Chapter 11
Im nächsten Moment wurde AJ's Gesichtsausdruck kalt wie Eis.
Das konnte doch einfach nicht wahr sein... Die ganze Zeit machte sie auf nett und freundlich, und dann schnüffelte sie hinter ihm her!
Warum!?
War sie neugierig, wie sich der alkoholkranke Popstar machte? Hatte die Plattenfirma sie auf ihn angesetzt, oder das Management? Sollte Johnny da dahinter stecken, würde er ihn kennen lernen...
Cat war verunsichert. Sie hätte früher daran denken sollen dass sie auf AJ treffen konnte.
Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit als er sie mit versteinerter Miene fixierte. Als der Junge Mann neben AJ begann seine Geschichte zu erzählen sah sie zu Boden und versuchte ihre Nervosität damit zu verbergen das sie ihre Finger unter dem Tisch fast Schmerzhaft knetete.
AJ starrte die junge Frau an. Er wollte sehen, dass sein Blick sie nervös machte, er wollte Schuldbewusstsein in ihren Augen sehen. Tatsächlich war sie blass geworden und versteckte ihre Hände unterm Tisch.
Plötzlich kam ihm der Gedanke, sie könnte ein Diktiergerät oder ähnliches bei sich tragen. War es das? Wollte jemand wissen, ob er einen erneuten Rückfall hatte? Er war jetzt drei Jahre trocken, verdammt... Er war so stolz darauf und die Jungs waren auch stolz auf ihn. Das war es, was für ihn zählte, die Meinung der Jungs, ihrer Fans und seiner Familie. Und nicht die von irgendjemand sonst.
Der junge Mann neben AJ war grade fertig, er war jetzt einen Monat rückfallfrei und bekam einen teils aufmunternden, teils respektvollen Applaus.
Damit war nun AJ dran... Er räusperte sich und begann.
"Ich bin Alex. Ich bin seit etwa 5 Jahren alkohol- und drogenabhängig. Bis dato seid knapp 3 Jahren trocken
"
Er lächelte.
Ich habe versucht Ängste und Depressionen auf die Art zu ertränken. Als meine Großmutter starb, die wie eine zweite Mutter für mich gewesen ist, stürzte ich vollkommen ab.
Ich wollte keine Hilfe, ich sah nicht mal ein, dass ich Hilfe brauchte, bis ein sehr guter Freund mir ins Gesicht sagte, wie sehr ich mich verändert hatte und dass er mit dem neuen Alex nichts zu tun haben wollte.
Er sagte wörtlich Du bist für mich gestorben!
Das war der Punkt, an dem ich spürte, ich muss mich entscheiden. Mich entweder aufgeben, und allen wehtun, die ich kannte und liebte, oder mir endlich helfen lassen.
Ich hab mich für das letzte entschieden und habe gekämpft, um wieder der alte Alex zu werden. Damit ich meinem Freund, und alle anderen, wieder in die Augen sehen konnte.
Es war eine harte Zeit und ich hatte seitdem Rückschläge und einen Rückfall, aber heute bin ich seit knapp drei Jahren trocken."
Beifall kam auf und AJ schaute Cat provozierend an.
Wem immer sie berichten sollte, sie würde nichts anderes sagen können als die Wahrheit.
Cat hatte die ganze Zeit aufmerksam zugehört. Nichts von dem was sie von AJ hörte überraschte sie.
Natürlich kannte sie seine Geschichte.
Jede einzelne Zeile die aus der Zeit dokumentiert war, kannte sie auswendig.
Auch wenn sie nie ein Wort darüber verloren hatte.
Trotzdem hatte sie das Gefühl das ihre Anwesenheit irgendwie falsch war.
Sie hatte noch nicht einmal wieder aufgesehen und mit jedem weiteren Wort von AJ war sie ein wenig tiefer in ihren Stuhl gerutscht.
Sie fühlte sich schrecklich.
Nach AJ erzählte eine ältere Frau von ihrer heimlichen Sucht, die fast schon so lange andauerte wie ihre unbefriedigende Ehe. Sie war seit drei Monaten getrennt von ihrem Mann und die letzten beiden trocken.
Der nächste, ein Mann mittleren Alters, stellte sich als Polizist und Familienvater vor, und als aggressiver Trinker. Er war erst letzte Woche aus dem Entzug gekommen und kämpfte hart um jeden Tag.
