Kapitel 1
-Jordans p.o.v.-

Die Luft war klamm vom morgendlichen Tau und mich fröstelte es, weil sich die Feuchtigkeit wie ein Film auf meine Haut und Haare legte.
Ich nahm Keyla ihren Rucksack ab und packte ihn zu den anderen Utensilien im Kofferraum, während sie unsere Schlafsäcke zusammenrollte.
Es war unser erster gemeinsamer Ausflug, seit wir uns vor zwei Jahren kennen gelernt hatten.
Ich arbeitete damals noch als Barkeeperin im Stiells, einer Bar mit angrenzendem Nachtclub. Ich weiss nicht mehr genau, warum ich sie damals ansprach, schließlich war sie nicht mehr als ein normaler Gast. Aber ich merkte sofort, dass etwas mit ihr nicht stimmte, als sie die Bar betrat und sofort einen doppelten Whiskey bestellte.
Ihre eigentlich wirklich tollen, braunen Haare, um die ich sie heute noch beneide, lagen in einem wilden Wirrwarr auf ihrem Kopf und ihre Augen waren rot vom Weinen.
Wer schon einmal an einer Bar gearbeitet hat, weiss dass man manchmal mehr als nur der Kellner ist. Seelentröster zu spielen ist unsere zweitliebste Beschäftigung.
Und so fragte ich sie nach ihrem dritten Whiskey warum sie so traurig sei und gelöst durch den Alkohol, schüttete sie mir ihr Herz aus.
Ihr damaliger Freund Dave hatte kurz zuvor die Beziehung beendet, eigentlich die einzig mögliche Erklärung für eine weinende und sich betrinkende Frau in einer Bar...
Dave war Sänger in einer Rock & Roll-Band gewesen und der Meinung, dass, nachdem sie einen ausverkauften Gig gespielt hatten, er sich jetzt um andere Dinge zu kümmern hatte, als um seine Freundin. Keyla war tief getroffen von seiner Bereitwilligkeit, sie so einfach aufzugeben. Ich glaube sie hatte sich damals schon als zukünftige Misses Andrews gesehen. Sie tat mir leid, wie sie so einsam und verlassen an meiner Theke sass und ihre Tränen auf dem polierten Mahagoni vergoss. Als meine Schicht endete, brachte ich es nicht übers Herz, sie weiter dort sitzen zu lassen. Also brachte ich sie in ihre Wohnung, kochte ihr noch einen Kaffee und war erst in den frühen Morgenstunden in meine eigene Wohnung zurückgekehrt.
Seitdem trafen wir uns regelmässig und mit der Zeit entwickelte sich zwischen uns eine tiefe Freundschaft. Ich war und bin froh sie zu haben. Sie hat mir schon bei so vielen Dingen zur Seite gestanden...wie auch jetzt. Als meine Gedanken flüchtig die Geschehnisse der letzten Wochen streiften schüttelte ich innerlich den Kopf. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht in unserem schwer verdienten Urlaub.
Leider war unser Ausflug nicht sonderlich gut geplant. Schon vor Tagen waren wir in Los Angeles aufgebrochen, hatten Kalifornien verlassen, einen Teil Nevadas durchkreuzt und uns schließlich durch den gesamten Staat Utah gequält.
Jetzt endlich waren wir in Colorado angekommen und unser Ziel, der Rocky Mountains Nationalpark war nur noch wenige Autostunden entfernt.
Leider hatten wir uns im Vorfeld keinerlei Überlegungen dazu gemacht wo wir unsere Nächte verbringen sollten. In unserer Naivität wollten wir einfach im Wagen oder in dem mitgenommen Zelt übernachten, sobald wir zu müde wurden um weiterzufahren. Keine von uns beiden verdiente viel Geld, jede Nacht in einem Motel zu schlafen hätte also unser Budget für diese Reise gesprengt.
Völlig ausser Acht gelassen hatten wir dabei, dass das Wildcampen in vielen Regionen verboten war. Und so mussten wir auch jetzt wieder unsere Zelte abbrechen.
