Kapitel 12
-Keylas p.o.v.-
Meine Knie zitterten und mir war furchtbar übel. Unstet huschte mein Blick hin und her und suchte dabei die Schatten zwischen den Bäumen und Büschen nach bedrohlichen Kreaturen ab. Ironman war irgendwo hier draußen und sicherlich ganz in unserer Nähe. Er beobachtete uns bestimmt und überlegte, wie er uns am besten fertigmachen konnte.
Wind kam auf und rauschte unheimlich in den Baumwipfeln. Ich hielt mich nahe an Nick, der scheinbar mühelos Jordan den Weg hinunter trug.
Meine Angst vor Ironman wurde nur noch von der Sorge um Jo übertroffen. Eine Kugel hatte sich in ihren Arm gebohrt und damit hatte dieses ohnehin schon unwirkliche Szenario seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. In der Hektik und der Dunkelheit hatte ich nicht wirklich viel erkennen können, aber das Blut, das wie ein Sturzbach an ihrem Arm hinunter rann und ihr blasses Gesicht sprachen Bände.
Hinzu kam, dass ich das Gefühl von Ironmans Lippen auf meinen nicht abschütteln konnte. Ich schämte mich, gleichzeitig hatte mich ein unendlicher Hass auf diesen Mann überkommen und irgendwo über diesem ganzen Gefühlschaos schwebte die Angst, dass das hier noch lange nicht das Ende war. Denn so etwas wie Sicherheit gab es für mich nicht mehr. Ich vermutete hinter jedem Baum, hinter jeder Wegbiegung und unter jedem Stein eine drohende Gefahr, spürte unzählige Augenpaare, die mich beobachteten und dieses Gefühl machte mich langsam aber sich wahnsinnig.
Ich machte noch einen weiteren Schritt zur Seite, so dass meine Schulter beinahe Nicks Arm berührte und griff nach Jordans unversehrter Hand.
Hey Süße, flüsterte ich. Wie fühlst du dich.
Ich bekam nur ein undefinierbares Gemurmel zurück und meine Sorgen verstärkten sich.
Wir müssen uns ein Versteck suchen, hörte ich plötzlich AJ zu meiner Rechten. Ich hatte beinahe vergessen, dass er auch noch da war. Eigentlich sollte ich mich wohl bei ihm bedanken, denn er hatte sich ganz selbstlos auf Ironman gestürzt um mich zu retten, doch kein Wort kam über meine Lippen. Ich mußte plötzlich an Dave denken und wie unwichtig sein Vertrauensbruch neben dem wirkte, was wir in den letzten zwei Tagen erlebt hatten.
Und trotzdem ... Männern durfte man nicht vertrauen.
Versteck klingt gut, entgegnete Nick, nachdem ich weiterhin schwieg. Aber versuch hier mal in der Dunkelheit was anständiges zu finden. Er klang mittlerweile ziemlich angestrengt. Selbst ein Leichtgewicht wie Jo wurde sicherlich irgendwann in seinen Armen schwer.
Wir sollten uns trennen, sagte AJ und erschrocken fuhr ich zu ihm herum.
Niemals! entgegnete ich heftig.
Ich meine doch bloß ..., setzte AJ an.
NEIN! Wenn sie uns einzeln erwischen, haben sie es noch leichter. Abgesehen davon, werde ich Jordan ganz bestimmt nicht alleine lassen.
Das verstehe ich doch alles, sagte AJ sanft ich dachte eigentlich eher daran, dass ihr drei euch irgendwo verkriecht und ich schaue mich mal um, ob es hier irgendetwas in der Nähe gibt, wo wir die Nacht verbringen können. Es macht auf jeden Fall wenig Sinn hier in der Dunkelheit herumzustolpern. Außerdem ist Jo verletzt. Wir sollten uns um ihren Arm kümmern und ihr und uns ein wenig Ruhe gönnen.
Sein Vorschlag klang plausibel, aber alleine die Vorstellung stehen zu bleiben und somit Ironman und seinen Leuten die Gelegenheit zu geben uns einzuholen, lies meinen Magen auf die Größe einer Erbse zusammen schrumpfen.
So oder so müssen wir bald anhalten, meldete sich Nick zu Wort, der scheinbar fest die Zähne zusammen gebissen hatte. Jo wird langsam echt schwer.
Dann lass mich runter, hörten wir Jo flüstern und Erleichterung durchflutete mich. Alleine den Klang ihrer Stimme zu hören, machte mich um einiges ruhiger.
Nick machte noch ein paar taumelnde Schritte, dann blieb er stehen und ganz vorsichtig ließ er Jordan hinunter auf ihre Füße gleiten. Ihre Knie knickten sofort ein und wir griffen alle gleichzeitig nach ihr. Wir führten sie ein Stück an den Wegesrand und ließen sie dann langsam hinab ins hohe Gras gleiten.
