Kapitel 13
~Jordans P.o.V.~

Ich fühlte mich wie in Watte gepackt. Schummrig und wie durch einen Nebel blickend. Nicht wissend ob ich schlief oder wachte. Ich fühlte mich körperlos, schwebend. Meine Augen suchten die Dunkelheit um mich herum ab, fanden einen Lichtpunkt am äusseren Ende meines Sichtfeldes und konzentrierten sich darauf. Um mich herum war Stille, nichts ausser dem Licht dass nun auf mich zukam. Ich lächelte stumm in freudiger Erwartung was auf mich zukam. Licht war schließlich etwas Gutes, oder?
Langsam kristallisierte sich die Umgebung um mich herum.
Eine lange polierte Theke, eine endlos erscheinende Reihe funkelnder Gläser und der Rücken einer jungen Frau.
Ich runzelte die Stirn, das war das Stiells. Die Bar in der ich arbeitete.
Die Frau hinter der Theke drehte sich plötzlich herum und ich sah in mein eigenes Gesicht. Die Erinnerung an diesen Abend regnete in aller Gnadenlosigkeit auf mich nieder als ich die Klingel der Tür vernahm und zwei Männer die Bar betraten.
Stocksteif und zu keinerlei Bewegung fähig sah ich mich dem Szenario entgegen, genau wissend was passieren würde ...was passiert war.
Mein Magen verknotete sich schmerzhaft und alle Luft wich aus meinen Lungen.
Ich sah wie ich selbst zu den Männern ging, ihnen mitteilte dass wir bereits geschlossen hatten, ich nur noch nicht dazu gekommen war die Türe zu schliessen.
Ich hörte die Worte nicht, aber sie waren so präsent in meinen Ohren, als hätte ich sie erst grade ausgesprochen.
Einer der Männer lachte heiser, während der andere ein Messer zog und mein anderes Ich zurücktrat.
Ich schloss die Augen, aber die Bilder stürmten weiter auf mich ein.
In der Szene die ich beobachtete, griff einer der Männer mir ins Haar und zog mich hinter die Theke, schmiss mich zu Boden und ich tauschte augenblicklich den Platz mit meinen anderen Ich. Sah mich dem grunzenden Mann nun direkt gegenüber, der sich seine Hosen förmlich herunterriss, während der andere sich an der Kasse zu schaffen machte.
Ich durchlebte erneut den Moment, den ich seit dem er passiert war einfach nur aus meinem Kopf brennen wollte.
Ich spürte wieder das Messer in meiner Seite, die klammen unerwünschten Finger auf meiner Haut und atmete den Gestank den der Kerl verbreitete. Schmeckte jede einzelne Träne, die ich in dieser Nacht geweint hatte und ich fühlte jeden Muskel in meinen Körper vor Anspannung beinahe explodieren.
Der Drang mich zu übergeben war wieder so real wie in dieser Nacht selbst und ich spürte mein Zittern. Jedes Haar auf meiner Haut stellte sich auf, vor Ekel und Unwillen.
Als ich dachte die Realität, die Intensität dieses Momentes würde mich um den Verstand bringen, drang sich eine Stimme in dieses bizarre Schauspiel. Ich versuchte sie zu lokalisieren, sie um Hilfe zu bitten, als ich wieder Hände auf meinem Körper spürte. Aber diese waren nicht kalt sondern warm und zärtlich.
Leise drang mein Name zu mir durch und ich zwang mich dazu die so fest verschlossenen Augen zu öffnen. Augenblicklich änderte sich meine Umgebung.
Fahles Mondlicht schien durch ein verwittertes Dach morschen Holzes und dann schob sich ein sanftes Gesicht vor meine Augen.
Ich brauchte einen Moment um seinen Besitzer identifizieren zu können und mit der Erkenntnis drang auch das Erlebte der letzten Tage wieder zu mir durch. Plötzlich war ich nicht mehr sicher, welche der beiden Szenen der eigentliche Alptraum war. Mein Blick glitt durch den Verschlag in dem wir uns befanden und an einer Seite machte ich eine schlafende Keyla und daneben einen ruhig atmenden A.J. aus. Gut, solange sie hier bei mir war, war es mir egal wo wir uns befanden.
