Kapitel 6

Sasha war langsam und in den unterschiedlichsten Gedanken gefangen, zu ihrem Hotelzimmer zurückgegangen. Aus einem unerfindlichen Grund klopfte ihr Herz laut und Tränen brannten in ihren Augen.
Auf der einen Seite war ihr vollkommen egal wie dieses Gespräch im Nachhinein betrachtet verlaufen war, denn wenn Alex erst einmal das Ergebnis in Händen hielt, würde er sein blaues Wunder erleben.
Verleumdungsklage, tz. Sie lachte freudlos auf und schüttelte den Kopf, während sie mit unbändigem Heißhunger ihr letztes Toastbrot aus dem kleinen Schränkchen hervorholte und es mit Marmelade bestrich. Hoffentlich hatte Sophia nicht ganz so viele Gene dieses charakterlosen Idioten, der noch dazu einen Hang zum Chaos zu haben schien, abbekommen.
Für Sasha war eindeutig klar, dass er eine riesen Show, ganz in Popstar Manier abzog. Er konnte ihr mittlerweile nicht einmal mehr ansatzweise vormachen, er könne sich an rein gar nichts mehr erinnern. Blödmann.
Nicht das es ihr irgendwie wichtig war, ob er nach der Nacht mit ihr auch nur ein einziges Mal an sie gedacht hatte, aber es war schon ganz schön lächerlich was er da gerade veranstaltet hatte mit seinem kleinen Notizblock.
Augenrollend schüttelte sie erneut den Kopf. Und ER würde den Umschlag zur Post bringen - ganz so als würde das irgendetwas ändern.
Ein leichtes Ziehen in ihrem Magen ließ sie schlucken. Was wenn er falsche Proben abgab? Nach der Aktion am Tisch vorhin traute sie ihm beinahe alles zu. Allerdings konnte sie wohl jetzt nichts anderes mehr tun, als sechs Wochen auf die Besiegelung ihres Schicksals zu warten.
Großer Gott, wie sollte sie sich nur jemals mit dieser Diva von Mann arrangieren, wenn er den Beweis für die Vaterschaft hatte? Hätte sie das alles vorher geahnt, hätte sie sich wohl einen anderen Mann als Erzeuger herausgepickt.
Alex' Aussage, dass ihm dieses Gebrüll auf die Nerven ging, ließ Sasha wütend schnauben und vor ihrem geistigen Auge stopfte Alex Sophia gerade ein Kissen ins Gesicht. Ganz tolle Vaterqualitäten, doch wirklich. Ausgezeichnete Wahl Jakobi.
Sophia lag in dem Reisebettchen und blickte neugierig auf das Mobile über ihr. Freudige, glucksende Laute über Disneys Puh und Tigger drangen an Sashas Ohr, als sie mit einem Plop das Breiglas öffnete.
"So meine Süße, jetzt gibt es was zu essen." sagte sie und hob das kleine Bündel aus dem Bett, um sie in die Schale des MaxiCosi zu setzen. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und begann dann, nach einmaligem, kräftigem Rühren im Glas, Sophia den Inhalt zu füttern.
Diese ganze Vaterschaftsgeschichte war ganz schön anstrengend. Wenn Sasha an die nächsten sechs Wochen dachte, war sie froh, dass sie den ohne Zweifel schwierigsten Teil bereits hinter sich gebracht hatte. Ob er sich wohl für sein Verhalten entschuldigen würde, wenn er das Ergebnis hatte? Wohl kaum.
Das Läuten ihres Handys unterbrach den stetigen Rhythmus, mit dem sie Sophia fütterte, was diese auch sogleich mit ungeduldigem Quängeln bedachte. Sasha beeilte sich das kleine Telefon aus ihrer Handtasche zu kramen um es sich nach drücken der Annahmetaste zwischen Ohr und Schulter zu klemmen und dann schnellstmöglich Sophias Hunger zu stillen.
"Hey Mum." sagte sie lächelnd und versuchte oberflächlich Sophias kleinen Mund mit dem Löffel zu reinigen.
"Hallo Schatz. Ich wollte mal hören wie es dir geht." Die liebevolle Stimme ihrer Mutter ließ den Gefühlssturm im Inneren der jungen Mutter an Gewalt verlieren und sie seufzte.
