Kapitel 10
-Keylas p.o.v.-
Schmerzen.
An jeder Stelle meines Körpers.
Das war genau das, was ich seit gefühlten siebzehnmillionen Stunden als einziges wahrnahm. Selbst die atemberaubende Landschaft, durch die Ironman uns mit seinem Gefolge trieb, konnte daran nichts ändern.
Wir befanden uns immer noch in den Ausläufern der Rockys, so dass die Strecke zum Glück nicht wirklich steil war. Doch der Rucksack, der mindestens eine Tonne wog und meine Wanderstiefel, die im Laufe des Tages zu Foltergeräten mutierte waren, machten selbst die kleinste Anhöhe zur Tortour.
Schweigend hatten wir die letzten Meilen zurück gelegt. Zum einen, weil wir unsere Puste gut gebrauchen konnte, zum anderen, weil die Hitze jegliche Kraft aus meinem Körper zu saugen schien.
Vor uns ragten die ersten Fichten eines Waldstücks auf. Dahinter erhoben sich majestetisch die grauen Felsformationen der Rocky Mountains und ich betete inständig, dass es nicht mehr weit bis zu dieser ominösen Wetterstation war.
Mittlerweile setzte ich mechanisch einen Fuß vor den anderen und versuchte mich dabei, in meinen Kopf zurück zu ziehen.
Dort war es schön.
Dort gab es keinen brutalen Entführer, der mir Waffen an Stellen meines Körpers drückte, die normaler Weise niemand ohne meine Erlaubnis berühren durfte.
Dort war Frieden.
Leider achtete ich dort aber auch nicht richtig auf den Weg. Als mein Fuß an einer Wurzel hängen blieb hatte ich noch Zeit erschrocken aufzustöhnen, bevor ich der Länge nach hinschlug. Meine Hände hatte ich fest in die Riemen des Rucksackes verhakt und ich bekam sie auch nicht schnell genug dort heraus.
Erneute Schmerzen explodierten in meinem Kopf, ich schmeckte Gras und Erde in meinem Mund, das sich gleich darauf mit dem metallischen Aroma meines Blutes vermischte.
Jordan und AJ erreichten mich gleichzeitig.
Süße, alles klar? hörte ich Jordan erschrocken fragen, während AJ nach meinem Arm griff und mich vorsichtig aufrichtete.
Vor meinen Augen verschwamm alles. Wie hinter einer Art Nebel hörte ich Stimmen, die zu mir sprachen, aber ich verstand deren Sinn nicht. AJ erschien plötzlich doppelt vor meinen Augen und hinter ihm schob sich Jordan in mein Blickfeld, die auf wundersame Weise noch zwei Schwestern bekommen hatte.
Tut weh, murmelte ich und versuchte meine Hand an meinen Kopf zu heben, doch mein Arm schien seinen Dienst für heute quittiert zu haben.
Etwas packte den Rucksack in meinem Rücken und zerrte mich in die Höhe, was nicht wirklich etwas nützte, denn meine Beine gaben augenblicklich unter mir nach und so hing ich wie ein nasser Sack in den Seilen.
Verflucht nochmal, reiß dich zusammen! donnerte Ironman hinter mir, doch selbst diese Stimme und die offensichtliche Wut darin, konnten mich nicht aus meiner Lethargie reißen. Ich war einfach fertig. Punkt!
AJ sagte etwas, zumindest glaubte ich das, denn seine drei Lippenpaare bewegten sich auf und ab. Plötzlich wurde mein Rucksack wieder los gelassen und ich fiel mit einem schmerzhaften Rumps zurück auf meinen Allerwertesten.
Ich mußte für eine Weile das Bewußtsein verloren haben, denn als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, blickte ich in einen wunderschönen, klaren, blauen Himmel. Vereinzelte Wattewölkchen schwebten an mir vorrüber und für eine ganze Weile war ich wie gefesselt von diesem Anblick.
Etwas kühles, das auf meine Stirn gelegt wurde, holte mich dann endgültig zurück in die Wirklichkeit. Erschrocken fuhr ich in die Höhe, was ich sofort bitter bereute. Die Welt schien vor meinen Augen zu tanzen und mit einem Stöhnen lies ich mich wieder zurück sinken.
Es ist alles gut, hörte ich Jordan leise sagen, während sie sanft meinen Arm streichelte. Wir haben für heute unser Lager aufgeschlagen.
Was ... was ist ... passiert? fragte ich und fuhr mir mit der Zunge über meine aufgesprungenen Lippen.
