Kapitel 1

Sasha Jakobi stoppte ihren Mietwagen vor dem einstöckigen Wohnhaus, das etwas zurückgesetzt von der Straße und halb verborgen hinter hohen Palmen und Büschen lag. Als sie den Zündschlüssel abzog, verstummten das Summen der Klimaanlage und die leise Musik, die den Innenraum bis eben noch erfüllt hatte. Mit klopfenden Herzen sah sie aus dem Beifahrerfenster hinüber zu dem Haus. Es wirkte so unschuldig, wie es dort im gleißenden Sonnenlicht stand, dabei verbarg sich darin ihr zukünftiges Schicksal.
Sie seufzte leise als ihr Blick auf den Beifahrersitz fiel. Fest angeschnallt und mit großen, wachen, braunen Augen blickte Sophia zu ihr auf. Wie immer wenn sie ihre Tochter betrachtete, legte sich ein liebevolles Lächeln auf Sashas Lippen und gab damit ihren müden, sorgenvollen Gesichtszügen ein wenig von ihrem früheren Strahlen zurück.
„Wir sind tatsächlich hier mein Schatz,“ sagte sie leise, während die Temperatur im Wagen kontinuierlich anstieg.
Ein kurzes Quitschen kam von Sophia zurück, während sie hektisch mit den Beinen strampelte.
„Du bist also immer noch der Meinung, wir sollten da rein gehen, hm?“ fragte sie weiter und strich dabei zärtlich über den samtweichen Haarflaum ihrer Tochter.
Natürlich bekam sie keine Antwort, was bei einem Mädchen von sechs eineinhalb Monaten nicht verwunderlich war. Trotzdem hätte Sasha sich gewünscht, dass nun jemand bei ihr wäre, der ihr das Händchen hielt und ihr immer wieder versicherte, dass sie hier das Richtige tat. Jedenfalls konnte sie nicht behaupten, dass das nun folgende Szenario jemals eine Rolle in ihrem Kopf gespielt hätte. Doch erstens kam es anders und zweitens ... nun ja ... auch egal.
Mit einem letzten Blick zu dem Haus hinüber stieg sie schließlich aus, umrundete den Wagen und öffnete gleich darauf die Beifahrertür. Mit geübtem Griff löste sie den Sicherheitsgurt um den MaxiCosi und hängte sich die große, dunkelblaue Tragetasche über die Schulter.
„Ich tue das für dich,“ flüsterte sie an ihre Tochter gewandt. „Ich hoffe, das wirst du irgendwann verstehen.“
Das Herz wurde ihr schwer und ihr Magen ballte sich zu einer harten, sperrigen Kugel zusammen. Es gab nun keinen Weg mehr zurück, hatte es wahrscheinlich auch vorher nicht gegeben, doch die Endgültigkeit ihres Schrittes schnürte ihr die Kehle zu und ließ heiße Tränen in ihr aufsteigen.
„Jetzt bloß nicht heulen,“ schalt sie sich selbst, griff mit einer Entschlossenheit, die sie nicht im Geringsten verspürte, nach dem Tragegriff des Kindersitzes und betätigte gleich darauf die Zentralverriegelung des Wagens.
Sophia war wieder ruhig geworden und betrachtete nun mit großen Augen ihre Umgebung. Sie war ein aufgewecktes Kind. Schon bevor sie geboren wurde, hatte sie Sasha manchmal nächtelang nicht schlafen lassen, weil sie sich wie eine Preisboxerin in ihrem Bauch aufführte. Die ersten drei Monate nach der Geburt war Sasha dann ebenfalls kaum zum Schlafen gekommen, da Sophias lautes Schreiorgan selten verstummte. Erst jetzt, nachdem sie Sophia mit der Flasche fütterte, war etwas Ruhe eingekehrt. Ihre Tochter schlief inzwischen die Nacht durch und Sasha fühlte sich zumindest ansatzweise wieder hergestellt.
Natürlich wusste sie um die dunklen Ringe um ihre Augen, die momentan aber eher von zu vielen Sorgen als von Schlafmangel herrührten, ihr langes, dunkles Haar, auf das sie immer so stolz gewesen war, schien stumpf und kraftlos geworden zu sein und ihre blauen Augen lächelten selten. Sie hoffte, dass sich dies nach dem heutigen Tag ändern würde, andererseits war ihr auch klar, dass der Kampf um ein paar Stunden Schlaf nichts im Vergleich zu dem war, was sie nun erwartete.
Etwas zögerlich betrat sie nun den mit grauen Steinplatten ausgelegten Weg, der an der Schmalseite des Hauses herum zur Rückseite führte. Nachdem Sasha hier vorne keine Eingangstür erkennen konnte, hoffte sie dort auf so etwas wie eine Klingel zu stoßen. Der große Santa Claus aus Plastik, der auf dem Rasen im Vorgarten stand und von einem riesigen Schlitten mit Rentieren gezogen wurde, wirkte seltsam deplaziert. In New York, wo sie sich vor drei Tagen noch befunden hatte, lag eine gut fünfzig Zentimeter dicke Schneeschicht über der Welt und der Gedanke an Weihnachten war dort allgegenwärtig. Doch hier, im sonnigen Florida, schien die Zeit im Sommer stehen geblieben zu sein.
