Kapitel 8
-Keylas p.o.v.-
Ich konnte nicht mehr anders. Tränen drängten meine Kehle hinauf und bahnten sich unter heiserem Schluchzen einen Weg nach draußen. Mein Kopf tat weh, meine gesamte rechte Seite, die gerade heftigst Bekanntschaft mit der Wand gemacht hatte, war so gut wie taub und alles was ich wollte, war augenblicklich in meinem Bett zu Hause aufwachen und diesen Albtraum hinter mir lassen.
Ich rollte mich auf dem Boden noch ein Stück weiter zusammen, während Jordan neben mir auftauchte und sich auf die Knie fallen lies.
Es tut mir so leid Süße, wimmerte sie und versuchte ihre Arme um mich zu schlingen.
I-Ist
sch-schon
okay, würgte ich hervor, auch wenn hier rein gar nichts okay war. Doch Jordan konnte eben auch nichts dafür, dass wir in diese Situation geraten waren. Sie sollte sicht nicht schuldig fühlen, eben weil sie keine Schuld traf.
Ich wollte nur
ich dachte
, setzte sie an und verstummte dann wieder.
Ich weiß, hauchte ich, kratzte den letzten Rest Selbstbeherrschung zusammen, den ich noch irgendwo in mir finden konnte und versuchte umständlich mich aufzurichten.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Nick gerade dabei war, AJ aufzuhelfen. Seine Augenbraue war aufgeplatzt und ein Rinnsal roten Blutes lief ihm in den Kragen seines T-Shirts.
Es tut mir wirklich leid, sagte Jordan nun auch an die beiden gewandt.
Ist schon in Ordnung, sagte Nick leise. Hier drin kann man ja nichts anderes tun als durchzudrehen.
AJ blieb stumm. Scheinbar war er noch etwas benommen von dem heftigen Hieb, dem ihn Ironman verpasst hatte.
Nach einiger Zeit, in der wir uns alle irgendwie wieder soweit hergestellt, sortiert und beruhigt hatten, hockten wir wieder im Kreis zwischen den Feldbetten. Schwiegend schien jeder seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.
Welches Bett nehmt ihr? fragte ich schließlich, einfach nur um irgendetwas zu sagen und möglichst etwas, das nicht direkt die Vorstellung von Gewalt in unseren Köpfen auftauchen lies.
Nick warf einen kurzen, prüfenden Blick auf beide Betten und zuckte dann mit den Schultern. Ich würde sagen, ihr nehmt die Betten und AJ und ich schlafen auf dem Boden.
AJ nickte zur Bestätigung, während er ein letztes Mal mit einem Taschentuch über seine Wunde tupfte und es dann sinken lies. Es blutete nicht mehr, dafür war seine linke Gesichtshälfte dabei, ganz langsam ein kräftiges Blau anzunehmen.
Das ist doch Blödsinn, warf ich ein. Irgendwie kriegt man bestimmt zwei Leute in ein Bett. Auf dem Boden ist es absolut unbequem und wenn die Typen da draußen das wirklich wahr machen und mit uns einen längeren Fußmarsch unternehmen, braucht ihr jedes bißchen Kraft, das ihr finden könnt.
Du glaubst doch nicht etwa, dass ich mit dem da, AJ zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Nick, wobei ein breites Grinsen auf seinem Gesicht erschien, das irgendwie vollkommen fehl am Platz wirkte in einem Bett schlafe?
Besser als auf dem harten Boden, gab ich zu bedenken.
Nick und AJ sahen sich einen Moment an, schienen dabei ihre ganz eigene Konversation zu führen und schüttelten sich dann.
Nein, kam es von beiden gleichzeitig im Brustton der Überzeugung.
Irgendwie brachte mich das Gehabe der Jungs zum Lächeln. Auch wenn es uns sicherlich nicht weiter brachte, so war es doch gut zu wissen, dass die beiden genau wie Jo und ich eine Einheit bildeten. Ich war eben eine hoffnungslose Romantikerin und ich glaubte im Allgemeinen an das Gute im Menschen und, was noch viel wichtiger war, dass das Gute immer über das Böse siegte.