Du bist umgekippt, erklärte sie, während sie das Tuch von meiner Stirn nahm, es neu faltete und zurück auf meinen Kopf legte. Ironman hat einen kleinen Aufstand geprobt aber dann wohl eingesehen, dass wir nicht mehr weiter können.
Es tut mir leid, flüsterte ich und spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Ein Wunder, dass ich überhaupt noch Flüssigkeit in mir hatte.
Dir braucht gar nichts leid zu tun, beschwichtigte Jo mich sofort. Wir sind alle heilfroh, dass diese Tortour für heute vorbei ist. Glaub mir, ich war auch kurz davor mich einfach hinzusetzen und keinen Schritt weiter zu tun.
Hey, hörte ich plötzlich eine raue, dunkle Stimme und eine Wasserflasche schwebte über mein Gesichtsfeld.
Hi, krächzte ich und betrachtete gierig einen kleinen Wassertropfen, der an der Flasche hinunter rann.
Ich fühlte, wie er neben mir in die Knie ging, meinen Kopf anhob und die Flasche an meine Lippen setzte. Trink das. Dann geht es bestimmt gleich besser.
Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, dass es mir tatsächlich irgendwann wieder besser gehen würde, aber trinken war im Moment alles was ich wollte.
Gierig schluckte ich das Wasser, das unbeschreiblich kühl und angenehm meine Kehle hinunter lief. Leider verschluckte ich mich beinahe augenblicklich und Jordan und AJ hatten alle Hände voll damit zu tun mich wieder aufzurichten und mir auf den Rücken zu klopfen.
Etwas vorsichtiger geworden widmete ich mich gleich darauf dem restlichen Wasser in der Flasche und erst nachdem ich sicher war, dass auch tatsächlich kein Tropfen mehr übrig war, setzte ich die Flasche ab.
Tatsächlich fühlte ich mich augenblicklich um Welten besser. Mein Kopf schmerzte zwar noch und ich hatte das Gefühl, dass ich mich nie wieder schmerzfrei bewegen konnte, aber das Flimmern vor meinen Augen hörte auf und die Konturen um mich herum stellten sich scharf.
Wir befanden uns in einer kleinen Mulde, über der das Gelände weiter anstieg. Ironman und seine Männer saßen im Halbkreis um einen ganzen Berg Feuerholz herum und beäugten uns misstrauisch. Ich lag etwas abseits auf einer rauen, karrierten Decke. Jo, AJ und Nick saßen um mich herum und waren ebenfalls auf mich konzentriert, so als fürchteten sie, dass ich im nächsten Moment wieder zusammen klappen könnte.
Es geht schon wieder, sagte ich deshalb und hoffte, dass ich mich zuversichtlicher anhörte, als ich mich fühlte.
Ich hörte Jo seufzen und gleich darauf verschwand ich in ihrer festen Umarmung, die ich dankbar erwiderte. Es war manchmal seltsam, wie sie mir nur mit ihrere Anwesenheit meine Stärke und Zuversicht zurück geben konnte. Bereits in unserer ersten Nacht, in der sie mich als Häufchen Elend an ihrer Theke aufgelesen hatte, war das so gewesen und mit ein Grund dafür, dass sie mir so schnell so wichtig geworden war. Was mich manchmal, zugegebener Maßen, auch zutiefst erschreckte. Doch gerade jetzt in diesem Moment war ich einfach nur heilfroh, sie an meiner Seite zu wissen.
Und wer drückt mich? hörten wir Nick leise schmollen.
Erst mußt du umkippen, dann können wir dir diesen Wunsch sicherlich erfüllen, grinste Jo und entlockte AJ zu meiner Rechten damit ein leises Schmunzeln.
Mir ist auch schon aufgefallen, dass ihr nicht so leicht zu kriegen seid, nickte er.
Eben, wir sind anständige Mädchen, brachte ich irgendwie hervor. Nannte man das Galgenhumor? Wahrscheinlich.
Und wie immer, wenn wir uns alle gerade entspannten und glaubten, wir hätten nun das Schlimmste hinter uns, machte uns Ironman einen Strich durch die Rechnung.
Wie aus dem Boden gewachsen stand er plötzlich zwischen uns.
