Kapitel 3

Alex saß im Schneidersitz auf seinem Bett und starrte auf die Papiere hinunter, die vor ihm ausgebreitet lagen. Er hatte sich vor einer halben Stunde bei seiner Mutter entschuldigt und sich hierher zurückgezogen. Irgendwie war er der Meinung gewesen, dass er einfach nur fünf Minuten für sich bräuchte um sich wieder einigermaßen zu fangen und das Chaos in seinem Kopf wieder in den Griff zu bekommen. Leider hatte das bis jetzt nicht funktioniert.
Seine Augen huschten über die Vertragsunterlagen des Vaterschaftstest und wieder fühlte er, wie sich alles in ihm zusammen zog. Sasha Jakobi hatte bereits alle Daten, so weit sie ihr bekannt waren, ausgefüllt. Er las ihren Namen als Auftraggeberin und registrierte, dass sie eine Adresse in New York angegeben hatte. New York ... wann war er eigentlich das letzte Mal dort gewesen? Und hatte er dort Sasha getroffen? Beide Fragen konnte er leider nur mit keine Ahnung beantworten und gerade dieser Umstand schien ihm am meisten zu schaffen zu machen.
Schnell konzentrierte er sich wieder auf die Unterlagen, bevor er gedanklich wieder abdriften konnte und sich in einer Zeit wieder fand, die gefühlsmäßig Jahrmillionen zurück lag, im Grunde aber nicht mehr als 12 Monate umfasste. Doch so recht gelang sein Ablenkungsmanöver nicht. Er sah, wie der Wagen vor der Rehaklinik vorfuhr, er spürte seine Angst, die zu diesem Zeitpunkt jede Zelle seines vergifteten Körpers durchdrang und das gleiche, hektische Herzklopfen wie damals erblühte augenblicklich in seiner Brust.
Hatte Sasha damals schon gewusst, dass sie schwanger war?
Er nahm sich die zweite Seite des Formulars vor, auf der in ihrer akkuraten, eckigen Blockschrift seine Daten, die von Sasha und ihrer Tochter ... also ... des Mädchens ... eingetragen waren.

Name des Vater: Alexander James McLean, geb. 9.1.1978
Name der Mutter: Sasha Becky Jakobi, geb. 20.6.1975
Name des Kindes: Emma Sophia Jakobi, geb. 2.6.2001


Wenn er von Sophias Geburtsdatum neun Monate zurückrechnete, musste er also irgendwann im September auf Sasha getroffen sein. September ... klingelte da irgendwas bei ihm? Nein. Nicht wirklich. Er wusste noch, dass er irgendwann um diese Zeit einen heftigen Zusammenbruch erlitten hatte, von dem aber bis heute keiner wusste, und dass ihm gerade dieses Ereignis mehr Angst gemacht hatte, als er sie jemals in seinem aufregenden Leben als Popstar empfunden hatte. Trotzdem hatte er noch einige Wochen benötigte, um sich endgültig einzugestehen, dass er ein massives Problem hatte.
Während er also in der Entzugsklinik hockte, bunte Bilder malte und über seine Sucht sprach, war Sasha mit seinem Kind im Bauch herumgelaufen, hatte Babysachen eingekauft und sich auf die Geburt vorbereitet.
Er schüttelte den Kopf und vergrub gleich darauf sein Gesicht in beiden Händen. Ihre Geschichte konnte einfach nicht wahr sein. Ausgeschlossen.
Was sollte er denn mit einem Baby anfangen? Er bekam sein eigenes Leben ja noch nicht mal wirklich auf die Reihe. Ganz im Gegenteil. Er versteckte sich bei seiner Mum, weil er Weihnachten und Silvester fürchtete, weil er noch nicht alleine sein konnte, ohne immer wieder an einen Schluck Alkohol zu denken und weil er noch nicht ganz sicher war, ob er die vielen schlimmen Dinge, die er gesehen, erlebt und gefühlt hatte wirklich schon hinter sich lassen konnte.
Im Grunde war das letzte, was ein vernünftiger Mensch tun sollte, ihm so etwas wie Verantwortung zu übertragen. Immer wieder sah er vor sich, wie er mit dem Baby auf dem Arm in einer Kneipe stand, eine weitere Flasche Jackie orderte und sie sich dann genüsslich mit seinem eigen Fleisch und Blut teilte.
Nein! Aufhören!
Er stöhnte leise, sprang unvermittelt vom Bett und wühlte in einem Stapel CDs, der neben einer winzigen Stereoanlage lag und von dem nur die Hälfte der Rohlinge beschriftet war. Rock oder etwas zur Beruhigung? Er konnte sich nicht entscheiden. Himmel Herr Gott, hörte das denn nie auf?
Schnell zog er irgendein Album hervor, legte es in das Schubfach des Players und wartete mit klopfendem Herzen, für was er sich nun entschieden hatte. Björk? Human Behavior?