Mir war warm und gleichzeitig, durch den Schweiss auf meiner Haut, unheimlich kalt. Nick streichelte mir in einer zarten Geste über die Wange und ich spürte wie meine Lippen zu zittern begannen.
Das Mondlicht glitt über seine Silhouette und spiegelte sich in seinen Augen wieder.
„Du hast schlecht geschlafen, hm?“ Er strich eine verklebte Haarsträhne hinter mein Ohr und ich hob meine Hand um seine daran zu hindern meine Nähe zu verlassen.
„Könntest du...ich meine...könntest du mich ein bisschen festhalten?“
Ich konnte den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht wirklich deuten, aber nur Sekunden später spürte ich wie er sich zurücklehnte, mich an sich zog und mein Rücken nun gegen seine Brust lehnte. Vorsichtig schoben sich seine Arme um mich und schlossen sich auf meinem Bauch zusammen. Sein Gesicht ruhte nur wenige Zentimeter neben meinem und liebevoll begann er uns hin und her zu wiegen.
Ich schloss die Augen und versuchte die letzten Erinnerungen an den grade durchlebten Traum zu verdrängen, die noch wie Spinnweben in meinem Bewusstsein hingen.
Nicks Brustkorb drängte sich mit jedem Atemzug den er tat, näher an meinen Rücken und das stete Schlagen seines Herzen lullte mich ein. Seine Hände auf meinen Bauch streichelten mich leicht und sein gleichmässiger Atem in meinem Ohr, vermittelte mir ein Gefühl von Sicherheit.
Meine Lider wurden schwer, aber die Angst wieder einzuschlafen und erneut an den Ort getragen zu werden, den ich nie wieder sehen wollte, war stärker.
Meine Hand legte sich zu seinen auf meinem Bauch und still bat ich um die Erlaubnis sie zusammenzuführen. Sein Daumen fuhr weich über meinen Handrücken und ich seufzte leise. Ich fühlte mich benebelt und fragte mich, wo der Schmerz aus meinem Arm hingegangen war, denn alles was ich spürte war lähmende Taubheit. Aber schnell gab ich die Frage auf und ergab mich dankbar der Tatsache dass mein Körper wohl entschieden hatte, dass der seelische Schmerz zur Zeit vollkommen ausreichte.
„Angst einzuschlafen?“ flüsterte Nick leise an meinem Ohr, wohl darauf bedacht die anderen beiden nicht zu wecken und sein warmer Atem verursachte mir eine Gänsehaut.
Ich nickte und seine Umarmung wurde einen Tick fester.
„Schliess die Augen.“
Ich wollte mich zu ihm drehen aber mit seinem Kinn schob er meinen Kopf wieder nach vorne.
„Schliess die Augen“ er machte eine kurze wartende Pause „Sind sie zu?“
Mit einem Nicken beantwortete ich seine Frage und schloss meine Augen tatsächlich, meine Ohren auf jedes seiner Worte lauschend.
„Stell dir vor du liegst am Meer ... die Sonne scheint warm auf deine Haut und der Ozean rollt weich in kleinen Wellen an den Strand.“
Ich runzelte kurz die Stirn, bevor ich tat was er sagte. Ich kratzte alles an Phantasie zusammen was mir geblieben war und stellte mir einen wunderschönen Strand vor, mit weissem Sand und einem türkisblauen Ozean.
„Kannst du das Meer hören?“ wisperte Nick gedämpft und wieder nickte ich, während sich ein scheues Lächeln auf meine Züge legte.
„Ich bin auch da, siehst du wie ich aus dem Wasser zu dir komme?“
Ich spürte wie sich seine Lippen sanft an meine Schläfe legten und einen leichten Kuss auf meine Haut drückten.
