Kapitel 5

Alex konnte immer noch nicht so recht glauben, dass er hier mit Sasha an einem Tisch in der Sonne saß, während sie immer wieder sanft den Kinderwagen mit dem Baby darin hin und her schob. Gott sei Dank stand der Wagen so, dass er nicht in das Innere und damit das Kind ansehen mußte. Trotzdem versuchte er sich immer wieder von dem Anblick des schaukelnden Wagens abzulenken, doch stattdessen landete sein Blick jedes Mal bei dem braunen Umschlag zwischen ihnen auf dem Tisch und er fühlte augenblicklich die Wut, die heiß und brodelnd in ihm aufstieg. Sie hatte nicht das Recht ihm dies alles anzutun. Hatte er in der Vergangenheit nicht alles getan, um ein besserer Mensch zu werden? Die Entzugsklinik mit all den Lektionen, die er dort gelernt hatte und sein täglicher Kampf gegen die Anziehungskraft des Alkohols sollten doch nun wirklich Opfer genug sein. Aber nein. Stattdessen saß er jetzt hier mit einer Frau, deren Gesicht er immer noch nicht in seinem Gedächtnis gefunden hatte und mit einem Kind, das angeblich sein eigen Fleisch und Blut sein sollte, was er aber nicht glauben konnte und wollte. Na prima.
Noch dazu wirkte Sasha so unglaublich entspannt und zufrieden, dass ihm richtig gehend übel davon wurde. Sie sollte verzweifelt sein, verdammt noch mal, oder wenigstens den Anstand besitzen so etwas wie Schuldgefühle oder Scham auszustrahlen. Doch stattdessen prangte dieses Lächeln auf ihren vollen Lippen, das er wohl als erstes von dort entfernen musste, wenn dieses Gespräch auch nur ansatzweise zu seiner Zufriedenheit verlaufen sollte.
„Dir ist hoffentlich klar,“ begann er also „dass du dir gerade jede Menge Ärger einhandelst, oder?“
„Ärger?“ fragte sie mit gerunzelter Stirn zurück.
Gut, das mit dem Lächeln hatte er schon einmal hingekriegt. Er beugte sich nun noch ein Stück weiter über den Tisch zu ihr hinüber, um möglich bedrohlich auf sie zu wirken und fuhr dann fort.
„Na klar. Du weißt schließlich genau so gut wie ich, dass ich nicht der Vater deines Kindes bin und sollte auch nur ein Ton davon an die Presse gelangen, hast du eine Verleumdungsklage am Hals, die sich gewaschen hat.“
„Ich habe nicht vor irgendetwas an die Presse dringen zu lassen,“ gab sie ruhig zurück. „Daran liegt mir genau so wenig wie dir. Alles was ich möchte ist dir zu beweisen, dass Sophia sehr wohl dein Kind ist und du damit eine gewisse Verantwortung trägst.“
„Verantwortung?“ schnaubte er grimmig. „Mit anderen Worten: Du willst mein Geld.“
Er registrierte, wie sie beinahe unmerklich zusammen zuckte, gleich darauf senkte sie den Blick und hielt einen Moment mit diesem nervigen Geschaukel inne. Allerdings nur so lange, bis ein kurzer Protestlaut aus dem Inneren drang, dann nahm ihre Hand ihre Tätigkeit wieder auf. Tja, da hatte er aber so was von ins Schwarze getroffen, dass er ihr am liebsten sofort an die Gurgel gegangen wäre, bis sie endlich zugab, warum sie tatsächlich hier aufgetaucht war. Aber eins nach dem anderen. Erst einmal brauchte er ein paar Informationen von ihr, dann konnte er sie immer noch zum Teufel jagen.
