Kapitel 10

Da war er also und Alex musste geknickt feststellen, dass Nick 100 Mal besser aussah als er selbst sich fühlte.
Es war seltsam, Alex hatte fast den Eindruck, das Chaos zusammen mit Nick zur Tür hereinspazieren zu sehen und er wusste noch nicht so recht, ob er das beängstigend oder lustig finden sollte.
Nick hatte sich vor einer Weile ins Gästezimmer verzogen und alles was man von ihm vernahm, waren undeutlich mitgesungene, oder besser gejaulte Liedtexte.
Alex selbst hatte sich einen Augenblick später auf die Terrasse verzogen. Dort hatte er die Füße auf den Rand des eckigen Glastisches gelegt und war mit angezogenen Knien tief in den Stuhl gerutscht, wo er nun eine Zigarette nach der anderen rauchte.
Seit drei Tagen hatte er nun dieses wirklich Ekel erregende Gefühl im Magen. Er konnte tun und lassen was er wollte, es ging einfach nicht weg.
Vergangene Nacht war er zweimal aus dem Schlaf hochgeschrekt, schweißgebadet und er hatte beide Male Stunden gebraucht um sein wie wild schlagendes Herz wieder unter Kontrolle zu bringen.
Summa Summarum hatte er also ganze zwei Stunden geschlafen.
Diese Ungewissheit, was seine Zukunft betraf, hatte sich so tief in seine Gedanken gebrannt, wo sie nun heiß loderte und sich als Angst in seinen Eingeweiden ausbreitete wie ein Strohfeuer.
Nicki war bei all dem seine größte Sorge, denn er wusste ganz genau er würde zu Grunde gehen wenn sie ihn verließ.
Er fühlte sich schon jetzt unendlich schuldig, denn noch in der Reha hatte sie ihm das Versprechen abgenommen, keine Geheimnisse mehr vor ihr zu haben. Und nun? War alles anders.
Er hätte ihr einfach alles erzählen sollen, denn mal ehrlich, seine Chancen standen gerade mal übelst schlecht die gesamte Geschichte einfach an ihr vorbei zu lenken.
Zum einen war da Nick, und so sehr er dieses Nervenbündel von Backstreet Boy liebte, Geheimnisse waren nicht seine Stärke.
Zum anderen wusste er Sasha nicht einzuschätzen und konnte somit auch schlecht sagen, ob nun etwas durch sie an die Presse gelangen würde oder nicht.
Und leider war da auch noch Möglichkeit Nummer drei und sein Magen zog sich erneut schmerzhaft zusammen.
Warum fürchtete er überhaupt, dieses Testergebnis könne nachweisen er sei der Vater wenn er doch zu 100 % vom Gegenteil überzeugt war?
Das war wohl aber auch der schlimmste Punkt - er war sich nicht sicher.
"Die Dinger werden Dich noch umbringen. Gib mir auch eine." Nick war geradewegs in seine Gedanken geplatzt und auf unbestimmte Art war er ihm dankbar dafür.
"Sagt der eine Arsch zum anderen Arsch... oder was?" lachte Alex rau und reichte ihm die Schachtel Zigaretten.
"So ungefähr." Nick zog eine der weißen Tabakstäbe aus der zerknautschten Packung und versuchte ihn vorsichtig zu begradigen, bevor er ihn zwischen seine Lippen schob und mit einem tiefen Zug ansteckte.
"Man kann übrigens kaum glauben, dass du tatsächlich nen Plattenvertrag hast, nach dem Geheule was du da von dir gegeben hast." lachte Alex und deutete mit dem Zeigefinger auf eine unbestimmte Richtung im Haus.
Nick zuckte nur ungerührt mit den Schultern.
"Ich bin halt der Gutaussehende bei uns." grinste er dann mit wackelnden Augenbrauen.
"Na was ein Glück, dass nicht ich den Part bekommen habe." lachte Alex und drückte eine weitere Zigarette im Aschenbecher aus.
Vielleicht tat Nicks Anwesenheit doch ganz gut - dachte er sich. In jedem Fall fühlte er sich in den letzten fünf Minuten entspannter, als in den gesamten drei Tagen zuvor.
"So nun will ich aber die ganze Babygeschichte noch mal von vorn und ganz langsam zum Mitschreiben." Soviel also zum Thema Entspannung.
