Kapitel 11

Während Nick seinen Blick äußerlich gelassen und entspannt über das Menü schweifen lies, bemerkte er aus den Augenwinkeln, wie das Mädchen ihn interessiert musterte. Unwillkürlich zog er den Bauch ein, nahm die Schultern etwas zurück und versuchte möglichst unbeteiligt auszusehen. Seine Schutzmechanismen funktionierten also noch ziemlich gut, was ihn ungemein beruhigte. Eines hatte er nämlich im Musikbuisinnes ganz schnell gelernt: Zeige niemals, was du wirklich denkst und fühlst.
„Kannst du etwas empfehlen?“ fragte er so beiläufig wie möglich und blickte dann von der Speisekarte auf, direkt in ihre wunderschönen, blauen Augen.
„Ich habe keine Ahnung,“ gestand sie.
„Uhm ... okay, das bringt mich jetzt nicht gerade weiter,“ entgegnete er mit einem breiten Grinsen. Dann legte er die Karte aufgeschlagen auf den Tisch, hob den Zeigefinger, schloss die Augen und ließ dann seine Hand einfach hinab sausen. Als er die Augen wieder öffnete, verschwand das „Arabiata“ gerade so unter seinem Finger, somit war die Entscheidung für ihn gefallen. „Pasta alla Arabiata,“ verkündete er. „Und du?“
Sie hatte mit großen Augen seine Vorstellung verflogt, jetzt schüttelte sie grinsend den Kopf, schloss ebenfalls die Augen, ließ ihre Hand einen Moment über der Karte kreisen und stieß dann mit ihrem Finger auf sie hinunter.
Interessiert beugte er sich vor und begutachtete mit ihr gemeinsam ihre Wahl.
„Pizza Pepperoni,“ stellte sie fest. „Es hätte schlimmer kommen können.“
„Und dazu einen Wein?“ fragte er weiter und betete innerlich um ein Ja. Alkohol hatte noch jede Zunge gelöst und die Mädchen immer locker gemacht. Und so verkrampft wie sie aussah, konnte sie das sicherlich gebrauchen.
„Ein Glas,“ nickte sie schließlich. „Aber nicht mehr. Immerhin haben wir gerade mal Mittag.“
„Na und? Man sollte das Leben feiern, wie es kommt,“ entgegnete er lächelnd und winkte dann den Kellner heran.
Er bestellt für sie beide, das Mädchen fügte noch einen Salat als Vorspeise hinzu und keine fünf Minuten später saßen sie sich wieder schweigend gegenüber.
Erneut musste er daran denken, wie dieses seltsame Treffen zustande gekommen war. Vermutlich hatte er noch nie so schnell ein Date vereinbart, wie mit dieser schönen Unbekannten, was wahrscheinlich - und das gab er nur ungern zu – den eigentlichen Reiz an dem Ganzen ausmachte. Ihre schnelle Zusage, obwohl sie offensichtlich wenig begeistert über sein Auftauchen gewesen war (was nicht weiter verwunderte, wenn man bedachte, dass er ihr zur Begrüßung erst einmal den Kaffee über das Shirt gekippt hatte), hatte ihn doch überrascht. Und Frauen, die ihn heute noch überraschen konnten, versprachen auf jeden Fall zumindest einen amüsanten Mittag.
Das Schweigen zwischen ihnen zog sich mittlerweile unbehaglich in die Länge, also riss er sich zusammen und ging die übliche Wir-lernen-uns-kennen-Liste durch.
„Verrätst du mir deinen Namen?“ fragte er mit einem entwaffnenden, breiten Lächeln und verschränkte dabei die Hände auf dem weißen Tischtuch.
„Sasha,“ sagte das Mädchen.
„Ein schöner Name,“ gab er zurück, auch wenn er dazu eigentlich gar keine Meinung hatte.
„Danke,“ nickte sie und sah sich dann suchend nach dem Kellner um. Ja, so ein bisschen Unterstützung könnte er jetzt auch gebrauchen. Wo blieb also der verdammte Wein?
„Bist du von hier?“ war dann Frage Nummer 2 seines Repertoirs.
