Kapitel 6
-Keylas p.o.v.-
Mein Herzschlag pochte beinahe schmerzhaft und es fühlte sich an, als hätte jemand einen festen, harten Eisenring um meine Brust gelegt. Meine Atmung ging stoßweise, auch wenn ich versuchte dies durch mehrmaliges, tiefes Durchatmen unter Kontrolle zu bringen.
Das hier war wie aus einem schlechten Hollywood-Streifen entsprungen. Entführung am hellichten Tag, vier Gangster, die auch vor Mord nicht zurück schreckten und zu guter Letzt dieser Raum, der so viel Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit ausstrahlte, dass sich mir der Magen umdrehte.
Nur um etwas zu tun zu haben und um die gespenstige Stille, die sich über uns gelegt hatte zu durchbrechen stand ich auf um mich näher umzusehen.
Wo willst du hin? fragte Jordan alarmiert.
Ich muß mich nur ... ein bißchen bewegen. Keine Sorge Süße, ich bin bei dir, lächelte ich, wie ich hoffte, aufmunternd und fuhr ihr kurz über das Haar. Dann drehte ich mich einmal um mich selbst um mir einen groben Überblick zu verschaffen.
Viel gab es allerdings nicht zu sehen. Der Raum maß an der Längsseite etwa drei und an der Breitseite etwa vier Meter. Nicht wirklich viel Raum für vier Personen. Andererseits war dies ja auch so nicht geplant gewesen und wieder erfasste mich bei diesem Gedanken eine eigenartige Kälte, die mein Herz zerquetschte und meinen Verstand lähmte. Ich sollte nicht darüber nachdenken, sondern mich dem wesentlichen zuwenden. Was wäre wenn hatte noch niemanden wirklich weiter gebracht.
Als erstes wandte ich mich den Fenstern zu. Es gab zwei an der Längsseite und eines an der, der Tür abgewandten Seite. Sie waren alle mit Brettern vernagelt und das bisschen Licht, das von draußen herein drang war trüb und half nicht wirklich dabei, den Raum aus der Dunkelheit zu heben.
Beim Betreten hatte ich bereits die beiden Feldbetten gesehen, die über Eck an der Wand standen. Ansonsten schien es nicht mehr in diesem Raum zu sehen zu geben. Trotzdem ging ich langsam die Wände ab, ließ meine Hände über raue Holzbalken wandern und fragte mich dabei, ob ich mein eigenes zu Hause jemals wieder sehen würde.
Als ich wieder bei den anderen drei ankam, lies ich mich leise seufzend wieder neben Keyla auf den Boden sinken.
Und? fragte Nick. Irgendwelche neuen Erkenntnisse?
Außer dass wir hier festsitzen? Nein, ich schüttelte den Kopf.
Die Bretter vor den Fenstern sehen nicht so aus, als würden sie sich lange wehren wenn wir ... , setzte AJ an, doch Jordan und ich unterbrachen ihn gleichzeitig.
Denk noch nicht mal daran, zischte Jordan.
Das kannst du nicht machen, sagte ich.
Ist gut, ist gut, sagte AJ sofort und hob abwehrend die Hände. Es war ja nur ne Idee.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich Nick verstohlen über seinen Bauch fuhr und dabei das Gesicht verzog.
Tut es sehr weh? fragte ich deshalb mitfühlend, doch er schüttelte sofort ohne nachzudenken den Kopf und ließ auch noch in einer hektisch wirkenden Geste die Hand sinken.
Geht schon, entgegnete er und ich glaubte ihm kein Wort.
Meine Wange pochte immer noch leise von dem Schlag, den mir der Entführer verpasst hatte und ich wollte mir gar nicht vorstellen, was Nick im Moment fühlen musste. Doch wenn er hier den starken Mann spielen wollte, konnte ich wohl im Moment nichts machen.
Jordan rutschte noch ein Stück näher an mich heran und legte ihren Kopf auf meine Schulter. Ich spürte, wie sie zitterte und legte ihr einen Arm um die Schulter. Das erste Mal ging mir auf, dass es für sie noch viel schlimmer sein mußte, als für den Rest von uns. Für sie war dies eine Reise in eine unschöne, schmerzhafte Vergangenheit, die unglücklicher Weise noch nicht einmal lange zurück lag.
Ich küsste sie sanft auf den Kopf und flüsterte es wird alles gut werden, wirst sehen.
Schon klar, schnaubte sie und drängte sich noch etwas enger an mich.
