Kapitel 7

Auf der anderen Seite Floridas schnaubte Nick Carter gerade missmutig, als er die eMail seines Bruders Aaron überflog. Bis eben hatte er wenigstens noch ein kleines Bisschen Hoffnung in sich verspürt, aber mit seinen wenigen Worten hatte er auch diese Winzigkeit zerstört. Kann leider zum Weihnachtsessen nicht kommen. Stehe in New York auf einer Bühne. Ist das cool oder was?
Ja klar, cool. Er schüttelte den Kopf, schloss sein Mailprogramm und erhob sich dann schwerfällig von seinem Drehstuhl. Im Vorbeigehen streifte sein Blick das Chaos um ihn herum. Sein Büro sah aus wie eine unaufgeräumte Abstellkammer. Im Grunde war es auch nicht viel mehr. In der einen Ecke stapelten sich Kartons mit allerlei Krimskrams, die bei seinem Umzug in dieses Haus vor zwei Jahren irgendwie übrig geblieben waren, in einer anderen standen ausrangierte Möbel in einem wilden Durcheinander, sein Schreibtisch verschwand fast vollkommen unter einer Flut von Prospekten, Werbesendungen, Magazinen und anderen mehr oder weniger wichtigen Papieren, um die Tischbeine aus teurem Mahagoni hatten sich leere Plastikflaschen angesammelt und sein Papierkorb war schon seit gefühlten fünf Monaten voll und quoll somit mehr als über.
Nick seufzte, während er in den Flur hinaus trat und dabei versuchte, nicht in das gegenüber liegende Schlafzimmer hinein zu sehen, in dem es ähnlich chaotisch aussah. Tja, Ordnung war nun mal nicht seine Stärke und da es ihm unangenehm war, seine Putzfrau in dieses Chaos hinein zu lassen, kümmerte sie sich inzwischen ausschließlich um die Räume im Erdgeschoss.
Langsam stieg er die Stufen der geschwungenen Treppe hinunter und schaffte es dabei leider nicht so erfolgreich wie bei seinem Schlafzimmer, dem Blick in den bodenlangen Spiegel im Flur auszuweichen. Gott, wenn ihn jetzt irgendjemand sehen könnte, würden sie ihn für einen Penner halten. Sein T-Shirt hing an einer Seite aus seiner verbeulten Jogginghose, seine Haare klebten ihm in fettigen Strähnen am Kopf, weil er es nicht für nötig befand zu duschen, wenn er sich doch nicht unter die Lebenden traute, seine Zähne hatte er heute auch noch nicht geputzt und seine Augen wirkten müde, obwohl er in den letzten Tagen mehr Schlaf bekommen hatte, als er eigentlich brauchte.
„Du siehst so was von scheiße aus,“ murmelte er, während er in die Küche schlich und sich eine Dose Cola aus dem Kühlschrank holte. Vielleicht war es mal wieder an der Zeit umzuziehen, überlegte er. So stressig diese ganze Angelegenheit auch war, aber es gab für ihn nichts schöneres, als hinterher in ein neues, frisches und vor allen Dingen aufgeräumtes zu Hause einzuziehen. Außerdem würde ihn die Suche nach einem neuen Domizil und die damit einhergehende Planung und Vorbereitung davon ablenken, dass die letzte Tour der Backstreet Boys vorbei und kein neues Album in Sicht war.
Stehe in New York auf einer Bühne. Er schüttelte den Kopf und nahm einen tiefen Schluck von seiner Cola, bevor er sich an den ausladenden Esstisch setzte und gedankenverloren die Dose in seinen Händen drehte.
Eigentlich hatte er seine Idee für annähernd genial gehalten. Er vermisste seine Familie – oder vielmehr seine Geschwister – und was lag da näher, als ein gemeinsames Weihnachtsessen zu veranstalten?