Alex seufzte nur einmal mehr laut und vernehmlich. Er wurde das anstrengende Gefühl nicht los, dass diese Geschichte mit jedem Mal, wo er darüber sprach oder bloß darüber nachdachte, schlimmer wurde.
"Im Prinzip hab ich Dir doch schon alles erzählt", sagte Alex also und hoffte so um dieses Gespräch herum zu kommen.
"Du weißt doch Nick - Hirn - Sieb." Sagte dieser und drehte eine imaginäre Schraube an seiner Schläfe.
Und wieder seufzte Alex. So langsam ging ihm dieses Geräusch ja selbst schon auf den Zeiger. Wie das wohl seine Umwelt empfand?!
"Montag Morgen, ich hatte mir gerade den Magen mit Mums Pfannkuchen voll geschlagen. Meine Mutter war am Abwaschen und hat wohl mehr zufällig aus dem Fenster gesehen, dass diese ... Person um unser Haus gelaufen ist.
Ich hab mir dabei nicht viel gedacht, ist ja nicht das erste Mal gewesen, dass wildfremde Mädels hier aufgekreuzt sind." Er machte eine kurze Pause, in der er sich einen weiteren Glimmstängel aus der Packung angelte.
Nick hatte Recht, diese Dinger würden ihn früher oder später töten. Doch gerade jetzt glaubte er, ein weiterer Nikotinschub würde Ruhe in sein aufgewühltes Inneres bringen.
Nick saß ihm vollkommen entspannt gegenüber und der Gedanke, wie er wohl reagieren würde, wenn er von dieser ganzen Geschichte selbst betroffen wäre, schoss Alex für einen Moment durch den Kopf.
"Auf jeden Fall ist meine Mutter zur Tür gegangen und kam einen Augenblick später wieder rein, mit der Aussage, diese Frau habe mir etwas mitzuteilen. Ich bin also raus gegangen ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben wer das sein soll.
Ja und dann hat diese Schnalle mir "meine" Tochter vorgestellt."
Nick atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf.
"Wow Dude, Du steckst ganz schön tief in der Scheiße, wenn ich das mal ganz salopp sagen darf."
"Ach komm?" erwiderte Alex augenrollend und spielte mit seinem Feuerzeug.
"Hast Du Nicki davon erzählt?" wollte Nick wissen und aschte zum Leidwesen von Alex' Mutter die Zigarette neben dem Stuhl ab.
"Gott bewahre nein. Ich hoffe inständig, dass diese Frau lügt und Nicki nie im Leben von dieser ganzen Sache erfährt. Sie würde mich auf der Stelle verlassen." Nun warf er sein Feuerzeug auf den Tisch und rieb sich über die Stirn.
Sein Kopf fühlte sich an als wäre er stundenlang mit einem Presslufthammer bearbeitet worden.
"Glaubst du wirklich sie würde dich verlassen?"
Alex schnaubte. "Sollte sich herausstellen, dass ich der Vater dieses Mädchens bin, wird sie mich definitiv verlassen."
"Wenn du es ihr erst sagst, wenn sich herausstellt Du bist der Vater, dann hast du sicher recht." sagte Nick ohne ihn anzusehen und fischte auf seiner Zunge nach einem Haar oder Tabakstückchen.
"Alex, wir alle können nur erahnen, was in der Zeit vor dem Entzug in dir vorgegangen ist. Auch Nicki weiß, dass es Dinge gegeben hat, die aus deinem Gedächtnis verschwunden sind. Glaubst Du nicht sie würde Dich verstehen und vor allem Dir beistehen?"
Alex folgte mit den Augen den kleinen, blauen Rauchschwaden die Nick in regelmäßigen Abständen ausstieß. Wie gern würde er Nicks Worten Glauben schenken, seinem Urteil vertrauen und seine geliebte Nicki umgehend anrufen. Er würde ihr alles erzählen, von seinen Zweifeln bis hin zu dem eigentümlichen Gefühl in seiner Brust, wann immer er dieses Kind sah. Sie würde kommen und ihm beistehen, ihm Trost schenken, schon alleine mit einem einzigen Blick aus ihren grünen Augen. Oder würde sie sich abwenden und ihn nie wieder mit ihrem sanften Lächeln heilen?
Gab es denn keine logische Entscheidung in diesem Fall? Musste es sich denn tatsächlich hier nur um richtig oder falsch drehen? Und wenn ja, was zum Henker war bitte richtig?