Sie passierte einen überdachten Carport, unter dem drei Wagen nebeneinander geparkt waren, folgte dem Pfad durch einen liebevoll angelegten Garten und bog schließlich am Ende um die Ecke des Hauses.
Die Eingangstür war überdacht und befand sich in der Mitte des L-förmig angelegten Gebäudes. Nichts deutete darauf hin, dass das Haus tatsächlich bewohnt war, kein Laut drang an ihr Ohr und auch hinter den vielen Fenstern, die hier auf eine große Rasenfläche hinausgingen, rührte sich nichts. Vielleicht war sie also ganz umsonst hier her gekommen.
Dieser Gedanke ließ erneut ihre Knie weich werden und ihren Herzschlag davonrasen. So wirklich konnte sie sich nicht entscheiden, was ihr lieber war: Wenn niemand da war und sie unverrichteter Dinge wieder in ihr Hotel zurückfahren musste, oder wenn sich die Tür gleich öffnete und es für sie damit kein Zurück mehr gab.
Mit zwei weiteren, halbherzigen Schritten stand sie schließlich unter der Überdachung und starrte auf den Klingelknopf. Denise McLean verkündete das ovale Messingschild darüber und Sasha schluckte erneut trocken. In ihr wurde der Impuls beinahe übermächtig sich herumzudrehen, die Beine und ihre Tochter in die Hand zu nehmen und so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Sie würde auch alleine zurecht kommen, ganz sicher. Wirklich eine dämliche Idee hier her zu kommen. Was hatte sie sich nur dabei ...
In diesem Moment wurde urplötzlich die Tür vor ihr aufgerissen und eine kleine Frau mit rotem Haar, Brille und freundlichem Lächeln starrte ihr entgegen.
„Ich habe mich gefragt, wie lange sie noch vor dieser Tür stehen wollen ohne zu klingeln,“ grinste sie.
Sasha versuchte erfolglos ihren Herzschlag wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen, während Sophia in ihrem MaxiCosi langsam schwer wurde und anfing zu quengeln.
„T-Tut mir leid ... ,“ stammelte Sasha, die alle guten, einstudierten Einleitungssätze mit einem Schlag vergessen hatte.
„Ist doch kein Problem,“ entgegnete die Frau immer noch lächelnd. „Mein Name ist übrigens Denise. Und wer sind sie?“
„Sasha ... uhm ... Sasha Jakobi,“ stellte sie sich vor. „Und das ist Sophia,“ ergänzte sie mit einem kurzen Nicken auf ihre Tochter hinunter.
„Ach du meine Güte wie süß,“ flötete Denise sofort und beugte sich zu dem immer wilder strampelnden Mädchen hinunter.
„Das sagen sie sicherlich nicht mehr, wenn sie das schreiende Bündel nächtelang durch die Gegend getragen haben,“ schmunzelte Sasha und fühlte sich schon ein bisschen besser. Denise war nett. Hoffentlich konnte man das von ihrem Sohn auch behaupten.
„Ja, ja, die ersten Monate sind anstrengend,“ nickte Denise wissend. „Leider muß ich ihnen sagen, dass es mit zunehmendem Alter nicht wirklich besser wird.“
„Machen sie mir Mut,“ scherzte Sasha und stellte den MaxiCosi nun endgültig zu ihren Füßen ab.
„Bitte entschuldigen sie mein überfallartiges Erscheinen,“ sagte sie dann und konzentrierte sich nun auf die vorbereitete Rede in ihrem Kopf. „Wie gesagt, mein Name ist Sasha und ... nun ja ... ich würde gerne mit ihrem Sohn sprechen, wenn das möglich ist.“
Denises Lächeln gefror augenblicklich und ein Anflug von Misstrauen erschien in ihren Augen. „Wissen sie ... um ehrlich zu sein ... es ist zwar wirklich nett, dass sie extra hier vorbei gekommen sind, aber ich denke, meinem Sohn steht eine gewisse Privatsphäre zu. Ich glaube demnach nicht ... ,“
„Entschuldigen sie,“ unterbrach Sasha Denise Einwände. „Ich bin nicht als Fan oder so etwas hier. Ich ... ich muß einfach mit ihm reden. Fünf Minuten. Ich kann auch hier draußen warten. Das ist gar kein Problem.“
„Und was wollen sie ihm mitteilen?“ hakte Denise immer noch mit gerunzelter Stirn nach.
„Das ... würde ich ihm gerne selbst sagen,“ entgegnete Sasha.
Wirklich überzeugt schien Denise immer noch nicht zu sein, doch sie nickte stumm und bedeutete ihr, einen Moment zu warten. Die Tür fiel mit einem leisen Klacken hinter ihr ins Schloss und seufzend kniff Sasha für einen Moment die Augen fest zusammen. Jetzt war es also so weit. Keine Möglichkeit mehr sich zu verstecken. Er würde heute die Wahrheit erfahren und sie konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie er darauf reagieren würde.
