Kapitel 13

Am späten Nachmittag des gleichen Tages, saßen Alex und Nick draußen auf der Terrasse und starrten schweigend auf die satte, grüne Rasenfläche hinaus. Zwischen Alex Fingern brannte die unvermeidliche Zigarette und obwohl ihm seine brennenden Lungen und der Husten am Morgen unmissverständlich klar zu machen versuchten, dass er sein normales Pensum bereits mehr als überschritten hatte, schien er die Glimmstengel für die Beruhigung seiner Nerven dringend zu brauchen.
Früher hatte das ein Glas Jack Daniels erledigt, manchmal auch eine ganze Flasche, wenn es ganz schlimm wurde. Heute hätte er wahrscheinlich eine ganze Kiste benötigt, um einigermaßen runter zu kommen, aber das war natürlich nicht drin. Also rauchte er. Zu viel. Aber das war jetzt auch schon egal.
Er versuchte seine rasenden Gedanken einzudämmen, die sich momentan entweder um seine Alkoholsucht, Nikki oder das bevorstehende Abendessen drehten, in dem er einen verstohlenen Blick zu Nick hinüber warf und sich dabei heute bestimmt schon zum hundertsten Mal fragte, warum dieses dämliche, glückliche Lächeln auf den Lippen seines Freundes prangte.
Nun ja ... im Grunde konnte er sich das natürlich durchaus denken. Die Vorbereitungen für das Picknick, Nicks ominöser Hinweis auf eine Frau, das strahlende Leuchten, mit dem er vor knapp zwei Stunden zurückgekommen war – das alles sprach Bände. Und trotzdem kam kein Sterbenswörtchen über seine Lippen. Das musste geändert werden, so viel stand fest.
„Einen schönen Tag gehabt?“ fragte er also, bevor er erneut an seiner Zigarette zog um das neugierige Glitzern in seinen Augen zu verbergen.
„Hm,“ bestätigte Nick abwesend.
„Ein Picknick?“
„Hm.“
„Mit einer Frau?“
„Hm.“
„Und unterwegs hast du auch gleich noch deine Sprache verloren,“ vermutete Alex grinsend.
„Hm,“ kam es erneut von der anderen Seite des Gartentisches, was Alex schmunzeln ließ, auch wenn ihn seine Neugier im Moment beinahe um den Verstand brachte.
Suchend streiften seine Augen über die rauen Steinfliesen der Terrasse, bis er ein paar gelbe Gartenhandschuhe fand, die sorgsam übereinander gelegt neben einer grünen Gieskanne lagen. Unter leisem ächzen beugte er sich so weit aus seinem Stuhl, dass er die Handschuhe zu fassen bekam, dann knüllte er sie so gut es ging in seiner Faust zusammen und warf sie anschließend mit ordentlich Schwung über den Tisch. Klatschend trafen sie dort zielsicher auf Nicks Stirn, was diesen erschrocken zusammen fahren ließ.
„Hey Mann, geht’s noch?“ fuhr er auf, bevor er die Handschuhe aus seinem Schoß fischte und sie wenig elegant wieder zurück über den Tisch warf. Sie verfehlten ihr Ziel allerdings um gut einen halben Meter, was Alex mit einem fröhlichen Lachen quittierte.
„Ahhh, du bist aufgewacht, sehr schön. Können wir jetzt bitte mal ein ordentliches Gespräch über deinen ach so tollen Tag führen?“
„Da gibt es nichts zu erzählen,“ gab Nick missmutig zurück und rieb sich mit angewidertem Gesicht über die Stirn.
„Na komm schon. Ich kann doch die Herzchen förmlich über deinem Kopf leuchten sehen. Also ... wer ist sie?“
„Ach ... niemand eigentlich,“ wehrte Nick ab, während das selige Grinsen auf seinem Gesicht, das dort plötzlich erstrahlte, ihn Lügen strafte.
„Können wir uns darauf einigen, dass ich weder blöd noch blind bin?“ grinste Alex. „Komm schon, ich weiß genau, dass da was ist und wenn du deinem lieben Alkoholikerfreund einen großen Gefallen tun willst, dann lenke ihn bitte mit einer fröhlichen, positiven Frauengeschichte von seinen Sorgen ab.“
„Da gibt es wirklich nicht viel zu erzählen,“ bekräftigte Nick noch einmal, der allerdings bei dem Wort „Alkoholiker“ sichtlich ernster geworden war.
