Kapitel 8

Himmel wie war denn das jetzt passiert?
Alex ließ sich rücklings auf sein Bett fallen, ließ den Arm über den Rand baumeln und das Telefon aus seiner Hand, auf den Boden gleiten. Er seufzte laut und verdrehte die Augen bevor er sein Gesicht unter einem Kissen vergrub.
Er hatte doch bloß wissen wollen ob er im September in New York gewesen war - nicht mehr. Er hatte keinen männlichen Beistand gewollt, wie Nick es so schön ausgedrückt hatte und nun musste er auch noch Weihnachten mit eben diesem männlichen Beistand verbringen.
Es war ja gar nicht so, dass er seinen kleinen Bruder nicht liebte, doch bei Nick bestand grundsätzlich die Gefahr, dass der gesamte Weihnachtsbaum in Flammen aufging, der Truthahn in die Luft flog oder sonstige Katastrophen, ungeahnten Ausmaßes geschahen. Das war ganz einfach Nick. Oh Gott, er konnte es sich schon bildlich vorstellen.
Würde dieser Tag denn jemals enden? Wieder seufzte er laut und presste das Kissen noch ein wenig fester auf sein Gesicht. Genau, er würde sich jetzt einfach selbst mit diesem Kissen ersticken, dann hatte er das alles hinter sich. Ein unaufhaltsames Kichern stieg in seiner Kehle auf, als er daran dachte, dass die Vorstellung von Nick Chaos Carter im Hause seiner Mutter ihn gerade mehr beunruhigte als die Tatsache eventuell Vater zu sein.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ Alex schließlich das Kissen von seinem Gesicht nehmen und nachdem er ein raues "hereinspaziert" gerufen hatte setzte er sich auf. Seine Mutter trat ein und setzte sich zu ihm auf die Bettkante.
"Du warst heute Morgen so plötzlich verschwunden. Ist bei Dir alles in Ordnung?" fragte sie und legte ihm fürsorglich eine Hand auf die Schulter.
Alex seufzte und fuhr sich mit der Hand über die Augen. "Ich habe mich mit ihr getroffen um ihr die Proben und Papiere für den Test zu bringen." schnaubte er und stützte seinen Kopf auf seinen Händen ab.
"Du machst den Test also?" nickte Denise zustimmend.
"Ja, ich denke es ist die einzige Möglichkeit zu beweisen, dass ich nicht der Vater dieses Babys bin."
"Bist du dir sicher?" fragte seine Mutter und er meinte Zweifel in ihrer Stimme zu hören.
Leider konnte er nicht viel mehr tun, als den Kopf zu schütteln.
"Ich habe sie gefragte wann das alles denn nun von Statten gegangen sein soll und vor allem wo." er reichte seiner Mutter den Notizblock mit den spärlichen Informationen.
"Und treffen diese Angaben denn zu?" fragte sie mit gerunzelter Stirn.
"Ich wusste es bis eben selbst nicht. Ich habe Nick angerufen und er sagt die Daten stimmen 1 A. Er hat sogar einen Fanbericht gefunden wo jemand schreibt, dass ich eine Frau mit auf mein Zimmer genommen haben soll." er wagte es kaum seine Mutter anzusehen.
"Alex!?" sagte sie mit einem liebevollen, jedoch vorwurfsvollen Klang in ihrer Stimme.
"Aber vielleicht hat sie ihre gesamte Lüge auf einem solchen Bericht aufgebaut. Ich meine wenn Nick all diese Infos findet, dann schafft das jeder." sagte er und sprang vom Bett um nun unruhig vor seiner Mutter auf- und abzulaufen.
"Mir bereitet Magenschmerzen, dass sie von vornherein mit einem Vaterschaftstest in der Tasche hier aufgetaucht ist." sagte Denise ruhig und legte den Notizblock zur Seite.
"Ich weiß. Diese Tatsache leuchtet in meinem Kopf auch ununterbrochen und mit zwölf fetten, roten Ausrufezeichen immer wieder auf. Ich habe sogar den Umschlag eigenhändig zur Post gebracht, damit sie die Proben nicht vertauschen kann." er steckte sich mit zitternden Händen eine Zigarette an und blies gleich darauf eine Rauchschwade in die Luft.