Jordan war beunruhigend still geworden. Sie schien sich tief in sich zurück gezogen zu haben und ihr unnatürlich glänzender Blick, der unstet durch das Zimmer huschte, machte mich nicht gerade ruhiger.
Jo? fragte ich deshalb sanft und streichelte ihren Arm.
Sie zucke zusammen, schien sich einen Moment orientieren zu müssen und richtete dann den Blick ihrer verstörten, blauen Augen auf mich.
Dir wird nichts passieren, das verspreche ich dir, sagte ich eindringlich, doch sie schüttelte nur den Kopf.
Eben, schaltete sich auch Nick ein, während er noch ein Stück an sie heran rutschte um ihr vorsichtig einen Arm um die Schulter zu legen. Die da draußen mögen vielleicht die größten Arschlöcher sein, die auf Gottes weiter Welt wandeln, aber wir haben einen nicht ganz außer acht zu lassenden, riesigen Vorteil.
Der da wäre? fragte Jordan lahm, doch ich registrierte erleichtert, dass ihr Gesicht langsam wieder ein wenig Farbe bekam und das Zittern ihrer Hände merklich nachlies.
Wir sind die Guten! damit breitete er die Arme aus, als könne uns nun tatsächlich nichts mehr passieren und auf seinem Gesicht erschien ein breites Grinsen, das für einen Moment die Dunkelheit zurück zu drängen schien, die uns langsam aber sicher drohte zu ersticken.
Sehr tröstlich, meinte Jordan trocken und schüttelte dann den Kopf.
Hey, versuchte ich es noch einmal. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir im Besitz eines Telefons sind. Hier haben wir vielleicht keinen Empfang, aber wenn wir erst einmal hier raus kommen, ändert sich das vielleicht. Wir dürfen nur die Hoffnung nicht aufgeben und ab jetzt nur noch tun, was sie sagen. Dann wird das schon.
Sie zuckte mit den Schultern, schien darüber nachzudenken und nickte dann langsam. Ist in Ordnung. Ich ... ich versuche mich zu beherrschen.
Ich würde es gerne sehen, wenn du so richtig wütend wirst und diesem Mistkerl in den Hintern trittst, meinte AJ schmunzelnd und zwinkerte ihr kurz zu, was tatsächlich den Ansatz eines Lächelns auf das Gesicht meiner besten Freundin zauberte.
Für einen Moment sah ich dankbar zu ihm hinüber und fing dabei einen sanften Blick aus seinen dunklen, braunen Augen auf. Augenblicklich fühlte ich mich unwohl und wandte den Blick ab.
Musiker! Man sollte nicht alles glauben, was sie sagten und vorallendingen nicht auf sie vertrauen. Das ging immer nach hinten los. So viel war sicher.
Eine unendlich lange Nacht ging langsam zu ende. Wir alle hatten nicht wirklich viel geschlafen, auch wenn ab und an leises Schnarchen zu vernehmen war. Doch wir sahen alle nicht gerade frisch aus, als das erste Licht durch die Ritzen in den Fenstern drang.
AJ und Nick hatten tatsächlich auf dem Boden geschlafen, während Jordan und ich mit den wahrscheinlich nicht viel bequemeren Feldbetten vorlieb genommen hatten.
Was für einen Nacht, gähnte Nick und streckte sich ausgiebig, wobei sein T-Shirt in die Höhe rutschte und einen sehr ansprechenden Bauch entblößte, der von einem riesigen, blau-violetten Fleck verunstaltet wurde.
Mir tut alles weh, grummelte Jo und setzte sich langsam auf. Sie hatte ihr Haar zum Schlafen zu einem Zopf geflochten, allerdings hatten sich einige Strähnen daraus gelöst und standen ihr nun wild in alle Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Ich vermutete, dass ich in keinem wirklich besseren Zustand war und versuchte mit meinen Händen eine behelfsmäßige Ordnung auf meinem Kopf herzustellen.
