Kapitel 12
Samstagmorgen war gekommen und trotz des langen Gespräches mit seiner Mutter am Vorabend, war Alex mit Kater ähnlichen Kopfschmerzen aufgewacht.
Eigentlich wusste er nicht warum das bevorstehende Dinner ein solches Unbehagen in ihm auslöste. Er sollte sich einfach ganz entspannt zurücklehnen und das Schauspiel, wie seine Mutter Sasha als Lügnerin entlarvte, genießen.
Bisher war auf seine Mutter noch immer Verlass gewesen, was sollte also schief gehen?
Die DNA Proben waren sicher mittlerweile im Labor eingetroffen und der Verlauf des kommenden Abends würde wohl nur dann eine Rolle spielen, sollte dieses Gott verdammte Testergebnis ihn zum Vater machen.
Er unterdrückte den ersten Seufzer des Tages und schlug die Bettdecke zurück um anschließend seinen Körper unter eine heiße Dusche zu befördern.
Noch während er mit Zahnbürste im Mund glaubte, die letzten Tage haben ihn um Jahre altern lassen, riss lautes Geschirrklappern ihn aus seinen trüben Gedanken.
Kaffee, ja den konnte er durchaus jetzt gebrauchen.
Alex rechnete fest mit seiner Mutter, die schon jetzt um das perfekte Abendessen bemüht war, doch als er mit wenig Elan die Küche betrat, bot sich ihm ein völlig befremdliches Bild.
Nick stand an der Arbeitsplatte und schnitt eine Salatgurke in mundgerechte Happen.
Er schien Alex noch nicht bemerkt zu haben, also lehnte dieser sich an den Türrahmen und beobachtete amüsiert wie Nick gutgelaunt ein Lied vor sich her pfiff. Das Messer flog im Takt über das Schneidebrett und in regelmäßigen Abständen warf er die kleinen Stückchen in eine Schüssel.
Die Gurke schien beseitigt und AJ sah wie Nick nun für einen Moment mit dem Zeigefinger an sein Kinn tippte und aussah als würde er tatsächlich angestrengt nachdenken.
"Ah!" machte er dann, drehte sich mit Schwung in Richtung Kühlschrank und blickte somit in Alex' von einem frechen Grinsen erhelltes Gesicht.
"Was in drei Teufels Namen tust du da?" fragte dieser, stieß sich von seinem Beobachtungsposten ab und goss sich eine Tasse Kaffee ein.
"Wonach sieht es denn aus?" fragte Nick wenig beeindruckt und holte einen Frischkäsedipp aus den Tiefen des Kühlschrankes hervor.
"Du willst uns alle vergiften?" feixte Alex und nippte an seinem Kaffee.
"Nein, das hier ist zu Abwechslung mal nicht für dich." lachte Nick und packte eine Tüte Cracker in einen Korb.
"Ok, dann ist es eine Frau." Alex setzte sich an den Küchentisch. Seine Neugierde war geweckt und alle Gedanken an das Dinner mit Sasha wurden durch Nicks äußerst seltsames Verhalten weit in den Hintergrund geschoben.
Alex war schon bei Nicks Ankunft aufgefallen, dass er aussah wie das blühende Leben und wenn das überhaupt noch möglich gewesen war, schien sich diese Ausstrahlung noch verstärkt zu haben.
"Also?" hakte Alex nach, als ihm auffiel, dass Nick lediglich breit grinste.
"Ja eine Frau. Aber frag nicht weiter, ich weiß selbst noch nicht wo das ganze hinführt." gab Nick zurück, schloss den Korb und zog ihn von der Arbeitsfläche.
Alex hob abwehrend die Hände. "Ok, ok, ich will von Frauen momentan ohnehin nicht wirklich viel wissen."
"Wir sehen uns dann später beim Abendessen." sagte Nick im Vorbeigehen.
"Ja, ich kann es kaum erwarten." brummte Alex und den darauf folgenden Seufzer konnte er nun wirklich nicht mehr unterdrücken.
Es schien als seien all die negativen Gedanken an das Dinner geradewegs zur Haustüre hereinspaziert, als Nick abgerauscht war. Sein Freund verhielt sich aber auch seltsam.
Kopfschüttelnd erhob Alex sich, kramte eine Zigarette aus seiner im Flur hängenden Jacke und verzog sich auf die Terrasse.
