Kapitel 3
~Jordans p.o.v.~
Mir stockte der Atem. Die vermummte Gestalt, die soeben wie aus dem nichts hinter dem Van aufgetaucht war, schubste den jungen Mann nun unsanft in Richtung der Ladeklappen am hinteren Teil des Wagens. Ich war so gebannt von diesem Anblick, dass ich nicht fähig war etwas zu sagen. Kurz nachdem die Person den Mann ins Innere des Vans bugsiert hatte, tauchte eine weitere in eine dunkle Wachsjacke gekleidete Figur durch den Regenvorhang auf. Meine Augen brannten, weil ich so angestrengt versuchte durch die Wasserschicht auf der Windschutzscheibe etwas zu erkennen und meine Atmung setzte vollständig aus, als ich eine vierte Gestalt ausmachen konnte. Auch sie schien in dieser Szenerie eher unfreiwillig aufzutauchen und wurde ebenfalls unsanft in den Kofferraum des Vans verfrachtet.
Wenn dies keine Polizeiaktion ist, dann sollten wir schnell eine daraus machen flüsterte Keyla neben mir und ich bemerkte das Zittern in ihrer Stimme.
Ich konnte ihr nur nickend zustimmen und suchte bereits, zwischen den Sitzen nach meiner Handtasche um mein Handy hervorzuholen. Es gab bestimmt tausend plausible Erklärungen für diesen Anblick, aber in meinem Kopf spielten sich lediglich die schlimmen, aus Gruselfilmen bekannten Szenen ab.
Die Beifahrertür des Vans öffnete sich und ein großgewachsener Mann mit versteinerter Miene stieg aus, setzte sich die Kapuze seiner Jacke auf und ging auf die beiden anderen zu. Waren die beiden bis jetzt zwar sehr unheimlich gewesen, so war dieser Kerl wirklich beängstigend. Während er sich mit den anderen unterhielt, meinte ich seinen stechenden Blick nicht einen Moment von uns weichen zu spüren.
Ich griff zum Anschnallgurt und legte ihn mir um, bevor ich die Gangschaltung in den Rückwärtsgang brachte und kurz zu Keyla hinüber sah.
Schnall dich an, Süsse
Sie sah mich mit ihren großen Augen fragend an, aber ich hatte nicht die Zeit noch die Absicht ihr jetzt lang und breit zu erklären was ich vor hatte.
Schnall dich bitte an wiederholte ich daher schlicht und sie folgte meiner Bitte. Sobald ich das Klicken ihres Gurtes vernommen hatte, startete ich durch.
Zeit um nach vorne zu blicken hatte ich nicht, zu sehr musste ich mich auf den Weg konzentrieren und darauf trotz des Regens überhaupt etwas zu sehen denn einen Scheibenwischer an der Heckscheibe hatte ich nicht.
Was machen sie? fragte ich Keyla, während ich den Wagen in rasendem Tempo rückwärts den Weg entlang lenkte.
Sie folgen uns keuchte sie und meine Finger die das Lenkrad umschlossen hielten verkrampften sich augenblicklich.
Scheisse Ich drückte das Gaspedal weiter durch und konnte nur daran denken uns wieder heil hier heraus zu bringen.
Mein Plan wurde jedoch schnell durchkreuzt als es erneut aufblitzte, ich geblendet von dem gleißenden Licht vom Weg abkam und den Wagen mit dem Heck gegen eine stämmige Fichte setzte.
Der Motor meines Chevys gab noch ein, zwei glucksende Geräusche von sich und erstarb dann völlig.
Mein Kopf dröhnte als ich ihn hob und mein Körper zitterte noch von dem immensen Ruck der durch den Wagen gegangen war, als sich der mächtige Baumstamm in den Kofferraum geschoben hatte.
Ich wendete mich Keyla zu, die über das Armaturenbrett gebeugt in ihrem Sitz sass und vollkommen bewegungslos war.
Keyla? Vorsichtig erfasste ich ihre Schulter und zog ihren Oberkörper langsam zurück.
Gott sei Dank, ihre Augen waren geöffnet und sie schien bei Bewusstsein zu sein. Über ihre Stirn zog sich jedoch ein kleiner Rinnsal dunkelroten Blutes.
Schatz? sprach ich sie erneut an und ein gequältes Stöhnen entrang sich ihr.
Ich hatte das Gefühl mein Herz würde jeden Moment die Enge meines zugeschnürten Brustkorbes sprengen, als ich aus dem Wagen sah und entdeckte dass der Van nur ein paar Meter vor uns gestoppt hatte, die Türen bereits geöffnet waren und sich die drei Insassen auf den Weg zu uns machten.
Wir müssen hier raus Ich befreite mich energisch von meinem Sicherungsgurt, öffnete Keylas, da sie durch den Aufprall immer noch benommen zu sein schien, riss die Türe auf und zog meine beste Freundin mit mir über den Fahrersitz nach draussen.
Innerhalb von Sekunden war unsere Kleidung durchnässt, klebte unangenehm auf unserer Haut und ich wusste nicht mehr ob der Regen von oben oder unten kam, so dicht bildete sich der Schleier aus Wasser um uns herum.
Fest hielt ich Keylas Hand und schlug den Weg ins Innere des Waldes ein, traute mich kaum einen Blick zurückzuwerfen und als ich es doch tat, waren alle Verfolger uns dicht auf den Fersen.
