Kapitel 2
Erneut begann sich der Klos aus heißen Tränen seinen Weg unaufhaltsam zu bahnen, doch Sasha verbot sich selbst auch nur eine einzige davon ans Tageslicht gelangen zu lassen.
Sie versuchte, durch leichtes Klopfen auf den Rücken ihrer Tochter und beruhigenden Worten ihre eigene Verzweiflung einzudämmen und dem Kind so die heile Welt vorzuspielen, die es noch so sehr verdient hatte.
Doch Sashas Welt war ganz und gar nicht heil.
Zitternd und unter Aufbietung sämtlicher Kraftreserven, um nicht einfach in sich zusammenzubrechen, verbrachte sie einige Minuten vor der Haustür, immer die Hoffnung hegend, er würde wieder hinaus treten und sie anhören. Doch das tat er nicht und schließlich gab sie seufzend die Hoffnung auf.
Was hatte sie sich denn auch gedacht? Dass er ihr freudestrahlend um den Hals fallen würde? Lächerlich. Er hatte sie ja nicht einmal erkannt.
Gut, das war also schon mal alles gehörig nach hinten losgegangen. Blieb also noch die Frage wie es jetzt weitergehen sollte.
Wieder begann die Verzweiflung an der jungen Mutter zu zerren, während sie vorsichtig ihre protestierende Tochter zurück in den MaxiCosi setzte und anschnallte. Langsam brachte sie den langen Weg über die grauen Steinplatten zu ihrem Wagen hinter sich, nicht ohne sich mehrere Male zur Haustür umzudrehen, in der Hoffnung, dass er sie doch nicht einfach gehen ließe.
Wenn ihre ganze Lage nicht so vollkommen verfahren wäre, hätte sie sich nie in dieses verfluchte Flugzeug begeben. Sie brauchte Alex, wenn ihre Tochter nicht unter der nächstbesten Brücke aufwachsen sollte. Sie musste irgendeinen Weg finden Alex von ihrer Ehrlichkeit zu überzeugen.
„Schatz, das ist nicht wirklich gut gelaufen für uns beide.“ Sagte sie und rastete die Trageschale auf dem Gestell des Beifahrersitzes ein. Sie schloss die Tür und ging langsam nachdenklich um den Wagen herum.
Auf der Fahrerseite angekommen, öffnete sie die Tür und kramte einen Stift und einen zusammen geknüllten Kassenzettel aus ihrer Handtasche. Sie schrieb hastig und mit zitternden Händen die Adresse des Hotels, sowie ihre Handynummer auf das Stück Papier und verstaute es zusammen mit einem Briefumschlag, welchen sie nun ebenfalls aus ihrer Tasche zog, im am Straßenrand angebrachten Briefkasten.
Mit einem letzten Seitenblick auf dieses so unschuldig wirkende Haus, schloss sie den blechernen Kasten, setzte sich schweren Herzens ans Steuer und fuhr davon.
Nachdem er Sasha die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte, hatten sich die Gedanken in Alex’ Kopf überschlagen. Immer wieder versuchte er sich ihr Gesicht ins Gedächtnis zu rufen und somit die Frage zu klären, ob er diese Frau kannte.
Er hatte hinter vorgezogener Gardine ihre Reaktion beobachtet, konnte ihre Verzweiflung vom Fenster aus deutlich sehen und fragte sich immer wieder, ob er gerade richtig gehandelt hatte.
Gerade als die junge, zugegebenermaßen attraktive Frau hinter das Steuer des blauen Wagens gestiegen und ohne weiteren Blick zurück davongefahren war, trat seine Mutter an ihn heran.
„Was wollte sie denn?“ Alex drehte sich zu Denise herum und fuhr sich seufzend mit der Hand über die Augen.
„Mir meine Tochter vorstellen.“ Sagte er mehr zu sich selbst, um in Gedanken das vorangegangene Gespräch Wort für Wort Revue passieren zu lassen.
Auf Denise Stirn bildete sich eine Steile Falte, ob aus Besorgnis oder Unglauben konnte er nicht sagen.
„Sie hat was?“ fragte Denise nun leise und trat einen weiteren Schritt auf Alex zu. „Aber... Was hast Du gesagt?“ sie legte eine Hand auf Alex’ Arm und stoppte so sein nervöses Auf- und Abschreiten.
„Ich hab sie weggeschickt. Ich kenne sie ja nicht einmal... glaub ich.“ Fügte er unsicher hinzu.
„Glaubst Du?!“ rief Denise aus und begann nun ihrerseits unruhig umherzulaufen.
„Ja tut mir leid.“ Rief er fast ärgerlich und warf die Hände in die Luft, während seine Eingeweide es wohl für angebracht hielten, sich zu einem kleinen, unauffälligen Knoten zusammenzuziehen. „Das Kind sah nicht gerade wie ein Neugeborenes aus, auch wenn ich wirklich nicht viel Ahnung von Kindern habe. Das heißt, alles was länger als 12 Monate zurückliegt, liegt auch leider im Dunkeln.“
Er konnte nicht fassen, dass er tatsächlich in Erwägung ziehen musste diese Frau zu kennen, ohne sich daran zu erinnern. Leider kam es viel zu häufig vor, dass Erinnerungen aus der Zeit vor seinem Entzug erst spät kamen und ihm dann einen bitteren Beigeschmack bescherten, weil er tatsächlich seinen extremen Lebenswandel in allen Einzelheiten gelebt hatte und die Drogen, sowie der Alkohol das übrige taten – sie hatten ihn vergessen lassen. Sollte sich herausstellen, dass Sasha die Wahrheit sagte, hatte er wohl zu viel vergessen und dabei dachte er nicht einmal an so etwas wie Verhütung.