Sofort war ich an ihrer Seite und legte ihr einen Arm um die Schulter. Sie lehnte sich an mich, hatte die Augen geschlossen und ihr Gesicht war unnatürlich blass. Ihr Atem ging flach und abgehackt und ich hätte alles dafür gegeben, wenn wir sie jetzt auf dem schnellsten Weg in ein Krankenhaus hätten bringen können.
AJ und ich setzten die Rucksäcke ab.
Ich werde mich hier mal umsehen, sagte AJ.
Nein, sagte ich erneut. Du kannst uns doch nicht einfach hier alleine lassen.
Panik hatte sich meines klaren Denkens bemächtigt. Irgendwie hatte ich das unwirkliche Gefühl, dass uns nichts passieren konnte, solange wir zusammen blieben.
Keyla, sagte er sanft aber bestimmt, lies sich vor mir in die Knie sinken und sah mir fest in die Augen. Wir können nicht hier bleiben, wir können aber auch nicht mehr weiter. Es bleibt uns nichts anderes übrig als irgendwo einen Unterschlupf zu finden. Ich verspreche dir, ich komme so schnell wie möglich wieder.
AJ hat recht, mischte sich nun auch Nick ein, der an Jordans anderer Seite saß und den Stoffstreifen, den er um Jos Arm gebunden hatte, untersuchte. Wir können nicht hier bleiben und Jo kann unmöglich weiter.
Ich warf einen Blick in Jordans blasses Gesicht hinüber. Sie schien der Welt völlig entrückt zu sein und Angst um sie schnürte mir die Kehle zu.
Ich bin bald wieder da, sagte AJ und drückte aufmunternd meine Hand.
Ich zuckte mit den Schultern. Was hätte ich auch sagen sollen?
AJ stand auf und auch Nick erhob sich.
Pass auf dich auf Mann, klar? sagte er und umarmte seinen Freund.
Das gleiche gilt für dich. Und kümmere dich um unsere beiden Schönheiten, ja?
Nick nickte, dann klopften sie sich noch einmal auf die Schulter und schon stiefelte AJ davon. Für einen Moment sah ich ihm noch nach, wie er ein Stück den Weg hinunterlief, dann einen Moment stehen blieb und sich dann links in das Unterholz schlug, dann verschluckte ihn der Wald.
Er wird bald wiederkommen, sagte Nick, der meinem Blick gefolgt war.
Hoffentlich, gab ich leise zurück. Dann wandte ich mich wieder Jo zu.
Vorsichtig rutschte ich zur Seite und bettete ihren Kopf in meinen Schoß.
Gibst du mir eine von den Wasserflaschen? bat ich Nick, der sofort nach einem der Rucksäcke griff und mir gleich darauf eine der Flaschen in die Hand drückte.
Ich durchstöberte meine eigenen Rucksack und fand ein Geschirrhandtuch, das ich an mich nahm und mit dem kühlen Wasser tränkte. Ich legte es Jo auf die Stirn und wandte mich wieder dem Rucksack zu.
Was suchst du? fragte Nick, der mich aufmerksam beobachtete.
So etwas wie einen Verbandskasten. Wir müssen Jos Wunde verbinden.
Nick nickte verstehend und kramte dann ebenfalls in seinem Rucksack herum.
Ich fand ein paar Lebensmittel, zwei kleine Flachmänner und ein Taschenmesser. Doch kein Verbandsmaterial.
Hier ist nichts, informierte ich Nick.
Hm, brummelte er, während er immer noch in seinem Rucksack wühlte. Bingo! rief er plötzlich und zog strahlend eine kleine, rote Tasche hervor, auf der ein weißes Kreuz prangte.
Perfekt, lächelte ich und nahm die Tasche von Nick in Empfang. Ich zog den Reißverschluss auf und warf einen genaueren Blick hinein. Die Tasche enthielt, alles was wir brauchen würden. Sogar eine Packung recht starker Schmerztabletten war darunter.
Die nächste viertel Stunde waren wir damit beschäftigt, Jordans provisorischen Verband, der inzwischen durchgeblutet war, zu lösen, die Wunde zu reinigen und zu desinfizieren und einen neuen, strahlendweißen Verband anzulegen.
Jo rührte sich während der ganzen Prozedur kein einziges Mal und so froh ich über den Verband auch war, so besorgt war ich um sie.
Schließlich verstauten wir das Verbandszeug wieder in einem der Rucksäcke und blickten dann beide mehr als besorgt auf Jo hinunter.
Sie gefällt mir gar nicht, sagte ich leise und streichelte vorsichtig ihre Wange.