Ihm war schlecht. Er wollte, verdammt noch mal, dass er ihre Lügen entlarven würde und nicht sechs Wochen dieses Ergebnis fürchten.
"Was hast du jetzt vor?" fragte Denise mitten in seine Gedankengänge.
"Keine Ahnung, die nächsten sechs Wochen abwarten und einige Zeit davon wohl versuchen, grobe Katastrophen von Nick abzuwenden. Der packt nämlich vermutlich gerade jetzt seinen Koffer." schnaubte er und lehnte sich, die freie Hand tief in der Hosentasche vergraben, an die Wand.
"Nick kommt. Wie schön. Es wird dir sicher gut tun, dich ein wenig abzulenken."
Alex seufzte. "Ja wahrscheinlich."
Seine Mutter erhob sich vom Bett und streckte sich für einen Moment. "Um noch einmal auf das eigentliche Thema zurückzukommen. Wie seid ihr denn verblieben, du und ... wie war ihr Name noch gleich?"
"Sasha ist ihr Name. Sie wird sich in ungefähr sechs Wochen melden, wenn ich das Ergebnis habe." sagte er und drückte die Zigarette in seinem übervollen Aschenbecher aus.
Für einen Moment schien seine Mutter angestrengt nachzudenken. "Ich möchte, dass du sie am Wochenende zum Abendessen einlädst." sagte sie dann ganz unvermittelt und sein Herzschlag beschleunigte sich ungefähr genauso überraschend.
"Du willst was? Wozu soll denn das bitte gut sein?" sagte er lauter als eigentlich beabsichtigt.
"Das, soll dazu gut sein, Sasha ein wenig besser kennen zu lernen. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass die Kleine wirklich dein Fleisch und Blut ist. Ich würde mir gern ein eigenes Bild von dieser ganzen Geschichte machen." sagte sie ruhig aber bestimmt und wandte sich der Zimmertüre zu.
"Aber Mum ..."
"Keine Widerrede. Ruf sie an und frag ob es ihr Samstag recht ist." und damit verließ sie den Raum.
Toll - War denn heute wirklich alles und jeder gegen ihn? Das Bild von Sasha, und dem Kind, welches sie wohl kaum zu Hause lassen würde, an seinem Esstisch gefiel ihm ganz und gar nicht. Ohne es wirklich zu wollen oder beeinflussen zu können fühlte er sich gerade von seiner eigenen Mutter übelst verraten. Stand sie auch noch einhundert Prozent hinter ihm, wenn sie Sasha kennen gelernt hatte? Er wuerde seiner Mutter einfach erzaehlen sie hätte abgelehnt. Aber was wenn sie es herausfand? Konnte er sich denn wirklich nicht darum drücken?
Er seufzte zum gefühlt tausendsten Mal an diesem Tag. Sein Blick wanderte über sein Bett und blieb an dem Telefon, das daneben lag, kleben. Wenn er sie nicht anrief, würde seine Mutter es ohnehin selbst in die Hand nehmen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte geschahen diese Dinge in der Regel auch.
Brachte ja alles nichts, da musste er nun durch.
Er seufzte zum tausend und ersten Mal und stieß sich dann von der Wand ab. Schwerfällig ließ er sich auf das Bett fallen und angelte dann umständlich nach dem Telefon. Mit nur einem Tastendruck gelangte er in seine zuletzt gewählten Nummern, wo direkt unter Nicks Namen ihre Telefonnummer wie ein Mahnmal ins Auge stach. Dafuer, dass er so rein gar nichts mit ihr zutun haben wollte, hatte er an diesem Tag schon mehr Kontakt mit ihr gehabt als mit Nicki die letzten drei.
Nicki. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Dieser Test musste einfach negativ, oder für ihn besser positiv ausfallen wenn er sie nicht für immer verlieren wollte. Nicki würde ihm sicher nicht verzeihen, dass er A fremdgegangen war und B auch noch blöde genug gewesen sein soll, ungeschützt fremdgegangen zu sein.
Wenn all diese Gedanken nicht bald zur Ruhe kamen, würde er schneller zur Flasche greifen, als seine Mutter anonyme Alkoholiker sagen konnte.
