Kapitel 2
-Keylas p.o.v.-
Nächster Halt: Fließend Wasser und schwarzer Kaffee, lachte ich, während ich auf das Hinweisschild deutete, das eine Tankstelle mit angeschlossenem Diner in 10 Meilen ankündigte.
Gott sei Dank, seufzte Jordan neben mir. Ich will Kaffeeeeeee! Und zwar sofort!
Dann gib deinem Hengst die Sporen, kicherte ich und bemerkte belustigt, dass Jordan tatsächlich Gas gab, die Geschwindigkeitsbeschränkung von 80 Meilen weit überschritt und der Motor des alten Chevy unheilvoll zu brummen begann.
Ob das der alte Junge noch mitmacht? gab ich zu bedenken.
Dieses Baby hier, verkündete Jordan stolz, während sie liebevoll das Lenkrad tätschelte würde uns noch um die ganze Welt bringen, wenn wir das möchten.
Also ich bin dabei, grinste ich.
Wenn wir die Rockys erst einmal erreicht haben
, bremste mich Jordan und kicherte dann.
Wenig später tauchte tatsächlich eine Tankstelle aus dem Dunst auf. Auf dem Parkplatz davor standen nur wenige Autos, flankiert von riesigen Trucks. Das flache Gebäude des Diners sah mit seinen hell erleuchteten Fenstern und den kleinen Sitznischen an der Fensterfront sehr einladend aus und mein Magen begann augenblicklich zu knurren.
Erst müssen wir aus uns wieder so etwas wie Menschen machen, grinste Jordan mit einem kurzen Blick hinunter auf den rumorenden Teil meines Körpers.
In Ordnung. Wenn du die Rechnung bezahlst.
Wovon träumst du nachts? lachte Jordan und stieg schnell aus, bevor sie mein freundschaftlicher Klaps auf die Schulter erreichen konnte.
Wir streckten und reckten uns einen Moment, sogen dabei tief die noch kühle aber frische Morgenluft ein und machten uns dann daran, den Kofferraum auszuräumen.
Weder Jordan noch ich waren ein Organisationstalent und so hatten wir in den paar Tagen, die wir bisher unterwegs waren, unsere Reisetaschen schon mehrmals um-, aus- und wieder eingepackt. Doch das machte nichts. Es war ein weiteres Ritual, das uns miteinander verband, auch wenn das seltsam klingen mag.
Die Tankstelle verfügte über einen kleinen Waschraum. Während wir uns in den Toilettenkabinen umzogen, schwärmten wir von der unberührten Natur um uns herum und malten uns aus, was uns in den Rocky Mountains wohl erwarten würde. Für uns beide war dies etwas ganz neues: Wir hatten ein gemeinsames Ziel, sämtliche Belastungen von zu Hause hinter uns gelassen und waren bereit für einen neuen Anfang.
Nun ja
sagen wir
ich war bereit. Was Jordan betraf
das würde wahrscheinlich noch ein bisschen dauern.
Schließlich standen wir nebeneinander an den winzigen Wachbecken und putzten uns die Zähne. Jordan hatte ihr langes, honigblondes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden und ihre himmelblauen Augen schienen inzwischen ganz wach zu sein und strahlten ihrem Spiegelbild entgegen. Sie hatte sich heute für eines meiner T-Shirts entschieden und so prangte auf rotem Grund die Silhouette einer tanzenden Frau.
Ich selbst trug ein schwarzes T-Shirt mit dem Zeichen für Gift darauf ein Totenschädel mit gekreuzten Knochen darunter. Beide trugen wir für Jeans und unsere neuen Wanderstiefel. Man wusste ja nie, wo wir heute noch landen würden.
Magschdu misch küschen? grinste Jordan, während ihr die Zahnpasta aus dem Mund tropfte.
Nua, wenn isch ausch darf, gab ich nuschelnd zurück und schon waren wir dabei uns lachend und kreischend gegenseitig dicke Zahnpastaschmatzer ins Gesicht zu drücken.
Um es kurz zu machen: Nachdem wir den halben Waschraum unter Wasser gesetzt, die Rückstände der Zahnpasta beseitigt und uns einigermaßen wieder hergestellt hatten, konnte es endlich los zum Frühstück gehen.
Gott, ich wüsste nicht, was ich ohne Jordan machen sollte. Sie war diejenige, die mich immer wieder aufrichtete, wenn ich wegen Dave mal wieder einen Durchhänger hatte, sie brachte mich immer zum Lachen und sie war auch eine der wenigen Menschen, die ähnlich schräg und verrückt war, wie ich.
Wir hatten uns sozusagen gesucht und gefunden und das war wahrscheinlich das einzige, wofür ich Dave heute noch dankbar war.
Eine Stunde später waren wir, inzwischen satt und äußerst zufrieden, wieder unterwegs. Wir hatten über das Internet mitten im Rocky Mountains Nationalpark einen Stellplatz auf einem Campingplatz gebucht und während ich, etwas verzweifelt wie ich zugeben muß, die Karte auf meinem Schoß drehte und wendete um den winzigen Ort zu finden, der bestimmt nur um mich zu ärgern gar nicht auf der Karte verzeichnet war, zog sich der Himmel immer mehr zu.
Heute Morgen hatte es noch so ausgesehen, als stünde uns ein herrlicher Sonnenaufgang bevor, doch die dunklen Gewitterwolken waren schneller. Von allen Seiten strömten sie zusammen und bildeten schnell eine undurchdringliche Wolkendecke. Die Welt schien ihre Farben zu verlieren, während es draußen langsam wieder dunkel wurde.
Ich habs gewusst, grummelte Jordan neben mir.