Der Wächter des Parks, den wir uns als Nachtdomizil ausgesucht hatten, forderte uns nicht grade freundlich dazu auf, uns einen ausgewiesenen Campingplatz zu suchen und wollte uns nicht einmal für den Rest der Nacht dulden.
So standen wir nun in unseren Jogginghosen und dicken Pullis um kurz vor 5 auf dem verlassenen Parkplatz auf dem ich meinen alten Chevy abgestellt hatte und hatten nicht die geringste Ahnung, was wir nun machen sollten.
Ich war noch immer müde von der letzten Etappe, die wir hinter uns gebracht hatten und die morgendliche Kühle, die nun in der Luft lag, half mir nicht wirklich dabei wach zu werden.
Obwohl der Weg eigentlich unser Ziel war, wie es bei einem echten Roadtrip nun mal Tradition ist, verfluchte ich mittlerweile die Zeit im Wagen. So kalt die Nächte in dieser Region waren, so heiss waren die Tage und die Klimaanlage meines Wagens hatte uns kurz nach der Überquerung der Grenze zu Colorado verlassen. Ich wollte einfach nur noch ankommen.
Keyla gähnte neben mir und hielt sich ihre Hand, die sie tief in den Ärmel ihres Pullovers gezogen hatte vor den Mund. Kurz wuschelte sie sich dann durch ihre braunen Locken und sah mich mit immer noch nicht wirklich geöffneten Augen an.
„Soll ich fahren?“ fragte sie und ich schüttelte den Kopf
„Nein, ist schon okay, ich hoffe nur wir finden auf dem Weg eine Tankstelle, ich brauch unbedingt einen heissen Kaffee.“
Damit öffnete ich die Fahrertür des Wagens und stieg ein, Keyla tat es mir gleich und liess sich matt in den Beifahrersitz fallen.
„Du kannst ruhig noch etwas schlafen, Süsse,“ gab ich mit einem Blick auf meine völlig übermüdete Freundin von mir, aber davon wollte sie nichts hören.
„Was wäre das denn für ein Urlaub? In dem ich schlafe und du lustlos durch die Bretagne gurkst. Nein, ich bin hellwach.“ Ein erneutes Gähnen, strafte sie jedoch Lügen und ich schüttelte den Kopf.
„Wirklich es macht mir nichts aus,“ entgegnete ich wieder und wünschte doch , dass sie wach blieb. Wenn wir uns unterhielten, würde ich wenigstens nicht Gefahr laufen hinter dem Steuer einzuschlafen.
„Jordan Tanner, ich sag’s zum letzten Mal, ich bin wach,“ ihre Stimme klang gebieterisch aber ich sah ihre Mundwinkel zucken und wie zur Unterstützung ihrer Worte riss sie ihre braunen Augen weit auf und brachte mich damit zum lachen.
„Okay, du bist wach, ich seh’s,“ lachte ich und startete den Wagen. Mit dem altbekannten brummenden Geräusch setzte sich mein alter Kombi in Bewegung und ich schaltete das Licht ein.
Die feinen nebelartigen Wassertröpfchen des Taus, tauchten weiss vor dem Licht des Wagens auf und wieder wurde mir kalt. Augenblicklich beugte sich Keyla vor und drehte den Heizregler nach oben, bevor sie sich selbst umarmte und warmrubbelte.
Der Kies des Parkplatzes knirschte leise unter den Reifen als ich auf die Interstate abbog und wieder einmal einer endlos langen, sich hinziehenden Fahrt entgegensah.
Die ersten Meter des Weges verbrachten wir schweigend. Ich glaube, jede von uns musste sich erst noch von dem bisschen Schlaf befreien, der uns immer noch umklammerte. Aber das war das Schöne an unserer Freundschaft. Wir waren nicht ständig gezwungen miteinander zu reden. Wir wussten auch so, dass wir uns mochten, ohne es durch ständige Konversation bezeugen zu müssen, bei der zwar viel geredet, aber nichts gesagt wurde.