Ob seine Mutter wohl nach dem heutigen Abend nach wie vor auf seiner Seite sein würde? Er konnte sich das Gegenteil kaum vorstellen. Andererseits war Sasha dreist genug gewesen, schon einmal am Haus seiner Mutter aufzukreuzen und das Blaue vom Himmel zu lügen.
Eins war allerdings klar, Denise würde es unter keinen Umständen zulassen, dass er sich aufführte wie noch wenige Tage zuvor in dem kleinen Cafe.
Er würde einfach den ganzen verdammten Abend die Klappe halten und seiner Mutter das Reden überlassen. Genau.
Musste also nur noch geklärt werden, was er anzog.
Sasha hatte Sophia gerade fertig gebadet und in ein Handtuch gewickelt. Einzelne Haarsträhnen hingen locker aus ihrem sorglos hochgebundenen Zopf und das leicht geblümte Sommerkleid klebte an manchen Stellen feucht an Sashas Haut.
So lieb Sophia auch war, beim Baden kämpften Mutter und Tochter regelmäßig um die Oberhand.
Sophia lag auf dem Bauch auf dem ausgebreiteten Handtuch und angelte mit ihren kurzen Ärmchen nach einem Plüschhasen, der wenige Zentimeter von ihr entfernt lag, während Sasha gerade dabei war das kleine Badezimmer von den gröbsten Wasserschäden zu befreien, als es leise an der Zimmertür klopfte.
Stirnrunzelnd hielt Sasha inne. War das ihre Tür gewesen? Unmöglich. Wer sollte schon an ihre Tür klopfen? Doch da war es erneut.
Mühsam raffte die junge Frau sich vom Fußboden auf und strich auf dem Weg zur Tür ihr Kleid glatt.
Sie öffnete nur einen winzigen Spalt, gerade weit genug um den Kopf einer roten Rose zu erblicken, und augenblicklich war da wieder diese angenehme Wärme, welche sich langsam von ihrem Magen ausbreitete und ihr Herz watteweich zu umhüllen schien.
"Also ich muss sagen, es hat durchaus etwas für sich vor Nachteinbruch aus dem Bett zu kommen." sagte Nick nun als sie schließlich die Tür weiter aufzog. Sie bemerkte augenblicklich seine Augen, die wie in Zeitlupe über ihren Körper zu wandern schienen und widerwillig stellte sie fest, dass sie fast automatisch eine aufrechte Haltung einnahm.
"Ach sieh an. Und ich hatte gehofft, beim Mittagessen nur einmal mehr mit leeren Drohungen überschüttet worden zu sein." lachte sie und nahm die ihr entgegen gestreckte Blume an sich.
"Ich sagte bereits, dass ich mich gezwungen fühle deinen Blick auf die männliche Rasse zu ändern. Leere Drohungen mache ich nur bei bereits erfolgreich erledigten Missionen." gab er zurück und schob sich an ihr vorbei in das Hotelzimmer.
Kopfschüttelnd schloss Sasha die Tür hinter diesem vorwitzigen Burschen und ärgerte sich insgeheim darüber, dass genau diese Art ihn unglaublich anziehend machte.
"Wozu der Koffer? Willst du jetzt im Sinne der Feldforschung hier einziehen? Ich muss dich enttäuschen, daraus wird nichts." lachte sie, während Nick den Korb auf dem kleinen Schränkchen abstellte und sich in sicherem Abstand von einem Meter im Schneidersitz Sophia gegenüber setzte.
Die Kleine schien so recht nicht zu wissen wie ihr geschah. Sie stützte sich auf ihren Händen ab, drückte immer wieder den Oberkörper wacklig in die Höhe und blickte abwechselnd Sasha und Nick neugierig an.
"Hey schöne Frau, wir wurden einander noch nicht vorgestellt. Ich bin Nick und Dein Name?" er streckte dem Baby einen Finger entgegen, was lediglich dazu führte, dass Sophia beim Versuch diesen zu ergreifen wieder in sich zusammen sank.
Als sie seine Hand schließlich zu greifen bekam, begann sie jedoch fröhlich zu strahlen, was Sasha ein seltsames Gefühl in die Magengrube zauberte.
Sie wusste das alles führte zu nichts was Bedeutung haben sollte und doch erschien ihr der Tag wesentlich heller seit der Sekunde in der Nick dieses schäbige Hotelzimmer betreten hatte.