Er blickte wieder auf die Strasse, gerade so als wäre Sasha noch da, doch das war sie nicht. Sie war gefahren, nachdem sie etwas in den Briefkasten gelegt hatte – klar der Briefkasten.
Ohne auf die weiteren Worte seiner Mutter zu achten, riss er die Haustür auf und marschierte im Laufschritt auf den Briefkasten zu, um das Papier und einen Briefumschlag daraus hervorzuholen.
Im Zurückgehen warf er einen Blick auf das Stück Papier in seiner Rechten und begann dann hektisch den zugeklebten Umschlag mit unüberhörbarem Herzrasen zu öffnen.
„...Du dir nicht sicher bist, solltest Du einen Vaterschaftstest verlangen. Ich will mir gar nicht vorstellen was passiert, wenn diese Person mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit geht.“ Hörte er seine Mutter noch, während er einige Formulare aus dem Umschlag zog und sie überflog.
„Die Idee mit dem Vaterschaftstest scheint sie auch gehabt zu haben.“ Sagte er und legte die Hand auf seine zu einem schmalen, weißen Strich zusammengepressten Lippen.
Sein Magen machte eine nervöse Umdrehung und er konnte nicht leugnen, dass er sich die Lösung gerade dieses Problems auf dem Grund eines mit Jack Daniels gefüllten Glases wünschte.
Wieder und wieder machte sich ein Schleier aus Zweifel in ihm breit und er versuchte sich die Zeit vor seinem Entzug vor Augen zu führen – Erfolglos.
Wenn diese Frau tatsächlich die Mutter seines Kindes war, war er ja noch verkorkster als er es überhaupt für möglich gehalten hatte.
„Das ist sicher alles ganz schlau von ihr durchdacht. Da kommt sie her, mit diesem unschuldigen Wurm und...“ begann Denise und durchquerte den Flur um gleich darauf in der Küche zu verschwinden.
Alex konnte nicht hören was seine Mutter vor sich hermurmelte, er hätte es vermutlich jedoch auch nicht gehört wenn sie direkt vor ihm gestanden hätte.
Welche Frau würde von vornherein einen Vaterschaftstest vorschlagen, wenn sie log?
Sein Kopf versuchte erneut wieder und wieder irgendwo in seinen Erinnerungen dieses Gesicht zu finden, doch da war einfach nichts. Rein gar nichts. Nicht der geringste Anhaltspunkt.
Seufzend verstaute er den Zettel mit Sashas Telefonnummer in den Tiefen seiner Hosentasche und ging dann zusammen mit den Formularen in die Küche. Seine Mutter saß am Tisch, ihren Kopf in die Hände gestützt und er fühlte sich augenblicklich noch elendiger.
Hatte er seiner Mutter nicht schon genug Kummer bereitet? Sie hatte es einfach nicht verdient seinetwegen von einem Problem ins nächste gejagt zu werden.
Mitfühlend legte Alex seiner Mutter eine Hand auf den Rücken.
„Mach Dir keine Sorgen Mum, ich werde das klären.“
Denise richtete sich auf, blickte ihn aus traurigen Augen an und nickte. „Ich bin mir sicher das wirst du tun.“ Sagte sie, stand auf und zog ihn in ihre Arme.
Zum ersten Mal, seit diese Frau dort vor seiner Tür gestanden hatte, ließ er seine eigenen Gefühle an sich heran und er verspürte eine Scheißangst. Was Würde wohl Nicole sagen, wenn er nach all dem Ärger der letzten Wochen nun auch noch Vater war?

Während Alex zusammen mit seiner Mutter die Formulare durchging, versuchte Sasha ihr eigenes Gefühlschaos, ihrer Tochter zuliebe, zu stabilisieren.
Sie war zurück zum Hotel gefahren, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie tatsächlich heil und in einem Stück dort angekommen war. Sophia lag in ihrem Bettchen und schlummerte friedlich, während im Inneren ihrer Mutter ein Sturm wütete. So hatte Sasha sich das alles nicht vorgestellt. So war ihr Leben nicht geplant gewesen.
So war das Leben ihrer Tochter nicht geplant gewesen.
Sie hätte nicht geglaubt, dass Alex sie fortschicken würde, ohne sie zumindest anzuhören, doch wahrscheinlich geschahen Dinge wie diese einmal wöchentlich im Leben eines Popstars. Aber wie oft entpuppten sich Frauen als tatsächliche Mütter SEINES Kindes?
Was sollte sie bloß tun wenn er sich nicht auf den Vaterschaftstest einließ? Hatte sie denn dann noch eine andere Wahl, als auf Knien zu ihrem Elternhaus zurückzukehren?
Es war schon seltsam, dass sie es vorzog sich in ein Flugzeug zu setzen und Alexander McLean aufzusuchen, anstatt einfach ihren mehr als gutbetuchten Vater um Hilfe zu bitten. Schon komisch, dass sie lieber von ihrem fest geschmiedeten Plan, Alex nie von der Existenz seiner Tochter wissen zu lassen abwich, als dass sie vor ihren Eltern das Eingeständnis machte, vor Jahren einen falschen Schritt getan zu haben.
Er musste sich einfach melden.

Kapitel 3