„Du behauptest also,“ sagte er, während er in einer theatralisch wirkenden Geste seinen Notizblock und den Kugelschreiber aus der Gesäßtasche seiner Jeans hervorzog „dass wir uns irgendwann vor einigen Monaten über den Weg gelaufen sind, wir da was miteinander hatten und das Ergebnis dieses Kind ist?“
Er zückte den Kugelschreiber und sah ihr mit düsterem Blick in die Augen. Sie fühlte sich augenblicklich unwohl, das konnte er ganz deutlich sehen, denn ihr Blick huschte immer wieder zu dem Block auf dem Tisch und dann wieder zurück zu ihm, als wäre sie sich nicht ganz sicher, was er jetzt mit ihr vor hatte. Innerlich gratulierte er sich zu dem genialen Schachzug mit den Notizen. Auch wenn sie eigentlich nur seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen sollten, hatte er nun ein weiteres Druckmittel gegen sie in der Hand.
„Ich werde mir natürlich Notizen machen, damit du später meinen Anwälten gegenüber nicht behaupten kannst, du hättest das so nie gesagt,“ erklärte er, während nun ein Lächeln auf seinen Lippen erschien und er dabei hoffte, dass es so gefährlich aussah, wie es sich anfühlte.
„Du kannst dir selbstverständlich so viele Notizen machen wie du willst,“ sagte sie langsam und immer noch mit gerunzelter Stirn „aber das ändert nichts an den Tatsachen.“
„Das werden wir noch sehen,“ gab er unverbindlich zurück und tippte nun ungeduldig mit der Kulispitze auf das Papier. „Also?“
„Also? Hm ... wir sind uns letztes Jahr im September in New York begegnet,“ begann sie also.
„Genaues Datum?“ hakte er knapp nach.
„Das weiß ich nicht mehr so genau,“ gab sie zu. „Irgendwann Anfang September. Es war ein Freitag, das weiß ich noch.“
Freitag, Anfang September 2000 schrieb er auf seinen Block.
„Nur weiter,“ forderte er sie auf. „Ich bin wirklich gespannt, welche Geschichte du dir da zusammen gesponnen hast.“
„Ich habe mir nichts „zusammen gesponnen“,“ fuhr sie auf.
„Ach nein? Da bin ich aber ganz anderer Meinung,“ gab er grimmig zurück.
„Ich ... ,“ setzte sie an, als plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, eine Bedienung an ihrem Tisch stand.
„Darf ich ihnen noch etwas bringen?“ fragte sie freundlich und ignorierte dabei gekonnt die angespannte Stimmung, die am Tisch herrschte.
„Für mich nicht,“ wehrte Sasha ab, während Alex sich eine große Cola bestellte und dabei wehmütig an den Jack Daniels dachte, den er jetzt sehr gut hätte gebrauchen können. Einer Eingebung folgend bestellte er noch ein komplettes Frühstück mit allem drum und dran, auch wenn er überhaupt keinen Hunger hatte.
„Also September in New York,“ nahm er schließlich den Faden wieder auf, nachdem die Bedienung sich wieder in das Innere des Restaurants zurückgezogen hatte.
„Ja,“ seufzte Sasha, warf dann einen langen, interessierten Blick in den Kinderwagen und ließ dann in Zeitlupentempo den Griff los. Eigentlich wartete Alex darauf, dass das Baby darin gleich wieder anfangen würde zu brüllen, doch überraschender Weise blieb alles ruhig.
„Sie ist eingeschlafen,“ lächelte Sasha in diesem Moment sanft und er stellte erschrocken fest, dass er die ganze Zeit auf die undurchdringliche Rückseite des Wagens gestarrt hatte.
„Gut. Dieses Gebrüll geht mir nämlich tierisch auf die Nerven,“ stieß er also unwirsch hervor und schüttelte innerlich über sich selbst den Kopf. Wie auch immer diese Sache ausgehen mochte, das Kind konnte überhaupt nichts dafür.
„Ja, sie ist manchmal ein bisschen anstrengend,“ nickte Sasha und hatte dabei schon wieder dieses verträumte Lächeln auf den Lippen. Zeit, dies zu ändern.