Leise über sich selber lachend schloss sie für einen kurzen Moment die Augen. Es war lächerlich. Sie war sechsundzwanzig, Mutter und fühlte sich zu einem zwanzigjährigen Burschen hingezogen.
Wie tief würde sie wohl noch sinken?
Und doch schien Nicks Anwesenheit sich positiv auf Sasha auszuwirken. Den ganzen Morgen waren ihre Gedanken um das Abendessen im Hause McLean geschwirrt und kaum dass sie Nick erblickt hatte waren diese Gedanken beinahe verschwunden. Beinahe, wäre da nicht das unbestimmte Gefühl etwas falsches zu tun. Falsch im Sinne von wahrer Identität verbergen vor jemandem, der früher oder später ohnehin herausfand, dass Sophia Alex' Tochter war.
Momentan sorgte die junge Mutter sich allerdings, zu ihrer eigenen Überraschung, mehr darum ob Nick vielleicht bei Alex untergekommen war und somit am kommenden Abend schonungslos von seiner guten Meinung abgebracht wurde.
Sie musste ihm reinen Wein einschenken bevor sie keine Gelegenheit mehr dazu hatte.
Aber warum war das überhaupt so wichtig? War sie nicht vor wenigen Tagen noch überhaupt kein Bisschen an diesem Kerl interessiert gewesen? War sie nicht bis zum Lunch davon überzeugt gewesen, dieser ganze Wahn um Nick-Mädchenschwarm-Carter wäre Kleinmädchenkram? Ja war sie. Doch nun saß dieses Milchgesicht im Schneidersitz auf dem Boden, vertieft in eine angeregte Unterhaltung mit ihrer fast sieben Monate alten Tochter und wirkte dabei so unglaublich attraktiv und ... erwachsen.
Es erschreckte sie schon gar nicht mehr, wenn sie in dieser Form über ihn nachdachte. Wozu sollte sie sich selbst belügen? Fakt war, er war außerordentlich attraktiv.
Er war groß - überragte sie mit beinahe zwei Kopflängen - seine Statur war kräftig, sportlich, wenn auch nicht bepackt mit Muskeln. Sein blondes, im Nacken zum hineingreifen anrasiertes Haar passte hervorragend zu seiner sonnengebräunten Haut und diese blauen Augen spiegelten soviel Neugier und Leidenschaft, dass Sasha sich von ihm sofort zu jeder Schandtat überreden ließe.
Er gab ihr mit seiner Aufmerksamkeit alleine das Gefühl, noch nicht alles in ihrem Leben falsch gemacht zu haben und nur das brachte sie dazu ihm einen imaginären Platz in ihrem Leben einzuräumen.
Und wahrscheinlich war das auch der Grund warum sie ihm die Wahrheit über Sophias Vater nicht erzählt hatte - noch nicht.
Sie schüttelte den Kopf und versuchte sich so aus diesen Gedanken zu befreien. Er würde es erfahren, spätestens dann, wenn sie selbst die Wärme in ihrem Inneren, seit er in ihr Leben gestolpert war, benennen konnte.
"Ich störe euer Gespräch ja nur ungern, aber ich muss das kleine Biest mal in eine Windel stecken, bevor hier gleich noch Land unter angesagt ist." lachte sie und hob das glucksende Baby vom Boden, was auch Nick veranlasste sich zu erheben.
"So, nun hätte ich aber doch gern mal gewusst, was du da mit dir herumschleppst." fragte sie ohne aufzublicken während sie Sophia wickelte und in ein rosa Kleidchen, sowie weiße Strumpfhosen steckte.
"Das meine Liebe, ist unser zweites Date." sagte Nick ausholend, was Sasha nun doch dazu veranlasste, in sein Gesicht aufzublicken.
Ein verschmitztes Grinsen prangte dort wie eine Trophäe und Sasha konnte sich ein Lächeln ihrerseits gerade so verkneifen.
"Da hab ich ja was angerichtet." sagte sie und setzte das ausgehfertige Baby vor dem Bett auf den Boden um das Handtuch zurück ins Badezimmer zu hängen.
"Wie sich das anhört." lachte Nick und drehte sich, mit tief in den Hosentaschen versenkten Händen, zu ihr um.
