Kapitel 4
Sasha saß an einem der kleinen, runden Tischchen vor dem Cafe in welchem sie sich mit Alex treffen sollte. Mit einem Arm schaukelte sie, in gleich bleibendem Rhythmus den Kinderwagen, in welchem ihre Tochter lag und schlief, mit der anderen Hand rührte sie ruhig in ihrem Cappuccino.
Zum ersten Mal an diesem Tag nahm sie ihre Umgebung wieder richtig wahr. Die belebten Strassen von Orlando pulsierten sogar hier, wo nicht viel mehr war als ein paar günstige Hotels, wenig besuchte Diner und eben dieses kleine, italienische Restaurant mit seinem halbrunden, großen Fenster und den kleinen, weißen Tischen und Stühlen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine kleine, hübsche Parkanlage mit Feigenbäumen und allerlei Blumen, welche sogar zu dieser Jahreszeit blühten.
Ob sich Sasha wohl jemals an das Klima hier gewöhnen konnte, wo doch in New York schon seit Monaten Minustemperaturen herrschten? Hier zwitscherten die Vögel und Eichhörnchen sprangen durch den Park als sei der Frühling angebrochen. Auch die Menschen hier schienen einer ganz eigenen Lebensphilosophie nachzugehen.
Wenn man die Menschen in New York beobachtete, bekam man meist nur das hektische Treiben von Geschäftsleuten, oder das Handeln eines Obdachlosen zu sehen, während sie ihrem fast einstudierten Tagesplan folgten und von einem Termin zum nächsten hetzten, oder eben versuchten einige wenige Dollar zu erbetteln um über den Tag zu kommen. Hier in Orlando schienen Sorgen um Jobs und Termine ferngeblieben zu sein. Alles schien hier ruhiger, entspannter.
Sasha blickte sich, noch immer von all den gravierenden Unterschieden verblüfft um. Am Tisch neben ihr saß ein junger, dunkelhaariger Mann. Er hatte seinen Laptop vor sich stehen und tippte, in seltsam beruhigenden Takt, auf der Tastatur herum.
Schräg hinter dem Mann fiel Sashas Blick nun auf ein junges Paar. Die Frau schien schwanger zu sein. Sie lächelte und strich immer wieder über ihren kugelförmigen Bauch. Sasha konnte ihre Zufriedenheit förmlich greifen und streifte in Gedanken ihre eigene Schwangerschaft.
Das Gefühl Sophia zum ersten Mal treten zu spüren, zum ersten Mal bewusst wahr zu nehmen, dass in ihr ein Lebewesen heranwuchs, ließ ihr Herz fast vor Glück zerspringen. Lächelnd tauchte Sasha aus ihren Gedanken auf, ihren verträumten Blick noch immer auf das Paar gerichtet.
Der junge Mann hielt einen Jungen, etwa zwei Jahre wie Sasha annahm, auf dem Schoss. Der Junge hatte einen breiten Schokoladenbart um den Mund und strahlte mit jedem Löffel Eiscreme ein wenig breiter. Liebevoll wischte der junge Vater immer wieder kleine Missgeschicke vom Tisch und lobte seinen Sohn stolz, wie gut er doch schon mit dem Löffel umgehen konnte. Beim Blick auf das gelbe Shirt des Jungen schmunzelte Sasha, denn dort hatte sich mindestens die Hälfte seiner braunen Süßigkeit verewigt. Diese kleine Familie schien glücklich und augenblicklich fragte Sasha sich, ob sie wohl auch jemals mit einem Mann ihr Mutterglück teilen würde.
Sie sah nicht Alex in diesem Bild, wollte es auch gar nicht. Sie hatte nie etwas für ihn empfunden und war sich sicher, dass das auch so bleiben würde. Eigentlich war er nicht ihr Typ. All diese Tättowierungen, der ausgefallene Schmuck und die schreckliche Frisur als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hätten sie eigentlich abgeschreckt, wenn da nicht diese Augen gewesen wären. Augen die so viel Liebe versprachen, die Güte und Treue spiegelten und diesen widersprüchlichen Menschen faszinierend machten.
So war es gekommen, dass sie nach einem langen Arbeitstag im Hotel, abends an der Bar saß und den Plan für die kommende Woche durchging, als er sich neben ihr nieder ließ und sie mit einem rauen Hi begrüßte.