„Das interessiert mich im Moment kein Stück,“ sagte er also grob. „Ich will wissen, was in deinem kranken Hirn vor sich geht, also könnten wir gefälligst wieder zurück zum eigentlichen Thema kommen?“
Sasha schüttelte seufzend den Kopf, fuhr sich dann kurz mit der flachen Hand über die Stirn und schien sich innerlich zu sammeln.
„Du hast mich an der Hotelbar angesprochen,“ nahm sie den Faden also wieder auf.
„Welches Hotel?“ hakte er nach, während sein Kugelschreiber einsatzbereit über dem Block schwebte.
„Das ... Royal Grant Hotel,“ informierte sie ihn, auch wenn ihm ihr Zögern dabei nicht entging. Wahrscheinlich hatte sie sich auf die Schnelle irgendeinen Namen ausgedacht.
„Und weiter?“ fragte er, während er den Namen des Hotels auf seinen Block kritzelte.
„Du hast dich zu mir gesetzt, wir haben ein paar Tequilas, Whiskys und Biere gekippt und dann hast du mich ganz unverblümt gefragt, ob ich mit dir rauf auf dein Zimmer komme,“ sprach sie also weiter und klang dabei so, als würde sie die Handlung eines unglaublich uninteressanten Films wiedergeben.
Die nächste Frage lag ihm bereits auf der Zunge, als die Bedienung erneut an ihren Tisch trat und seine bestellte Cola vor ihm abstellte. Noch während sie sich wieder von ihrem Tisch entfernte, nahm er einen kräftigen Schluck, weil sich sein Mund ganz ausgetrocknet anfühlte. Dann zog er eine zerknitterte Zigarettenpackung aus der Hosentasche und fummelte einen der Glimmstengel daraus hervor. Mit einem Klicken flammte sein Feuerzeug auf, dann fiel sein Blick auf den Kinderwagen. Mist. Und nun?
„Du kannst ruhig rauchen, wenn du den Rauch nicht direkt in ihr Gesicht bläst,“ lächelte Sasha und lehnte sich dabei entspannt auf ihrem Stuhl zurück.
Der Drang nach einem ordentlichen Zug Nikotin war leider stärker als der Wille, Sasha zu beweisen, dass er nichts auf das gab, was sie sagte. Also zündete er sich die Zigarette an, inhalierte tief und blies dann die Rauchschwade hoch über ihre Köpfe.
„Also ... wir sind dann angeblich auf mein Zimmer gegangen,“ nahm er die Befragung wieder auf.
„Wir sind dann auf dein Zimmer gegangen, ja,“ korrigierte sie ihn, während ihr Lächeln wieder erlosch.
„Und Verhütung? Was hast du dir zu diesem Thema ausgedacht?“ fragte er weiter und zog erneut an seiner Zigarette.
„Wir haben nicht verhütet,“ stellte sie fest. „Zum einen waren wir beide viel zu betrunken um über so was noch wirklich nachzudenken, zum anderen bist du gleich nachdem wir das Zimmer betreten hatten im Bad verschwunden und kamst erst nach einer viertel Stunde wie Casanova persönlich ins Zimmer zurück geschwebt. Und dann hast du es mir ordentlich besorgt, falls du das auch wissen willst.“
Er schluckte trocken. Warum brachte ihn ihre unverblümte Art plötzlich so aus dem Konzept? Am liebsten hätte er sie noch gefragt, ob er wenigstens gut gewesen war, doch das verkniff er sich dann doch lieber. Er durfte nicht vergessen, dass dies alles hier eine ausgemachte Lüge war.
„Und weiter?“ fragte er also stattdessen.
„Wie weiter?“ gab sie irritiert zurück.
„Na ja ... irgendwann hast du dann ja wohl festgestellt, dass du schwanger bist. Wie wäre es denn gewesen, mich gleich darüber zu informieren, hm? Warum erst jetzt?“
Er sah wie sie schluckte und freute sich innerlich darüber. Er hatte ganz offensichtlich einen weiteren, empfindlichen Punkt getroffen. Gute Arbeit McLean.