In der Ehe ihrer Eltern kriselte es, das konnte ein Blinder mit nem Krückstock sehen. Während also seine Mutter mit Aaron durch das Land zog und dessen Musikkarriere unterstützte, tat der Rest mehr oder weniger was er wollte. Überhaupt ... Nick war es immer noch ein Dorn im Auge, wie seine Mutter mit Aaron umsprang. Der Kleine war gerade mal 14 Jahre alt und hatte im letzten Jahr mit seinem ersten Album nicht nur Platinstatus, sondern auch einen Eintrag ins Giunnessbuch als jüngster Sänger mit einem Platinalbum erreicht. Seitdem tat seine Mutter alles um aus dem Kind, das Aaron im Grunde noch war, den größtmöglichen Profit herauszuschlagen.
Wie oft hatte er sich mit seiner Mutter darüber in die Haare bekommen? Wie sehr litten seine Schwestern Angel, BJ und Leslie unter den vielen, unausgesprochenen Dingen, die nach und nach das Familienleben vergifteten?
Seit Nicks raketenartigen Start im Musikbuissines waren sie immer weiter auseinander gedriftet, hatten sich selten bis gar nicht gesehen und irgendwie hatte jeder angefangen sein eigenes Leben zu leben, in denen die anderen nicht wirklich existierten. Er nahm sich da nicht aus. Er war mit der Band und allem was daran hing mehr als beschäftigt gewesen, hatte Musik gemacht, Touren absolviert, sich feiern lassen und das Leben in vollen Zügen genossen.
Doch dann war diese Sache mit AJ passiert und seit dem konnte er nicht aufhören darüber nachzugrübeln, was in seinem Leben eigentlich nicht so lief, wie er – Nick – es sich irgendwann einmal vorgestellt hatte. Manchmal kam es ihm vor, als hätte AJs Sucht, sein Zusammenbruch und schlussendlich auch sein Entschluss sich dem Entzug zu stellen, Nicks Weltbild vollkommen ins Wanken gebracht und bis jetzt konnte er sich noch nicht so recht entscheiden, ob es nicht schon längst zusammengestürzt war. Plötzlich erhielten laute Partys, sein übermäßiger Alkoholkonsum bei solchen Festivitäten und sein nicht zu verachtender Frauenverschleiß einen schalen Beigeschmack.
Niemand hatte geahnt wie tief AJ bereits in dem Strudel aus Drogen und Alkohol hinein gesogen worden war und das, obwohl sie alle Tag und Nacht zusammen gewesen waren.
Natürlich hatten sie gesehen wie er sich langsam aber sicher veränderte, nicht mehr mit ihnen redete, sich zurückzog und eigentlich ständig am Feiern war. Doch niemand hätte gedacht, dass da ein tatsächliches, echtes Problem direkt vor ihrer Nase lag. Sie hatten es auf den Stress, auf ihren Erfolg, auf den Tot von AJs Grandma und auf alles andere geschoben, aber nicht an das nahe liegende gedacht.
Tja … und dann war AJ in die Klinik gegangen, sie hatten die Tour unterbrochen und zumindest für Nick war heute nichts mehr so, wie es einmal gewesen war.
Doch so viele schlimme Dinge er inzwischen auch gesehen und miterlebt hatte, wie sehr er mit AJ litt und wie viele Vorwürfe er sich auch machte … immerhin hatte ihn dies alles dazu gebracht, sich wieder aktiv um seine Geschwister zu bemühen.
Er hatte ab und an mit ihnen telefoniert, wobei er festgestellt hatte, dass er mit seinem Bruder Aaron, der immerhin ein gutes Stück jünger war als er, noch die stärkste Verbindung hatte. Seine beiden jüngeren Schwestern BJ und Leslie waren schwer zu erreichen und dann einsilbig und Angel war meist zu beschäftigt, um sich mit ihm über mehr als das Wetter auszutauschen.
Doch sie alle hatten gesagt, dass es eine gute Idee wäre, zumindest an Weihnachten zusammen zu kommen und ein Essen zu veranstalten um zu sehen, ob noch etwas von ihren Familienbanden übrig geblieben war und wie man diese kitten konnte.