Ich begann mir das Gebiet durch das wir fuhren, genauer anzusehen. Je näher wir dem Nationalpark kamen, desto deutlicher wurde die Schönheit der uns umgebenden Natur. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es legte sich bereits ein dünner grauer Streifen auf den Horizont. Hohe Tannen säumten die Strasse und egal wo man hinsah, alles erstrahlte in tiefem satten Grün.
„Musik?“ Keyla sah mich fragend an und ich nickte.
Sie drehte den Knopf des alten Radios herum, es knackte kurz in den Boxen und dann ertönte ohrenbetäubend laute Musik aus ihnen. Wir hatten wohl vergessen den Regler wieder herunterzudrehen, nachdem wir gestern ziemlich lautstark unterwegs gewesen waren.
Sofort drehte Keyla die Musik wieder herunter.
Ich lachte und sie stimmte mit ein.
„Eigentlich der beste Weg um wach zu werden, oder?!“ sagte sie und warf mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Ich bekam große Augen und stimmte ihr eifrig zu
Sie biss sich in voller Vorfreude auf die Unterlippe und stellte die Musik wieder lauter. Texas mit ihrem Inner Smile durchfluteten den Wagen und ich begann den Takt auf dem Lenkrad mit zu klopfen.
Auch Keyla wurde allmählich richtig wach und wippte mit dem Kopf.
Ich tat es ihr gleich und bald hatten wir einen gemeinsamen Rythmus gefunden.
Wir sahen bestimmt total bescheuert aus, aber Keyla musste das natürlich noch toppen indem sie begann lauthals mitzusingen.
„Cause you make me feeeeel“ sie hielt sich ihre Faust vor die Lippen, als würde sie in ein Mikrofon singen und ich musste lachen.
„Cause you make me feel wiiiild“ sang sie weiter und ich konnte nur den Kopf über sie schütteln, als sie sich jetzt noch in Pose warf und mich serenierte.
Dann hielt sie mir ihre Hand hin und ich musste wohl oder übel mitmachen.
„You touched my inner smile“ kicherte ich mehr als dass ich sang und bekam bestimmt einen hochroten Kopf. Im Gegensatz zu Keyla, die eine atemberaubend schöne Stimme hatte, konnte man meine Singversuche lediglich mit dem Krächzen einer Krähe vergleichen und ich war mir dessen durchaus bewusst.
Das schien ihrem Spass jedoch keinerlei Abbruch zu tun und wieder einmal war ich ihr dankbar dafür, dass sie mich zum Lachen brachte es tat gut dass jemand für mich da war, nach allem was passiert war.
Vor ein paar Wochen hatte ich nicht mehr daran geglaubt, jemals wieder so unbeschwert Spass zu haben...aber ich verdrängte die Gedanken wieder. Was geschehen war, war geschehen und ich konnte nichts mehr daran ändern.
Wir sangen bestimmt noch 5 weitere Lieder durch, bis das Programm von den Nachrichten unterbrochen wurde.
„Und nun zum Wetter. Im Norden und Westen ist es wolkig mit längeren sonnigen Abschnitten, und es wird weitgehend trocken bleiben. Südlich ist es wechselnd wolkig mit vorübergehendem Sonnenschein. Im Verlaufe des Tages bilden sich örtlich gewittrige Regenschauer,im Osten sind intensivere Gewitter möglich. Die Temperatur erreicht Höchstwerte von 24 bis 30 Grad.“
Ich seufzte.
Wir befanden uns im Osten und das bedeutete, dass wir wahrscheinlich mitten im tiefsten Gewitter den Nationalpark erreichen würden. Also nichts da, mit ausgedehnten Spaziergängen und Naturerkundung.
„Hey du kleine Miesepampel,“ neckte Keyla mich. „Es ist erst halb 6, der Tag ist noch lang und wenn ich mich nicht allzu sehr täusche sind wir bereits in zwei Stunden am Ziel. Wir werden schon noch im Trockenen ankommen.“
Manchmal war es beängstigend wie sie anscheinend meine Gedanken lesen konnte.

Kapitel 2