Sie hatten sich schließlich stundenlang unterhalten, er eindeutig mehr als genug getrunken und sie dann ohne Umschweife in sein Hotelzimmer eingeladen, als die Hotelbar schloss. Sasha hatte seine Einladung angenommen, warum konnte sie nicht einmal mehr genau sagen.
Sie hatte sich zu diesem Zeitpunkt nicht im Traum vorgestellt, dass sie Alex jemals von diesem Kind erzählen musste. Sasha hatte nicht vorgehabt sein Leben so gravierend zu ändern doch meistens kam es anders ... wie so oft.
Seine Reaktion vor seiner Haustüre hatte das ganze Sorgenbündel fest verschnürt. Ein Paket aus Finanz-, Familienproblemen und der Angst vor eben dieser Reaktion.
Seit Alex sie angerufen hatte, war ihre gesamte Gefühlswelt langsam wieder in ein erträgliches Gleichgewicht gekommen.
Nachdem sie vom erfolglosen Versuch mit ihm zu reden in ihr Hotelzimmer zurückgekehrt war, hatte ihr Gefühlschaos sie fast in den Wahnsinn getrieben. Sie konnte kaum glauben, dass er sich, wie es schien, überhaupt nicht mehr an sie erinnern konnte. Sasha blickte fast minütlich auf ihr Telefon, als würde es Alex dazu bringen sich zu melden. Immer wieder hatte sie sich gefragt, was passieren würde, wenn er sich nicht auf den Test einließ. Sie sorgte sich nicht um sich selbst, sondern nur um ihren kleinen Engel, denn Sophia hatte ein Leben ohne Sorgen verdient.
Als er schließlich anrief, war Sasha sicher er hätte die Erleichterung in ihrer Stimme deutlich gehört als er ihr mitteilte, dass er den Test gemacht hatte.
Sasha war fest davon überzeugt alles würde gut werden, wenn er die Wahrheit erst einmal schwarz auf Weiß in Händen hielt. Und die Wahrheit war nun einmal, dass diese winzige Person im Kinderwagen Alex Tochter war. Für Sasha bestand daran nicht der geringste Zweifel.
Sie brauchte ihre Tochter nur anzusehen. Ihr weicher, dunkler Haarflaum, die dicken, rosigen Bäckchen, die kleinen Händchen, welche neugierig und fest zugriffen, und ihre wachen Augen. Diese braunen Augen hatten schon jetzt die selbe, faszinierende Gabe ihr direkt in die Seele zu sehen. Wie konnte er das nur übersehen haben?
Beim Blick auf ihre kleine Prinzessin legte sich wie immer ein liebevolles Lächeln auf Sashas sonst so sorgenvolles Gemüt. Auch wenn Sophia sie ein Leben voll Erfolg und Geld gekostet hatte, bereute die junge Mutter doch keinen Tag des vergangenen Jahres. Sie war Mutter und das mit jeder verfluchten Faser ihres Körpers.
Sasha genoss es ihre Tochter mit jedem Tag ein bisschen wachsen zu sehen, sie liebte es Sophias strahlendes Lächeln am Morgen zu sehen, wenn Sasha sie aus ihrem Bettchen hob.
Keiner, nicht ihr Vater, nicht all die anderen Menschen, die sie wegen diesem unschuldigen Wesen verlassen hatten, konnten ihr dieses Glück streitig machen.
Sie sah ihren Vater deutlich vor sich. Die hoch gewachsene Gestalt, wie immer in einen teuren Anzug gekleidet, sein von Sorgenfalten überzogenes Gesicht und die vor Autorität strotzenden Augen. Sasha bildete sich ein, dass sein ohnehin schon graues Haar, seit er von Sophia wusste, noch eine Nuance heller geworden sei und der stechende Schmerz in ihrer Brust erinnerte sie an den Scheck, den er ihr überreicht hatte, als sie ihren Eltern beim Abendessen verkündete, dass sie schwanger war.
Das dürfte genug sein um dieses kleine Problem zu lösen, nicht wahr? hatte er gesagt und mit einem ungläubigen, freudlosen Lachen hatte Sasha den Scheck auf den Tisch gelegt und seither ihr Elternhaus zum letzten Mal verlassen.
Sie war am darauf folgenden Tag wie immer zur Arbeit im Hotel ihres Vaters erschienen, doch er machte ihr schnell und unmissverständlich klar, dass er keine Frau mit unehelichem Kind in der Führung seines Hotels sehen wolle. Also hatte Sasha ihre Sachen gepackt und war gegangen.