„Dann erzähl mir doch einfach mal, was du heute Nachmittag gemacht hast und vor allen Dingen mit wem.“
Nick seufzte tief und anhaltend und warf dann einen kritischen Blick zu Alex hinüber. „Du gibst sowieso nicht auf, oder?“
„Nope,“ bestätigte Alex kopfschüttelnd.
„Also gut ... uhm ... ich hab da eine Frau kennen gelernt.“
„Ach was?“ grinste Alex.
„Ja, stell dir vor,“ schmunzelte Nick. „Und sie ist ... na ja ... irgendwie anders als andere, wenn du verstehst was ich meine.“
„Du meinst sie hat nen Pferdefuß und nen Schwanz oder sowas?“ neckte Alex ihn.
„Im übertragenen Sinne wäre das durchaus möglich,“ lachte Nick.
„Was bedeutet das?“ Alex war wieder ernst geworden.
„Das bedeutet, dass ich noch nicht so genau weiß, ob sie ein Segen oder mein Untergang sein wird,“ gab Nick scheinbar widerwillig zu.
„Das klingt, als seien da tatsächlich wahre Gefühle mit im Spiel,“ bemerkte Alex überrascht, lehnte sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch und fixierte seinen Freund nun aufmerksam.
„Ich weiß es nicht so genau,“ gestand Nick. „Das Problem ist, dass sie ein ...,“
„Niiiiiiiick!!“ schallte es in diesem Moment aufgebracht aus dem Haus und erschrocken fuhren beiden Männer zu der Stimme von Denise herum. Im gleichen Moment erschien sie im Türrahmen. Ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes und Alex war froh, dass sich der Zorn seiner Mutter scheinbar auf seinen Freund und nicht auf ihn selbst bezog.
„Nickolas Gene Carter,“ setzte sie an und baute sich vor dem Angesprochenen auf, während der versuchte sich auf seinem Gartenstuhl so klein wie möglich zu machen. „Kann es sein, dass du heute Morgen das halbe Abendessen in deinen riesigen Picknickkorb gepackt hast? Wohlgemerkt das Abendessen, dass für uns alle ... ,“ sie machte eine ausholende Handbewegung, die das ganze Haus und den Garten mit einschloss „ ... gedacht war.“
„Uhm ... das war doch nur eine Gurke ... ,“ versuchte Nick es halbherzig.
„Tatsächlich?“ schnaubte Denise mit hochgezogenen Augenbrauen. „Und was ist dann mit den Tomaten, der Honigmelone, dem Schinken, dem Frischkäsedipp, der Hälfte der Brötchen und dem Obstsalat passiert?“
„Oh, oh,“ murmelte Alex leise, dem langsam klar wurde, dass sein Freund in echten Schwierigkeiten steckte.
Seit er diese unmögliche Person und ihr Balg zum Essen eingeladen hatte, tat seine Mutter so, als käme ein besonders wichtiger Staatsgast zu Besuch. Sie hatte einen ganzen Nachmittag darüber gebrütet, was sie kochen würde, hatte ewig lange Einkaufslisten geschrieben und heute schon den ganzen Tag von nichts anderem als dem bevorstehenden Dinner gesprochen. Demnach konnte er sich sehr gut vorstellen, welche Wut und Panik jetzt in ihr brodelte. Wobei Panik wahrscheinlich etwas zu viel gesagt war. Seine Mutter war ein Organisationstalent, das hatte sie in den vielen Jahren, in denen sie die Backstreet Boys auf ihren Tourneen begleitet hatte, schließlich mehr als ein Mal unter Beweis gestellt. Allerdings hatte ihr Nick Carter dort selten so sehr ins Handwerk gepfuscht.
„I-Ich ... weiß nicht ... also,“ stammelte Nick und rutschte noch etwas tiefer in seinen Sessel.
„Aber ich weiß es,“ stieß Denise immer noch wütend hervor. „Du hast einfach alles eingepackt ohne zu fragen oder auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass wir heute Abend einen Gast haben.“
„Ähm ... ich ... also ... uhm ... ja,“ nickte Nick und senkte beschämt den Blick. „Tut mir ehrlich leid.“
„Klar,“ schnaubte Denise kopfschüttelnd.
Alex lag auf der Zunge, dass seine Mutter gefälligst nicht so ein Aufhebens um diese Sasha machen sollte. Das hatte sie nämlich eindeutig nicht verdient. Aber im Endeffekt hielt er dann doch lieber seinen Mund. Wenn seine Mutter wütend war, machte man sich besser unsichtbar.