Ich suchte nach einer Ablenkung, irgendetwas was dazu führen würde, dass sie aufhörte die Bilder von damals vor sich zu sehen.
Also wandte ich mich an AJ. Erzähl mal. Was ist da vorhin passiert?
Wann?
Als sie euch schnappten. Habt ihr auch die Umleitung genommen?
Er nickte und wahrscheinlich dachten wir in diesem Moment beide das Selbe: Wären wir doch bloß niemals von der Hauptstraße abgebogen!
Wir kamen auf diesen Waldweg, erzählte er bereitwillig. Und haben einen Wagen im Straßengraben vorgefunden. Ein Mann stand davor und winkte hektisch, also haben wir angehalten.
Ich hab gleich gesagt, wir sollten weiterfahren, murmelte Nick.
Ich weiß, nickte AJ. Aber es sah so aus, als hätte er ne Panne und in dieser gottverlassenen Gegend lässt man niemanden einfach so stehen.
Ich nickte. Sicherlich hätten Jordan und ich genau so reagiert, auch wenn uns Nicks Einstellung wohl vor diesem Erlebnis hier bewahrt hätte.
Wir hielten also an, der Typ kommt auf uns zu und fängt schon von weitem an loszuplappern. Ich hab ne Panne, könnten sie mir bitte helfen und so weiter und so fort.
Ich hab mich noch gefragt, warum an dem Auto nichts zu sehen war. Also ... weder dass ein Reifen geplatzt ist, kein Kühlerqualmen oder auch nur ne geöffnete Motorhaube aber naja ... , er zuckte mit den Schultern. Ich habe mir nichts dabei gedacht.
Ist doch auch verständlich, beruhigte ich ihn.
Er sah auf, wollte wohl noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. Stattdessen fuhr er mit seinem Bericht fort. Kaum hatte der Typ uns erreicht, hält er uns plötzlich eine Waffe unter die Nase. Ich dachte erst, das wäre so ein ... keine Ahnung ... versteckte-Kamera-Ding ... ich meine, wer rechnet denn mit sowas?
Niemand, nickte Jordan neben mir, die offensichtlich ganz in AJs Bericht vertieft war. Gut so.
Gleich darauf kam auch schon der Van angefahren, ergriff nun Nick das Wort. Und es stiegen diese seltsamen Typen aus.
Ironman und sein Gefolge, nickte ich.
Ironman? fragte AJ verwirrt.
Na, der große Typ mit der ..., ich senkte meine Stimme zu einem tiefen Brummen tiefen Stimme.
Jordan stieß mich an. Ich habe ihm den Namen der Eiserne gegeben, und der Anflug eines Lächelns erschien dabei auf ihrem Gesicht, doch er verschwand genau so schnell, wie er gekommen war.
Nun ja ... jedenfalls haben sie uns als erstes durchsucht, uns alles abgenommen, was auch nur im entferntesten als Waffe gebraucht werden könnte ... ,
Ja, unsere Handys, Geldbörse, Papiere, Feuerzeuge ..., warf Nick ein.
... und die Zigaretten, ergänzte AJ und ich spürte, dass er im Moment wahrscheinlich seinen rechten Arm für einen seiner Glimmstengel gegeben hätte.
In dem Moment fing es dann an zu regnen, fuhr AJ fort. Sie packten uns und haben uns in diesen beschissenen Van verfrachtet.
Ich habe euren Wagen gesehen, sagte Nick leise und es klang, als wolle er sich dafür entschuldigen. Aber wir konnten nichts tun.
Die Typen wurden sofort unruhig, nickte AJ. Sie hatten mit euch wohl nicht gerechnet.
Sieht ganz so aus, seufzte ich.
Und ihr habt wirklich keine Ahnung, was sie von euch wollen? fragte Jordan noch einmal, klang diesemal allerdings wesentlich ruhiger.
Nein, AJ schüttelte den Kopf. Ich nehme an, es geht um Lösegeld.
Tja, bei uns ist da wohl nichts zu holen, sagte ich leise.
Bei uns schon, entgegnete Nick genau so leise.
Na herzlichen Glückwunsch, schnaubte Jordan und lies den Kopf seufzend nach hinten gegen die Wand sinken.
Wieder senkte sich Stille über den Raum. Jeder schien in seiner eigenen Gedankenwelt abgetaucht zu sein, dachte vielleicht an Freunde und Familie, die zu Hause saßen und keine Ahnung hatten, was gerade mit uns passierte.
Wann wird euch jemand vermissen? fragte ich vorsichtig.