Es schmerzte, dass sie 26 Jahre gebraucht hatte, um das wahre Gesicht ihres Vaters kennen zu lernen und sie verabscheute ihn für all das.
Ihre Mutter hingegen hatte sie wenige Tage später in ihrer Wohnung aufgesucht und Sasha versichert, ihr Vater würde sich wieder beruhigen. Das Lächeln in Sashas Gesicht kam ganz von alleine, wenn sie an ihre Mutter dachte. Ihre kleine, etwas mollige Gestalt, das runde, liebevolle Gesicht und die kurzen braunen Haare. Was hätte sie in den letzten Monaten nur ohne ihre Mutter getan?
Sie saß dort im warmen Sonnenschein und hatte ein, für Alex unerklärliches Lächeln auf dem Gesicht. Ihm war so überhaupt gar nicht zum Lächeln zu Mute.
Er stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, hielt den Umschlag in seinen völlig verkrampfen Händen und versuchte soviel Zeit wie irgend möglich zu schinden, bevor er dieser Person nun zum zweiten Mal an diesem Tag gegenübertreten sollte.
Mit schmerzhaftem Ziehen in der Brust hatte er erkennen müssen, dass sie das Baby mitgebracht hatte. Natürlich war ihm klar, dass sie die Kleine unmöglich alleine in einem Hotelzimmer lassen konnte, aber ... Er hatte einfach gehofft dieses zerbrechliche Wesen, dessen Schicksal er mit diesem Umschlag in Händen hielt, nicht sehen zu müssen. Was auch immer mit ihm geschah, wenn er an das Baby dachte, es gefiel ihm momentan gar nicht.
Schwachsinn! Er würde das Ganze jetzt hinter sich bringen. Er würde mit diesem Umschlag einfach beweisen, dass er nicht der Vater war, würde Sasha als Schwindlerin und sich als unschuldig entlarven und sie und dieses Kind nie wieder sehen müssen.
Warum lächelte Sasha dann so verflucht zufrieden? Eigentlich sollte die Panik aus jeder einzelnen Pore ihres Körpers triefen, weil er sich mit dem Test einverstanden erklärt hatte.
Konnte man ein solches Ergebnis verfälschen?
Beklommen blickte er auf den Umschlag in seinen Händen und beschloss fast zeitgleich, das Verschicken selbst in die Hand zu nehmen. Nur um sicher zu gehen, dass sie seine DNA nicht mit der des tatsächlichen Vaters vertauschte.
Als würde er seinen Entschluss damit noch festigen, nickte er kräftig und rückte dann seine Sonnenbrille zurecht, bevor er seinen Weg durch die kleine Parkanlage fortsetzte, um Sasha seine Entscheidung mitzuteilen. Er war sich ganz sicher, ihr intrigantes Lächeln dann förmlich aus ihrem Gesicht fallen zu sehen. Jawohl!
Alex versuchte seine Nervosität hinunterzuschlucken und überwand, jeden Muskel in seinem Körper angespannt, nun die letzten Meter, die ihn noch von Sasha und dem Kind trennten.
Sie schien so weit in Gedanken versunken, dass sie ihn nicht einmal bemerkte als er an den Tisch herantrat. Erst als er den Umschlag auf dem Tisch fallen ließ, blickte sie auf. Auch jetzt verschwand ihr Lächeln nicht und Alex musste widerwillig feststellen, dass sie so zufrieden wesentlich hübscher war, als noch wenige Stunden zuvor, vor seiner Haustüre.
Er zog seine Kappe ein wenig tiefer ins Gesicht und blickte sich instinktiv erst einmal um, bevor er die Sonnenbrille abnahm, sie neben den Umschlag auf den Tisch legte und sich nun auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder ließ.
Wenn er sich das Viertel, in dem ihr Hotel zu stehen schien, allerdings genauer betrachtete, wagte er zu bezweifeln hier auf Paparazzi zu stoßen. Aber man wusste ja nie. Wenn er daran dachte, auf was für Fotos er schon so von sich selbst gestoßen war ...
Allerdings war ihm auch jetzt klar, warum sie ausrechnet ihm dieses Kind andrehen wollte, wenn sie sich nicht einmal ein besseres Hotel leisten konnte.
Danke, dass Du gekommen bist, ich weiß das wirklich zu schätzen. Wandte Sasha nun das Wort an Alex.
Konnte sie nicht endlich aufhören zu lächeln? Das hier war immerhin kein Kaffeekränzchen unter alten Freunden, verdammt.