„Ich werde dir jetzt eine Liste schreiben,“ verkündete Denise in diesem Moment und deutete dann drohend auf Nicks Brust. „Und du wirst in den nächsten Supermarkt fahren und alles Nötige besorgen. Und wehe du bist nicht rechtzeitig wieder zurück oder vergisst irgendetwas, ist das klar?“
„Klar,“ nickte Nick sofort, der offensichtlich erkannt hatte, dass ihn jetzt nur noch bedingungsloses Zustimmen retten konnte. „Kann Alex mitkommen?“ fragte er dann hoffnungsvoll.
„Nein,“ bestimmte Denise mit entschiedenem Kopfschütteln. „Das machst du schön alleine. Und jetzt Abmarsch.“
Äußerst vorsichtig erhob Nick sich aus seinem Stuhl und schenkte Alex noch einen verzweifelten Blick, bevor er Denise zurück ins Haus folgte.
Zischend stieß Alex die Luft aus, die er bis eben angehalten hatte, während sein Magen gleichzeitig eine schmerzhafte Piourette drehte. Wenn Nick nicht rechtzeitig zurückkam, musste er sich alleine mit dieser falschen Schlange herumschlagen und das passte ihm so gar nicht. Er hatte fest auf die Unterstützung und das lose Mundwerk seines Freundes gebaut und gehofft, dass sie gemeinsam dem Kuschelkurs seiner Mutter entgegen wirken konnten. Doch so wie es aussah, war er mal wieder alleine auf weiter Flur.
Abgesehen davon machte es in seinen Augen überhaupt keinen Sinn, Nick jetzt noch los zu schicken. Er würde sowieso keinen Bissen herunter bekommen, während diese ... Frau ... an seinem Tisch saß, womöglich mit dem Baby auf dem Schoß und dabei so tat, als wären sie alle eine nette, fröhliche Familie. Gott, wie ihn das ankotzte!

Als Sasha Jakobi den Wagen am Straßenrand stoppte, hatte sie für einen winzigen Augenblick das Gefühl, als erlebte sie ein Dejavù. Das Haus lag im strahlenden Schein der Abendsonne vor ihr, der Santa und die Rentiere aus Plastik im Garten hatten sich auch nicht verändert und ihr Herz klopfte genau so schnell und ängstlich in ihrer Brust, wie es das vor ein paar Tagen bereits getan hatte.
Natürlich war dies hier eine andere Situation, das versuchte sie sich immer wieder vor Augen zu führen. Sie hatte Alex bereits mit dem Umstand konfrontiert, dass er Sophias Vater war, sie hatte seine Ablehnung und seine Geringschätzung bereits zu spüren bekommen und sie war schließlich heute hier, damit sich alle etwas besser kennen lernen konnten. Doch gerade dieser Gedanke verursachte ihr Magenschmerzen. Im Grunde wollte sie doch gar nicht, dass Sophia Teil von Alex’ Leben wurde. Am liebsten wäre ihr gewesen, wenn er nie von der Existenz seiner Tochter erfahren hätte, wenn sie weiterhin als ledige Mutter in ihrem Apartment in New York hätte leben können und sich dabei keine Gedanken darüber machen brauchte, wie sie ohne Job und Geld überleben sollte.
Doch leider war dies alles im Moment nicht möglich. Sie hoffte demnach darauf, dass sie sich irgendwie mit Alex einigte, dass sie wie zwei vernünftige Menschen miteinander reden konnten und damit Sophias Zukunft sicherten. Doch diese Gleichung enthielt so viele Unbekannte, dass ihr ganz übel davon wurde, und dass sie zudem auch noch einen Mann kennen gelernt hatte, der ihr ganz offensichtlich den Kopf verdrehte, machte es nicht wirklich besser.
Bei dem Gedanken an Nick hatte sie sofort wieder seinen Kuss vor Augen. Ihr Herz machte dabei einen kleinen, freudig erregten Satz in ihrer Brust, bevor es sich vor Angst zusammen krampfte, weil sie nicht wusste, ob sie ihm vielleicht gleich im Wohnzimmer von Alex’ Mutter gegenüber stehen würde.