"Also, was hast du mit mir vor Carter?" fragte Sasha mit vor der Brust verschränkten Armen, während sie sich an den Türrahmen des Bades lehnte.
"Zieh Schuhe an und lass dich überraschen." sagte er nur und machte sich mit dem Korb bereits auf den Weg zur Zimmertuer.
Es schien ganz so als habe sie das mit der Schandtat tatsächlich zu laut gedacht.
Sasha hatte schon beim Mittagessen eingesehen, dass Widerrede Nick nur noch mehr anfeuerte und so fand sie sich wenige Minuten später in der kleinen, sauberen Parkanlage wieder.
Nick hatte gerade eine große, blaukarrierte Decke auf dem frischen Rasen ausgebreitet und sich, nachdem er die blütenweißen Turnschuhe abgestreift hatte, der Länge nach darauf ausgestreckt.
"Willst du da festwachsen?" fragte er und klopfte auf die Decke. Widerspruch zwecklos seufzte Sasha innerlich und ließ sich neben ihm nieder, immer darauf achtend ihm keine unerwünschten Einblicke unter den Rock zu geben.
Sophia war bereits auf dem Weg zum Park in zufriedenen Mittagsschlaf abgedriftet, obwohl Sasha gerade jetzt liebendgerne ihre Unterstützung in Anspruch genommen hätte.
Seufzend streckte Nick sich auf der Decke, lehnte seinen Oberkörper nach hinten und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf.
Sein hellblaues Poloshirt war bei dieser Geste bedenklich in die Höhe gerutscht, so dass der schwarze Bund seiner Boxershorts, sein Bauchnabel, sowie eine weiche Spur aus blonden Härchen zum Vorschein kamen.
Hatte sie schon mal erwähnt, dass er verdammt anziehend war?
"Hunger?" fragte er schließlich mir genüsslich geschlossenen Augen, während Sashas Gedanken noch ein wenig tiefer unter sein Shirt gewandert waren. Seine unvermittelte Frage riss sie jedoch unwillkürlich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wobei sie sich unangenehm ertappt fühlte.
Sasha räusperte sich aus Angst, dass sie ihrer eigenen Stimme gerade nicht vertrauen konnte.
"Um ehrlich zu sein, ja ein Happen Essbares wäre jetzt nicht übel."
"Bestens." sagte er und setzte sich gerade hin um dann ganz gemächlich seine gesamte Morgenarbeit vor ihnen auszubreiten. Angefangen bei belegten Brötchen, über etliche Sorten Rohkost - sorgfältig klein geschnitten - bis hin zu köstlichem Obstsalat.
Sasha war beeindruckt, auch wenn sie sich augenblicklich fragte, wen er wohl für all das bezahlt hatte.
"Du bist viel zu still." bemerkte Nick während er sich gleich zwei Cocktail Tomaten in den Mund schob.
"Ich hab einfach nicht viel zu sagen." gab Sasha schulterzuckend zurück und ließ ihren Blick über die Parkanlage schweifen, wo einige Kinder auf dem nahe gelegenen Spielplatz ausgelassen tobten und die dazugehörigen Eltern auf Parkbänken saßen und sich unterhielten.
Seltsam, dass die Menschen hier in kurzen Hosen, Röcken und T-Shirts herumliefen, während Weihnachten unmittelbar bevorstand.
"An was denkst du?" fragte er nun und winkte mit einer Flasche Sekt.
"Nur einen kleinen Schluck bitte. An was ich denke? Ich habe mich gerade gefragt, wie die Menschen hier überhaupt in Weihnachtsstimmung kommen bei diesen Temperaturen. Ich habe mein gesamtes Leben in New York verbracht und mal ganz salopp ausgedrückt, dort frierst du dir den Arsch ab."
Nick lachte. "Ja ich weiß. Es ist komisch, aber bei mir ist es da ähnlich wie bei Dir. Ich habe auch ein wenig Zeit gebraucht um mich daran zu gewöhnen, aber das kommt mit der Zeit. Wir haben auch einige Zeit in New York gelebt, ich weiß also genau wovon du sprichst."
Sasha nahm einen kleinen Bissen von ihrem Brötchen. "Du hast in New York gelebt? Interessant."