Mit Tränen in den Augen erklärte er, was er seiner Familie angetan hatte, und dass sie ihn trotz allem aus ganzem Herzen unterstützten und beim nächsten Treffen vielleicht dabei sein würden.
Seine Worte trieben den meisten die Tränen in die Augen.
Sichtlich bewegt schlug Simon vor, erstmal eine Pause zu machen, damit sich alle wieder etwas beruhigen konnten.
AJ schob heftig den Stuhl zurück und stand auf. Zuerst wollte er ans andere Ende des Raumes, aber dann überlegte er es sich anders und ging zu Cat, die ans Fenster getreten war und in die Nacht hinaus sah. Ihre Blicke trafen sich in der spiegelnden Scheibe.
"Was zur Hölle treibst du hier?" zischte AJ gedämpft.
Cat zuckte kaum merklich zusammen als sein Atem ihr Ohr streifte.
"Was meinst Du wohl was ich hier treibe? Wonach sieht es denn aus?" fuhr sie ihn ungewollt heftig an.
"Ich werde dir sagen, wonach es aussieht! Du schnüffelst mir hinterher! Ich hab keine Ahnung, was du damit bezweckst und ob du selbst so neugierig bist, oder ob dich jemand hinter mir her geschickt hat!"
Das war es also
Cat fuhr zu AJ herum und funkelte ihn wütend an.
"Du siehst auch in allem und jedem nur das schlechte, oder?"
Was bildete er sich eigentlich ein?
"Ich sehe die Welt nur realistisch! Was solltest du sonst hier machen, bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, zu dem ich gehe? Was für ein Glück für dich, dass es ein offenes Treffen ist, da herrscht Publikumsverkehr!" knurrte AJ.
"Ich..." weiter kam Cat nicht, denn Simon bat erneut alle an einen Tisch und augenblicklich wurden die letzten Zigaretten ausgedrückt.
Cat warf AJ einen vernichtenden Blick zu. Mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung rauschte sie Wortlos an ihm vorbei und setzte sich wieder.
Sie würdigte ihn keines Blickes während die Frau, die etwa Mitte Ende Vierzig war, der Runde erzählte wie sehr sie doch unter der Alkoholsucht ihres Mannes leiden würde, der jedoch keine Einsicht zeigte und bat um Rat wie sie ihn zu einem Treffen bewegen konnte.
Cat hörte nur mit einem halben Ohr zu als auch der Nachfolgende Herr in der Runde erzählte dass er eigentlich sein ganzes Leben getrunken hatte und nun bereits stolze 15 Jahre trocken war.
Erst die Stimme von Simon holte sie wieder zurück zu dem eigentlich Grund ihres Erscheinens.
"Cat? Möchtest Du uns erzählen was Dich dazu bewegt hat zu uns zu kommen?"
Jetzt erst sah sie wieder auf und warf Simon einen kurzen Blick zu.
Sie nickte bevor sie AJ's Blick suchte, erst als sie ihn fand und sich sicher war das sie ihm standhalten würde, begann sie zu sprechen
"Ich bin Cat... und ich bin seit 7 Jahren Alkoholikerin."
Mit ein wenig unterschwelliger Genugtuung sah Cat dabei zu wie AJ's verdunkelte Miene sich in völlige Fassungslosigkeit verwandelte.
Das reichte ihr. Sie sah einmal kurz in die Runde und senkte den Blick bevor sie begann ihre Geschichte zu erzählen...
"Ich war gerade 19
Führte ein ohnehin schon ziemlich ausschweifendes Partyleben, als meine Mutter bei einem schweren Unfall ums Leben kam. Mein Vater hatte uns bereits in meiner Kindheit verlassen und hielt es auch nicht nötig sich nach dem Tod meiner Mutter um mich zu kümmern. Ich stürzte sozial völlig ab. Verlor erst meinen Job, dann meine Wohnung und letztendlich meine Selbstachtung.
Ich hatte immer einen Grund um zu trinken. Sei es der Tod meiner Mutter, der Riesige Berg Schulden den ich hatte oder meine angeblichen 'Freunde' die ganz plötzlich alle keine Zeit mehr für mich hatten.
Es dauerte nicht lange bis ich morgens aufwachte und statt einem Kaffee etwas Alkoholisches zu mir nahm.
Immer öfter fand ich mich auf irgendwelchen Parkbänken, unter einer Brücke oder woanders wieder und wusste nicht einmal mehr in welcher Stadt ich war.
