Kapitel 4
-Keylas p.o.v.-
Der Van holperte über den unebenen Weg und schüttelte uns damit ordentlich durch. Mein Kopf schmerzte, mir war unglaublich kalt in den nassen Sachen und mein Verstand weigerte sich irgendeinen Kommentar zu der jetzigen Situation abzugeben.
Blinzelnd sah ich mich um. Ein kleines Fenster führte nach vorne ins Führerhaus, dahinter waren jedoch nur undeutliche Schemen zu erkennen. Ansonsten gab es kein Fenster und damit auch keine Lichtquelle. Ich fühlte mich augenblicklich, als hätte mich jemand in einen engen Schrank oder eine Kiste gesperrt und das Atmen fiel mir schwer.
Meine Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkel, während ich nach Jordans Hand tastete und sie ganz fest hielt. So lange wir zusammen blieben, war alles nur halb so schlimm.
Dann nahm ich plötzlich eine Bewegung in der hinteren Ecke der Ladefläche wahr und mit einem leisen, ängstlichen Laut rückte ich näher an Jordan heran.
Was? fragte sie sofort besorgt.
Da ist jemand, flüsterte ich kaum hörbar, während der Van um eine Kurve schwankte und dann scheinbar ebeneres Gelände erreichte, da das Rumpeln weniger wurde und der Wagen merklich an Fahrt zunahm.
Wo? flüsterte sie zurück und ich deutete in die Richtung, wo sich aus der Dunkelheit ganz langsam zwei Gestalten schälten.
Ich wußte nicht was ich sagen oder tun sollte. Plötzlich erinnerte ich mich an die beiden Personen, die von den Gangstern in den Wagen verfrachtet wurden, kurz bevor wir unseren waghalsigen Fluchtversuch gestarten hatten. Freund oder Feind?
Wir versteinert starrten wir auf die beiden Männer, die nun vorsichtig auf uns zugekrochen kamen und sich dann langsam uns gegenüber nieder ließen. Keiner von uns sprach ein Wort und ich hörte das laute Rasen meines Herzschlags in den Ohren pochen, während sich der Van immer weiter von unserem Ausgangspunkt entfernte.
Irgendwie kamen mir die beiden bekannt vor, auch wenn ich sie in dem diffusen Dämmerlicht, das hier drinnen herrschte, nicht wirklich gut erkennen konnte.
Der eine war groß und blond, sein ehemals weißes T-Shirt zierte dicke Dreckspritzer und klebte ihm nass am Körper. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand und hatte bebend die Arme um die angezogenen Knie geschlungen.
Der andere hatte sich dicht neben ihn gesetzt. Er trug eine Baseballkapp unter der dunkles Haar hervorlugte, ein schwarzes T-Shirt und war ebenfalls komplett durchnässt und mit Schlamm bespritzt.
Haben wir das alles euch zu verdanken? durchbrach die Stimme des Blonden die Stille und ich spürte, wie Jordan genau wie ich zusammen zuckte.
Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, gab ich zurück und spürte, wie ein Anflug von Wut über diese empörende Aussage in mir aufstieg. Was sollte jemand von Jordan und mir wollen?
Na das hier ... , er machte ein ausholende Handbewegung. Habt ihr irgendetwas damit zu tun?
Na hör mal! fuhr Jordan auf. Wir wollten einfach nur in Urlaub fahren, sind an dieser beschissenen Umleitung abgebogen und im nächsten Moment werden wir von diesen Typen durch den Wald gejagt. Ich würde sagen, wir sind wegen euch hier. Also halt gefälligst die Klappe!
Ist ja schon gut, entgegnete der Blonde und hob beschwichtigend die Hände. Inzwischen hatte sich ein ängstlicher Unterton in seine Stimme geschlichen und mir wurde augenblicklich klar, dass die beiden auch keine Ahnung hatten, was da gerade mit uns passierte und dass sie ebenso verängstigt waren..
Was sie wohl mit uns vorhaben? fragte Jordan leise und sprach damit den Gedanken aus, der mir auch gerade durch den Kopf gegangen war.
Ich habe keine Ahnung, sagte Blondi und schüttelte den Kopf. Sein Blick wanderte zu dem kleinen Fenster hinüber, als gäbe es dort eine Antwort auf all unsere Fragen.
Und du? Wandte ich mich an den dunkelhaarigen, der immer noch schweigend und ohne eine Miene zu verziehen neben dem Blonden hockte. Geht es dir gut?
Der dunkelhaarige nickte langsam, doch seine Augen glänzten dabei wie im Fieber.
Hey J., sagte der Blonde leise und beugte sich zu seinem Freund hinüber. Alles klar bei dir?
Geht schon, sagte der angesprochene leise. Du bist verletzte, wandte er sich unvermittelt an mich und ich wußte im ersten Moment nicht, was ich sagen sollte.
Diese Schweine, murmelte Jordan, kramte in ihrer Hosentasche und förderte ein durchweichtes Taschentuch zu Tage, mit dem sie mir vorsichtig die Stirn abtupfte.
Ist es sehr schlimm? fragte der Blonde mitfühlend und ich schüttelte ohne nachzudenken den Kopf, was erneut den Schmerz darin explodieren ließ.
Ja, man siehts, meinte der dunkelhaarige ironisch.
Ich bin übrigens Nick, sagte der Blonde unvermittelt und deutete dabei auf seine Brust und das da ist AJ, fuhr er fort, während er auf den junge Mann neben sich zeigte.
Jordan, sagte Jordan.
Keyla, entgegnete ich.
Was ... ? setzte Nick an, doch weiter kam er nicht, denn der Van wurde plötzlich merklich langsamer und wir erstarrten augenblicklich.