"Ach Mum, frag nicht. Alex glaubt mir kein Wort und führt sich auf wie der Obermensch. Er hat sich Notizen gemacht, kannst du das glauben? Er war in der Nacht ebenso anwesend wie ich auch und jetzt will er mir weismachen er kann sich an absolut nichts erinnern. Er gibt nicht einmal zu, dass er zu diesem Zeitpunkt in New York gewesen ist." Kleine Breibläschen blubberten immer wieder aus Sophias Mund und versicherten Sasha so, dass ihre Tochter satt war.
"Und du bist dir auch ganz sicher, dass dieser McLean der Vater ist?" fragte ihre Mutter vorsichtig nach.
"Nachdem meine letzte Affäre vor Alex etwa acht Monate zurücklag und auch nach ihm nichts vergleichbares in dieser Form gewesen ist, bin ich wohl zu mindestens 100 % sicher." sagte sie bitter.
"Entschuldige Liebes. Ich hatte auch mit nichts anderem gerechnet. Was wirst du jetzt tun?"
Sasha wischte nun ihrer Tochter den Mund ab und gab ihr eine Rassel, worauf nun der gesamte kleine Körper in freudiges Gezappel ausbrach.
"Ich weiß nicht recht. Abwarten denke ich. Eigentlich wollte ich die nächsten beiden Wochen noch hier bleiben. Mich einfach vor Weihnachten und Silvester verstecken. Allerdings wird das finanziell nicht machbar sein. Also werde ich wohl früher wieder in New York sein als mir recht ist." Erwiderte sie seufzend während sie ihre Tasche sowie das Hotelbett nach Sophias Schnuller absuchte.
"Wie viel brauchst du denn?" fragte ihre Mutter besorgt und ließ Sasha innehalten.
"Nein so war das gar nicht gemeint Mum. Ich will nicht, dass du meinetwegen Ärger mit Dad bekommst." erwiderte sie und setzte die Suche auf allen Vieren unter dem Bett fort.
"Papalapap. Ich überweise Dir morgen 1.500 Dollar, wenn du mehr brauchst, ruf mich einfach im Büro an, in Ordnung?"
Sasha schüttelte lächelnd den Kopf. "Du weißt schon, dass ich dich liebe?"
"Sicher weiß ich das Kind. Jetzt hätte ich aber doch gern mal gewusst, wie es meiner bezaubernden Enkeltochter geht."
Sasha drehte sich zu dem MaxiCosi, in dem ihre Tochter noch immer zufrieden mit der bunten Rassel hantierte und sie immer wieder versuchte sich in den Mund zu schieben.
"Sie futtert gerade ihr Spielzeug," lachte Sasha und wandte sich dann wieder der Suche nach dem Schnuller zu. "Nein ihr geht’s gut. Wo ist dieses blöde Ding bloß." fluchte sie schließlich und ließ sich geschlagen auf der Bettkante nieder.
"Wo ist was?" fragte ihre Mutter irritiert.
"Ach, ich hatte Sophia einen neuen Schnuller gekauft, weil wir ihren irgendwo zwischen New York und diesem Hotelzimmer verloren haben und den kann ich jetzt auch schon wieder nicht finden. Dabei sind diese Mistdinger doch so sauteuer." seufzte Sasha und ließ ihren Blick erneut ohne sich zu erheben über den Fußboden wandern.
"Na dann such du mal weiter. Ich muss jetzt ohnehin los zu einem Termin. Ich werde das Geld heute noch überweisen. Ich liebe dich. Pass auf dich und meine Süße auf." sagte sie liebevoll.
"Das werd ich tun. Ich liebe Dich auch und ganz herzlichen Dank Mum. Ich zahle auch ganz bestimmt jeden Cent zurück."
"Das weiß ich Schatz. Bis bald."
Sasha legte auf und warf das Telefon in die Mitte des Bettes, griff dann nach der Fernbedienung und setzte sich zu ihrem spielenden Baby. Sie schaltete den Fernseher ein und durchsuchte die Kanäle, auf der Suche nach MTV. Als sie schließlich fündig wurde verdrehte sie schnaubend die Augen, da Alex gerade zusammen mit den Backstreet Boys über den Bildschirm schwebte und sich theatralisch im Musikvideo von „More than that“ bewegte.
"Von dem haben wir für die nächsten Tage genug gesehen, nicht wahr Schatz?"
Alex saß nun schon seit einer halben Stunde Haare raufend vor seinem Laptop und fragte sich, wie seine Fans es anstellten, dass sie wussten wo er sich in Zukunft aufhielt, wenn er es nicht einmal schaffte herauszubekommen wo er sich in der Vergangenheit aufgehalten hatte.