Vielleicht ist es ganz gut, wenn sie jetzt ein bißchen weggetreten ist, gab Nick zu bedenken. So hat sie wenigstens keine Schmerzen und kann vielleicht die Nacht durchschlafen.
Und wenn sie ... , ich stockte. Ich wollte so etwas sagen wie Und wenn sie gar nicht mehr aufwacht? doch die Worte kamen nicht über meine Lippen und ich verbot mir, daran zu denken. Jordan war zäh, sie würde ganz bestimmt wieder auf die Beine kommen!
Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis AJ wieder zurück kam. Nick und ich hatten die Zeit mit Schweigen verbracht, während unsere Blick wie festgeklebt auf Jordan ruhten, deren Atmung Gott sei Dank etwas regelmäßiger wurde. Auch in ihr Gesicht kehrte langsam aber sicher die Farbe zurück und ich wagte zu hoffen, dass Nick recht behalten und Jordan bald wieder okay sein würde.
Plötzlich hörten wir ein Rascheln hinter uns, Äste knackten, als würde sich etwas oder jemand durch das dichte Unterholz kämpfen und mein Herz schien vor Schreck aus meiner Brust springen zu wollen.
Nick richtete sich alarmiert ein Stück auf, nur um sich gleich darauf erleichtert wieder zurück sinken zu lassen. Im selben Moment trat AJ aus dem Wald.
Das nächste Mal nehme ich eine Taschenlampe mit, grummelte er, während er sich ein paar Blätter aus den Haaren klaubte. Wie geht es ihr? fragte er dann mit einem leichten Kopfnicken auf Jo hinunter.
Ich glaube sie schläft, gab ich zurück.
Hast du was gefunden? fragte Nick und man konnte ihm anhören, dass er gespannt wie ein Flitzebogen war.
Naja, es ist kein richtiger Unterschlupf, aber für eine Nacht könnte es gehen, entgegnete AJ. Es ist auch nicht weit.
Na dann mal los, sagte Nick, stand auf und beugte sich dann zu Jordan hinunter. Er schob seine Arme unter ihren Körper und hob sie hoch.
AJ und ich griffen uns die Rucksäcke und erneut waren wir auf dem Weg durch die Nacht.
Wir schlugen uns, nicht gerade geräuschlos wie ich fand, durch den Wald, der nach einigen Metern beunruhigend dicht wurde.
Da rüber, informierte uns AJ, bevor er nach rechts abbog und in einer Senke verschwand.
Nick und ich folgten etwas langsamer. AJ erwartete uns am Fuße der Senke und half Nick dabei, mit Jo in seinen Armen auf der abschüssigen Strecke nicht auszurutschen. Irgendwann standen wir alle in der kleinen Mulde, vor uns lichtete sich der Wald und gab den Blick auf eine weitläufige Lichtung frei.
Du solltest uns ein Versteck suchen und keinen Ort, wo man uns schon von weitem abknallen kann, sagte Nick mit gerunzelter Stirn, doch AJ grinste.
Wartet es ab. Mit diesen Worten drehte er sich herum und ging uns voraus, schnurstracks auf die Lichtung zu.
Jetzt tickt er ganz aus, oder? flüsterte ich Nick zu.
Ich weiß nicht, entgegnete dieser und schüttelte den Kopf. Normaler Weise weiß er sehr wohl was er tut.
Wir hatten den Rand der Lichtung erreicht, der Mond trat in diesem Moment hinter den Wolken hervor und tauchte die Ebene damit in diffuses Licht. Alles in mir sträubte sich dagegen, aus dem schützenden Wald heraus zu treten, doch AJ hatte scheinbar doch noch einige Überraschungen parrat, denn anstatt quer über die Lichtung zu laufen, hielt er sich nahe am Waldrand. Wir folgten ihm, immer noch nicht ganz sicher, wo er eigentlich hin wollte.
Schließlich tauchte ein Gebilde vor uns aus der Dunkelheit auf und endlich begriff ich.
Wow, das ist gar nicht so schlecht, murmelte ich.
Sag ich doch, entgegnete AJ mit einem Grinsen.
Schließlich standen wir alle vor dem Hochstand, der sich über uns hoch in den Nachthimmel erhob.
Ich glaube, hier sind wir einigermaßen sicher, erklärte AJ. Zum einen haben wir ein Dach über dem Kopf, zum anderen können wir von da oben besser erkennen, wenn sich jemand nähert und zu guter letzt können wir uns da oben besser verteidigen, falls sie uns doch finden sollten.
Ich sparte mir den Kommentar, dass wir dort oben aber auch eingesperrt waren und nicht weglaufen konnte, wenn uns der Sinn danach stand. Etwas besseres würden wir in nächster Zeit sowieso nicht finden können.