Kapitel 7
- Jordans p.o.v.-

Augenblicklich schaltete ich das Handy wieder aus. Wir mussten den Akku schonen so lange es uns nur möglich war. Im Moment, ohne die geringste Ahnung, wo wir überhaupt waren und nicht dem kleinsten Strich an Empfang, brachte es ohnehin nichts.
Ich schloß die Augen und zählte gedanklich noch einmal alle Faktoren zusammen.
Wir waren also am Fusse der Rocky Mountains, ein Gebiet das sich meilenweit erstreckte, wir hatten es mit 4 Männern zu tun, alle bewaffnet und eiskalt. Nick und A.J. schienen vermögend zu sein, also waren sie das Hauptaugenmerk, zudem anscheinend Musiker, eine Gattung Mensch die Keyla seit ihrer Trennung von Dave mied und nicht mit den besten Eigenschaften in Verbindung brachte.
Wieder ließ ich meinen Hinterkopf auf die Wand hinter mir treffen.
Einmal ... zweimal ... dreimal.
Beim vierten Mal hatte sich eine Hand zwischen mich und die Wand geschoben und als ich die Augen öffnete sah ich direkt in Nicks blaue Augen.
“Du brauchst dir nicht selbst weh zu tun, dafür haben wir die da draussen,” sagte er lapidar und zeigte auf die Tür.
“Du hast ja Recht ...”
“Shhht,” erklang es plötzlich von Keyla, die vor der Tür hockte und ihr Ohr fest gegen das Holz gepresst hatte.
A.J. war sofort neben ihr und legte sein Ohr lauschender Weise ebenfalls auf das Türblatt.
Ich blickte gebannt zu ihnen.
“Und? Könnt ihr etwas hören?” flüsterte ich leise.
Keyla schenkte mir einen scheltenden Blick
“Nur wenn du ruhig wärst,” flüsterte sie zurück und ich presste meine Lippen aufeinander damit ich keinen weiteren Laut von mir geben konnte. Vorsichtig krabbelte ich zur Tür und suchte eine freie Stelle an die ich nun auch mein Ohr drücken konnte. Erstaunlicherweise waren die Stimmen dahinter wirklich klar und deutlich zu verstehen. Ich musste ein Stück rücken als Nick sich zu uns gesellte und wir nun alle Vier den Atem anhielten um auch ja mitzubekommen was unsere Entführer miteinander besprachen.
“...willst du wirklich morgen schon mit dem Aufstieg beginnen? Wir sollten uns einen neuen Plan ausdenken, mit vier Geiseln wird das auch für uns keine einfache Geschichte.” Drang eine Stimme zu uns und wurde augenblicklich von Iron Man beantwortet.
“Wir werden den Plan nicht ändern! Bei Sonnenaufgang werden wir uns zur alten Wetterstation auf der Hochebene begeben. Wenn wir uns in Bewegung befinden, wird ihnen die Flucht erschwert, sollten sie doch so dumm sein und eine versuchen und wir geben ein bewegliches Ziel für die Polizei und andere ab, wenn wir hierbleiben wird es zu heiss.”
“Chef ... wir sollten uns von dem unnötigen Ballast befreien. Knallen wir sie ab und lassen sie hier, ich hab keinen Bock darauf mit zwei Weibsbildern durch die Wildnis zu ziehen.”
Ich musste hart schlucken. Unnötiger Ballast?
Wieder dröhnte Iron Mans harte Stimme durch die Tür zu uns herüber, begleitet von einem Geräusch als hätte seine Faust soeben einen Tisch gespalten.
“Ob du da Bock drauf hast oder nicht, entscheide immer noch ich! Und je mehr Geiseln desto besser. Ausserdem sind die Nächte in den Rockys sehr einsam ...,”
Ich hatte genug gehört. Stumm krabbelt ich rückwärts von der Tür weg bis ich wieder die kalte Wand in meinem Rücken spürte.Ich schlang die Arme um meine Beine und legte meinen Kopf auf meine Knie.
Nicht schon wieder, alles aber bitte nicht das. Ich musste hier raus, egal was passierte ich konnte hier nicht bleiben. Mit etwas zuviel Schwung hob ich mich wieder auf die Beine und begab mich ohne Umschweife zu einem der vernagelten Fenster. Fahrig untersuchten meine Finger die Bretter die davor angebracht worden waren und nach einigem Suchen hatten sie einen kleinen Spalt ausgemacht.
Ich griff durch den Spalt hindurch und rüttelte vorsichtig an dem Brett das ich nun umschlossen hielt, in der Hoffnung ich würde die ohnehin schon rostigen Nägels dazu bringen aus dem morschen Holz zu brechen.