Das gleißende Licht der Mittagssonne teilte sich in hunderte Lichtstrahlen, als es durch das große Seitenfenster des italienischen Restaurants schien und somit die triste, braune Einrichtung hier in einen ganz eigenen Glanz tauchte.
Sasha Jakobi nestelte nervös an einer Stoffserviette herum, während ihre Tochter in gleichmäßigem Takt an ihrem nagelneuen Schnuller nuckelte und langsam in zufriedenen Schlaf abdriftete.
Warum Sasha nervös war konnte sie nicht erklären. Was war schon dabei mit Nick Carter, seines Zeichens Backstreet Boy und Mädchenschwarm, zu Mittag zu essen? Er hatte sie am Flughafen nicht erkannt - zum Glück. Aber warum sollte er auch? Sie hatte damals sicher nicht mehr als fünf Sätze mit ihm gewechselt und diese waren wohl auch mehr geschäftlicher Natur gewesen. Sie hatte nicht viel Ahnung von seinem Beruf, aber er begegnete sicherlich mindestens fünf Hotelmanagern in nur einer Woche, warum sollte er sich ausgerechnet an Sie erinnern?
Und doch hatte sie ein ungutes Gefühl bei dieser Sache.
Auf gewisse Weise fühlte sie sich schuldig, wenn sie in diesem Moment in Sophias Gesicht sah.
Nicht nur, dass an diesem Tisch in wenigen Minuten einer der Männer sitzen würde, den sie selbst als potentiellen Vater in Erwägung gezogen hatte. Nein, auch weil sie hier nicht war um einen entspannten Urlaub zu verbringen. Sie war nach Orlando gekommen um Sophias Zukunft zu sichern.
Zwischenmenschliche Beziehungen waren da gerade mal ganz ungünstig, obwohl Sasha sich ziemlich sicher war, dass Nick in keinster Weise eine Gefahr für sie darstellte. Zugegeben er war attraktiv und mit seinen blauen Augen hatte er sicher schon Millionen Teenies den Verstand geraubt, doch mit seinen einundzwanzig Jahren war er schließlich noch grün hinter den Ohren und daher ganz bestimmt nicht im Geringsten eine Versuchung für eine gestandene Frau wie Sasha.
Sophias Wohlergehen war der einzige Grund, warum Sasha sich in dieses Flugzeug gesetzt hatte - Dies und nichts anderes.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte die junge Frau an eine schnelle Flucht nach vorn.
Wozu sollte sie sich mit ihm treffen?
Gerade als sie ihre sieben Sachen zusammen suchte, fiel ihr Blick zum Eingang, wo Nick dem Kellner freundlich zunickte. Verdammt.
Sein Blick wanderte durch den Raum und das Lächeln auf seinem, im Sonnenschein unwirklich wirkenden Gesicht, wurde breiter.
Ja, er war attraktiv. Das erste was Sasha auffiel waren seine großen Füße, wie sie belustigt feststellte. Diese steckten in blütenweißen Turnschuhen, halb bedeckt von dunkelblauen Jeans. Sein schwarzes T-Shirt steckte zur Hälfte, oder zumindest an einer Stelle hinter seiner Gürtelschnalle und war ansonsten unter einer ausgewaschenen Jeansjacke verborgen. Dennoch konnte man seinen Oberkörper und somit seine Brust deutlich darunter erkennen.
Um Himmels Willen, was dachte sie denn da?
"Entschuldige, ich wurde aufgehalten." sagte er atemlos und ließ sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder.
"Ich wäre schon fast wieder gegangen." erwiderte sie wahrheitsgemäß, obwohl ihr die Tatsache, dass er eine viertel Stunde zu spät kam weder aufgefallen war, noch wirklich den Grund für ihre "Beinahe-Flucht" darstellte.
"Da hab ich ja noch einmal Glück gehabt." Gab er mit entwaffnendem Lächeln zurück.
Während er sich die Speisekarte griff und diese genauestens zu studieren schien, erlaubte Sasha sich einen unauffälligen Blick in sein Gesicht.
Seine Ponyfransen hatte er ganz im "frisch aus dem Bett" Look wild durcheinander gestylt und die Sonne schien ihre wahre Freude daran zu haben, in den unterschiedlichen Blondtönen seiner Haare zu spielen.
Selbst jetzt, wo er keinen Ton von sich gab, wirkte er jung und verspielt und Sasha fühlte sich wie eine uralte Frau.
Noch ein Grund mehr das hier ganz schnell hinter sich zu bringen.

Kapitel 11