If you ever get close to a human
And human behaviour
Be ready to get confused
There's definitely no logic
To human behaviour
But yet so irristible
There's no map
To human behaviour
They're terribly moody
Then all of a sudden turn happy
But, oh, to get involved in the exchange
Of human emotions is ever so satisfying
There's no map
And a compass
Wouldn't help at all
Human behaviour

Tja, wo sie Recht hatte, hatte sie Recht.
Die Anspannung wich langsam aus seinem Körper und er ließ sich seufzend zurück auf die Bettkante sinken. Es nützte ja nichts, er musste sich dem Ganzen stellen, sonst würde er wahrscheinlich nie wieder ruhig schlafen können. Wahrscheinlich entpuppte sich diese Sasha sowieso als Schwindlerin und dann hatte er wenigstens einen Grund, auf sie sauer zu sein.
In diesem Moment fiel sein Blick auf das gerahmte Foto, das ihm gegenüber an der Wand hing. Ein Bild aus glücklichen Tagen, wie er feststellen musste. Er hielt Nicole im Arm. Seine geliebte Nicki, die die ganze verdammte Zeit in der Reha und auch danach nicht von seiner Seite gewichen war. Die Frau, die mit ihm schon so einiges mitgemacht hatte und die immer noch da war, was für ihn an sich schon unfassbar anmutete. Ganz eindeutig hatte er so viel Liebe und Loyalität nicht verdient. All seinen Zweifeln zum Trotz hielt er sie auf dem Foto fest in seinen Armen, lächelte glücklich und mit klaren, wachen Augen. Was sie wohl sagen würde, wenn er ihr erklären musste, dass er plötzlich Vater war? Dass es sogar möglich war, dass er Nicki mit Sasha betrogen hatte, ohne sich daran erinnern zu können?
Ihm wurde übel und verzweifelt presste er eine Hand auf seine schmerzenden Eingeweide. Was sollte er denn bitte schön ohne Nicki an seiner Seite anfangen? Sie würde ganz bestimmt nicht tolerieren, dass er wild durch die Gegend gevögelt hatte und jetzt die Quittung dafür bekam. Sie würde ihm sicherlich eine Szene und ihm dabei unmissverständlich klar machen, dass sie ihn nie wieder sehen wollte, dass es aus und er ein Schuft sei.
Leider hätte sie damit durchaus Recht.
Alles was ihn jetzt also noch retten konnte, war ein negativer Vaterschaftstest. Das musste zwar nicht unbedingt bedeuten, dass er mit dieser Sasha nichts gehabt hatte, aber wenn das Kind nicht von ihm war, gab es wenigstens noch eine winzige Möglichkeit, aus dieser Nummer wieder herauszukommen, ohne dass er Nicki dabei verlor.
Schweren Herzens zog er also die vier Wattestäbchen zu sich heran, die luftdicht in vier Plastikröhrchen verpackt waren. Als erstes beschriftete er jedes Röhrchen feinsäuberlich mit seinem Namen, dann führte er das erste Stäbchen in seinen Mund und rollte es ausgiebig über die Innenseite seiner Wange. Währenddessen überflogen seine Augen noch einmal die Anweisung für die Entnahme der Speichelprobe um sicher zu gehen, dass er auch alles richtig machte.
Schließlich verstaute er den Vertrag, den Sasha bereits unterschrieben hatte, und die vier Plastikröhrchen, die nun mit seiner DNA gefüllt waren, wieder in dem braunen Umschlag und legte ihn beiseite.
Der erste Schritt war also getan. Allerdings kam jetzt der viel schwierigere. Seine Hand zitterte leicht, als er den zerknitterten Zettel mit Sashas momentaner Adresse und Telefonnummer zu sich heran zog. Am liebsten hätte er sich gerade hiervor gedrückt. Er wollte keinen Kontakt zu ihr aufnehmen und er wollte schon gar nicht in die großen, braunen Augen des Kindes blicken und sich dabei fragen, ob er tatsächlich der Vater sein könnte. Leider fehlten aber noch die Proben der beiden für den Test. Somit blieb ihm also nichts anderes übrig.
Um den Anruf noch einen Moment hinaus zu zögern, drehte er das Papier herum und besah sich den Kassenzettel genauer. Ein paar Lebensmittel, jede Menge Babynahrung, Windeln und drei Dollar fünfzig für einen Schnuller. Meine Güte! Eigentlich hatte er angenommen, dass sich die Kosten für einen solch kleinen Menschen niedriger gestalteten. Im Grunde brauchte Sophia ja wohl noch nicht viel, oder? Doch der Kassenzettel in seiner Hand sagte etwas ganz anderes. Sasha hatte für sich gerade mal sieben Dollar ausgegeben, während sich der Betrag für Sophia unterm Strich auf gut dreißig summierte. Wirklich eine seltsame Welt in der er lebte.