Hm? fragte ich, weil ich vor lauter Kartenfalten, -drehen und wenden nichts mitbekommen hatte.
Erstens, verkündete sie wird es gleich in Strömen regnen und darauf habe ich überhaupt keine Lust,
Da bin ich bei dir Schwester, nickte ich ernst und warf einen genaueren Blick hinauf in den Himmel.
Und zweitens, steht hier mitten in der Prärie ein Umleitungsschild. Mal ehrlich, da will uns doch irgendjemand verarschen, oder?
Der Wagen wurde langsamer, während wir auf das gelbe Schild (sind die in Amerika auch gelb? Oder doch orange? Ähm
ich hoffe, du weißt so was *g*) zurollten.
Fassungslos starrten wir beide zu dem Schild auf. Hier war weit und breit nichts. Kein Ort, keine Tankstelle, nicht einmal Kühe schien es hier zu geben. Und doch sollten wir hier rechts abbiegen.
Wo kommen wir denn dann raus? fragte Jordan und warf einen kurzen Blick auf die Karte in meinem Schoß hinunter.
Ich befürchte, ich habe unterwegs irgendwie die Orientierung verloren, gestand ich zähneknirschend. Also
uhm
vor ner Stunde sind wir hier durchgekommen, erklärte ich und deutete auf einen Punkt am rechten, äußeren Rand der Karte.
Demnach müssten wir dann hier
irgendwo
sein, murmelte Jordan und rutschte noch ein Stück weiter zu mir rüber.
Kann gut sein.
Also wenn wir da lang fahren, sind wir morgen früh noch nicht auf unserem Campingplatz, stellte sie fest.
Und wenn wir gerade aus fahren, kommen wir nie an, lächelte ich gequält.
Also Pest gegen Cholera.
Not gegen Elend.
Fisch gegen Spinat.
Wir kicherten.
Also dann eben rechts, sagte Jordan schließlich und fuhr wieder los.
Wir bogen von der breiten, zweispurigen Hauptstraße auf einen wesentlich schmaleren Weg und fuhren dadurch direkt auf ein kleines Waldstück zu.
Sehr vertrauen erweckend, stellte ich unbehaglich fest, als wir in den Wald eindrangen, der Weg immer schmaler wurde und sich das Blätterdach über uns langsam zu schließen begann.
Wem sagst du das, gab Jordan zurück, während sie die Scheinwerfer einschaltete. In ihrem Gesicht konnte ich ein ähnliches Unbehagen wie in meinem lesen.
Plötzlich flammte ein Blitz auf und tauchte das Innere des Wagens für den Bruchteil einer Sekunde in gleißendes Licht.
Wir begannen beide gleichzeitig zu zählen.
Eins
zwei
drei
v
Es donnerte krachend und wir zuckten beide erschrocken zusammen.
Na super, kann es eigentlich noch schlimmer kommen? fragte Jordan.
Es blitzte erneut und wieder zählten wir den Abstand bis es donnerte.
Eins
zwei
dr
Ich hatte das Gefühl, dass der Wagen unter dem Donnerschlag erzitterte und blickte unbehaglich zu Jordan hinüber.
Sag nichts mehr vonwegen kann es noch schlimmer kommen. Scheinbar will uns gerade jemand beweisen, dass das durchaus geht.
In diesem Moment öffnete der Himmel seine Schleusen und dicke Regentropfen trommelten augenblicklich auf das Wagendach.
Jordan und ich sahen uns an und wie auf Kommando prusteten wir los.
Hey du da oben! brüllte Jordan in Richtung Wagendach. Wir sind immer brav gewesen und haben unsere Teller leer gegessen. Was soll das?
Genau! brüllte ich jetzt ebenfalls. Da liegt ne Verwechslung vor!
Wir kicherten immer noch, während um uns herum die Welt in einem Wolkenbruch biblischen Ausmaßes versank. Jordan schaltete die Scheibenwischer auf die höchste Stufe, doch der Weg vor uns war trotzdem kaum noch zu erkennen und wir wurden merklich langsamer.
Das ist echt ätzend, beschwerte sie sich, während sie immer näher in Richtung Windschutzscheibe rutschte, um mehr erkennen zu können.
Vielleicht sollten wir rechts ran fahren und warten, bis das schlimmste vorbei ist, schlug ich vor.
Hm
vielleicht.
In diesem Moment tauchte ein Wagen vor uns aus der Dunkelheit auf und erschrocken trat Jordan auf die Bremse. Wir waren Gott sei Dank nicht sehr schnell und so blieben wir ein gutes Stück vor dem Lieferwagen stehen, der mitten auf Straße stand und somit unser vorwärts kommen blockierte.
Ich schwöre, dass ich nie wieder mit dem da oben schimpfen werde, murmelte ich ehrfürchtig, weil mir das Ganze nun doch langsam aber sicher unheimlich wurde. So viel Pech auf einmal konnte doch gar niemand haben.
Da hat bestimmt jemand ne Panne, stellte Jordan fest, während sie zwischen den sirrenden Scheibenwischern versuchte, irgendetwas zu erkennen.
Der dunkle Van vor uns war nur als Schemen in der Dunkelheit des Waldes auszumachen. Nichts rührte sich.
Und nun? fragte ich, nicht wirklich von der Idee angetan, das schützende Wageninnere zu verlassen und hinaus in den strömenden Regen zu gehen.
Ich würde vorschlagen
, doch weiter kam sie nicht.
Neben dem Van entstand plötzlich Bewegung und was wir dann zu sehen bekamen, lies uns beide den Atem stocken.
Eine vermummte Gestalt tauchte aus der Dunkelheit auf und führte eine, sich heftig wehrende Person vor sich her.