Zum wiederholten Male verfluchte sie sich selbst, dass sie ihm nicht offen die Wahrheit über ihre Verbindung zu Alex gesagt hatte, doch irgendwie hatte sich einfach nicht der richtige Zeitpunkt ergeben. Oder sie war zu feige gewesen, was wahrscheinlich noch am ehesten der Wahrheit entsprach. Seit Jahren hatte sie kein Mann mehr so angesehen, hatte ein einziger Kuss ihr gesamtes Gefühlsleben auf den Kopf gestellt und hatte auch kein Mann einen zweiten Blick auf ihre Tochter oder sie selbst verschwendet. In dem Moment in dem die Männer erfuhren, dass sie eine Mutter und demnach nur im Doppelpack zu haben war, hatten sie sich ganz schnell aus dem Staub gemacht und gerade bei Nick, diesem jungen, ungebundenen Kerl, hatte sie mit so viel Enthusiasmus und Hingabe nicht gerechnet.
Er schien der Meinung zu sein, dass er erst einmal alles ausprobieren musste, bevor er sich ein Urteil bilden konnte und wenn es sie am Anfang auch mehr als nervös gemacht hatte, dass er Sophia als eine Art Projekt betrachtete, von dem es herauszufinden galt, ob es in sein Leben passte, so musste sie doch nach dem heutigen Tag zugeben, dass er sich wacker geschlagen hatte.
Immer noch sah sie ihn mit ihrer Tochter spielend auf dem Boden des Hotelzimmers sitzen. Sie hörte ihn von seiner eigenen Kindheit erzählen, wenn dies auch nur zögerlich und eher bruchstückhaft geschehen war, und dann war da wieder das Gefühl seines Kusses auf ihren bebenden Lippen. Sie benahm sich tatsächlich wie ein Teenager und das Gefühl, dass ihr langsam die Kontrolle über diese verfahrene Situation entglitt, machte sie vollkommen konfus.
Wieder streifte ihr Blick die Plastikfiguren im Vorgarten. In ein paar Tagen war Weihnachten und wenn es so weiter ging, würde sie dieses Fest mit Sophia in einem schäbigen Hotelzimmer verbringen. Sie wünschte sich für ihre Tochter nur das Beste und einen Feiertag, der zudem etwas äußerst festliches an sich hat, in diesem Zustand zu verbringen, war einfach nicht fair.
Also straffte sie sich innerlich, öffnete endlich die Tür ihres Wagens und trat hinaus in einen lauen Sommerabend. Sommer ... pfh ... an Weihnachten. Wirklich unglaublich.
Mit den ihr inzwischen so vertrauten Handgriffen löste sie den Sicherheitsgurt um Sophias MaxiCosi, hängte sich die überdimensionale Wickeltasche über die Schulter und klaubte danach noch die Tüte mit den Geschenken aus dem Fußraum der Beifahrerseite. Sie hoffte, dass sie damit ein wenig das Eis brach, wobei sie sich gerade bei Alex ziemlich sicher war, dass die Eisdecke fiel zu dick und hart war, als dass sie ihr mit einem kleinen Geschenk auch nur einen kleinen Riss beibringen konnte.
So bepackt marschierte sie schließlich über den kleinen Plattenweg durch den Vorgarten, vorbei an der Längsseite des Hauses zur Eingangstür im hinteren Teil des Gartens. Noch bevor sie auf den Klingelknopf gedrückt hatte, stieg ihr der köstliche Geruch nach Essen in die Nase und ihr Magen begann heftig zu knurren. Meine Güte! Als ob sie heute nicht schon genug bei ihrem Picknick gefuttert hätte.
Das leise Ding-Dong der Klingel schallte durch das Haus, gleich darauf hörte sie ein gedämpftes „Alex, gehst du bitte die Tür öffnen?“ und ihr Magen sackte augenblicklich in die Tiefe. Sie hätte es wesentlich angenehmer empfunden, wenn Denise sie begrüßt hätte, doch zu weiteren Überlegungen kam sie dann nicht mehr.
Die Tür vor ihr schwang auf und Alex erschien im Türrahmen. Sein düsterer Gesichtsausdruck stand im krassen Gegensatz zu dem leuchtenden Gelb seines T-Shirts und seine Begrüßung klang dementsprechend wenig freundlich.
„Komm rein,“ schnaubte er, drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand im Inneren des Hauses, bevor Sasha überhaupt einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte.
„Nu wunderbar,“ seufzte sie augenrollend und betrat mit weichen Knien und heftig klopfendem Herzen den dämmrigen Hausflur. Sie hatte, bepackt wie sei war, einige Mühe die Haustür hinter sich zu schließen, doch schlussendlich wandte sie sich wieder dem langen Gang zu.
Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und seufzte erleichtert, als sie gleich hinter der ersten Tür zu ihrer Rechten die Küche erblickte, in der Denise herumwuselte und anscheinend letzte Vorbereitungen traf.