AJ und Nick sahen beide überrascht auf. Scheinbar war ihnen der Gedanke noch gar nicht gekommen. Spätestens heute Abend. Wir waren unterwegs zu einem Gig. Irgendwie ... wir waren spät dran und ... ach ... , er winkte ab. Das tut ja nichts zur Sache. Jedenfalls sollen wir eigentlich heute Abend auf einer Bühne stehen.
Die Worte Gig und Bühne versetzte mir einen Stich. Einen ziemlich schmerzhaften Stich, wie ich zugeben mußte und es verwunderte mich, wie tief der Schmerz immer noch saß. Daves Gesicht tauchte vor mir auf und ich schluckte schwer. Im Moment wäre ich sogar froh gewesen, wenn ich mich mit ihm hätte streiten könnte, denn dann wäre ich sicher zu Hause und versuchte die Scherben meines bisherigen Lebens zusammen zu kehren. Doch so wie es aussah, würde es eine Weile dauern, bis ich wieder nach Hause konnte. Wenn überhaupt ... Ich schüttelte den Kopf und senkte den Blick hinunter auf die gefalteten Hände in meinem Schoß. So weit würde ich nicht denken. Es gab immer Hoffnung, so lange, bis man sie selbst tötete.
Wenn sie also Lösegeld wollen und nicht daran interessiert sind, dass die Polizei sich einschaltet, spann Jordan den Gedanken weiter dann müssen sie scih bald mit euren Leuten in Verbinung setzen.
Sieht ganz so aus, nickte AJ.
Und das bedeutet, dass wir vielleicht gar nicht lange hier bleiben müssen, stellte sie fest.
Kommt darauf an ... , sagte Nick vage und traute sich dabei nicht, einen von uns anzusehen.
Darüber werden wir jetzt nicht nachdenken, sagte AJ mit Nachdruck.
Sicher, entgegnete Nick lahm, aber uns war allen klar, dass wir das gleiche Szenario, wenn vielleicht auch mit anderen Bildern vor uns sahen. Wer garantierte uns, dass sie uns laufen ließen, wenn sie das Lösegeld hatten?
Uns haben sie nicht durchsucht, sagte Jordan plötzlich nachdenklich und jetzt, wo sie es aussprach, ärgerte ich mich, dass ich auf diese Idee nicht schon früher gekommen war.
Wie auf Kommando richteten wir uns auf, begaben uns auf die Knie und begannen hektisch unsere Hosentaschen zu durchwühlen, während die Jungs sich gespannt vorbeugten.
Kreditkarte, sagte ich, während ich das im Moment nicht sehr hilfreiche Stück Plastik in die Mitte legte. Vier Dollar und dreißig Cent. Das Kleingeld machte ein dumpfes Geräusch, als ich es auf den rauen Dielenboden fallen lies. Benutztes Taschentuch, Haarklammern, Kaugummi, vollendete ich die Bestandsaufnahme.
Sechs Dollar siebzig, sagte Jordan und legte das Geld zu meinem Krimskrams.
Ich befürchte, damit können wir noch nicht mal eine Klofrau bestechen, gab ich zu bedenken und entlockte damit Nick tatsächlich ein leises Schmunzeln.
Kugelschreibermine, fuhr Jordan fort Zettel mit einer Telefonnummer von nem Typen, an den ich mich nicht mehr erinnern kann ... und ..., sie kramte tiefer in ihrer Hosentasche und plötzlich, als hätte jemand die Sonne in diesen stickigen, dunklen Raum hinein gelassen, erstrahlte ihr Gesicht und sie zog ihre Hand wieder hervor. Handy! rief sie triumphierend, was ein lautes, kollektives Psssst zur Folge hatte. Augenblicklich durchflutete mich ein so unglaubliches Glücksgefühl, dass ich meinte dringend aufspringen und tanzen zu müssen.
AJ und Nick grabschten gleichzeitig nach dem Telefon, doch Jordan entzog es sofort ihrer Reichweite.
Mooooment, sagte sie. Erstens ist das meins und auch nur ich werde es benutzen, zweitens sollten wir irgendeinen Plan haben, bevor wir es blindlings benutzen und drittens ... , sie warf einen kurzen Blick auf das Display, das durch einen Tastendruck zum Leben erwachte. Ist der Akku so gut wie leer und wir haben keinen Empfang. Ihre Stimme verlor immer mehr an Kraft, während sie diesen Satz hervorwürgte und zu tiefst enttäuscht sanken wir alle vier in uns zusammen.
Jetzt war es amtlich. Irgendjemand hatte ganz eindeutig etwas gegen uns.