Als ich erkannte das ich ein ernsthaftes Problem habe fand ich schnell heraus dass ich nur zwei Möglichkeiten hatte und die waren für mich entweder mir Hilfe zu suchen oder zu sterben
Ich entschied mich damals für letzteres und habe versucht mich mit einer Viertägigen Sauftour umzubringen."
Cat holte tief Luft und sah erneut hinüber zu AJ, der mittlerweile nicht mehr nur Fassungslos sondern ernsthaft schockiert aussah und fuhr fort.
"Ich fand mich erst auf der Intensivstation und anschließend in einer Psychiatrischen wieder.
Sie hatten mich auf der Strasse gefunden. Komatös, in meinem eigenen erbrochenen, völlig heruntergekommen ohne jede art von Würde.
Da sterben nicht geklappt hatte, entschied ich mich für Kämpfen und lernte während meiner Therapie Richard kennen. Er machte damals einen Drogenentzug. Er half mir über das schlimmste hinweg und arbeitet heute selber ehrenamtlich bei den Anonymen in Florida.
Als er vor mir entlassen wurde, kümmerte er sich um eine Wohnung und eine Schuldnerberatung für mich. Ich weiß nicht wo ich heute ohne ihn stehen würde.
Heute habe ich wieder ein Leben. Eine eigene Wohnung, einen ziemlich guten und vor allem gut bezahlten Job, der mir Spaß macht..."
Cat errötete bis unter die Haarwurzen und lächelte verlegen während sie weiterhin AJs Blick festhielt.
"...habe wohl die nettesten Chefs der Welt, die sich um mich kümmern und Sorgen obwohl es eigentlich umgekehrt sein müsste und die mich wieder am Leben teilhaben lassen, so wie ich bin
Mittlerweile bin ich Schuldenfrei und seit 5 Jahren trocken."
Wieder brandete Beifall auf, der AJ scheinbar aus seinen Gedanken riss. Er beeilte sich in das Klatschen einzufallen, und er war es, der als Letzter damit aufhörte. Er wandte den Blick nicht von Cat ab, in der Hoffnung, sie würde ihn ansehen. Er hatte so viel wieder gutzumachen... Jetzt schämte er sich bitterlich für seine bösen Worte und Verdächtigungen.
Cat sah ihn jedoch eine ganze Weile nicht an... Er fürchtete bereits, dass er ihre Freundschaft, die sich seit dem Kick Off aufgebaut hatte, mit dem heutigen Abend völlig zerstört haben könnte. Das machte ihm Angst... Plötzlich begriff er, warum er sich in ihrer Nähe so verstanden fühlte
Weil sie es tatsächlich tat...
Als Simon das Treffen schließlich für beendet erklärte, und allen einen angenehmen Heimweg wünschte, sprang AJ so schnell auf, dass er den Stuhl fast umwarf, um Cat an der Tür zu erwischen. Er berührte sie am Arm.
"Warte, bitte..."
Tatsächlich blieb Cat stehen, drehte sich jedoch nicht zu AJ um.
"Was ist?" fragte sie müde.
Wie jedes Mal nach diesen Treffen fühlte sie sich völlig ausgepowert. Doch es tat gut darüber zu reden. Immer wieder. Es nahm ihr die Ängste vor sich selbst.
"Cat, ich... Gott, Es tut mir Leid... Ich hätte wissen sollen, dass du nicht..." AJ hielt inne, weil sein raues Gestammel nicht viel Sinn ergab.
"Kannst du mir vielleicht verzeihen, dass ich so ein Vollidiot bin und Intrigen sehe wo keine sind? Ich könnte es verstehen, wenn du mich zur Strafe irgendwo unterwegs versehentlich an einer Raststätte 'vergisst'... Ich hätte es weiß Gott verdient..."
Cat senkte für einen Moment den Kopf. Sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
"Für die Nummer in der Unterbrechung hättest Du es wirklich verdient, aber..." sie wandte sich AJ zu und sah zu ihm auf "...ich denke ich kann darüber hinweg sehen. Du konntest es nicht wissen."
Ein verständnisvolles Lächeln spielte um ihren Mund als sie AJ verzeihend über den Arm strich.
"Trotzdem... Ich müsste eigentlich vor dir auf Knien rutschen... Darf ich dich vielleicht einladen, zum Essen, als erstes kleines Zeichen meiner Reue?" bittend sah er sie aus seinen tiefbraunen Augen an.
Cat lächelte und setzte sich langsam wieder in Bewegung.
"Vielleicht?!"