„Hallo,“ machte Sasha auf sich aufmerksam und machte einen Schritt in die Küche hinein und damit direkt in den verführerischen Bratenduft, den sie bereits vor der Tür gerochen hatte.
„Hallo Liebes,“ begrüßte Denise sie lächelnd, kam um den Tisch herum auf sie zu und beugte sich zu ihrer Tochter hinunter. „Na meine Kleine, wie geht es dir?“ gurrte sie, was Sophia mit einem breiten Lächeln und leisem Glucksen quittierte.
„Sie ist wirklich ein süßes Kind,“ stellte Denise dann fest, richtete sich wieder auf und schenkte Sasha ein warmes Lächeln.
„Ja, das ist sie,“ nickte diese, bevor sie die Trageschale zu ihren Füßen abstellte, die Wickeltasche von ihrer schmerzenden Schulter gleiten ließ und die Tüte mit den Geschenken öffnete.
„Ich habe ihnen etwas mitgebracht,“ lächelte sie und zog ein kleines, in Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen hervor.
„Oh, das wäre doch nicht nötig gewesen,“ strahlte Denise und deutete dann auf den Tisch. „Legst du es bitte da hin? Ich habe im Moment ganz nasse Hände.“
„Sicher,“ nickte Sasha und beförderte das Päckchen zwischen eine Mehlpackung und ein Nudelsieb.
„Ich schätze mein Sohn hat sich schon wieder verdrückt,“ stellte Denise mit gerunzelter Stirn fest.
„Na ja ... er scheint nicht sonderlich angetan von unserer Anwesenheit zu sein,“ nickte Sasha.
„Ich schätze er ist im Wohnzimmer. Ich bringe dich schnell zu ihm und dann muss ich mich erst mal darum kümmern, dass wir heute Abend etwas ordentliches zu essen bekommen,“ erklärte Denise, während sie Sasha vor sich her aus der Küche und in den Flur schob. Dabei schnappte sie sich die schwere Wickeltasche, während Sasha den MaxiCosi wieder an sich nahm.
Der angegebene Raum lag am Ende des langen Flures, Sonnenlicht flutete durch die geöffnete Terrassentür herein und verlieh dem Raum damit etwas ungeheuer anheimelndes. Alex saß auf dem Sofa einer braunen Couchgarnitur und blickte ihnen immer noch missmutig entgegen. Sasha konnte die Erleichterung gar nicht in Worte fassen, die sie überschwemmte, als sie Nicks Blondschopf nirgends entdecken konnte. Vielleicht war er also gar nicht hier um Alex zu besuchen sondern ... nun ja ... war irgendwo anders. Hauptsache nicht hier.
„So mein Sohn. Du wirst dich jetzt gefälligst um unsere Gäste kümmern. Sasha möchte bestimmt etwas trinken. Und setz gefälligst ein freundlicheres Gesicht auf. Vor dir würde im Moment ja sogar ich weglaufen.“ Mit diesen Worten drehte Denise sich herum, tätschelte Sasha noch einmal kurz die Schulter und verschwand dann wieder im Flur.
„Hi,“ begrüßte Sasha Alex, steuerte auf einen Sessel zu und stellte ihre Tochter zu ihren Füßen ab.
Alex blieb stumm und verfolgte lediglich jede ihrer Bewegungen mit Argusaugen. Innerlich schüttelte Sasha über ihn den Kopf. War er wirklich der Meinung, mit dieser ablehnenden Haltung irgendetwas ändern zu können?
Das Licht schien plötzlich das leuchtende Strahlen zu verlieren, die Wände des Raumes zogen sich unangenehm zusammen und Sasha war sich nicht ganz sicher, ob wirklich genug Platz für sie beide übrig bleiben würde. Die Luft vibrierte vor Spannung und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er irgendetwas sagen würde. Selbst wenn er ihr irgendeine Gemeinheit an den Kopf warf, könnte sie damit besser umgehen, als mit seinem anhaltenden Schweigen, das ihre Geduld auf eine harte Probe stellte.
Also ließ sie sich erst einmal in die weichen Polster des Sessels sinken und begann damit, Sophia aus ihrem Sitz zu befreien. Ihre Tochter freute sich sichtlich aus ihrem engen Gefängnis entlassen zu werden und strampelte aufgeregt mit ihren kurzen Armen und Beinen. Gleich darauf saß sie auf Sashas Schoß und drehte und wandt sich so lange, bis sie einen guten Ausblick auf das Zimmer und damit auf ihren Vater hatte.
