an dem ich sein will!"
„Ach ja?“ Cat fuhr herum „Meinst Du ich habe nichts besseres zu tun als Dich aus einer siffigen Vegas Bar hierher zu schleppen und meinen Kopf für Dich hinzuhalten? Glaub mir, ich würde Dich momentan auch überall anders lieber sehen als in meinem Bett… Aber falls es Dir entgangen sein sollte… Ich bin für Dich Verantwortlich… ob es Dir passt oder nicht. Und ICH möchte nicht in der Nähe sein wenn Kevin oder Johnny erfahren was Du wirklich letzte Nacht getrieben hast. Wegen mir kannst Du Dich gerne Tot Saufen… ist mir Scheißegal,… aber nicht auf dieser Gott Verdammten Tour, nicht solange MEIN Gottverdammter Job auf dem Spiel steht und erstrecht nicht solange ICH das verhindern kann.“
"Du..." zischte AJ rau und sah sie giftig an. “Du, du, immer nur du... Ja, genau das ist es, immer geht es um dich. Egal ob im Wachen oder im Schlafen, egal ob auf Freizeit oder auf Tour, ständig habe ich dich vor der Nase... DEIN gottverdammter Job ist mir so was von scheißegal, genauso was Kevin oder Johnny von mir halten. Die werden sowieso früh genug merken, was für ein Arsch ich bin! Also was soll’s? Warum sollte ich vorher nicht noch ein bisschen Spaß haben? Wie wär’s denn, ich bin eh grade in deinem Bett, wenn Sex ohne Folgen dir soviel Spaß macht, können wir es doch gleich noch mal versuchen!"
Mit Zwei Schritten überbrückte Cat den Abstand zwischen sich und AJ. Sie war drauf und dran ihn erneut zu schlagen und ballte die Hände zu Fäusten.
„So redest Du nicht mit mir McLean.“ Zischte sie. „So kannst Du mit Deinen so genannten ’Freunden’ reden, die Dir diese ganze Scheiße hier eingebrockt haben… die Dich mit 27 zu einem Gottverdammten Junkie gemacht und den wahren Alex in Dir eliminiert haben, aber nicht mit mir. Jetzt grade mag es Dir mal wieder egal sein was die anderen über Dich denken. Was sie sagen würden wenn sie wüssten in was für einem Zustand Du Dich gerade befindest, aber Du weißt genauso gut wie ich das irgendwann der punkt kommt an dem sich der Boden auftut und Du verdammt tief fällst… und dann? Dann sitzt Du wieder allein Zuhause und weinst Dich nachts in den Schlaf, während Dein Selbstmitleid und Deine Schuldgefühle Dich auffressen…“
Etwas in AJ's Gesicht veränderte sich bei diesen Worten, er schien sich in sich selbst zurückzuziehen und ein zutiefst verletzter und verzweifelter Ausdruck trat in seine braunen Augen, die zu Boden starrten. "Du hast den Ekel vergessen zu erwähnen..." murmelte er tonlos.
Cat stockte der Atem… Dabei hatte sie doch noch viel weiter ausholen wollen.
„Warum hast Du das getan Alex?“ Ein zutiefst verzweifelter Gesichtsausdruck machte sich auf ihrem Gesicht breit. Sie fühlte sich plötzlich völlig hilflos und angreifbar. Nicht mehr sicher ob es das richtige war was sie tat. Ob sie das Recht hatte sich das alles raus zunehmen? So bestimmend zu sein? Hätte sie noch letzte Nacht den Jungs und auch Johnny erzählen sollen was passiert war?
"Weil ich... Ich kann nicht..." Alex schlug die Hände vors Gesicht und sank nach vorn. Er konnte es nicht sagen, konnte nicht beschreiben welche Bilder aus seiner Erinnerung ihn Tag und Nacht verfolgten. Es ging nicht, er konnte nicht noch mehr Menschen verletzen... Er musste schweigen... Seine Schultern begannen vor stummen Schluchzern zu zucken.
„Mein Gott…“ Cat ließ sich neben AJ aufs Bett sinken und nahm ihn Kommentarlos in den Arm. Sanft zog sie ihn an sich und strich ihm beruhigend über den Rücken.
„Ssscht… Beruhige Dich. Alles wird wieder gut. Ich bin ja da.“ Cat bemerkte den Hohn ihrer eigenen Worte. Was auch immer AJ’s Rückfall ausgelöst hatte. Sie ahnte bereits dass es nicht so leicht wieder gut werden würde. Dennoch konnte oder gerade deshalb wollte sie ihn nun nicht allein lassen. Sie war wohl die einzige die ihn in den nächsten Tagen und vielleicht sogar Wochen wirklich verstehen würde. Sie würde zu jeder Tages und Nachtzeit wissen was in ihm vorging, während die anderen ihn wohl nur erneut verurteilen würden.
Während AJ lautlos in ihren Armen Schluchzte, rasten Cats Gedanken und überschlugen sich fast um ein Licht in das Dunkel der nächsten Tage zu bringen, die vor ihr und vor allem vor AJ lagen.
Doch sie musste wissen was passiert war um ihm helfen zu können. Nichts war in den letzten Tagen anders gelaufen als beim Rest der Tour, wenn sie ihm helfen wollte das Problem das zu seinem Rückfall geführt hatte zu umgehen musste sie wissen was es war.
„Erzähl mir was passiert ist!“ flüsterte sie und zog ihn noch ein wenig enger an sich.
Es fiel AJ schwer zu sprechen, mit dem Kloß in der Kehle. Und es kündigte sich auch noch ein leichter Schluckauf an.
"Ich kann nicht, Cat..." stieß er rau hervor. "Wenn ich es dir sage, wirst du mich hassen... Alle werden mich hassen... Oh mein Gott..."
"Das werden sie nicht und bislang hat noch niemand ein Wort von mir erfahren was überhaupt passiert ist. Warum also sollte ich ihnen den Grund nennen?"
"Weil... weil..." Jetzt brach der Schluckauf durch, aber AJ ignorierte ihn. Cat war die Einzige, die ihn vielleicht verstehen konnte. Wenn nicht sie, dann hatte er einen Grund zu trinken bis er tot umfiel. Er atmete durch, wischte sich die Tränen weg und begann Cat zu erzählen, warum er sich selbst hasste.

Chapter 25