AJ lag ruhig auf dem Rücken und starrte an die Decke. Dabei blinzelte er immer wieder, so, als sei er noch nicht richtig wach und versuchte, nicht auf der Stelle wieder einzuschlafen.
Vor unserer Zimmertür entstand Bewegung, wir hörten gedämpfte Stimmen, die schnell näher kamen und alarmiert richteten wir uns kerzengerade auf.
Wir hörten, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde und gleich darauf wurde die Tür aufgestoßen. Krachen schlug sie gegen die Wand und wir zuckten kollektiv zusammen.
Ohne ein Wort trat Ironman ein und durchquerte mit festen Schritten den Raum. Hinter ihm tauchten zwei seiner Spießgesellen auf, zwei Revolver im Anschlag, die sie auf Nick und AJ richteten.
Aufstehen! herrschte er Jordan und mich an, während er bereits Jo am Arm packte und auf die Füße zerrte.
Mich beschlich augenblicklich ein mulmiges Gefühl. Was hatte er mit uns vor? Hatte er sich jetzt doch dazu entschieden, uns nicht mitzunehmen?
Was ... was passiert denn ... jetzt? fragte ich unsicher.
Schnauze und mitkommen, herrschte er mich an und mit einem letzten, ängstlichen Blick zurück zu AJ und Nick folgte ich Ironman, der immer noch Jordans Arm fest umklammerte, nach draußen.
Die Tür fiel hinter uns ins Schloss und wir standen in einem langen, dämmrigen Flur. Direkt gegenüber stand eine Tür offen und gewährte einen Blick in eine spartanisch eingerichtete Küche. Bierflaschen und überfüllte Aschenbecher standen auf dem Esstisch, der von fünf Stühlen umstanden wurde. Auf einem davon saß einer der Entführer, nippte an einer Tasse Kaffee und verfolgte interessiert das Geschehen. Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Automagazin und daneben eine schwarze Pistole.
Hier lang, befahl Ironman, lies endlich Jordans Arm los und ging uns voraus nach links den Gang hinunter. An dessen Ende öffnete er eine Tür und drückte einen Lichtschalter.
Fünf Minuten, keine Sekunde länger, informierte er uns, dann trat er zurück und gab damit den Blick auf ein winziges Badezimmer ohne Fenster frei.
Ich beeilte mich, hinter Jo herzukommen, die augenblicklich in dem kleinen Raum verschwand. Die Tür wurde hinter uns geschlossen, allerdings befand sich kein Schlüssel im Schloß.
Du zu erst, sagte ich an Jo gewandt. Ich passe so lange auf.
Sie nickte und öffnete bereits die Knöpfe ihrer Jeans. Währenddessen drehte ich mich herum, fasste nach der Türklinke und drückte sie mit ganzer Kraft nach oben. Ich hörte, wie Jordan die Toilette benutzt, danach spülte und dann das Wasser in dem kleinen, angeschlagenen Waschbecken aufdrehte.
Nach einiger Zeit legte sie mir eine Hand auf die Schulter. Jetzt du, flüsterete sie und griff nach der Türklinke.
Auch ich beeilte mich, ging auf die Toilette, band mir dann die Haare zurück und wusch mir behelfsmäßig das Gesicht. Ich betrauerte das Fehlen einer Haarbürste und einer Zahnbürste, aber man konnte in unserer Situation eben nicht alles haben.
Ich war gerade dabei mir das Gesicht abzutrockenen, als die Türklinke plötzlich nach unten gedrückt wurde. Jo stemmte sich noch einen Moment dagegen, doch ich gab ihr mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass das nicht mehr nötig war.
Sie lies die Klinke los und augenblicklich wurde die Tür aufgerissen. Ironman wirkte wütend, sagte aber nichts, sondern bedeutete uns mit einer herrischen Kopfbewegung, vor ihm den Gang wieder hinunter zu gehen. Anstatt uns allerdings wieder in unsere Zimmer zu führen, drängte er uns nach links in die Küche.