Während Sasha in der Wickeltasche nach Sophias Rassel und Schnuller kramte bemerkte sie beiläufig „ein schönes Haus.“
„In dem du nicht das Geringste zu suchen hast,“ kam es schnaubend von der anderen Seite des Couchtisches.
„Ich weiß,“ nickte Sasha. „Es tut mir wirklich leid, dass ich euch so viele Umstände bereite, aber es geht hier leider nicht um dich oder mich.“
Sie registrierte befriedigt, wie sein Blick bei ihren Worten zu Sophia hinüber huschte, die sich genüsslich die halbe Faust in den Mund gesteckt hatte und mit großen Augen die Umgebung um sich herum musterte.
„Das mag ja alles sein, allerdings bin ich immer noch der Meinung, dass du beim falschen Vater angeklopft hast.“
„Vielleicht sollten wir uns dieses Thema einfach für nach dem Test aufsparen, was meinst du? Tun wir doch einfach so, als hätten wir uns zufällig getroffen und versuchen einigermaßen vernünftig miteinander umzugehen.“
„Vernünftig? Dieses Wort ausgerechnet aus deinem Mund?“ schnaubte er sarkastisch und lehnte sich wie der King persönlich auf dem Sofa zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und schenkte ihr einen bösen Blick.
„Denkst du, ich handle unvernünftig?“ gab sie zurück.
„Diese ganze Aktion ist total durchgeknallt,“ ereiferte er sich, richtete sich wieder auf und stützte die Ellenbogen auf seine Knie. Während er weiter redete, zerschnitten seine Hände immer wieder unkontrolliert die Luft. „Du kommst hier her, zum Haus meiner Mom und erklärst uns, dass Sophia meine Tochter ist. Seltsamer Weise kann ich mich aber überhaupt nicht an dich erinnern. Findest du das tatsächlich vernünftig oder auch nur ansatzweise logisch?“
„Mag sein, dass das alles auf den ersten Blick merkwürdig aussieht,“ gab Sasha zu. „Und ich kann auch verstehen, dass du mehr als misstrauisch bist, aber ich bin trotzdem der Meinung, dass du kein schlechter Mensch sein kannst.“
„Wie kommst du denn bitteschön darauf?“ fragte er kopfschüttelnd.
„Ich weiß nicht,“ gab Sasha schulterzuckend zu, während sie Sophia unter den Achseln fasste und sie aufstellte. Sofort begann ihre Tochter laut Jauchzend auf ihren Oberschenkeln herum zu hopsen. Sasha konnte es kaum fassen, aber wenn sie nicht ganz blind war, huschte bei diesem Anblick ein flüchtiges Lächeln über Alex’ sonst so verschlossene Gesichtszüge.
„Ich bin jedenfalls der Meinung,“ fuhr sie dann fort „dass du ein erwachsener und durchaus vernünftig denkender Mensch bist und wenn du auch der Meinung sein solltest, dass ich das Allerletzte bin, so hoffe ich doch einfach darauf, dass du das nicht unserer Tochter anlastest. Sie kann hierfür am aller wenigsten.“
Sie sah, wie er bei den Worten unsere Tochter heftig zusammen zuckte, doch wiedererwartend kam keine scharfe Erwiderung von ihm zurück und sie wagte zu hoffen.
„Können wir uns darauf einigen,“ gab er schließlich seltsam gepresst zurück. „Dass wir bis zum Ergebnis des Tests erst einmal davon ausgehen, dass ... ,“ er schluckte, senkte kurz den Blick und sah dann wieder zu dem immer noch munter vor sich hin springenden Bündel in ihren Händen hinüber. „ ... dass sie nicht meine Tochter ist?“
„Glaubst du wirklich, dass das irgendetwas ändert?“ fragte sie zurück.
„Für mich ändert das sehr viel,“ nickte er.
„Wenn es dir dann besser geht ... dann ... werde ich das Wort „unsere“ oder „deine“ Tochter erst einmal nicht mehr in den Mund nehmen,“ nickte sie, auch wenn ihr der Gedanke ganz und gar nicht behagte. Sie war schließlich hier um ihn davon zu überzeugen, dass seine Gene durch Sophias Adern flossen, aber wenn es dabei half, sich einander anzunähern, dann würde sie damit schon irgendwie klar kommen. Hoffte sie zumindest.
„Gut,“ nickte er.
„Gut,“ nickte auch sie.

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