Aber wie immer waren dies alles leere Versprechungen gewesen.
Er hatte es für eine gute Idee gehalten, sie alle ein bisschen aus ihrer täglichen Tretmühle herauszuholen und sie über Weihnachten zu sich nach Hause eingeladen. Doch seine Eltern hatten gleich klargestellt, dass sie daran nicht das geringste Interesse hatten, Leslie hatte verkündet, dass sie dieses Jahr Weihnachten bei ihrem neuen Freund verbringen würde, Angel wollte dann doch lieber zu Hause bleiben, weil ihr die Hin- und Herfahrt zu umständlich war und BJ machte sowieso keinen Schritt ohne ihre Mutter, was bedeutete, dass sie mit Aaron und Jane in New York feierte.
Die Einsamkeit und Sinnlosigkeit seines Lebens wurde ihm plötzlich überdeutlich bewusst und er schluckte heftig. Was sollte er denn bitteschön mit seiner vielen, freien Zeit anfangen, wenn er weder die Band noch seine Familie um sich hatte? Und jetzt zur Weihnachtszeit hatten auch seine wenigen, wirklichen Freunde besseres zu tun, als sich um ihn und seine Befindlichkeiten zu kümmern.
Das Läuten des Telefons, das in diesem Moment laut und vernehmlich durch das leere Haus schallte, ließ ihn erschrocken zusammen zucken. Gleichzeitig schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass es wohl keinen besseren Zeitpunkt gab um ihn anzurufen. Eine menschliche Stimme, und sei es nur ein Vertreter oder eine Dame dieser Telefonumfragen, würden seine Laune ganz sicher heben.
Hektisch sprang er also auf, warf einen kurzen Blick zu der Ladestation hinüber, die in der Küche an der Wand hing und stellte fest, dass der Hörer nicht dort war. Bei seinem Chaos war dies wohl auch nicht weiter verwunderlich. Also Wohnzimmer?
Er nahm Anlauf, flitzte um die Ecke aus der Küche und rutschte dann auf seinen Socken quer durch den mit dunklem Parkett ausgelegten Flur. Mit zwei hektischen Schritten bremste er im Wohnzimmer ab und lauschte dann auf das Klingeln, das immerhin tatsächlich aus diesem Raum zu kommen schien. Blieb nur noch die Frage, wo auf diesen gut 110 Quadratmetern er das Telefon das letzte Mal gesehen hatte.
Er benötigte eine gefühlte Ewigkeit bis er den Hörer unter dem Couchtisch, verborgen unter der Fernsehzeitung und zwei weiteren Magazinen, gefunden hatte. Dabei rechnete er ständig damit, dass das Klingeln verstummte und er nur noch das Freizeichen hören würde, wenn er ran ging.
„Carter?“ meldete er sich also leicht atemlos und ließ sich dann rücklings auf das ausladende, bequeme Sofa fallen.
„Hey Nick, hier ist AJ,“ hörte er gleich darauf die Stimme seines Freundes und eine eigentümliche Mischung aus Angst und Freude breitete sich augenblicklich in seinem Magen aus.
„Hey Buddy. Na das ist ja ne Überraschung,“ entgegnete er, während er sich wieder aufrichtete und gespannt an seiner Unterlippe zu nagen begann.
„Eine gute oder schlechte Überraschung?“ hörte er AJ fragen und konnte dessen Grinsen beinahe vor sich sehen.
„Kommt darauf an, was du willst,“ gab Nick zu. „Ich freue mich, deine Stimme zu hören und hoffe gleichzeitig, dass nichts passiert ist.“
„Es ist nichts passiert … oder sagen wir … nichts von alldem, was du jetzt vielleicht im Kopf hast.“
„Das da wäre?“ hakte Nick nach.
„Kein Alkohol oder Drogen in meinem Blut, mit Nicki läuft es bestens, meine Mum liebt mich auch noch und eigentlich geht es mir prächtig,“ entgegnete AJ.