„Ich wollte dich mit dem Kind nicht belästigen,“ hörte er sie leise sagen.
„Ach?“ gab er sarkastisch zurück. „Aber jetzt, nachdem alles passiert und unabänderbar ist, kommst du angekrochen?“
„Es war zu jedem Zeitpunkt unabänderbar,“ gab sie wütend zurück. „Die Frage, ob ich Sophia bekomme oder nicht hat sich mir nie gestellt.“
„Klar, damit lässt sich ja auch jede Menge Geld machen, nicht wahr? Sorry, aber dafür hast du dir leider den Falschen ausgesucht.“
„Du bist der Richtige, glaub mir,“ entgegnete sie, inzwischen wieder vollkommen ruhig. „Aber ich kann verstehen, dass du dafür einen Beweis brauchst. Deshalb sind wir ja jetzt schließlich hier, oder etwa nicht?“
„Es wird keine Beweise geben, davon bin ich überzeugt,“ betonte er noch einmal, auch wenn ihn ihre ruhige, entschlossene Art langsam aber sicher ganz schön nervös machte.
„Wie du meinst. Ich werde auf jeden Fall den Test noch heute abschicken und ... ,“
„Nein,“ unterbrach er sie. „ICH werde den Test noch heute abschicken. Du packst deine Wattestäbchen da rein und ich bringe den Umschlag eigenhändig zur Post.“
Er wartete eigentlich auf ihren Protest, auf eine faule Ausrede, auf irgendein Zeichen, dass sie jetzt endlich in Panik verfiel, doch stattdessen zuckte sie lediglich mit den Schultern. „Wenn du das unbedingt so willst.“
Und ob er wollte.
In diesem Moment unterbrach die Kellnerin erneut ihr Gespräch. Der kleine Tisch konnte die vielen Teller, Schüsseln, Tassen und Gläser kaum fassen, die sie vor ihm abstellte und Alex registrierte befriedigt, wie Sashas Augen immer größer wurden beim Anblick der vielen, köstlichen Speisen.
Genüsslich drückte er also seine halbgerauchte Zigarette aus, griff als erstes nach der Tasse Kaffee und wandte sich danach dem Müsli mit Joghurt zu. Es schmeckte nach nichts, aber Sashas Blick, der förmlich an seinem Löffel zu kleben schien, entschädigten ihn für alles.
„Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du erst jetzt bei mir aufgekreuzt bist. Oder sagen wir besser ... warum du auch noch meine Mutter mit dem ganzen Kram belästigst,“ sagte er zwischen zwei Bissen von dem noch lauwarmen Croissant.
„Ich ... ,“ sie leckte sich kurz über die Lippen und wandte dann den Blick, gewaltsam wie es schien, von seinem Frühstück ab und dem Kinderwagen zu. „Ich habe doch schon gesagt, dass ich dich ursprünglich nicht mit Sophia belästigen wollte. Ich war der Meinung, dass ich auch sehr gut alleine klar komme.“
„Aber jetzt ist das natürlich anders,“ vermutete er gehässig, während er sich dazu zwang, eine große Gabel von seinem Rührei mit Schinken zu essen.
„Ein paar Dinge haben sich geändert,“ nickte sie, während sich ihre Augen an dem Berg von Pancakes direkt vor ihm festsaugten.
„Die da wären?“
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich irgendwann ohne Job da stehe,“ gab sie zögerlich Auskunft.