Wenn ihr frühstücken wollte, dann macht es euch selbst, knurrte er. Und keine Tricks, haben wir uns verstanden? Jordan und ich nickten langsam.
Kenneth, du passt auf sie auf, befahl er dem Mann, der immer noch alleine am Tisch saß und seine Kafffeetasse vor sich mit beiden Händen umfasst hielt. Der Angesprochene nickte knapp, richtete sich ein Stück auf und deutete auf seine Waffe auf dem Tisch.
Ich werde dieses Baby benutzten, wenn ihr nicht schön brav seid, ist das klar? Seine Stimme war eigentlich viel zu hoch um zu diesem muskelbepackten Kraftprotz zu passen, doch seine Worte und auch seine Geste verfehlten ihre Wirkung nicht.
Jo und ich sahen uns an. Du Kaffee und ich Kühlschrank? fragte sie. Ich nickte.
Während wir also dabei waren, für uns vier etwas annähernd genießbares zusammenzustellen, wurden Nick und AJ ebenfalls aus dem Zimmer und hinüber ins Bad geführt. Nach guten fünf Minuten kamen sie wieder zurück, wurden von Ironman mit einem heftigen Stoß ins Kreuz wieder in unser Zimmer befördert und auch wir folgten ihnen mit vier Tassen Kaffe, einigen Scheiben Brot und Käse.
Schweigend verzehrten wir unser Frühstück und auch wenn wir alle keinen Hunger verspürten, so zwangen wir uns doch dazu das trockene Brot hinunter zu spülen und ab und an an dem Käse zu knabbern. Wir brauchten sämtliche Kraftreserven, die wir bekommen konnten.
Nick hatte sich direkt neben die Tür gesetzt und lauschte ab und an, während er langsam kaute. Plötzlich richtete er sich auf, stellte seine Tasse beiseite und rutschte noch etwas näher an die Tür heran.
Kommt her, flüsterte er, doch diese Aufforderung hätten wir gar nicht gebraucht.
Aufgeregt drückten wir uns nebeneinander an die Tür und hörten die unverkennbare Stimme von Ironman, der scheinbar telefonierte.
... haben ihre Schützlinge, hören sie mir also genau zu, denn das ist für das Leben der beiden von ungeheurer Wichtigkeit. Wir fordern fünf Millionen in kleinen, nicht nummerierten Scheinen. Für jeden von ihnen. Die Details der Übergabe werde ich ihnen noch mitteilen.
Für einen Moment blieb es still und ich versuchte das eben gehörte irgendwie zu fassen. Zehn Millionen Dollar? Die Bemerkung von Nick, dass bei ihnen tatsächlich etwas zu holen war, fiel mir wieder ein. Ich hatte sie zwar gehört, aber lange nicht begriffen. Die beiden waren reich. Stinkreich um genauer zu sein. Zehn Millionen Dollar! Herr im Himmel.
Sie haben keine Forderungen zu stellen! donnerte es plötzlich hinter der Tür und wir wichen automatisch ein Stück zurück, nur um gleich darauf unsere Ohren noch fester gegen die Tür zu pressen. Den Beweis werden sie zu gegebener Zeit bekommen, hörten wir Ironman, dann unterbrach er anscheinend die Verbindung, denn das nächste was man hörte war ein unkontrolliertes Fluchen seinerseits. Die Worte was bilden sich diese Arschlöcher eigentlich ein und die können noch was erleben ließen mein Herz schneller schlagen und meine Hände unkontrolliert zittern. Es war deffinitiv nicht gut, Ironman wütend zu machen. Denn am Ende mußten wir das ausbaden. Wie auf Kommando hörten wir seine Schritte, die schnell näher kamen und wir beeilten uns, tiefer in den Raum hineinzukriechen und möglichst unschuldig zu tun. Als die Tür aufflog betete ich im Stillen, dass es möglichst schnell vorbei sein würde.