„Aber?“
„Aber … nun ja … das ist eine etwas komplizierte Geschichte.“
„Ich bin ganz Ohr.“
„Eigentlich brauche ich deine Hilfe lediglich, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.“
„Klingt mysteriös,“ stellte Nick fest.
„Nicht wirklich. Könntest du mir dabei helfen herauszufinden, ob ich Anfang September in New York war?“
Nicks Augenbrauen zogen sich irritiert zusammen. Was war denn das für eine Frage? „Dieses Jahr?“ hakte er deshalb nach.
„Nein, letztes,“ korrigierte AJ sofort. „Du weißt, mir fehlen ab und zu ein paar … nun ja … Details aus der Zeit vor meinem … uhm … Entzug.“
„Ich weiß,“ nickte Nick, der immer wieder überrascht war wenn er mitbekam, dass sich AJ an ziemlich vieles aus dieser Zeit nicht erinnerte. Es handelte sich dabei nicht etwa um Filmrisse, wie sie wahrscheinlich jeder schon einmal erlebt hatte, der ordentlich einen über den Durst getrunken hatte. Nein, bei AJ waren ganze Tage und Wochen aus dem Gedächtnisspeicher gelöscht worden und das, obwohl er zu dieser Zeit jeden Abend auf einer Bühne stand und eine mehr oder weniger fehlerfreie Show vor tausenden von Zuschauern absolvierte.
„Also September 2000,“ nahm er den Faden wieder auf, erhob sich von der Couch und machte sich auf den Weg zurück in sein Büro. Aus dem Kopf wusste er natürlich auch nicht, wo sie sich um diese Zeit aufgehalten hatten, aber immerhin wusste er, wo er nachsehen konnte.
„Ja, Anfang September um genau zu sein. Ich habe nachgesehen. Es müsste entweder der 1. oder der 8. gewesen sein.“
„Und wie kommst du ausgerechnet auf New York?“ fragte Nick weiter, während er die Treppe in den ersten Stock hinauf stieg.
„Ehrlich gesagt, möchte ich darüber lieber nicht sprechen,“ hörte er AJ sagen, was ihn dazu veranlasste, mitten im Schritt innezuhalten.
„So, du willst also nicht darüber reden, aber helfen soll ich dir trotzdem?“ Nicks Neugier war geweckt. Er konnte sie förmlich durch seine Adern kriechen spüren. Und auch wenn er eigentlich den Wunsch seines Freundes respektieren sollte, so wusste er doch auch, dass seine Neugier über seine Hilfsbereitschaft siegen würde. Irgendwie hatte er so eine Ahnung, dass da etwas im Busch war. Er konnte nur noch nicht genau sagen, ob dies etwas gutes oder schlechtes sein würde.
„So in etwa hatte ich mir das vorgestellt,“ bestätigte AJ gerade und wirkte dabei irgendwie ... hm ... nervös? Angespannt?
„Das klingt nicht gerade nach einem fairen Deal,“ stellte Nick fest und setzte sich wieder in Richtung seines Büros in Bewegung.
„Hey, ich weiß dass Neugier dein zweiter Vorname ist, aber könntest du das nicht ausnahmsweise mal vergessen?“
„Nein, tut mir leid.“
„Warum nicht?“
„Dir ist sicherlich auch schon aufgefallen, dass du morgens plötzlich wieder ausschlafen kannst und dich keiner zu irgendeinem Termin abholt, oder?“ sagte Nick und ließ sich auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch nieder.
„Uhm, ja? Aber ich sehe nicht, was das hiermit zu tun haben soll.“
„Na ja ... die Tour ist beendet und ich langweile mich zu Tode. Also wirst du jetzt gefälligst dafür sorgen, dass ich mich wenigstens ein bisschen in meinem tristen Leben amüsiere.“
„Wenn man dich so hört, könnte man ja fast Mitleid bekommen,“ hörte er seinen Freund schmunzeln
„Das will ich aber auch hoffen,“ bekräftigte Nick kichernd und wählte sich in eine der großen Fanseiten ein, die er regelmäßig besuchte um hautnah mitzubekommen, was in der Fanwelt der Backstreet Boys los war.