„Nein. New York,“ gab sie knapp zurück. Na großartig. Wenn das so weiter ging, war er mit seinem Fragenkatalog durch, bevor sie auch nur einen Schluck getrunken hatten. Redeten Frauen nicht normaler Weise andauernd und ohne Punkt und Komma?
„Und ... was verschlägt dich hier her?“ fragte er weiter, während er von weitem den Kellner heraneilen sah. Gott sei Dank!
„Urlaub.“
„Du bist kein Freund großer Worte, was?“ stellte er mit einem breiten Lächeln fest, das seine wachsende Panik kaschieren sollte. Vielleicht sollte er sich ganz schnell eine gute Ausrede einfallen lassen und sie alleine ihrer Pizza überlassen.
„Ich weiß nicht,“ gestand sie. „Ehrlich gesagt ist es eine ganze Weile her, dass ich ... na ja ... ein vernünftiges Gespräch mit jemandem geführt habe, der größer als ein Teddy Bär ist.“ Dabei huschte ihr Blick zu dem Kinderwagen hinüber, den er bis eben gekonnt ignoriert hatte und in dem ein Baby friedlich schlief. Ob es das gleiche wie vom Flughafen war, konnte er nicht sagen. Für ihn sahen Säuglinge alle gleich aus.
In diesem Moment stellte der Kellner zwei Gläser vor ihnen ab und schenkte dann aus der bereits geöffneten Rotweinflasche ein. Noch während er den Wein zwischen ihren auf dem Tisch abstellte, kam ein weiterer Kellner mit einer großen Flasche Wasser und weiteren Gläsern hinzu, die er ebenfalls vor ihnen abstellte. Als sie schließlich wieder alleine waren, war der Tisch übersäht von Flaschen und Gläsern. Wie dazwischen noch zwei Teller hinein passen sollten, war Nick wirklich ein Rätsel.
Überhaupt ... er hatte sich bereits beim Hereinkommen gefragt, ob es in diesem Schuppen überhaupt etwas Genießbares zu essen gab. Zwar machte das Restaurant durchaus einen sauberen Eindruck, doch alles hier drin schrie geradezu nach einer Generalüberholung. Der Tresen im hinteren Teil wirkte stumpf, die Tapete war vergilbt, die Kante des Tischtuchs in seinem Schoß wies bereits einige Löcher auf, der alte Dielenboden quitschte bei jedem Schritt und war an manchen Stellen bereits bis auf das blanke Holz abgewetzt und der Stuhl auf dem er saß wackelte bedenklich.
Wenn Sasha also tatsächlich wusste wer er war, was sie am Flughafen ja noch lachend zugegeben hatte, warum hatte sie dann ausgerechnet diesen heruntergekommenen Schuppen gewählt und sich nicht etwas schickeres in der Stadt ausgesucht?
„Du bist aber auch nicht gerade gesprächig,“ holte ihn ihre Stimme in diesem Moment aus seinen Gedankengängen zurück und er stellte erschrocken fest, dass er wohl schon eine ganze Weile debil vor sich hin gestarrt hatte.
„Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, warum wir ausgerechnet hier essen,“ entgegnete er also wahrheitsgemäß und griff nach seinem Weinglas. „Cheers. Auf einen schönen, seltsamen Mittag.“
„Ja, darauf trinke ich gerne,“ sagte sie und das erste Mal, seit sie hier saßen, erstrahlte ein warmes, breites Lächeln auf ihrem Gesicht, was sein Herz für einen Moment gefährlich stolpern ließ, bevor es viel zu schnell und hektisch weiter schlug.
Nachdem sie beide einen Schluck von ihrem Wein genommen hatten, legte sie die Stirn in nachdenkliche Falten und sagte dann langsam. „Warum wir hier essen? Ich befürchte, weil mir auf die Schnelle nichts besseres eingefallen ist.“
„Ich sehe schon, das nächste Mal suche ich das Restaurant aus,“ grinste er.
„Ich glaube kaum, dass es ein nächstes Mal geben wird,“ stellte sie fest, während ein Ausdruck von Unbehagen über ihr Gesicht huschte.