Alkohol - seine Kehle war staubtrocken und seine Hände schweißnass. Wie sehr ihn wohl jetzt ein Glas Jack Daniels - nur ein kleines - beruhigen würde.
Er schüttelte den Kopf, als könne das den Gedanken an die braune Flüssigkeit, deren Geschmack er förmlich auf der Zunge schmecken konnte, vertreiben und drückte nun ohne Umschweife auf das kleine Hörersymbol seines Telefons. Er drückte sich das kleine Stück Hightech ans Ohr und lauschte dem Klingelzeichen, während er verärgert feststellte, dass sein Magen nervöse Umdrehungen vollführte. Herrje, soviel Gefühlschaos an einem Tag konnte unmöglich gesund sein und ...
"Alex McLean!? Hast Du mir noch irgendeine Bissigkeit vergessen an den Kopf zu werfen oder ist dir tatsächlich jetzt plötzlich die Erleuchtung gekommen?" fragte sie gerade heraus als sie abnahm. Klar wusste sie wer anrief.
"Das einzige was mir kommt, ist meine Galle, und zwar den Hals hoch. Hör zu, glaub bloß nicht einmal ansatzweise daran, dass ich auch nur irgendwie damit einverstanden bin aber ..." er machte eine kurze Pause, in der er versuchte die aufgekommene Wut langsam wieder herunterzuschlucken. "Meine Mutter hat diesen schrecklich ausgeprägten Hang, Dingen auf den Grund zu gehen. Sie möchte, dass Du am Samstag zum Essen, zum Abendessen um es genau zu sagen, kommst."
Am anderen Ende der Leitung blieb es still, wie Alex befriedigt feststellte. Er war sich Hundertprozentig sicher sie nun endlich verunsichert zu haben. Schließlich war es eine Sache ihm ohne Skrupel ins Gesicht zu lügen, seiner gesamten Familie dagegen, eine ganz andere.
"Was ist, hat’s dich jetzt vom Stuhl gefegt? Es ist dir doch nicht etwa unangenehm meiner Mutter Rede und Antwort zu stehen?" fragte er und diesmal war er sicher, dass sein Grinsen genauso gefährlich aussah wie es sich anfühlte.
Sie seufzte, er hörte das leise Klicken einer Tür. "Nein, ich versuche nur gerade das Zimmer leise zu verlassen, da DEINE Tochter gerade eingeschlafen ist um Dir verbohrtem, unmöglichen Arschloch dann mitzuteilen, wie furchtbar ich mich über die Einladung deiner Ma freue. Wie viel Uhr?"
Die Worte DEINE TOCHTER geisterten unaufhaltsam in seinem Kopf umher und seine Kehle glich einer Wüste. Er schluckte fest und schmerzhaft.
"Halb sieben." brachte er gerade noch hervor und bevor er sich wieder vollkommen gefasst hatte, hatte sie schon ein "Ok, freu mich." ins Telefon gezwitschert und aufgelegt.
Hatte er heute schon mal gesagt, dass dies nicht sein Tag war?
Zwei Tage hatte Nick Carter nun warten müssen, um einen Flug vom einen, zum anderen Ende Floridas zu bekommen. Das war doch vollkommener Wahnsinn. Warum war er eigentlich nicht gefahren? Dann wäre er in wenigen Stunden da gewesen, immerhin waren seine Koffer schon geschätzte zwei Stunden nach seinem Telefonat mit AJ gepackt gewesen. Nein, stattdessen tat er was er an seinem "fabulösen" Leben immer am meisten gehasst hatte - Fliegen.
Er schulterte, nachdem er eine dreiviertel Stunde darauf gewartet hatte, seine Reisetasche und zog seinen überdimensionalen Koffer hinter sich her in Richtung Aufzug. Er hatte keine Ahnung für wie lange er nun tatsächlich bei AJ und seiner Mutter bleiben würde, daher hatte er ganz einfach alles was ihm in seinem Chaos ins Auge gefallen war eingepackt.