Also zog er schließlich sein Handy heran und wählte sorgfältig und unglaublich langsam die angegebene Nummer. Ein letztes Mal holte er tief Luft und drückte sich gleich darauf das kleine Telefon ans Ohr. Sein Blut rauschte in seinen Ohren und sein Herzschlag stolperte schmerzhaft und angestrengt vorwärts.
Bereits nach dem zweiten Klingeln nahm sie ab.
„Hallo?“ Sie klang ein wenig atemlos und sie flüsterte. Wahrscheinlich, weil das Baby schlief. Gott, das Baby ...
„Uhm ... ja ... hi,“ entgegnete er. „Hier ist ... ,“ er zögerte kurz und entschied sich dann für den Namen, den sie auch gewählt hatte. „Alex.“
„Hallo Alex. Schön, dass du anrufst,“ hörte er sie sagen und fragte sich gleichzeitig, wie sie nur so ruhig sein konnte.
„Ich habe den Test gemacht,“ sagte er also brüsk und versuchte sich einzuschärfen, dass er gerade ein berechnendes, gemeines Biest am Telefon hatte, die versuchte ihm ein Kind unterzujubeln, um damit richtig Kohle zu machen.
„Das freut mich. Wirklich!“ Klang sie erleichtert?
„Und nun?“ fragte er schnell weiter.
„Ich brauche die Unterlagen, damit ich meine und Sophias Proben hinzufügen kann,“ erklärte sie. „Danach schicke ich alles ans Labor und in etwa sechs Wochen wissen wir, was Sache ist.“
„Wir?“ fragte er misstrauisch, während sich seine Augenbrauen drohend zusammen zogen. Natürlich! Sie war sich auch nicht ganz sicher. Bestimmt hatte sie neben ihm noch andere, dämliche Typen beglückt und war jetzt dabei, den richtigen heraus zu picken. Und wie üblich fing man bei dem finanzkräftigsten an.
„Ich wollte damit nur sagen, dass du dann ...,“
„Ich will es nicht hören,“ fuhr er ihr ins Wort und war sich dabei durchaus bewusst, dass er sich durch Unwissenheit schützen wollte. Doch genau so war ihm klar, dass dies höchstwahrscheinlich nicht viel nützen würde.
„Also. Du brauchst den Umschlag. Soll ich ihn dir schicken?“ wandte er sich wieder den praktischen Dingen zu.
„Es wäre besser, wenn du ihn mir vorbei bringen könntest,“ gestand sie und er stöhnte innerlich auf. Er wollte sie nicht wieder sehen. Nicht jetzt und auch in einigen Wochen nicht. „Die Probe darf nicht zu lange liegen, sonst könnte sich das Ergebnis verfälschen ... glaube ich. Außerdem möchte ich das Ganze so schnell wie möglich hinter mich bringen.“
„Nicht nur du,“ schnaubte er.
„Also ... könntest du ihn mir bringen? Ich würde ihn auch holen kommen, aber Sophia schläft noch und es ist immer ziemlich umständlich wenn ich ... ,“
„Ja, ja, schon gut,“ wehrte er ab. „Ich bin in einer halben Stunde da. Wir treffen uns in der Lobby des Hotels.“
„Könnten wir nicht ... also ... da ist ein Cafe, direkt neben dem Hotel. Sagen wir dort in einer Stunde?“
Das klang gerade so, als wolle sie noch ein paar Dinge mit ihm besprechen. Himmel hilf!
Andererseits ... sein Blick streifte den braunen Umschlag. Vielleicht konnte sie ihm ja sagen, was da zwischen ihnen vor knapp 16 Monaten passiert war.
„In Ordnung,“ hörte er sich im selben Moment sagen und bereuten den Satz, noch bevor er ganz über seine Lippen gekommen war. Doch sie ließ ihm keine Gelegenheit für einen Rückzieher.
„Gut. Bis dann.“
„J-Ja, bis dann.“
Er beendete das Gespräch und starrte immer noch auf den Umschlag hinunter. Er hatte sich jetzt nicht wirklich mit ihr verabredet, oder? Wie kam er denn bitte schön auf die Idee, dass diese falsche Schlange auch nur ein wahres Wort über ihre Beziehung verlieren würde? Wahrscheinlich spielte ihm sein Gehirn gar keinen Streich und er war Sasha tatsächlich noch nie begegnet. Sie konnte ihm schließlich alles erzählen, ohne dass er den Wahrheitsgehalt überprüfen konnte.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, zog er die Schublade seines Nachttisches auf und holte einen kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber hervor. Er konnte vielleicht in dem Moment, in dem er mit ihr sprach nicht sagen, ob sie ihn anlog, aber er konnte hinterher wenigstens die Fakten überprüfen.
Ein freudloses Grinsen erschien auf seinem Gesicht, als er sich vorstellte, was Sasha wohl von ihm denken mochte, wenn er sich während ihres Gesprächs Notizen machte. Andererseits hatte er sich schon so oft vor der ganzen Welt zum Idioten gemacht, dass es darauf jetzt auch nicht mehr ankam.

Kapitel 4