„Warum nicht?“ hakte er also sofort nach.
„Keine Ahnung ... ist nur so ein Gefühl,“ werte sie ab und es war offensichtlich, dass dies eine Lüge war. Doch er mahnte sich zur Zurückhaltung. Es brachte selten etwas, sofort mit der Tür ins Haus zu fallen. Höchstwahrscheinlich würde sie sofort aufspringen und fluchtartig das Lokal verlassen. Sie wirkte ja jetzt schon so, als wäre sie lieber in einem Steinbruch in Sibirien als hier mit ihm.
„Lebst du nicht eigentlich in Tampa?“ fragte sie ihn unvermittelt, was in seinem Gehirn sofort die unterschiedlichsten Bilder heraufbeschwor. Darin kamen sowohl seine Familie, als auch AJ vor und beides schien ihm nicht das geeignete Thema für einen gemütlichen Plausch zu sein.
„Eigentlich schon,“ nickte er.
„Und was machst du dann hier?“ fragte sie weiter und nahm einen erneuten Schluck von ihrem Wein.
„Urlaub,“ gab er genau so knapp wie sie zuvor zurück. Gleichzeitig erstrahlte ein breites Grinsen auf seinem Gesicht, was sie genau so breit erwiderte. Oh Mann. Sie begannen schon in Geheimsprache zu reden, wenn das mal nicht verrückt war.
„Und die Kleine?“ fragte er nun und deutete in einer knappen Handbewegung zu dem Kinderwagen hinüber.
„Sophia,“ korrigierte sie ihn lächelnd.
„Also Sophia. Du passt auf sie auf?“
„Uhm ... ja?“ Sie wirkte irritiert. Ob er noch deutlicher werden sollte?
„Ich meine ... also ... das ist nicht dein Kind, oder?“ sagte er deshalb.
„Oh. Achso,“ kicherte sie. „Tut mir ja leid, deine Illusionen zerstören zu müssen, aber Sophia ist tatsächlich meine Tochter.“
„Nicht wahr!“ stieß er hervor. Sie konnte doch höchstens ... also ... sie war bestimmt nicht viel älter als ...
„Doch, es ist wahr.“ Sie war wieder ernst geworden und er verfluchte sich innerlich. Er hatte tatsächlich gerade ein Date mit einer waschechten Mom! Oh Mann.
Nicht, dass er etwas gegen Kinder hatte - im Grunde war er ja selbst noch eins – aber die dazugehörigen Mütter waren normaler Weise wesentlich älter und spießiger und uninteressanter und ... und überhaupt.
„Aber du siehst gar nicht aus wie eine Mutter,“ war dann auch sein wenig geistreicher Kommentar.
„So? Wie sollten die denn deiner Meinung nach aussehen?“ gab sie schmunzelnd zurück.
„Ich ... weiß .... nicht. Du bist so ... jung,“ stammelte er.
„Danke für das Kompliment, aber ehrlich gesagt bin ich eine alte Frau. 26 um genau zu sein.“
Also sechs Jahre älter als er. Im Grunde kein Problem. Aber das Kind ...
Sein Blick huschte erneut zum Kinderwagen hinüber. Eigentlich sah das Baby ganz friedlich aus, wie es da so lag. Der Schnuller war halb zwischen den erstaunlich vollen Lippen herausgerutscht, die kleinen Fäuste waren neben dem Kopf zu entspannten Fäusten geballt und der Brustkorb senkte sich ganz deutlich hektisch auf und ab. Ja, süß, aber leider das Kind der falschen Frau.
Im selben Moment dachte er an AJ und er schluckte trocken. Er versuchte sich für einen Moment vorzustellen, Sasha hätte ihm gerade eröffnet, dass diese Sophia seine Tochter sei, doch dafür reichte seine Vorstellungskraft nicht aus. So langsam begann er zumindest zu ahnen, was gerade in seinem Freund vor sich ging, was es allerdings nicht wirklich besser machte.