Hölle, es war einfach nicht sein Tag. Er fühlte sich grausam, hatte mindestens eine Schachtel Zigaretten geraucht seit er das Cafe verlassen hatte und die Worte Jack und Daniels schienen als Leuchtreklame vor seinem geistigen Auge abzulaufen.
Er war mit gemischten Gefühlen nach Hause gefahren, nachdem er den Umschlag eigenhändig bei der Post eingeworfen hatte. Ein wenig schämte er sich für sein Verhalten Sasha gegenüber, auch wenn nichts was sie gesagt hatte ihn von seinem Standpunkt abgebracht hatte. Er war ganz sicher nicht der Vater dieses Babys - Ende.
Doch nichts desto Trotz war Sasha eine Frau und wenn seine Mutter ihm eine Sache wirklich bis zum Erbrechen eingebläut hatte dann, dass man Frauen mit Respekt behandelte. Heute schien allerdings alles anders, sogar er, wenn er seine gute Erziehung zu Hause vergaß.
Auf der anderen Seite war ihm völlig egal was Sasha dachte und die Androhung der Verleumdungsklage war nicht im Geringsten bloß leeres Geschwätz seinerseits gewesen. Wenn er erst einmal den Beweis in Händen hielt, nicht der Vater dieses Kindes zu sein, hielt sie sich besser von ihm fern.
Er hatte in seinem bisherigen Leben so verflucht viele Menschen an sich heran gelassen, die ihn nur ausgenutzt hatten und wenn er sich ein Ziel in der Reha gesetzt hatte, dann ohne Zweifel für solche Menschen nicht mehr zugänglich zu sein. Und Sasha log, da war er sich sicher. Alleine schon deshalb hatte sie auf unbestimmte Art und Weise verdient wie er sie behandelt hatte, auch wenn er zugeben musste, dass sie die ganze Zeit eine Ekel erregende Ruhe ausgestrahlt hatte.
Er zündete sich eine Zigarette an und warf einen Seitenblick auf seinen Notizblock. Das Royal Grant Hotel in New York... wollte er doch mal sehen was Google so zu diesem Kasten ausspuckte.
~Die Royal Grant International, Inc. ist eine der weltweit führenden Hotelketten. Die Gründung erfolgte im Jahr 1927 durch J. Willard und Alice S. Grant, die in Washington DC einen Root Beer-Verkaufsstand eröffneten und wurde nach fast fünfzigjähriger Führung vom Gründer selbst an seinen Sohn aus erster Ehe, Eduard Jakobi übergeben. Heute umfasst Royal Grant International mehr als 860 Hotels weltweit.~
Alex hatte den Artikel nur halbherzig überflogen und schreckte dann beim Lesen des aktuellen Besitzers auf. Jakobi ... warum kam ihm dieser Name so bekannt vor? Es lag ihm förmlich auf den Lippen, doch er konnte einfach keine Verbindung zu diesem Namen herstellen so sehr er sich auch bemühte. Eins nach dem anderen. Jetzt galt es erst einmal herauszufinden, ob er sich wirklich im September 2000 in New York aufgehalten hatte.
Da er diese ganze Internetsache, wie es ihm schien, nicht ganz so gut beherrschte, entschloss er sich einfach jemanden anzurufen, der ihm diese Frage sicher beantworten konnte. Also überlegte er angestrengt und öffnete mit einem Tastendruck das Telefonbuch seines Blackberries.
Johnny, sein Manager konnte ihm sicher ganz genau sagen ob er zu diesem Zeitpunkt in New York gewesen war, doch er sah das Szenario schon vor sich wenn er ihn aus heiterem Himmel anrief und fragte, ob es auch ein Freitag im September gewesen wäre. Johnny würde sicher sofort einen Therapeuten vorbeischicken um sicher zu gehen, dass er nicht wieder auf Drogen war.
Nicki wollte er auch nicht anrufen. Zu sehr befürchtete er ihre Fragen, wofür er das wissen wollte und lügen wollte er auf gar keinen Fall.
Der einzige, der keine dämlichen Fragen stellen würde war wohl Nick, doch ob er sich noch daran erinnern konnte, wo er sich vor knapp 16 Monaten aufgehalten hatte ... Egal, einen Versuch war es wert und schon drückte er sich das Gerät ans Ohr.

Kapitel 7