Der Waldboden war zu einer einzigen zähen Masse Morastes geworden und erschwerte uns unsere Flucht immens, da unsere Schuhe immer wieder in der aufgeweichten Erde steckenblieben.
Wir müssen uns trennen kam es plötzlich von Keyla, die sich anscheinend wieder vom ersten Schock des Unfalles erholt hatte.
Ich schüttelte hektisch den Kopf. Trennen? Damit wir uns am Ende vielleicht nicht mehr wiederfanden? Oder diese Typen es schafften eine von uns zu überwältigen? Nein, wenn wir zusammen blieben war die Chance in meinen Augen höher hier wieder lebend heraus zu kommen. Aber schon hatte Keyla mir ihre Hand entzogen und rannte weiter nach links während ich immer noch gerade aus lief. Ich blieb stehen, wollte sie nicht aus den Augen verlieren, hatte aber schon längst sämtliche Orientierung verloren.
Das Gewitter toste und machte den Wald zu einem Anblick, der mich an den Weltuntergang erinnerte.
Grade eben waren wir doch noch auf dem Weg in einen wohlverdienten Urlaub gewesen und nun sahen wir uns drei Verfolgern gegenüber, bei denen ich zweifellos davon ausging, dass sie nicht nur eine Unterhaltung mit uns führen wollten.
Ich vernahm eine abrupte Bewegung links von mir und lagsam formte sich Keylas Silhouette wieder vor meinen Augen und dann sah ich die schwarze Gestalt die hinter ihr auftauchte. Ein Blitz zuckte auf und ich konnte erkennen wie die Person hinter ihr eine Waffe in der Hand hob und sie auf Keyla niedersausen lassen wollte. Ich sammelte alle Luft die in meinen Lungen war und wollte sie warnen.
KEYLA!!!!!!! schrie ich verzweifelt auf, im gleichen Moment jedoch grollte der Donner über uns hinweg und ich wusste dass sie mich unmöglich gehört haben konnte. Tränen stiegen in mir auf und vermischten sich mit dem Regenwasser auf meinen Wangen, angestrengt versuchte ich sie wieder zwischen den Bäumen ausfindig zu machen, aber weder sie noch der Mann der sie vermutlich bewusstlos geschlagen hatte waren zu sehen.
Ich schlang die Arme um mich, begann mich im Kreis zu drehen und die Gegend nach meiner Freundin abzusuchen, immer wieder schüttelte mich mein eigenes Schluchzen.
Und dann wurde ich plötzlich zu Boden geschleudert. Ich schrie auf und schmeckte augenblicklich den lehmigen Geschmack des Waldbodens, der in meinen Mund floss, dann wurde ich wieder auf die Beine gezerrt und eine fremde Hand griff fest in mein Haar und zog somit meinen Kopf nach hinten.
Verhalte dich ruhig und dir passiert nichts
Ich versuchte zu nicken, soweit mir dass in meiner momentanen Position möglich war. Ich würde mich nicht wehren, ich wollte nur zu Keyla und ich war mir sicher, dass sie bereits von den Männern aufgelesen worden war.
Gut dröhnte die tiefe Stimme in meinem Ohr und ich wurde unsanft wieder zurück zum Weg geschliffen.
Ich war erstaunt, dass wir es nicht mehr als ein paar Meter vom Wagen weggeschafft hatten. Es war mir vorgekommen, als hätte diese unselige Jagd uns viel weiter vom Weg fortgeführt.
Am Van hatte der andere Verfolger bereits Keyla in seinem Klammergriff und winkte nun meinen Peiniger zu sich heran.
Grob stiess er mich vorwärts und aus den Augenwinkeln konnte ich Keylas blasses Gesicht ausmachen und die Blutspur an ihrer Stirn erschien mir größer als vorher.
Der Regen prasselte immer noch auf uns hernieder und aus dem Grün des Waldes war ein einziges Grau geworden.
Keyla streckte ihre Hand nach mir aus und ich bemühte mich, sie zu berühren, aber kaum dass sich unsere Fingerspitzen berührt hatten wurden wir auch schon wieder auseinandergerissen.
Die Türen des Vans wurden aufgestossen und schmerzhaft machte meine rechte Schulter Bekanntschaft mit dem harten Metallboden, als ich einen Schubs bekam und auf die Ladefläche fiel.
Keyla folgte mir und prallte unsanft gegen mich.
Ohne ein weiteres Wort schlossen sich die Türen wieder und der Wagen begann sich allmählich in Fahrt zu setzen.
Mühsam rappelte ich mich auf und befühlte das Pochen in meiner Schulter, bevor ich mich Keyla zuwandte.
Alles okay bei dir? kam es beinahe zeitgleich von uns beiden und wären wir nicht in dieser beängstigenden Situation gewesen, hätte ich wohl gelacht, dass wir wieder gleich gedacht hatten.
Aber so?
Ja, mir geht's gut sagte ich schließlich und sah sie fragend an.
Alles klar soweit kam es von Keyla und ich betrachtete mir ihre Stirnwunde etwas genauer.
Vorsichtig strich ich ihr mit dem Daumen das Blut weg, das sich bereits seinen Weg bis zu ihrer Schläfe gebahnt hatte und liess mich dann wieder zurücksinken.
Wo waren wir hier nur hineingeraten?