„Ich sagte doch, dass das das letzte Mal sein wird, dass wir zusammen essen gehen,“ bemerkte Sasha und wirkte dabei in keinster Weise gekränkt oder wütend. Schon wieder eine Überraschung.
„Es könnte durchaus möglich sein, dass ich mich von dem Schock wieder erhole,“ bemerkte er also.
„Na, das ist tröstlich,“ gluckste sie und nahm einen erneuten Schluck von ihrem Wein. Gute Idee eigentlich. Nach drei tiefen Zügen fühlte er sich schon wesentlich besser. Aus dem hinteren Teil näherte sich auch schon der Kellner mit zwei dampfenden Tellern, was Nicks Magen mit einem lauten Knurren registrierte. Okay. Dann hatte er eben ein Date mit einer Frau, die bereits ein Kind hatte. Na und? Sie waren schließlich beide auf „Urlaub“ hier. Somit sollte dies nun wirklich kein Problem darstellen.

Sasha war der Meinung gleich platzen zu müssen, wenn sie auch nur noch einen Bissen von der Pizza essen musste. Ihr Hauptgericht war so groß wie ein Wagenrand gewesen und ragte an allen Seiten über den Tellerrand hinaus. Mittlerweile hatte sie dieses Monstrum immerhin auf die Hälfte reduziert, aber mehr ging nun beim besten Willen nicht mehr.
Nick hatte schon vor einer ganzen Weile sein Besteck beiseite gelegt und wartete seit dem ungeduldig, dass sie auch endlich fertig wurde. Zumindest kam es ihr so vor. Er rutschte immer wieder auf seinem Stuhl hin und her, nippte an seinem Wein, dann an seinem Wasser und anschließend gleich noch einmal an dem Wein und seine Hände hielten kaum eine Sekunde still.
Trotzdem schien er voll und ganz auf sie konzentriert zu sein. War ihr Gespräch am Anfang noch ziemlich stockend und zögerlich voran gekommen, so hatten sie es doch inzwischen geschafft, sich wie zwei normale Menschen gesittet und fließend zu unterhalten. Wobei Nick die meiste Zeit geredet hatte, wie Sasha amüsiert feststellte. Es kam ihr so vor, als plappere er einfach drauf los. Das, was ihm gerade in den Sinn kam, sprach er auch aus. So wechselten die Themen munter und teilweise sehr sprunghaft hin und her. Er erzählte von seinem Leben mit der Band, seinem eigentlichen zu Hause in Tampa, über seine große Leidenschaft für Boote, wechselte dann zum Thema Musik, erklärte ihr als nächstes, wo man hier in Orlando die besten Clubs finden konnte und endete mit einem kleinen Monolog über den Sinn des Lebens.
Als Sasha schließlich geschlagen Messer und Gabel sinken ließ und den Teller ein Stück von sich schob, heftete sich sein Blick gierig auf die Reste ihrer Pizza.
„Du isst das nicht mehr?“ fragte er nach.
„Nein,“ gestand sie.
„Darf ich?“
„Klar,“ nickte sie und schob den Teller zu ihm hinüber.
Ohne viel Aufhebens schnitt er das große Stück in zwei Hälften, klappte eine davon zusammen und biss gleich darauf herzhaft hinein.
„Da ich jetzt den Mund voll habe,“ erklärte er, nachdem er den ersten Bissen herunter geschluckt hatte „bist du jetzt dran mit der Unterhaltung.“
„Ich befürchte, mein Leben ist nicht aufregend genug, um mit deinem mithalten zu können,“ lächelte Sasha schwach.
„Ach was. Da lässt sich bestimmt etwas finden,“ grinste er. „Erzähl mir doch mal, wo Sophias Vater im Moment ist.“
Die Pizza in ihrem Magen verwandelte sich augenblicklich in einen harten Klumpen Beton, während sich auf ihrer Zunge ein bitterer Geschmack ausbreitete. Bis hier hin hatte sie alle Gedanken an AJ, seine Vaterschaft und den Umstand, dass sie hier gerade einem seiner besten Freunde gegenüber saß, erfolgreich verdrängt, doch nun stürzten all diese Gedanken unvermittelt wieder auf sie ein.