„Ich beschütze dich, hier kann dir nichts passieren. Das ist unser Ort und egal wieviel Angst du hast, du kannst immer hierher kommen und bist in Sicherheit, weil ich auf dich aufpasse, Jo ... ich pass auf dich auf.“
Ich unterdrückte ein Schluchzen, kuschelte mich noch ein Stück näher an seine wohltuende Wärme und während er mich festhielt, seine Hand meine streichelte und er uns immer noch wiegte, schlief ich unter der Sonne im Sand ein, den Ozean zu meinen Füssen.

Der nächste Morgen kam viel zu früh und auch wenn ich nach Nicks Erschaffung eines sicheren Ortes keine Alpträume mehr gehabt hatte so war mein Schlaf jedoch alles andere als tief und erholsam gewesen. Ich blinzelte leicht und schloss meine Augen sofort wieder als die helle Sonne direkt in sie stach.
„Jo? Hun?“ Das war eindeutig Keyla. Ich öffnete meine Augen erneut jedoch wesentlich langsamer um ihnen Zeit zu geben sich an das Licht zu gewöhnen.
„Wie geht's dir Süsse?“ sie lächelte mich warm an und ich versuchte mich ein wenig aufzurichten, aber durch die fehlende Kraft in einem Arm und Nicks Armen die immer noch um mich geschlungen waren, schlug dieser Versuch fehl. Meine Augen trafen Keylas und ich sah die Besorgnis in ihnen.
„Ganz gut glaube ich ...“ gab ich zur Antwort und sah wie dieser Satz förmlich die gesamten Rocky Mountains von ihrer Brust hob.
Ich drehte mich, soweit Nicks Halt es zuliess zu ihm um und ein verträumtes Lächeln trat auf meine Lippen, als ich in sein Gesicht blickte und feststellte dass er immer noch schlief. Keyla bemerkte es und kicherte leise.
„War ja klar, während wir alle mit dem harten Boden vorlieb nehmen müssen, besorgst du dir ein bequemes Bett.“
Ich streckte ihr die Zunge raus, nahm vorsichtig seine Arme von mir und streckte meine gesunde Hand nach Keyla aus in der Bitte sie möge mir aufhelfen.
„Schläft A.J. noch?“ fragte ich unter einem ziemlich gedehnten Gähnen, als ich wieder auf meinen Beinen stand und wurde augenblicklich von Keyla ermahnt. „Hand vor den Mund ... und ja unsere Herren scheinen etwas mehr Schlaf zu brauchen als wir.“
Behutsam streckte ich mich, darauf achtend meinen lädierten Arm nicht zu bewegen der nun langsam durch ein stetig ansteigendes Pochen auf sich aufmerksam machte. Kurz strich ich über Keylas Wange und versuchte durch einen Blick in ihre Augen auszumachen wir es ihr ging. Sie lachte leise und schüttelte den Kopf.
„So sehr ich dich ja liebe meine Hübsche, aber geh raus da“ sie tippte an ihre Stirn. „Wenn du wissen willst wie es mir geht, dann frag einfach.“
„Okay...wie geht es dir?“
Keyla verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. „Ich fühle mich wund und durchgelegen. Und wenn ich an unsere momentane Situation denke, wird mir ziemlich übel ...“ sie senkte ihren Blick. „Ich hatte solche Agnst um dich“ sagte sie mit schwindender Stimme und ich hob ihr Kinn hoch damit sie mich ansah.
„Nicht weniger als ich, als Ironman dich zu sich geholt hat.“ Ich deutete auf meinen verletzten Arm.
„Das ist ein geringer Preis dafür, dass wir verhindern konnten, dass er dich ...“ ich brach ab und lächelte sie sanft an. „Und es geht mir doch schon wieder ganz gut“ ich vermied es ihr zu sagen, dass der Schmerz in meinem Arm mit jeder Sekunde weiter anschwoll und ich am liebsten bei jeder Bewegung laut aufgeschrien hätte. „Wenn wir es geschickt anstellen und uns das Glück ein wenig hold ist sind wir in ein paar Stunden vielleicht wieder in der Zivilisation und dieser Alptraum nimmt eine Ende. Wir sollten den Jungs noch eine halbe Stunde Schlaf gönnen und dann losmarschieren. Mir gefällt es nicht länger als unbedingt nötig an einem Ort zu verweilen.“

Kapitel 14