Die Bilder von ihrem ersten Kennenlernen flammten vor ihrem geistigen Auge auf. Das Hotel und die vielen Fans, die es belagerten, weil sich der Traum ihrer schlaflosen Nächte – die Backstreet Boys – hier einquartiert hatten, und Alexander McLeans dunkle Augen, die sie unvermittelt und wie aus heiterem Himmel durchbohrt hatten. Sie konnte nicht genau sagen, ob in diesem Moment ihr Plan schon feststand, oder ob er sich erst im Laufe ihres ersten, gemeinsamen Abends in der Hotelbar entwickelt hatte. So oder so war er von Erfolg gekrönt worden. Wobei ... von Erfolg konnte man eigentlich nicht wirklich sprechen. Sonst wäre sie jetzt nicht hier und würde zitternd und angsterfüllt darauf warten, dass sich die Haustür wieder öffnete.
Sie hörte langsame Schritte im Inneren des Hauses, bevor die Tür wieder aufschwang und er plötzlich im Türrahmen erschien. Er trug Jeans und ein weißes T-Shirt, um seinen Hals hingen schwere Ketten mit einem Totenkopf und einem Kreuz daran, die Tättowierungen auf seinen Unterarmen leuchteten im gleißenden Sonnenlicht und seine dunklen Augen blinzelten einen Moment gegen die ungewohnte Helligkeit an. Keine Frage, er sah gut aus und wirkte irgendwie wesentlich entspannter als das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, trotzdem war in seinem Gesicht nicht einmal der Ansatz eines Lächelns zu finden und auch ob er sie wieder erkannte, konnte sie nicht sagen.
„Hallo Alex,“ begrüßte sie ihn und sie spürte mehr als dass sie sah, wie er sich bei dem ungewohnten Klang seines Namens anspannte.
In der Öffentlichkeit war er schon immer AJ gewesen und würde es wohl auch für immer bleiben. Alex nannten ihn nur wirklich gute Freunde oder seine Familie. Dass also jetzt eine wildfremde Frau vor ihm stand und ihn so ansprach, schien sein Misstrauen nur noch zu verstärken.
„Was kann ich für dich tun?“ fragte er, zog die Tür hinter sich heran und versenkte die Hände in den Hosentaschen.
„Ich ... ,“ setzte Sasha an, doch in diesem Moment beschloss Sophia wohl, ebenfalls auf sich aufmerksam zu machen.
Wie immer begann es mit einem leisen Laut des Unmuts, dann begann sie sich in ihrem Gurt heftig zu drehen und zu winden und stimmte schließlich ein unmissverständliches Klagegeheul an.
„Entschuldige,“ sagte sie an Alex gewandt und beeilte sich, sich zu ihrer Tochter hinunter zu beugen und sie aus dem engen MaxiCosi zu befreien. Als sie schließlich auf ihrem Arm saß und von dort einen besseren Überblick genoss, kehrte sofort wieder Ruhe ein.
„Hey Prinzessin,“ sagte Alex in diesem Moment und schenkte ihrer Tochter ein warmes, breites Lächeln, das sich Sasha für sich selbst auch gewünscht hätte. Doch man konnte wohl nicht alles haben.
„Das ist Sophia,“ stellte sie ihre Tochter vor. „Eigentlich Emma Sophia,“ berichtigte sie sich.
„Sehr süß die Kleine,“ nickte Alex und griff mit seiner großen Hand nach Sophias winzigen Fingern. „Na du. Alles klar bei dir?“ murmelte er dann sanft und streichelte Sophia mit dem Zeigefinger über die Wange.
„Sophia,“ wandte sie sich dann an ihre Tochter und bemerkte mit einem leisen Ziehen in der Magengegend, wie diese vollkommen fasziniert zu Alex hinüber starrte. Ihr Herzklopfen steigerte sich ins Unermessliche, sie spürte, wie ihre Knie weich und ihr schwindelig wurde. „Sophia, darf ich vorstellen? Das ist dein Dad.“
„Was?“ Alex richtete sich abrupt auf und entzog damit ruckartig Sophia seinen Finger, was diese mit lautem Protestgeheul quittierte.
„Es tut mir leid ... ,“ versuchte sich Sasha über Sophias Gebrüll hinweg verständlich zu machen, während sie sie auf den anderen Arm wechselte und ihr beruhigend über den Rücken strich. „ ... ich wusste nicht ... wie ...“
„Moment, Moment,“ bremste Alex ihr Gestammel mit erhobener Hand. „Du behauptest nicht ernsthaft wir hätten ... ,“ er verstummte und deutete hektisch zwischen sich und Sasha hin und her.
„Doch,“ nickte sie.
„Nein,“ gab er kopfschüttelnd zurück. „Ich denke, hiermit ist unser Gespräch beendet.“
Damit machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand schneller durch die Tür im Haus, als Sasha ihn hätte aufhalten können.
„Aber ... ,“ setzte sie noch an, bevor die Tür mit einem lauten Knall direkt vor ihrer Nase zuschlug. „Na prima,“ murmelte sie dann mit einem hilfesuchenden Blick gen Himmel. Und jetzt?

Kapitel 2