Meine Angst, die bis eben im Hintergrund gelauert hatte, weil ich zu sehr damit beschäftigt gewesen war, diese neue Situation irgendwie zu verdauen, meldete sich mit aller Macht zurück und ich spürte, wie Jordan neben mir anfing zu zittern. Ich legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie noch ein Stück näher zu mir heran.
Der Van fuhr inzwischen nur noch Schrittgeschwindigkeit, bevor er endgültig ausrollte und dann zum Stehen kam. Wie gebannt starten wir alle vier auf die geschlossenen Türen. Eine Ewigkeit, so schien es mir, hielt ich die Luft an, doch nichts geschah.
Jordan legte ihr Ohr an die Wagenwand und ich tat es ihr gleich. Ganz leise war unverständliches Gemurmel zu hören. Für einen winzigen Moment sahen wir uns an, dann nickten wir unisono und fingen dann an loszubrüllen.
Hallo? Hiiiiiilfe!! Wir sind hier drinnen eingesperrt. Hiiiiiilfe!!
Gleichzeitig hämmerten wir mit Händen und Füßen gegen die Wand und auf den Boden ein. Nick und AJ verstanden scheinbar ziemlich schnell, denn sie begannen ebenfalls laut zu rufen und gegen die Wagenwand zu hämmern.
Der Van begann leicht zu schwanken, der Krach war in diesem kleinen Raum ohrenbetäubend laut und schmerzte in meinem Kopf, doch ich gab nicht auf.
Plötzlich wurde unvermittelt die Tür aufgerissen und wir starrten direkt in das verblüffte Gesicht eines Polizisten. Durch den immer noch heftig fallenden Regen konnte ich im Hintergrund seinen Polizeiwagen erkennen, der am Straßenrand geparkt war.
Bitte, helfen sie uns ... , setzte ich an, doch dann tauchte hinter ihm plötzlich eine Gestalt auf. Wir schrieen alle vier gleichzeitig auf, doch es war schon zu spät. Ich sah noch die Bewegung eines Armes und dann füllte bereits eine ohrenbetäubender Knall das Wageninnere.
Verblüfft starrte der Polizist an sich hinunter und legte dann wie in Zeitlupe die Hand auf seinen Bauch. Blut quoll durch seine Finger hervor und ein heiseres Röcheln drang aus seiner Kehle. Er hatte noch Zeit uns einen vollkommen verstörten Blick zuzuwerfen, dann sackte er in sich zusammen.
Ich sah, wie einer unserer Entführer ihn packte und ihn an den Straßenrand schleifte, während sein Partner bereits mit einem großen Schritt in das Wageninnere trat. Nick war bereits dabei sich in die Höhe zu stemmen, doch der Mann war schneller. Er holte aus und trat Nick mit voller Wucht in den Magen, so dass dieser mit einem erstickten Laut in sich zusammen klappte, dann zog der Mann eine Waffe und richtete sie auf AJ, der ebenfalls bereits eine Hand gegen die Wagenwand gestützt und sich halb aufgerichtet hatte.
Denk noch nicht einmal daran, knurrte Nicks Peiniger und AJ ließ sich langsam wieder an der Wand hinunter gleiten.
Hinter dem Mann tauchte ein weiterer auf und erst als er ebenfalls zu uns in den Wagen kletterte sah ich, was er in der Hand hielt. Das reißende Geräusch, das das Klebeband verursachte, erzeugte eine Gänsehaut auf meinem gesamten Körper.
Ohne Umschweife trat er an Jordan heran, riss etwas von dem Klebeband ab und klebte es ihr über den Mund.
Hören sie auf, schrie ich und wollte mich auf ihn stürzen, doch seine Hand, die plötzlich wie ein Schleuder auf mich zugerast kam und mich brennend an der Wange traf, stoppte meine Vorwärtsbewegung. Ich wurde nach hinten katapultiert und landete unsanft auf meinem Hosenboden, während es in meinen Ohren von dem Schlag zu klingeln begann. Benommen tastete ich nach einem Halt, fand ihn nicht und fiel unbeholfen zur Seite.
Noch bevor ich mich wieder in eine aufrechte Position begeben konnte, wurde ich am Arm gepackt, in die Höhe gezerrt und gegen die Wagenwand geschleudert.
Sitzen bleiben, herrschte mich der Mann an, dessen Gesicht ich nicht erkennen konnte, weil es im Schatten seiner Kapuze lag. Meine Fantasie malte grauenhafte Fratzen in dieses schwarze Oval und ich begann leise zu wimmern.
Ich hörte das Ratsch des Klebenbandes und bekam nur am Rande mit, wie mein Mund verschlossen, meine Hände im Rücken zusammengebunden und auch meine Fußknöchel umwickelt wurden. Vor meinen Augen verschwamm immer wieder alles, stellte sich wieder scharf und kippte dann erneut zur Seite.
Hektisch versuchte ich genug Luft durch meine Nase zu pressen und dabei das Gleichgewicht nicht zu verlieren, während der Mann von einem zum anderen ging und uns alle vier wie Postpakete verschnürte. Währenddessen hielt uns sein Begleiter mit der Waffe in Schach, was eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre. Niemandem von uns schien noch den Wunsch nach Gegenwehr zu verspüren.
Schließlich drehten die beiden Männer sich herum, sprangen aus dem Wagen und knallten die Türen hinter sich zu. Gleich darauf schwankte der Van, weil sich die Entführer zurück ins Führerhaus begaben, und mit einem dumpfen Grollen startete der Motor.
Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung und wenn uns vorher noch nicht klar gewesen war, in welcher Gefahr wir schwebten, dann spätestens jetzt. Das entsetzte Gesicht des Polizisten wollte nicht vor meinen Augen verschwinden und ich fragte mich panisch, was diese zweifellos total verrückten Monstren mit uns vor hatten.