"Du bist definitiv kein Fan." stellte Nick fest und prostete ihr mit einem Plastikbecher Sekt zu. Sie tat es ihm gleich, stieß ihren Becher gegen seinen und lachte. "Meinst du nicht ich bin ein bisschen alt für die Backstreet Hysterie?" er grinste und sah sie im nächsten Moment entrüstet an. "Was heißt hier alt? Auf der letzten Tour hat mir eine vierzigjährige mitgeteilt, dass sie ein Kind von mir will. Soll heißen du wärst mit deinen sechsundzwanzig genau richtig." Sasha schüttelte belustigt den Kopf.
"Ihr seid auch recht erfolgreich ohne mich als Fan."
Nick leerte seinen Becher und stellte ihn ins Gras bevor er sich auf seinen Ellbogen abstützte.
"Das stimmt wohl. UND wärst du Fan, hätte ich wohl kaum die ehrenvolle Aufgabe dein Männerbild wieder zurecht zu rücken." ein selbstgefälliges Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er nun genießerisch die Augen schloss und seinen Kopf Richtung Sonne streckte.
Sasha beneidete ihn fast ein Bisschen. Er schien so sorglos, entspannt und zufrieden.
"Was muss ich eigentlich tun, um ein wenig mehr über dich zu erfahren?" riss er sie erneut aus ihren Gedanken und aus irgendeinem Grund fühlte sie sich gerade jetzt unendlich schlecht. War vielleicht nun der richtige Augenblick um ihm die Wahrheit zu erzählen? Wie würde er reagieren? Vielleicht war sie ihm ja egal. Vielleicht war er gar nicht genug an ihr interessiert, als dass es was zwischen ihnen ändern würde. Vielleicht.
"Was willst du denn hören?" fragte sie schließlich und stützte sich ebenfalls auf ihren Ellbogen ab.
"Dinge wie, was machst du beruflich, wie lebst du, bist du glücklich, wo kommt deine schlechte Meinung über Männer her. Solche Dinge eben."
Sashas Gedanken waren an der Stelle hängen geblieben, in der er das Wort glücklich erwähnt hatte. Konnte sie diese Frage überhaupt so einfach beantworten? Wahrheitsgemäß? Sie schüttelte innerlich einmal mehr den Kopf. Er brachte sie zum Nachdenken, war das zu fassen?
"Ok, beruflich ..." sie seufzte und machte eine kurze Pause bevor sie weiter sprach. "Mein Vater ist Oberhaupt eines relativ großen und erfolgreichen Konzerns - bis zu meiner Schwangerschaft habe ich für ihn als Managerin gearbeitet. Wie lebe ich? Zusammen mit Sophia, wunderschönes Dachapartment im Herzen von Manhattan. Hm, wo kommt meine schlechte Einstellung zu Männern her? Keine Ahnung - Verlobung mit dem falschen Mann, die Geschäftsorientierung oder besser Bevorzugung meines Vaters. Such dir was aus." Nick hatte sie die ganze Zeit aufmerksam beobachtet, während sie wie in einem Vorstellungsgespräch gerade genug von sich preisgegeben hatte, ohne ihn jedoch wirklich hinter die Fassade blicken zu lassen.
"Du hast meine Frage ob du glücklich bist nicht beantwortet. Muss ich daraus schließen, dass du es nicht bist?" er legte seinen Kopf schief und blickte sie aus treuen, blauen Augen an. Sie senkte ihren Blick. Er sollte gar nicht so viel von ihr erfahren, überhaupt sollte sie gar nicht mit ihm hier sein. Und doch fühlte es sich erstaunlich gut an mit ihm zu reden.
"Glücklich... ich bin froh, dass ich mich für Sasha entschieden habe. Das war alles nicht wirklich einfach und ich habe genug Zugeständnisse gemacht seitdem. War ich vorher glücklicher? Ich glaube nichts und niemand hat mich je zufriedener gestimmt als dieser kleine Wurm." sagte sie lächelnd mit einem kurzen Kopfnicken zu Sophias Kinderwagen, in dem diese noch immer ruhig schlief.
Nick hatte nach wie vor nicht eine Sekunde seine Augen von Sashas Gesicht abgewandt, doch diesmal schwieg er.
"Was ist, falsche Antwort?" fragte sie lächelnd.
"N ... nein. Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, wie es für mich wäre ein Kind zu haben. Ob es auf mich die selbe Wirkung hätte und mich mit dieser Zufriedenheit ausrüsten würde." gab er ernst zurück.