Du und Du, dabei zeigte er auf Nick und Jo. Mitkommen! Du, damit zeigte er auf mich wirst dich keinen Millimeter von der Stelle rühren, sonst war das die letzte Bewegung die du gemacht hast. Ich schluckte, nickte aber gehorsam. Und Du, damit deutete er auf AJ wirst jetzt ein ordentliches Feuer entzünden, und mit diesen Worten warf er ihm ein Päckchen Streichhölzer in den Schoß.
AJ nahm die Streichhölzer, legte mir eine Hand auf die Schulter, lächelte mir noch einmal aufmunternd zu und erhob sich. Die drei folgten Ironman, während ich mich augenblicklich verlassen und einsam fühlte. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass wir bisher richtig Glück gehabt hatten, dass Ironman noch nicht auf die Idee gekommen war, uns zu trennen. Denn damit hätte er uns wirklich weh getan.
Ich drehte mich vorsichtig auf meiner Decke um, damit ich die anderen drei besser sehen konnte und hoffte dabei inständig, dass das noch keine Bewegung in Ironmans Sinne war. Doch dieser war gerade damit beschäftigt Jo und Nick Anweisungen zu erteilen.
Nick bekam unsanft einen Rucksack gegen die Brust gedrückt und gefolgt von Kenneth, der seine Waffe zwischen seine Schulterblätter richtete, stapfte er damit davon. Ängstlich fragte ich mich, wo die beiden hinwollten, doch da ich darauf wohl keine Antwort finden würde, wandte ich mich wieder dem Geschehen an der Feuerstelle zu.
AJ hatte mittlerweile ein paar dünne Äste entzündet, doch so recht wollte das Feuer nicht aufflammen. Die Äste waren alle nass von dem lagen Regen und dicke Rauchschwaden stiegen in den Himmel auf. Ich sah, wie er sich vorbeugte und vorsichtig auf die bedenklich flackernden Flammen blies.
Währenddessen wandte Ironman seine Aufmerksam Jo zu und mir wurde augenblicklich übel, als er sie an der Schulter packte und zu Boden stieß. Er deutete auf etwas am Boden, das ich nicht sehen konnte und ich wappnete mich innerlich aufzuspringen und ihr zu Hilfe zu kommen, sollte dieser Mistkerl auch nur eine falsche Bewegung in ihre Richtung machen. Lebensgefahr hin oder her.
Doch zu meiner Erleichterung zog sie einen verbeulten Kochtopf und ein paar Konserven hervor. Jetzt wurde mir dann auch langsam klar, warum unsere Rucksäcke so schwer gewesen waren. Wir hatten dieses ganze Zeug bis hier her geschleppt und ich hoffte inständig, dass wir morgen spüren würden, dass wir einen Teil unseres Gepäcks aufgegessen hatten.
Blieb die Frage, was sie mit Nick vorhatten.
Die Nacht senkte sich dunkel wie ein schwarzes Tuch über uns. Es hatte fast eine Stunde gedauert, bis Nick wieder aufgetaucht war. Sein Rucksack war merklich schwerer geworden und als er ein ganzes Batallion frisch gefüllter Wasserflaschen daraus hervorzog, wußte ich auch endlich, wo er gewesen war.
Der Holzstapel hatte irgendwann auch ein Einsehen gehabt und so saßen wir nun um das knisternde Feuer herum, hatten einen ziemlich ekelhaft schmeckenden Bohneneintopf verzehrt und ich fühlte, wie mir immer wieder die Augen vor Müdigkeit zuvielen.
Doch Ironman saß mit seinen Männern nicht einmal zwei Meter von uns entfernt auf der anderen Seite des Feuers und alles in mir wehrte sich dagegen, auch nur für eine Sekunde unaufmerksam zu werden.
Die vier sahen ekelhaft entspannt aus, hatten die Füße weit von sich gestreckt und starrten ins Feuer, während ich bei Jo, Nick und AJ die gleiche Anspannung wie bei mir spüren konnte. Sie saßen aufrecht nebeneinander, hatten die Arme um die Knie gelegt und starrten abwechselnd ins Feuer oder zu den Entführern hinüber. Ich selbst hatte mich hingelegt, da mein Schädel immer noch dröhnte und ich das Gefühl hatte, dass es in der Waagerechten nicht so weh tat.
Als Ironman sich jetzt allerdings rührte und langsam aufstand, richtete ich mich ebenfalls auf und rückte näher an AJ heran, der mir beruhigend einen Arm um die Taille legte.
Neben ihm saß Jordan, die ebenfalls wachsam jede von Ironmans Bewegungen verfolgte und die Hände fest um ihre angezogenen Knie krampfte.