Ich bemühte mich dabei äusserst subtil und leise vorzugehen aber Keyla war nicht entgangen, was ich tat. Schnell war sie neben mir und sah mich fragend an.
“Süsse, lass das bitte. Es wird uns nichts bringen, wir würden nicht weit kommen.”
Ich schüttelte nur den Kopf und rüttelte kräftiger an dem Verschlag.
Nun kam auch Nick zu uns und hielt meine Hand fest.
“Wir waren uns doch einig dass wir die da draussen nicht aufregen wollen und du verletzt grad eine der Regeln,” flüsterte er mir eindringlich zu.
Grob riss ich mich von Nicks Hand los um wieder die Bretter zu bearbeiten.
“Willst du dass sie uns erschiessen?” erboste er sich und sofort hatte er meine Hände wieder eingefangen
Ich blitzte ihn wütend an und versuchte meine Hand aus seinem Griff zu befreien, dieses Mal hielt er sie jedoch so fest dass ich mich nicht lösen konnte.
“Lieber lasse ich mich auf der Flucht erschiessen als ...,” ich konnte es nicht über die Lippen bringen und Nicks Blick auf mir wurde beinahe unerträglich.
“Als was? Du würdest uns nur alle in den Tod schicken.”
Die Tränen stiegen ihn mir auf und meine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern.
“Ich kann das nicht nochmal, bitte, lass mich los.” Der flehende Blick meiner Augen schien einen Schalter in Nick umzulegen und vorsichtig öffnete sich seine Hand und ließ damit mein Handgelenk los. Keyla trat an mich heran und wollte mich in den Arm nehmen.
Eine Geste die mich sonst immer beruhigte aber nicht heute, nicht jetzt. Mein Denken war nur noch davon bestimmt dem zu entgehen, was sich wie ein donnerndes Gewitter am Horizont abzeichnete.
Stur wendete ich mich wieder dem Fenster zu, ignorierte sowohl Keylas Besorgnis als auch Nicks Ratlosigkeit.
Immer fester rüttelte ich an dem morschen Holz dass sich trotz meiner Bearbeitung keinen Deut lockerte, meine Tränen flossen mittlerweile ungehindert und ich war wie besessen davon, das Brett zu lösen.
Sanft legte sich Keylas Hand auf meine Schulter und sacht drehte sich mich zu sich.
“Ich werde nicht zulassen, dass sie dir etwas tun,” ihre Stimme klang so unheimlich beruhigend aber der sonstige Effekt wollte sich einfach nicht einstellen.
“Du weisst nicht wie das ist ...,” brachte ich kläglich hervor und wollte mich grade wieder dem Holzbrett zuwenden als es scheppernd seinen ursprünglichen Platz verliess und zu Boden knallte.
Erschrocken hielt ich die Luft an und konnte augenblicklich schwere Schritte vor der Tür wahrnehmen.
Geistesgegenwärtig schnappte A.J. sich alle Utensilien die wir zuvor aus unseren Taschen gekramt hatten und liess sie unter der Matratze eines der Feldbetten verschwinden, bevor Iron Man auch schon die Tür heftig aufstiess und mit wenigen Schritten in der Zimmermitte stand. Prüfend legte sich sein Blick auf unsere Gesichter und blieb anschließend auf dem nun 20 cm breiten Spalt am Fenster hängen. Ich merkte wie die Anspannung von ihm Besitz ergriff und wie Nick sich langsam aber sicher vor Keyla und mich stellte. Soviel Mut hatte ich ihm gar nicht zugetraut. Auch A.J. wich immer weiter vor dem Anführer der Kidnapper zurück bis er mit Nick gemeinsam eine menschliche Mauer vor uns Frauen bildete.
“Es macht den Anschein, als würden Sie sich hier nicht sonderlich wohlfühlen,” merkte Iron Man in einer viel zu lässigen Tonart an und mich überkam das schlechte Gewissen.
“Vielleicht fühlen sich die Damen ja in meiner Obhut wohler als hier,” seine Hand umfasste in einer kurzen Bewegung den Raum und sein Blick legte sich sofort wieder auf uns.
“Es war ein Versehen,” wagte sich A.J. hervor und erkannte augenblicklich dass dies ein Fehler gewesen war. Iron Man kam blitzschnell auf ihn zu geschossen und drangsalierte ihn mit dem eiskalten Blick seiner stahlblauen Augen.
“Ich habe die Regeln erst vor knapp zwei Stunden erklärt und ich fühle mich in meiner Autorität ehrlich gesagt leicht untergraben. Ich ging davon aus, dass wir das hier in Harmonie regeln können, aber anscheinend sind Sie alle nicht dazu gewillt mich zu unterstützen.”
Nick und A.J. rückten so eng aneinander,dass sie sich bereits mit den Schultern berührten und ich fühte mich hundeelend.