„Im Ernst Nick. Könntest du mir nicht einfach so weiterhelfen? Als Belohnung könnte ich mit zwei, drei Telefonnummern dienen, die dich sicherlich wieder aufmuntern,“ versuchte es AJ erneut, doch selbst wenn Nick gewollt hätte, hätte er sich damit jetzt nicht mehr abspeisen lassen.
Er hatte nämlich gerade ihren Tourplan vom letzten Jahr aufgerufen und da stand schwarz auf weiß, dass sie am 1. September in New York gewesen waren. Das neugierige Kribbeln in ihm explodierte förmlich, doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Schnell klickte er auf den Link, der ihn direkt in das Fan-Forum führte und suchte systematisch die Einträge nach Fanberichten zu diesem Datum ab.
„Hör zu AJ,“ sagte er, während seine Augen wie eine wild gewordene Rennmaus über den Bildschirm huschten. „Ich weiß bereits, ob wir zu dieser Zeit in New York gewesen sind, okay? Aber ich werde es dir nicht verraten, wenn du mir nicht sagst, um was es hier eigentlich geht.“
„Das ist Erpressung!“ ereiferte sich AJ am anderen Ende der Leitung.
„Ich weiß,“ grinste Nick und öffnete einen Post mit der Überschrift One Night in New York.
„Ganz ehrlich, da hätte ich ja gleich Brian anrufen können. Der wäre wahrscheinlich weniger anstrengend gewesen.“
„Das kann ich mir kaum vorstellen,“ murmelte Nick, der gerade etwas von einer Begegnung zwischen AJ und einem weiblichen Fan im Royal Grant Hotel las.
„Konnte ich vorher auch nicht, aber glaub mir, dass ... ,“
„AJ?“ bremste Nick das Ausweichmanöver seines Freundes.
„Hm?“
„Willst du es nun wissen oder nicht?“
„Ja, verdammt noch mal!“
„Dann klär mich auf.“ Nick lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und starrte über seinen Computer hinweg durch das Fenster nach draußen in den strahlend blauen Himmel. Er hörte, wie AJ laut und vernehmlich seufzte, dann klickte ein Feuerzeug und gleich darauf blies sein Freund hörbar den Rauch seiner Zigarette in den Hörer.
„Also gut. Aber du musst mir vorher versprechen, dass du zu niemandem ein Wort darüber verlierst, haben wir uns verstanden?“
„Nicht einmal zu Kevin? Ich meine ... du weißt, wenn er mich mit diesem Du-hast-doch-gerade-etwas-angestellt-also-raus-mit-der-Sprache-Blick ansieht, kann ich gar nicht anders als alles zuzugeben.“
„Erstens ist Kevin gerade nicht in deiner Nähe und wird es wohl auch so schnell nicht wieder sein, zweitens schließt das ihn mit ein, ja, und drittens ... wenn alles gut läuft kannst du in spätestens sechs Wochen dieses Gespräch sowieso komplett vergessen.“
„Was ist in sechs Wochen?“ fragte Nick irritiert.
„Dann liegt das Ergebnis des Vaterschaftstests vor.“
Die Worte benötigten zwei endlose Sekunden, bis sie in Nicks Gehirn vorgedrungen waren, doch dann sprang er vollkommen außer sich und mit einem lauten „WAAAAS?“ von seinem Stuhl in die Höhe und legte eine Hand auf sein wie wild pochendes Herz.
„Tja, es scheint tatsächlich so, als hätte ich genau das getan, vor dem dich immer alle gewarnt haben.“
„Habe nie ungeschützten Sex,“ flüsterte Nick, immer noch vollkommen fassungslos.
„Ganz genau. Sie ist heute morgen hier aufgetaucht, mit einem Baby auf dem Arm und den Formularen für einen Vaterschaftstest in der Tasche.“
Nun klang AJ ganz eindeutig nervös und angespannt, doch in Nick wollte sich nicht einmal der Ansatz von Mitleid einstellen. Den Schock musste er erst einmal verdauen.