Schwerfällig kam Ironman um das Feuer herum, schien dann einen Moment zu überlegen und baute sich dann vor mir auf. Er wirkte beinahe diabolisch, wie er so über mir stand und das flackernde Feuer beängstigende Schatten in seinem Gesicht tanzen lies.
Ohne ein Wort zu sagen beugte er sich plöztlich nach vorn, packte meinen Arm und riss mich in die Höhe. AJ sprang sofort auf, doch Ironman zog in einer beinahe lässig wirkenden Geste seine Waffe und richtete sie auf sein Gesicht.
Nur zu, grinste er. Versuch es und ich schieße dir deine hässliche Vissage zu Brei.
Ich zitterte am ganzen Körper, aber ich brachte es irgendwie fertig ein angedeutetes Kopfschütteln in AJs Richtung abzugeben.
Lassen sie sie gefälligst in Ruhe! fuhr Jo auf, doch das führte nur dazu, dass Ironman die Waffe mit einem leisen Klicken entsicherte.
Noch ein Ton, knurrte er und ich erschieße ihn. Also überleg es dir gut.
Ich sah, wie Jo sich auf die Lippen biss und ihr Blick hektisch zwischen der Waffe, Ironmans Gesicht, AJ und mir hin und her sprang.
Nick legte nun einen Arm um sie und murmelte ihr leise etwas zu.
Aber ... , begehrte sie auf, verstummte allerdings sofort, als sie Ironmans breites Grinsen sah.
So ist es brav, nickte Ironman, steckte die Waffe umständlich in seinen Hosenbund und zerrte mich dann ohne Umschweife hinter sich her.
Er ließ sich wieder auf seinen Platz am Feuer sinken und zog mich dabei mit sich. Ich wollte etwas von ihm abrücken, doch sein stahlharter Griff zog mich noch näher zu ihm heran, bis mein Kopf an seiner Brust ruhte und ich seinen unangenehmen Geruch nach Schweiß und Männlichkeit riechen konnte.
So ist es gut, schnurrte er. Und wenn du ganz brav bist, brauchst du morgen auch keinen von den Rucksäcken schleppen.
Ich schleppe so viel wie ich kann, gab ich zurück. Das ist mir egal.
Ich entlockte ihm damit allerdings nur ein trockenes, humorloses Lachen, bevor er noch etwas fester zupackte, eine Hand unter mein Kinn legte und mich zwang ihn anzusehen.
Aus der Nähe betrachtet wirkte er noch unheimlicher. In seinen Augen lag ein Feuer, das mich innerlich frösteln lies. So etwas wie Wahnsinn meinte ich darin zu lesen, gepaart mit einer unterdrückten Wut, die jederzeit an die Oberfläche schießen und alle vernichten konnte.
Komm schon, sei nett zu mir, grinste er. Du wirst es nicht bereuen. Du hast sicherlich noch keinen Kerl wie mich gehabt.
Übelkeit stieg in mir auf und Tränen schnürten mir die Kehle zu. Ich hörte Jo auf der anderen Seite leise Schluchzen und vielleicht war es das, was ich gebraucht hatte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und spuckte ihm mit aller Kraft ins Gesicht.
Keine gute Idee.
Ironman schrie wütend auf, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und riss mich grob in die Höhe. Mit ungeheurer Wucht stieß er mich von sich, so dass ich rückwärts taumelte und dann der Länge nach hin schlug. Ich lag nun außerhalb des Lichtkreises und instinktiv stemmte ich die Füße in den weichen Boden und versuchte rückwärts davon zu robben. Doch gegen diesen Riesen hatte ich keine Chance.
Schneller als ich es für möglich gehalten hätte kniete er über mir.
Ich werde dir Gehorsam beibringen, knurrte er.
Ich schrie auf und versuchte mich zur wehren, doch es war für ihn ein leichtes meine Hände zu schnappen, die Arme über meinen Kopf nach hinten zu drücken und seine Lippen ekelhaft feucht und unnachgiebig auf meine zu pressen.
Mein Schrei blieb mir buchstäblich im Halse stecken und würgend und strampelnd versuchte ich mich von ihm zu befreien, doch hatte damit keinerlei Erfolg.
Plötzlich brach über mir die Hölle los, Ironman wurde nach hinten gerissen und ich konnte mich gerade noch zur Seite drehen, bevor ich meinen gesamten Mageninhalt unter schmerzhaften Würgen von mir gab.