Nachdem sich die Metalltüren mit einem leisen "Ping" geöffnet hatten, strömte zunächst einmal eine Masse Reisender aus der im Marmordekor verkleideten Kabine, sodass er sich wiederum einer Wartezeit gegenüber sah bevor er endlich eine Etage tiefer zu den Autovermietungen fahren konnte.
Er trat rückwärts, mit seinem schweren Koffer hantierend aus der Kabine hinaus und noch bevor er sich herumdrehte stieß er auf einen Widerstand in seinem Rücken.
"Toll, Danke Blödmann. Kannst du nicht aufpassen wo du hinrennst?" hörte er eine weibliche Stimme fluchen.
"Hab ich hinten etwa Augen im..." setzte er schon während er sich herumdrehte an und hielt inne, als er in diese blauen Augen blickte, welche ihn zunächst wütend anfunkelten doch dann langsam in etwas wie Erstaunen wichen.
"Ich ... es tut mir leid." erst jetzt sah er, dass sie sich beim Zusammenstoss, mit ihm eine ordentliche Ladung Kaffee über ihr hellblaues T-Shirt gegossen hatte und nun mit einer Serviette versuchte den gröbsten Schaden zu beheben. – Erfolglos.
Ihre vollen Lippen kräuselten sich und ihr Blick begann erneut förmlich Funken zu sprühen.
"Es tut mir wirklich leid. Wie kann ich das nur wieder gut machen?" fragte er und ließ nun die schwere Reisetasche auf den Boden fallen.
Erst jetzt fiel sein Blick auf den Kinderwagen vor ihr und fast automatisch suchten seine Augen nun ihre linke Hand, mit der sie noch immer an ihrem Shirt herumtupfte, nach einem Ring ab. Nichts - soweit so gut. Vielleicht war sie ja Nanny oder so etwas in der Art. Verdienten Menschen nicht Geld damit anderer Leute Kinder großzuziehen?
"Du brauchst nichts gut machen. Schönen Tag noch." sagte sie bissig und warf mit einer fahrigen Handbewegung die Serviette in den nächsten Mülleimer bevor sie beide Hände an den Griff des Kinderwagens legte und langsam weiterging.
Er blieb für einen kurzen Augenblick, mit gerunzelter Stirn an Ort und Stelle stehen, schnappte dann so schnell er konnte sein Gepäck und folgte ihr. Er konnte selbst nicht sagen, was da gerade in ihn gefahren war, doch er wusste, dass er diese Frau nicht so einfach verschwinden lassen wollte.
"Doch, ich bestehe darauf. Lass mich Dich zum Ausgleich zum Abendessen einladen." rief er noch bevor er sie ganz eingeholt hatte.
Sie blieb stehen. Gut.
"Es war nur Kaffee." Sie strich sich eine verirrte Haarsträhne aus ihrem, wie er fand, bildhübschem Gesicht bevor sie weiter sprach. "Ich werde schon darüber hinwegkommen."
Normalerweise empfand er ja ähnlich, doch wann war er zum letzten Mal in eine solche Frau gerannt?
"Komm schon. Ein Abendessen, damit ich mich besser fühle."
Sie seufzte. "Du wirst mir jetzt nicht durch den gesamten Flughafen folgen?"
"Doch bis du zugesagt hast." sagte Nick hartnäckig und setzte sein bestes Popstar-Lächeln ein.
Ihre Stirn legte sich in tiefe Falten und sie verdrehte die Augen. Und überhaupt, wann war er das letzte mal auf so viel Widerstand gestoßen? Das kratzte an seinem Ego, wie er feststellen musste.
"Lunch, morgen Mittag zwölf Uhr. Der Italiener am International Drive." sagte sie schließlich und es schien sie einiges an Überwindung zu kosten, denn sie klang dabei gerade so als würde sie ein Todesurteil verlesen.
"Ich werde da sein." sagte er doch sie setzte sich schon wieder in Bewegung.
"Ich bin übrigens Nick." rief er ihr nach.
"Ich weiß wer Du bist." lachte sie ohne sich herumzudrehen und noch ehe er sich versah war sie in der Menge verschwunden.
Der Klang ihres glockenhellen Lachens hallte immer wieder in seinen Ohren nach und nun war er endgültig sicher - er würde eine gute Zeit haben.

Kapitel 9