„Aha. Und dir einen neuen zu suchen, auf die Idee bist du noch nicht gekommen?“
„Doch, stell dir vor,“ gab sie, inzwischen in einem äußerst bissigen Tonfall zurück. „Aber das ist leider nicht so einfach mit einem kleinen Kind zu Hause. Ich bräuchte einen Krippenplatz oder eine Tagesmutter, kann dies aber ohne Einkommen nicht bezahlen. Und ob du es glaubst oder nicht, ich fühle mich keineswegs wohl dabei, dich in mein ... ich meine ... in unser Leben zu lassen, okay? Du hast dort eigentlich nichts zu suchen und so wie ich das sehe, beruht das auf Gegenseitigkeit. Also tu gefälligst nicht so, als wäre ich der Abschaum der Menschheit. Du bist genau so an der ganzen Geschichte beteiligt wie ich!“
„Nette Rede,“ murmelte er, während er angestrengt schluckte und sich fragte, warum er, verdammt noch mal, diesen Berg an Essen bestellt hatte, wenn ihm alleine bei dem Geruch schon übel wurde.
„Schön, dass sie dir gefällt,“ schnaubte sie und schüttelte dann den Kopf. „Bringen wir es einfach schnell hinter uns.“
Mit diesen Worten beugte sie sich unter den Tisch und zog ihre Handtasche unter dem Kinderwagen hervor. Sie wühlte einen Moment darin herum und förderte schließlich acht Plastikröhrchen zu Tage. Widerwillig interessiert sah er ihr dabei zu, wie sie erst ihre eigenen Speichelproben feinsäuberlich verpackte und dann aufstand, um von ihrer Tochter ebenfalls Proben zu nehmen.
Er konnte von seinem Platz aus nicht sehen, was sie genau tat, aber als nach wenigen Sekunden das Baby anfing laut und augenscheinlich mehr als ungehalten zu schreien, war für ihn alles klar. Und jetzt hob sie das Kind auch noch aus dem Wagen! Verdammt.
In dem Moment, in dem der kleine, dunkle Haarschopf aus dem Inneren des Wagens auftauchte, zog sich sein Magen schmerzhaft zusammen und für einen Moment hatte er Angst, dass er sein Frühstück gleich wieder von sich geben würde. Er hatte mal irgendwo gelesen, dass Babygesichter von der Natur so ausgestatten wurden, dass sie in den Erwachsenen so etwas wie Beschützerinstinkte weckten. Wahrscheinlich war dies noch ein Überbleibsel aus der Steinzeit, doch auch bei Alex verfehlte es heute seine Wirkung nicht.
„Ist ja gut mein Schatz,“ hörte er Sasha leise murmeln, während sie sich wieder setzte, den kleinen Kinderkörper an sich drückte und ihm beruhigend über den Rücken streichelte. „Sssssch,“ machte sie dann immer wieder und schmiegte ihre Wange an den weichen Haarflaum des Babys.
Sophia trug ein rosa T-Shirt und etwas, das aussah wie eine grüne Jogginghose. Er konnte die Windel darin erkennen und die winzigen Füße, die in etwas zu großen Socken steckten. Er fühlte, wie sein Herz schneller zu schlagen und seine Hände zu kribbeln begannen. Wäre dies hier nicht eine vollkommen verfahrene Situation, hätte er sich wahrscheinlich zu dem Kind gebeugt und so lange blöde Gesichter gezogen, bis die Kleine aufhörte zu weinen und ihn anlächelte. Doch heute war dies natürlich nicht möglich.
Also schluckte Alex den letzten Rest seines Bacons hinunter, spülte mit einem ordentlichen Schluck Cola nach und legte dann geschlagen das Besteck zur Seite. Er hatte nicht einmal die Hälfte geschafft, aber der beinahe sehnsüchtige Blick von Sasha war dies mehr als wert gewesen.
Es dauerte eine Weile, bis sie die Speichelproben bei ihrer Tochter entnommen hatte. Wie zu erwarten ging dies nicht ohne lautes Gebrüll und einem kleinen Kampf ab, was in Alex beinahe so etwas wie Schuldgefühle hervorrief. Doch schließlich waren sämtliche Wattestäbchen wieder in ihren Plastikröhrchen und in dem braunen Umschlag verstaut. Auch das Gebrüll ließ langsam nach und Alex bedankte sich dafür im Stillen bei allen Göttern. Die Kleine war wirklich anstrengend, aber seltsamer Weise auch unheimlich süß. Gott, was dachte er da?