So lange er sich zurückerinnern konnte hatte ihm wirklich jeder und auf jede nur erdenkliche Weise eingebläut, dass er so viele Mädchen wie er wollte mit auf sein Zimmer nehmen konnte, wenn er erstens diskret vorging und zweitens immer und mit drei Ausrufezeichen dahinter ein Kondom benutzte. Das hatte er schon zu hören bekommen, bevor er überhaupt daran gedachte hatte mit Mädchen mehr zu tun, als ein Spiel auf seiner Playstation zu zocken.
Und jetzt hatte es ausgerechnet AJ erwischt. Der Mann, der im Laufe seines heftigen Partlebens wahrscheinlich mehr Frauen abgeschleppt hatte, als die restlichen vier Backstreet Boys zusammen. Der einzige, mit dem Nick es tatsächlich gewagt hatte, einen flotten Vierer zu schieben. Natürlich waren sie dabei alle sturzbetrunken gewesen, aber für Nick war dies eindeutig eine mehr als aufregende Erfahrung gewesen.
Und ausgerechnet dieser Mensch sollte nun ungewollt Vater werden? Einfach unglaublich.
„Wer ist sie?“ fragte er schließlich, nachdem er sich wieder einigermaßen gefasst hatte. Sein Herz schlug immer noch viel zu schnell und seine Knie wurden so weich, dass er sich wieder zurück auf seinen Stuhl fallen ließ.
„Ich habe keine Ahnung,“ gestand AJ und man konnte ihm anhören, wie unangenehm und peinlich ihm die ganze Sache war. „Sie behauptet, wir hätten uns in New York im Royal Grant kennen gelernt.“
„Bingo,“ murmelte Nick, dessen Blick unvermittelt auf den immer noch geöffneten Post fiel.
„W-Wie ... meinst du ... ,“ stammelte AJ und verstummte.
„1. September 2000, das Royal Grant Hotel. Ein Mädchen hat sich dort mit dir ablichten lassen,“ informierte Nick sie.
„Dunkles, langes Haar, große, helle Augen, Schmollmund?“ hakte AJ nach.
„Nein. Klein, blond und nicht gerade leicht gebaut,“ korrigierte Nick.
„Das ist sie nicht.“
„Wie auch immer. Dieses Mädchen hat dich jedenfalls in der Lobby abgepasst und schreibt in ihrem Bericht, dass du nach dem Konzert in der Bar ordentlich gefeiert hast. Sie vermutet außerdem, du hättest dir irgendeine Schönheit mit aufs Zimmer genommen, zumindest hast du ein weibliches Wesen, das, ich zitiere „aussah wie ne Schlampe und nicht gezögert hat hinter dir her zum Fahrstuhl zu schwanken“ mit rauf genommen. Was ihr da allerdings getrieben habt, kann ich dir nicht sagen.“
„Gott sei Dank,“ entfuhr es seinem Freund.
„Das kannst du laut sagen,“ nickte Nick.
Sie schwiegen eine Weile, während Nick nach weitern Hinweisen suchte, die Licht in das Dunkel bringen konnten, das sich AJs Gedächtnis nannte. Doch auf die Schnelle konnte er nichts mehr finden.
„Das ist eine absolute Katastrophe Nick,“ hörte er AJ schließlich leise sagen.