Das Schlimme daran war, dass ihr durchaus bewusst war, dass sie Nick sagen musste wer sie war, was sie hier tat und warum sie nach Orlando gekommen war, doch dass diese Informationen aus unerfindlichen Gründen nicht über ihrer Lippen kommen wollten.
Und so mogelte sie sich auch diesmal um die eigentliche Wahrheit herum.
„Sophias Vater war nur so eine One-Night-Stand Geschichte,“ erklärte sie. „Als ich feststellte, dass ich schwanger bin, war er bereits über alle Berge und nicht mehr auffindbar. Abgesehen davon, dass ich das eigentlich auch nicht wirklich wollte.“
„Wiescho nischt?“ nuschelte Nick mit vollem Mund.
„Ich fand den Gedanken sehr angenehm, mein Leben mit Sophia alleine zu bestreiten. Der Typ hätte sich wahrscheinlich sowieso nicht mehr an mich erinnert und ich wollte keinen Mann, der mir lediglich einmal im Monat einen Scheck schickt und dem ansonsten Sophias Wohlergehen am Allerwertesten vorbei geht.“
Nick schluckte, spülte mit einem Schluck Wasser nach und meinte dann „aber das kannst du doch gar nicht wissen. Ich meine ... im Grunde hätte der Typ doch durchaus eine Chance verdient, findest du nicht? Vielleicht wäre er ganz entzückt darüber, eine Tochter zu haben.“
„Klar, und in der Hölle schneit es,“ schnaubte Sasha, der AJs mangelnde Begeisterung im Hinblick auf seine Tochter sehr deutlich vor Augen stand. „Ihr Männer seid da alle doch recht einfach gestrickt. So etwas wie Verantwortung zu übernehmen, fällt euch schwer und was nicht in eurer Lebenskonzept passt, wird entweder ignoriert oder vergrault. Danke, aber darauf habe ich überhaupt keine Lust.“
Plötzlich sah sie wieder ihren Vater vor sich, der mit stoischer Gelassenheit einen Scheck ausschrieb, um das „kleine Problem“ stillschweigend zu beseitigen. Nein, Männern konnte man nicht trauen und denen brauchte man auch gar nicht mit so etwas wie einem Kind zu kommen. Leider hatte sie in ihrem Fall keinen anderen Ausweg gesehen, doch das hinderte sie trotzdem nicht daran, sich Sophia gegenüber wie eine Verräterin zu fühlen.
„Du hast ja wirklich eine eigenartige Meinung über uns Männer,“ bemerkte Nick gerade, wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und schob dann den nun leeren Teller in die Mitte des Tisches.
„Alles Erfahrungswerte,“ gab Sasha schulterzuckend zurück.
„Das bedeutet wohl, dass ich mich doppelt so sehr anstrengen muss, was?“ grinste er nun, was sie ziemlich verwirrte.
„Wie meinst du das?“
„Naja ... wenn ich dich richtig verstehe, sitzt du nur mit mir an diesem Tisch weil ... hm ... eigentlich weiß ich gar nicht, warum du mit mir hier sitzt. An meinem männlichen Charme kann es jedenfalls nicht liegen,“ grinste er.
„Du bist schon ganz okay ... für einen Mann,“ beeilte Sasha sich zu sagen. Dann ging ihr auf, wie unhöflich dieser Satz eigentlich klang und sie schüttelte seufzend den Kopf. „Tut mir leid, so war das nicht gemeint, es ist nur ... ich ... ich komme ganz gut ohne aus, verstehst du?“
„Ja, das habe ich jetzt auch kapiert,“ nickte er immer noch lächelnd. „Ich denke nur, dass ich dafür sorgen sollte, dass mein Geschlecht in deinen Augen wieder ein bisschen an Achtung gewinnt. Das ist sozusagen meine Mission ab heute.“
„Du nimmst dir gerne unerreichbares vor, oder?“ schmunzelte sie.