„Es wäre nett, wenn du mir deine Telefonnummer aufschreiben könntest,“ sagte Sasha schließlich unvermittelt und er schüttelte automatisch den Kopf.
„Damit du mich auch weiterhin nerven kannst? Ganz bestimmt nicht.“ Gut, er hatte sich wieder im Griff. Nur keine Schwäche zeigen.
„Ich will dich nicht nerven, ich will mich nur irgendwann nach dem Test erkundigen. Ich werde vermutlich keine sechs Wochen hier sein, von daher ... ,“ sie verstummte und legte Sophia zurück in ihren Wagen, in dem diese sofort wieder ihr Protestgeheul anstimmte.
„Ich werde dich anrufen,“ versuchte er sich über das Gebrüll verständlich zu machen.
„Nicht nötig. Ich melde mich,“ gab sie unnachgiebig zurück, während sie aufmerksam den Tisch begutachtete, wohl um sicher zu gehen, dass sie auch nichts vergessen hatte.
Wahrscheinlich war der anhaltende Lärm schuld daran, dass er schließlich kapitulierte und seine Nummer auf ein leeres Blatt seines Notizblockes kritzelte. Leicht entsetzt stellte er fest, dass er sich lediglich den Zeitpunkt und den Namen des Hotels notiert hatte. Sollte die Zeugung eines Kindes nicht ein paar mehr Informationen liefern? Doch das war wohl nur ein weiterer Beweis dafür, dass Sasha ganz unverblümt und ohne mit der Wimper zu zucken log.
„Danke,“ sagte sie, während sie den Zettel mit spitzen Fingern entgegen nahm, dann löste sie die Bremsen des Kinderwagens und schob diesen an Alex vorbei. „Noch einen guten Appetit. Wir hören uns dann in sechs Wochen.“ Und damit war sie bereits an ihm vorbei und schon wieder halb auf der Straße, noch bevor ihm irgendetwas Gemeines als Erwiderung eingefallen war.
Nachdenklich blickte er ihr hinterher, wie sie die Straße hinunter lief und das Gebrüll des Babys dabei immer leiser wurde. Hatte ihn dieses Gespräch jetzt eigentlich irgendwie weiter gebracht? Nicht wirklich, wie er feststellen musste.
Sein Blick wanderte zurück auf den Tisch. Der Umschlag lag an der äußersten Kante, halb verdeckt unter dem halbaufgegessenen Rührei, sein Frühstücksgeschirr stand im wilden Durcheinander herum und sein Block lag neben dem Teller und hatte einige Fettflecken abbekommen. Leicht unbehaglich stellte er fest, dass dieses Bild sicherlich genau das sein würde, was Sasha im Gedächtnis behielt und irgendwie schämte er sich dafür, wenn er auch nicht genau sagen konnte wieso.
Und dann sah er es. Halb verborgen hinter Sashas Kaffeetasse, so dass sie es bei ihrem kurzen Rundblick wohl übersehen hatte. Vorsichtig, als nähere er sich einem wilden Tier, streckte er die Hand aus und schloss gleich darauf seine Finger um den kleinen, hellblauen Schnuller, der in seiner großen Hand irgendwie fehl am Platz wirkte. Sein Daumen strich beinahe zärtlich über den Silikonsauger und er hatte plötzlich Sophias dunklen Haarflaum und ihre großen Augen im Kopf. Wie paralysiert starrte er auf den Schnuller hinunter und fühlte dabei ein eigentümliches Gefühl in seiner Brust erblühen. Himmel Herr Gott, er würde jetzt doch wohl nicht sentimental werden, oder? Die Kleine konnte unmöglich seine Tochter sein. Punkt und aus!

Kapitel 6