Ich trat einen Schritt nach vorne, aus dem trügerischen Schutz der beiden Männer hervor und senkte schuldbewusst mein Haupt. Ich hatte uns diese Suppe eingebrockt also musste ich sie auch wieder auslöffeln.
“Es tut mir leid. Ich war es, die anderen wollten mich davon abhalten. Ich bekomme Beklemmungen mit sovielen Leuten in einem Raum,” wisperte ich leise und gewann somit Iron Mans Aufmerksamkeit.
“Jo ...,” bettelte Keyla, damit ich wieder zurück in die Reihe kam, aber ich konnte nicht.
“Beklemmungen?” Iron Man strich sich kurz über seinen dunklen Bart und dann holte er aus.
Ich sah mich schon an die gegenüberliegende Wand fliegen, während seine Hand immer näher kam. In Erwartung des nun folgenden Schlages kniff ich die Augen zusammen und zog meinen Kopf tief zwischen meine Schultern, aber nichts geschah.
Als ich die Augen wieder öffnete hatte Nick Iron Mans Arm abgefangen und auch wenn ich deutlich die Angst in seinem Blick erkannte, liess er nicht los.
“Es tut ihr doch leid. Sie hat doch nur Angst, ich verspreche, sie wird nicht wieder gegen eine der Regeln verstoßen.”
Für einen Augenblick war ich völlig gebannt davon wie Nick sich für mich einsetzte, denn eigentlich kannten wir uns doch kaum und die erste Begegnung war mehr als unerfreulich für uns alle gewesen. Lange konnte ich jedoch nicht darüber sinnieren, denn nun schien Iron Man wirklich sauer zu werden Und mir war klar, dass, auch wenn er im Moment keine Waffe mit sich führte, wir selbst zusammen keine Chance gegen seine 2 Meter Größe und Breite hatten.
Selbst wenn wir ihn zu Boden bekämen, vor der Tür warteten seine Komplizen und würden uns an einer Flucht schnell hindern. Es wäre also nur eine kurzweilige Errungenschaft.
Ein Blick des Hünen reichte um Nick dazu zu bringen ihn loszulassen und mit einem gewaltigen Tritt, der genau auf Nicks Brust abgezielt hatte, schleuderte Iron Man ihn quer durchs Zimmer. Jetzt konnte er sogar Karate.
Ein Ruck ging durch mich hindurch, ich lief sofort zu Nick und liess mich neben ihm auf die Knie fallen.
Das hatte er nicht verdient. Keyla wollte mir folgen aber A.J. hielt sie hinter sich. Mit wachen Augen beobachtete er jeden Schritt den unser Peiniger machte und war bis in die Fingerspitzen alarmiert.
“Mach mich ja nicht noch einmal an, du kleiner Pisser,” sandte Iron Man in Nicks Richtung, der heftig nach Atem rang.
“Wir werden uns ruhig verhalten, versprochen. Sie brauchen uns nicht halb tot zu prügeln,” giftete Keyla ihn an und ich wünschte mir in diesem Moment, dass ihr Temperament doch nur halb so aufbrausend sei.
Mit einem dreckigen Grinsen wandte sich unser Entführer nun an sie und A.J. drängte sie automatisch noch ein paar Schritte zurück , so dass sie zwischen ihm und der Wand relativ sicher war.
“Wie süss, Sie haben sich ja schon angefreundet,” scherzte Iron Man und sah A.J. eindringlich an. “Nur weil zwei Mädels dabei sind, solltest du dich nicht als großer Beschützer aufspielen, du siehst wo das enden kann,” er deutete zu Nick und war sofort wieder an Keyla interessiert die ihn mit ihrem Ausspruch wohl eindeutig verärgert hatte.
Doch bevor er sie sich greifen konnte, hatte A.J. ihn angegriffen. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen ihn und versuchte einen Schwinger zu landen, dem Iron jedoch geschickt auswich. Dann traf dessen Ellenbogen A.J.s Kopf und stöhnend sank dieser zu Boden. Mit einem festen Griff hatte sich der bärtige Hüne nun Keyla geschnappt und obwohl sie sich wie eine Furie wehrte war es für ihn ein leichtes sie ebenfalls gegen die Wand zu schleudern. Wimmernd blieb sie auf dem Boden liegen und ich schrie verzweifelt auf.
Iron Man rieb die Hände aneinander und lächelte mich eiskalt an.
“An deiner Stelle würde ich es mir noch einmal überlegen, bevor ich leichtfertig meine Mitbewohner in Gefahr bringe,” damit drehte er sich grinsend um und mit einem lauten Knall schlug die Tür wieder ins Schloss.
Oh Gott, was hatte ich nur angerichtet?

Kapitel 8