„Nun ja ... sieh es mal so ... ,“ sagte er, stützte seine Ellenbogen auf den Tisch und beugte sich verschwörerisch ein Stück in ihre Richtung. „Wer hätte denn gedacht, dass ich tatsächlich mal auf einer Bühne stehen würde, Millionen Menschen unsere Platten kaufen und mich sogar in Tokio die Leute auf der Straße erkennen? Ziele können nicht hoch genug sein. Das fördert die Fantasie und die Kreativität.“
„Und was passiert, wenn deine Erwartungen und Wünsche nicht erfüllt werden?“ hakte Sasha interessiert nach, während sie sich ebenfalls auf den Tisch lehnte und ihm durchdringend in die Augen sah. Meine Güte, flirtete sie etwa mit diesem Jungspund? Sie musste vollkommen verrückt geworden sein.
„Meine Erfolgsquote war bisher gar nicht so schlecht,“ bemerkte Nick, während seine Augen zu funkeln begannen und sich in Sashas Magen eine angenehme Wärme ausbreitete. „Von daher denke ich im Moment noch nicht über ein eventuelles Scheitern nach.“
„Sondern?“
„Sondern darüber, wie ich dich zu einem weiteren Date mit mir überreden kann.“ Seine Augenbrauen hüpften bei seinen Worten auffordernd auf und ab, was Sasha kichern ließ. Himmel, sie benahm sich tatsächlich wie ein Gott verdammtes Schulmädchen.
„Du vergisst da allerdings eine winzige Kleinigkeit,“ säuselte sie trotzdem und schenkte ihm einen koketten Augenaufschlag.
„Das da wäre?“ hakte er nach und rückte noch ein Stück näher an sie heran. Ihre Arme berührten sich beinahe, sein Gesicht war ihrem so nahe, dass sie die kleinen, schwarzen Sprenkel in seiner Iris sehen konnte und unvermittelt wurde ihr unglaublich warm.
„Ich bin eine Mom. Mich gibt es also nur im Doppelpack, was irgendwelche heißen Clubbesuche und nächtliche Kneipentouren von vornherein ausschließt.“
„Ich denke, ich kann mich daran gewöhnen, vor Einbruch der Nacht aufzustehen,“ grinste er. „Ich zerfalle nämlich nicht zu Staub, wenn ich ins Sonnenlicht trete, weißt du?“
„Ach nein?“ lachte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ach nein,“ bestätigte Nick mit einem Nicken.
„Und wie sieht es mit Babygeschrei, vollen Windeln und einer gestressten Mutter aus? Kannst du dich daran gewöhnen?“
„Das weiß ich, ehrlich gesagt noch nicht,“ gestand er. „Aber dafür sind wir ja hier. Um das auszuprobieren.“
Sie hätte ihm gerne gesagt, dass sie nicht in der Lage war, irgendetwas „auszuprobieren“. Sie war erwachsen und trug eine große Verantwortung, ganz zu Schweigen von der Sache mit AJ und dem Vaterschaftstest. Alles in allem hätte sie also spätestens jetzt die Beine in die Hand nehmen und so schnell sie ihre Füße trugen von hier verschwinden sollen. Weg von dem anziehenden Glitzern in seinen Augen, weg von dem sanften Schwung seiner verführerischen Lippen und weit, weit weg von seiner jugendlichen Ausstrahlung und dem Gefühl von Wichtigkeit, das er ihr vermittelte.
Doch leider war sie auch nur eine Frau, noch dazu ausgehungert nach Liebe, Zuwendung und ein wenig persönlichem Glück. Und was taten Frauen, wenn vor ihnen ein Ritter auf einem weißen Schimmel angeritten kam, mit einer langstieligen Rose winkten und sie aufforderten, mit ihnen in das Land der Abenteuer und der Liebe zu kommen?
Richtig. Sie warfen alle guten Vorsätze, Bedenken und den gesunden Menschenverstand über Bord und sagten solche Dinge wie „Und was hast du dir für das nächste Date so vorgestellt?“
Und der Ritter antwortete „lass das mal meine Sorge sein. Es wird auf jeden Fall wesentlich angenehmer werden, als in dieser miesen Spelunke hier.“

Kapitel 12