"Vielleicht wirst du es eines Tages herausfinden." sagte sie noch immer lächelnd und nippte an ihrem Sekt.
"Ja, vielleicht."
Nach einer Weile, in der sie sich locker über das Phänomen Backstreet Boys und die damit einhergehenden Veränderungen im Leben eines Teenagers, der Nick nun einmal noch wenige Monate zuvor gewesen war, unterhalten hatten, stellte Sasha fest, dass sie doch so manches mit ihm gemeinsam hatte. Und wenn es sich auch nur um den Punkt handelte früh mit Geld und dessen Wirkung umzugehen, ohne sich dabei selbst zu verlieren.
Sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart und stellte mit jedem Satz, in dem er nicht den Mädchenschwarm herauskehrte fest, dass sie hier durchaus einem ernst zu nehmenden, ansatzweise erwachsenen Mann gegenüber saß.
Leider hatte dieses Zusammensein viel zu schnell ein Ende gefunden - ohne dass sie ihm endlich die Wahrheit erzählt hatte.
Nachdem Nick Decke und Korb auf dem Rücksitz seines am Straßenrand geparkten Leihwagens verstaut hatte, hatte er auch auf ihr gutes Zureden, dass es nicht nötig sei, darauf bestanden sie zum Hotel zurück zu begleiten.
Sie legten die kurze Strecke schweigend zurück, was Sasha wieder einmal zu viel Raum für Überlegungen gab.
Sollte sie es ihm vielleicht jetzt und ohne Umschweife erzählen, es einfach auf seine Reaktion anlegen? War es überhaupt wichtig?
Sie hatte ganz eindeutig zu lange nachgedacht und so stand sie schließlich vor ihrer Zimmertür.
"Da wären wir also." sagte er und schlug geräuschvoll auf das kleine Loch, was beim Ballen einer Faust zwischen Daumen und Zeigefinger entstand.
"Ja da wären wir. Vielen Dank, es war wirklich ein ... schöner Tag." gab sie fast flüsternd zurück.
Sie konnte es ihm einfach nicht sagen - nicht jetzt. Sie wollte einfach nicht die Enttäuschung in seinem Gesicht sehen.
"Es war mir ein Vergnügen." sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung und erhellte mit seinem ehrlichen Lächeln den tristen Hotelflur.
"Ich werd dann mal ..." sagte er und machte einen zögerlichen Schritt rückwärts.
"Ja. Danke noch mal." gab Sasha zurück und zog die Zimmerkarte aus ihrer Handtasche. Nick hob die Hand und winkte kurz zum Abschied bevor er sich herumdrehte und langsam zum Aufzug ging.
Sasha schob nun die Karte in den dafür vorgesehenen Schlitz, worauf sich die Tür öffnen ließ. Genauso langsam wie er gerade gegangen war, schob sie nun den Kinderwagen, aus dem leises Rascheln das baldige Erwachen ihrer Tochter ankündigte, in das Innere des Zimmers.
Als sie sich herumdrehte um die Tür wieder zu schließen, stand sie plötzlich genau vor Nick.
Warum war er zurückgekommen? Fragend blickte sie zu ihm auf, wobei ihr auffiel wie angespannt die sonst so weichen Züge in seinem Gesicht waren.
"Ich wollte nur ..." begann er leise, brach jedoch mitten im Satz ab.
Vorsichtig griff er nach ihrem Kinn und sofort schien Sasha in Flammen zu stehen. Er würde doch nicht etwa?
Jeder klare Gedanke verflüchtigte sich aus ihrem Kopf als er sich herunterbeugte und seine weichen Lippen zaghaft über ihren Mund strichen. Ein Federleichter Kuss, der Sasha jeden Gedanken an Gegenwehr vergessen und sie nur die Augen schließen ließ.
Für einen winzigen Augenblick hatten sich ihre Lippen berührt bevor er sich wenige Millimeter von ihr entfernte, nur um sich ein weiteres Mal zaghaft und wie es schien mit noch mehr Gefühl zu nähern. Zärtlich küsste er sie erneut und sog zart an ihrer Unterlippe.
Ein Kuss von der Länge eines Herzschlages, doch für Sasha blieb die Zeit stehen.
Konnte das alles überhaupt noch komplizierter werden?