„Ich weiß Kumpel,“ stimmte er ihm zu. „Aber hey ... es bleibt immer noch die Möglichkeit, dass die Tussi lügt und du aus dem Schneider bist.“
„Das versuche ich mir auch die ganze Zeit einzureden, es klappt nur leider nicht besonders. Sie scheint ziemlich überzeugt von dem zu sein, was sie so von sich gibt. Wie gesagt, das mit dem Test war ihre Idee und sie hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, als ich mich dazu bereit erklärt habe und überhaupt ... ach Fuck ... was mache ich denn jetzt?“
„Meinst du wirklich jetzt oder wenn sich herausstellen sollte, dass du tatsächlich stolzer Vater eines Kindes bist? Ist es eigentlich ein Junge oder Mädchen?“
„Ein Mädchen. Und ich meine jetzt und in Zukunft.“
„Jetzt kannst du nur abwarten und in Zukunft ... na ja ... lass dir ihre Kontonummer geben und überweise jeden Monat eine Summe, die sie die Klappe halten lässt.“
„Ich weiß nicht. Wenn das wirklich meine ... ,“ Nick hörte, wie AJ angestrengt schluckte und dann die nächsten Worte förmlich hervorwürgte „ ... meine Tochter sein sollte, dann ... kann ich doch nicht ... also ... verstehst du was ich meine?“
„Nein,“ gab Nick stirnrunzelnd zu.
„Wie sehr leiden wir beide darunter, dass wir so etwas wie ein normales Familienleben nicht hatten, hm?“
Stehe in New York auf einer Bühne. „Sehr,“ gab Nick widerwillig zu.
„Ich meine ... sieh dir doch nur mal an, wie das Verhältnis zu meinem Vater aussieht. Das ist Gift für die Seele. Das kann ich doch dem Mädchen nicht antun.“
In Nicks Kopf überschlugen sich die Gedanken, Bilder aus der Vergangenheit vermischten sich mit der Gegenwart und der möglichen Zukunft und schließlich sprach er einfach das aus, was zum Schluß hell und pulsierend vor seinen Augen stehen blieb. „Ich nehme den nächsten Flug.“
„W-Was ... ,“ ein heiseres Husten drang plötzlich an Nicks Ohr und er hielt den Hörer ein Stück von sich, bis sich AJ wieder einigermaßen beruhigt hatte.
„Ich komme vorbei,“ sagte er dann ganz ruhig. „Ich glaube, du kannst einen guten Freund im Moment gut gebrauchen.“
„Das geht nicht Nick,“ begehrte AJ auf. „Ich bin bei meiner Mum und ... ,“
„Ich weiß,“ nickte Nick.
„UND es kommt gar nicht in Frage, dass du dich da noch weiter einmischst.“
„Ganz ehrlich Mann, Denise wird sich wie ne Wilde freuen ihren kleinen Nicky zu sehen, das weißt du. Und dir wird es auch nicht schaden, wenn du ein bisschen männlichen Beistand an deiner Seite hast.“
„Nick ich denke nicht ... ,“
„Und außerdem,“ fuhr Nick ungerührt fort. „Habe ich keinen blassen Schimmer, was ich an Weihnachten machen soll.“
Am anderen Ende der Leitung blieb es für einen Moment still, dann sagte AJ „Ich dachte, du hättest dieses Weihnachtsessen mit deinen Geschwistern organisiert?“
„Hatte ich auch. Aber sie haben alle abgesagt.“
Wieder fühlte er, wie sich bei diesem Gedanken sein Herz schmerzhaft zusammen zog und seine Hände feucht wurden. Sie hatten kein Interesse daran, ihn zu sehen. Alles war wichtiger, als ihre Familie. Gut, wenn sie es so haben wollten.
Aber er würde es sich nicht nehmen lassen, für seine zweite Familie da zu sein und das waren nun einmal die Jungs aus der Band und allen voran AJ, zu dem er immer ein bisschen aufgesehen hatte und dessen schneller, heftiger Fall ihm mehr zugesetzt hatte, als er zugeben mochte. Noch einmal würde er jedenfalls nicht einfach nur daneben stehen und zusehen, so viel stand fest.
AJ erzählte gerade irgendwas davon, wie leid ihm die Sache mit seinen Geschwistern tat und dass Nick es nicht so schwer nehmen sollte, doch er unterbrach ihn einfach. „Ich werde kommen, egal was du sagst.“
Und dann fügte er in Gedanken hinzu werde ich dieser blöden Tussi und ihrem Balg mal gehörig in den Hintern treten.

Kapitel 8